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Reise

Ich stehe am Bahnhof, ganz allein. Eine große Eins leuchtet leise surrend über mir, ganz fremd und kühl. Ein Zug rauscht vorbei, das Rattern der Räder übertönt die Leuchttafel, während ich auf meine Uhr blicke, den unruhigen Zeigern einige Sekunden schenke. 34, 35, 36. Wieder drei Sekunden. Wieder vier Schläge.

Ist es wirklich der Zug, der hier vorbeirast? Bin nicht ich es?

Eine Frage der Perspektive, möchte ich antworten, nur eine Frage der Perspektive. Aber das stimmt nicht, ich weiß. Eine Maschine aus Stahl und Rädern schenkt keinerlei Perspektive irgendeine Aufmerksamkeit; sie rollt nur voran, voran, voran. Die Maschine sieht sicher viele Dinge auf ihren Wegen, ich stelle sie mir vor, während der aufgewirbelte Wind an meiner Kleidung zerrt. Berge im Morgenlicht. Die sanften, bewaldeten Täler der Umgebung. Die Lichter, die wir nachts in unseren Siedlungen entzünden.
Für sie aber bedeutet das alles nichts; es macht keinen Unterschied. Sie rollt voran, ihr Ort ändert sich, das ist alles.
Menschen dagegen sind sich ihrer Reise bewusst. Ich bin nicht nur an einem Ort; ich blicke zu den Orten, an denen ich sein werde, ich sehe zurück auf die, an denen ich einmal war, soweit mich Erinnerung und Vorstellung tragen.

Und vielleicht ist das der Unterschied; der Zug besitzt nur die Gegenwart, und so steht er eigentlich still. Nur der Verschleiß erzählt von seiner Vergangenheit. Ich dagegen reise, denn ich besitze eine Vorstellung von einem Pfad. Eine verblassende, eine unvollständige, eine vielleicht ständig neu konstruierte, aber immerhin eine Vorstellung. Eine, von der niemand sagen kann, sie sei falsch oder richtig; sie ist nur eine Konstruktion, fern von diesen Kategorien. Jeder Mensch ist auf seiner Reise, jeder besitzt seine Konstruktion. In gewisser Weise ist das unwirklicher als der Weg dieses Zuges; grausamer vielleicht. Seinen ‚Artgenossen‘ muss er ebenso wenig Aufmerksamkeit zollen wie den Orten, die er erreicht; es bedeutet nichts. Wer sich nicht erinnert, kennt auch niemanden und nichts.
Wir begegnen uns nur ebenso flüchtig auf unseren langen Pfaden. Berührungen bleiben kurz und unstet. Man teilt seinen Weg mit dem einen oder dem anderen, ein Stück weit, und dann trennen sich die Wege wieder, manchmal ganz begründet, manchmal auch einfach nur zufällig. Eine Weiche stellt sich um, der andere folgt seinem eigenen Pfad, fort ist er. Mit der Zeit verblassen diese Wegbegleiter, machen Platz für neue, die alten wirft man ab, ohne es zu wollen.
Gefühle aus früheren Tagen werden fremd, dann Stimmen, sogar Gesichter, schließlich bleibt nur ein diffuser Rest.

Auch die stärksten Erinnerungen helfen darüber nicht hinweg, es bleibt immer der Zweifel: Habe ich dich wirklich berührt, warst du das? War ich denn da? Warst du denn da? Ist das wirklich geschehen? Eine Gewissheit gibt es nie, nicht, so lange unsere Füße uns tragen, nicht, so lange unsere Leben uns davonzerren. Und so suchen wir vielleicht oft nur nach dieser unerreichbaren Gewissheit.
Ich schaue dem Zug noch einige Sekunden nach. Die roten Schlußleuchten verschwinden in der Dunkelheit, schon ist er fort, gefangen in seiner Gegenwart. Ich blicke wieder auf die Uhr, zähle einige Sekunden ab. Ich stelle mir eine wohlbekannte Frage, in gewisser Weise routiniert; Sollte ich ihn beneiden?

Und dennoch zieht mich mein Weg weiter
Und Dich von mir weg
Du vergraebst, was war
Unter Deinem toten Haar
Ich frag mich jeden Tag, wirst Du mir jemals vergeben
Du bist bei mir – uns trennt das Leben – Thomas D.