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Ein Text, eine Geschichte.

Monstrum/Drei Bilder

Diesen Artikel drucken 6. November 2009

Was sie dort wohl tun, fragte er sich. Was sie dort wohl tun. Er zog an einer Zigarette und blickte weiter aus dem Fenster. Die Antwort auf seine Frage lag vor ihm, lag groß und mächtig vor ihm, aber er würde sie nie verstehen, verstehen können, wollen.

Was sie dort wohl tun, fragte er sich, und blickte auf die Fabrik. Sie lag nicht einmal zum Schein verborgen zwischen den Wohnhäusern. Ihre silberne, an einigen Stellen vom Rost zerfressene Haut war eine Beleidigung, ein offener Affront: zwischen ihr und der ansonsten ruhigen Wohngegend rundherum herrschte so etwas wie ein ästhetischer Krieg. Es ließ sich nicht genau bestimmen, wie hoch der ewig dampfende Schornstein war, der mitten aus dem silbernen Panzer herausragte. In der Umgebung gab es kein Gebäude, keinen Fixpunkt, der auch nur annähernd so hoch war, und deshalb schien er bis in den Himmel zu ragen wie ein übergroßer Zeigefinger.

Monstrum Viel mehr wusste niemand über die Fabrik; sie stand da, war wie eine zum Stillstand gekommene Wucherung in die Stadt gewachsen, und blieb. Er hatte die Nachbarn gefragt, um was für eine Anlage es sich handelte, aber auch sie wussten nicht mehr darüber und wollten – so schien es – auch nicht darüber sprechen. Es war so, als wüsste überhaupt niemand irgendetwas darüber. Alle kannten die Stahlhaut, den grotesken Turm, mehr nicht. Den meisten war dieser Fremdkörper ein Dorn im Auge, sicher; aber er hatte nie von offenem Protest gehört, einer Petition oder Bürgerinitiative.  Und niemandem konnte entgehen, wie sehr die Präsenz dieses seltsamen Monstrums die plangenau angelegten Straßen und Häuserblocks, die Vorgärten und Hinterhöfe rundherum zu verzerren schien; wenn man aus einem der oberen Stockwerke auf die Stadt und die Fabrik blickte, schien es so, als sei die Stadt um das Monstrum in ihrer Mitte angelegt worden, als solle jeder Weg dorthin führen.

Und dabei gab es niemanden, der dort arbeite. Das war falsch, natürlich; dort mussten Menschen arbeiten, manchmal sah er auch einige Gestalten über das Gelände huschen, und die Geräusche, die das Ungetüm selbst in der Nacht von sich gab, ließen auf unablässige menschliche Geschäftigkeit schließen. Aber niemand aus der Stadt arbeitete dort, und niemand kannte jemanden, der es tat; sie mussten von weit her kommen.

Er beobachtete, wie ein kleiner Hubschrauber am Horizont auftauchte, sah ihn auf die Fabrik zuhalten. Einige Minuten umkreiste er den stahlgrauen Zeigefinger, schien etwas zu suchen. Es war ein schwarzer, schmaler Helikopter, der höchstens für zwei Personen Platz bieten konnte, wie er glaubte:  die Scheiben waren geschwärzt, und so konnte er die Insassen nicht sehen. Er blickte auf seine Uhr, als der Pilot wieder abdrehte und in die Richtung zurückflog, aus der er gekommen war: die gleiche Zeit wie immer.

Was sie dort wohl tun. Das fragte er sich und schloss das Fenster wieder.

-

Der Zug hatte Verspätung gehabt, wie so oft, und so stand er viel zu spät vor seiner Wohnung. Er drehte den Schlüssel im Schloss und trat ein: Die Luft roch abgestanden. Einige Sekunden horchte er und genoss die Stille. Dann ließ er seine Tasche auf den Boden fallen, setzte sich. Atmete tief durch. Und befühlte fast unwillkürlich den Riss, den niemand sah.

Ja, er war wieder größer geworden: aber wen hätte das verwundern sollen? Es würde sich nicht mehr ändern. Das Loch würde wachsen, auch wenn er nicht sagen konnte, wohin: es würde seine Organe auflösen und Platz für die Leere schaffen, auch wenn er sich nicht einmal sicher war, wo der Riss genau verlief. Manchmal dachte er, er oder es wäre in seiner Brust; dann war es wieder der Bauch. Manchmal glaubte er, ihn mit den Fingerspitzen zwischen zwei Rippen zu spüren. Dann wieder war er sicher, dass der Riss quer über seine Stirn lief. Wenn er aß, dann schien alle Nahrung durch den Riss zu sickern und er blieb hungrig, immer hungrig: war ihm nach Weinen zu Mute (und das geschah oft), so schienen die Tränen in dem Loch zu verschwinden.

Sie hätten es erklären müssen, dachte er oft. Natürlich hatte er den Vertrag gelesen, und natürlich hatten sie ihn in gewisser Weise darüber informiert, dass es Unannehmlichkeiten mit sich bringen würde. Aber sie hatten ihm nichts von dem Riss erzählt. Die Einspeisung war irreversibel gewesen, das wusste er; er hatte es in Kauf genommen, weil die Bezahlung gut war.

Er stand auf und ging zum Kühlschrank, fand nichts Essbares vor. Sinnlos, dachte er, und setzte sich wieder. Das Schlimmste an der Einspeisung war, dass sie niemand sah. Früher hatte er sich nicht einmal getraut, bei Tageslicht auf die Straße zu gehen, weil er dachte, die Passanten würden erschrecken. Aber niemand sah ihm an, was mit ihm geschah, wie ihn die Arbeit langsam auffraß. Einmal hatte er den Kassierer im Supermarkt angesprochen; er hatte nicht gewusst, wie er es sagen sollte, und so hatte er alles auf einmal und dabei doch gar nichts gesagt, als ob selbst die Worte in dem Abgrund zwischen seinen Schultern verschwinden würden. Der Mann hatte ihn einige Sekunden angestarrt und dann gelacht: Das kennen wir doch alle, hatte er gesagt, und nicht das Geringste verstanden. Sie sahen den Riss nicht; sie sahen ihn einfach nicht.

Er seufzte leise, und für einen Augenblick glaubte er, so etwas wie ein tiefes, fast stummes Echo zu hören. Es war bereits halb eins; nur an der Tankstelle würde er noch etwas zu Essen bekommen, und dann blieb zum Schlafen kaum noch Zeit. Wenn er noch etwas zu sich nehmen wollte, dann musste er jetzt losgehen; einen Moment lang versuchte er, sich an den Weg zu erinnern, den er nehmen musste.

Aus dem Haus heraus, dann über die Straße. An der Ecke vor der Schule musste er links abbiegen auf den Zubringer; dann immer geradeaus, zwischen den beiden Brücken hindurch, immer entlang der großen Straße, auf der ein beständiger Strom von silbrigen Fahrzeugen in jedwede Richtung fuhr. Vorbei an den stahlgrauen Bürokomplexen, in denen um diese Zeit kein Licht mehr brannte, immer weiter parallel zur Leitplanke, die im Licht der Scheinwerfer so vertraut funkelte, funkelte wie ein Zeigefinger in dunkler Nacht. Irgendwo hier hätte er noch einmal abbiegen müssen, aber wo, wo nur, es half nichts, er musste zunächst weiter geradeaus, hin zu dem Ungetüm, silbrige Haut und ein 50 Meter messender Stachel, immer weiter darauf zu, kein Weg zurück, er musste weiter, er hörte schon das unablässige Klopfen, konnte den Rauch aufsteigen sehen, fühlte, wie der Riss von seinem Bauch in die Brust und dann in den Kopf wuchs, sah sich selbst, ein Fleck Nicht-Anwesenheit zwischen Bordstein und Häuserwand, ein Riss mit einem Stachel, der 50 Meter in die Nacht wuchs.

Als er erwachte, fand er sich auf dem Stuhl wieder, auf dem er eingeschlafen war. Er blickte auf die Uhr, es wurde Zeit. Ein letztes Mal atmete er tief ein. Es mißlang ihm; der Riss gestattete es nicht. Dann nahm er seine Tasche und lief durch die Dunkelheit zum Zug.

-

Er blickte auf die Zigarettenschachtel, dann nahm er die letzte Zigarette heraus und fröstelte. Es war kalt um diese Uhrzeit: er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so früh noch wach gewesen war. Seine Uhr zeigte 4 Uhr 22, und es war noch immer niemand in Sicht. Vor einer halben Stunde wäre er fast schon nach Hause gegangen, und je früher es wurde, desto verlockender erschien ihm sein Bett. Seine Neugier war groß genug gewesen, um sich in der Nacht aus dem Haus zu schleichen; jetzt stand er schon fast fünf Stunden in dieser düsteren Ecke zwischen zwei Häusern in der Nähe der Fabrik. Irgendwann mussten sie hier vorbeikommen; er wusste, manche kamen mit dem Zug, vielleicht sogar alle. Er trat die Zigarette aus; jetzt konnte er nicht einmal mehr rauchen. Lautlos fluchte er. Wie war er nur auf diese Idee gekommen? Es war eine Fabrik, jeder konnte es sehen. Wen scherte es schon, was sie genau darin taten? Und wer würde so dumm sein, die ganze Nacht frierend zu warten, nur um einen der Arbeiter aus der Nähe zu sehen? Er selbst, dachte er und musste fast lächeln, auch wenn er seine Lippen kaum noch spürte. Noch einmal sah er auf die Uhr; 4 Uhr 33. Um halb fünf kamen sie also auch nicht. Er gab seinem frierendem Körper nach, schüttelte seine Füße einige Momente aus, um wieder etwas Wärme hineinzubringen, dann trat er aus der Ecke heraus und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war erst einige Meter gegangen, da bemerkte er, wie sehr es ihn erleichterte, von dort verschwinden zu können: Nachts und aus der Nähe wirkte die Fabrik noch seltsamer, nicht nur befremdlich, sondern fast beängstigend. Er fragte sich immer noch, was darin vorging: aber das musste warten, vielleicht auf den Sommer. Ja, im Sommer würde er es vielleicht länger dort aushalten.

Er sah den Mann in Arbeitskluft erst, als er in eine Seitenstraße einbog, und prallte fast gegen ihn. Es war ein Arbeiter, dass war ihm sofort klar; er trug den Overall mit dem seltsamen Emblem, das auch den Turm zierte. In der Hand trug er nur eine dünne Aktentasche, und es wirkte so, als wäre sie sehr leicht.

Er starrte den Arbeiter an: “Verzeihung” murmelte er  “Mein Fehler.” antwortete der andere. Einige Sekunden blieb er stehen und musterte den Mann in dem Overall; der tat es ihm gleich.

Die ganze Nacht lang hatte er gewartet und sich Fragen zurecht gelegt; er war sich ganz sicher gewesen, was er fragen musste und in welcher Reihenfolge. Doch jetzt fiel ihm kein Wort mehr ein. Einige verirrte Silben entflohen ihm, ziellos, aber der Arbeiter schien irgendetwas davon zu verstehen und nickte. Sein Gesichtsausdruck wurde düster, und mit der freien Hand schien er instinktiv nach etwas zu greifen, dass sich an oder in seinem Overall befinden musste.

“Das machen sie. Es frisst uns auf.”

Für einen Moment versuchte der Anwohner zu lächeln; sein Mund öffnete sich, er wollte sagen, dass es ihm auch manchmal so geht. Dann sah er, wonach der Arbeiter gegriffen hatte; das heißt, eigentlich war er sich nicht sicher, was er sah, aber es ließ ihn verstummen. Das Lächeln verschwand, Entsetzen kam. Einige Sekunden starrte er auf die Brust, oder den Bauch, oder den Kopf des Arbeiters, der immer noch zitternd seine Aktentasche hielt.

“Das geht uns doch allen so. Die Arbeit frisst einen auf!”, sagte er dann und lachte bellend laut. Er ließ den Mann mit dem Loch in der Brust hinter sich, eilte nach Hause und versuchte schon auf dem Weg alles zu vergessen, was er jemals über diese Fabrik gehört hatte.

Todesurteil

Diesen Artikel drucken 7. September 2009

Am 2. Verhandlungstag wurde die Anklageschrift verlesen. Sie war verrworren, und der Stimme des Staatsanwalts war neben der autoritären Grundhaltung eines Mannes im Staatsdienst so etwas wie eine gewisse Unbedarftheit zu entnehmen, so als ob man ihm selbst diese Schrift erst kurz vor Verhandlungsbeginn zugestellt hätte.

Jedenfalls erfuhr er, 42, ledig, arbeitslos, erst an diesem Tag, was ihm vorgeworfen wurde. Das heißt, eigentlich erfuhr er es nur ungefähr – ein halbes Dutzend Tatbestände schienen, jedenfalls auf den ersten Blick, in Frage zu kommen. Natürlich forderte man ihn auf, sich zu äußern. Es fiel ihm nichts ein; er beteuerte natürlich seine Unschuld, aber das schien niemand anders zu erwarten. Der Richter hörte sich seine Geschichte an, und stellte nur zwei Fragen; er fragte, ob er sich schuldig bekennen wolle, und ob die Zustände in der U-Haft erträglich seien. Er beantwortete die Fragen, während der Richter auf seine Notizen starrte. Die Protokollantin tippte monoton jedes Wort.

Auf dem Weg zurück in die Zelle versuchte er von seinem Anwalt zu erfahren, was nun geschehen würde; er sei nie politisch gewesen, und überhaupt könne es sich nur um ein Missverständnis handeln. Der Mann, ein junger Kerl mit durchgelaufenen Schuhen, reagierte nervös, fast ängstlich. Er murmelte nur, dass der Gerechtigkeit schon Genüge getan werden würde und dass sich das ganze sicher bald aufklären würde, wenn er nur kooperativ bliebe. Auf die Frage, ob er nun genauer sagen könne, was ihm überhaupt zur Last gelegt werde, blieb er zunächst stumm. Schwitzend sah er zu den Vollzugsbeamten, die unbeteiligt neben ihnen saßen. Es sei eine Farce, flüsterte er dann und konnte nicht aufhören, dabei zu zwinkern.

Todesurteil

Am nächsten Verhandlungstag saß ein anderer Anwalt neben ihm im Gerichtssaal, ein älterer, der viel resoluter auftrat und seine Fragen nur beantwortete, indem er aus einer schwarzen Mappe vorlas. Schließlich sah er ein, dass auch sein Verteidiger ihm nicht sagen wollte, warum er u.a. des Verrats angeklagt war und was nun geschehen würde, und sprach kaum noch mit ihm. Der Anwalt schien damit zufrieden.

Am 10. Verhandlungstag begann man, Beweise vorzubringen. Die Staatsanwaltschaft legte in endloser Folge Gegenstände und Papiere vor; am 12. Tag verbrachten sie den ganzen Vormittag mit der Zahnbürste des Angeklagten (niemand sprach seinen Namen aus, er war und blieb „der Angeklagte“), am 13. war es ein Brief, den er angeblich geschrieben hatte und in dem viele Worte auftauchten, die er hier zum ersten Mal hörte; wie es das Gesetz verlangte, wurde er an jedem Tag befragt, ob er sich zu den Beweisen äußern wolle. Die Protokollantin war die einzige, die von seinen Angaben Notiz nahm. Am 14. Tag legte der Staatsanwalt eine alte Arbeitsmontur vor, am 15. war es ein Buch, das er angeblich besessen hatte, und so ging es weiter, Gegenstände, von denen er nicht verstand, was sie mit den Vorwürfen zu tun hatten., wechselten sich mit ganz offenkundig gefälschten Beweisen seiner Täterschaft ab. Dabei schien niemand ernsthaft behaupten zu wollen, es sei bewiesen, dass er diesen oder jenen Gegenstand besessen, dieses oder jenes Flugblatt verfasst hatte; als er einmal den Staatsanwalt direkt darauf ansprach, blickten alle im Saal auf, und der Richter erklärte ihm, es könne nicht als sicher gelten, dass dies seine Habseligkeiten seien, es sei aber doch recht wahrscheinlich, da die Polizei diese Dinge in seiner Wohnung gefunden habe. Als er daraufhin andeutete, dass die Ermittlungsbehörden selbst vielleicht diese Beweise platziert hätten, fuhr ihn der Richter scharf an, er solle seine Zunge hüten. Daraufhin blieb er bis zum 30. Verhandlungstag stumm; die Tage schienen sich zu wiederholen, man behandelte eine Mischung aus Dingen, die ihm gehörten, aber nichts mit der Sache zu tun hatten, wie einen Staubsauger (16.) und eine alte Schreibmaschine (25.), die seit Jahren nicht mehr funktionierte, in die man aber offenbar ein ganz neues Band eingelegt hatte, und anderen Gegenständen oder Schriften, die ganz offensichtlich nicht ihm zuzuordnen war, so etwa eine Maschinenpistole (17.) oder zwei Briefe (24.), in unterschiedlichen Handschriften verfassst, an einen Mann namens Dimitri , von dem er noch nie etwas gehört hatte.

Nachdem er am 30. Verhandlungstag in einem Anflug von Heroismus gebrüllt hatte, diese ganze Veranstaltung sei ein unrechtmäßiges Verfahren und alle Beteiligten eingeweiht, legte man ihm am 31. vor Beginn der Verhandlung einen Knebel an, und so blieb es für nächsten sechs Tage. Es waren große, starke Männer mit Handschuhen, die dies erledigten; ein Art stilles Abkommen führte dazu, dass er sich den Knebel fast selbst anlegte, während die Männer nur daneben standen und aufmerksam zusahen. Im Gegenzug wurden sie nicht grob.

Als die Aufnahme der Beweise geschlossen wurde und die Vernehmung der Zeugen begann, ließ der Richter ihm den Knebel abnehmen, selbstverständlich unter der Bedingung, dass er sich nun zu benehmen habe, ansonsten würde er nicht zögern, die Maßnahme, wie er sie nannte, wieder anzuordnen.

Der Angeklagte hielt den Mund, wenigstens für eine Weile. Die ersten drei Zeugen (36.-54.), unter ihnen auch jener Dimitri, an den er angeblich Briefe verschickt hatte, waren ihm gänzlich unbekannt. Ihre Aussagen widersprachen sich nicht, und dennoch konnte er sich kein richtiges Bild von der Geschichte machen, die sie zu erzählen versuchten; alles blieb nebulös und unbestimmt, immer wieder fielen Namen, teilweise von Personen, aber auch von Gruppierungen, die er nicht kannte und deren Zusammenhang oder Zusammenwirken niemand erklären wollte. Nachdem er einige Tage nur zuhörte, bis ihm klar wurde, dass man auch nicht erwartete oder auch nur wollte, dass sich ein beständiges Bild ergab, beschloss er, seine Verteidigung auf andere Weise zu führen. So begann er, mit ruhigen und gezielten Fragen nach dem Verhältnis der Zeugen zu ihm Widersprüche zu suchen. Meist sah er den Zeugen bereits beim Stellen seiner Fragen an, dass sie nervös wurden. Dimitri etwa fuhr sich unentwegt durch die Haare, eine andere Zeugin, deren Name geheim blieb, zitterte so sehr, dass sogar er es deutlich sehen konnte, obwohl er doch fast zehn Meter weit weg saß.

Doch seine Fragen brachten kein Ergebnis. Einmal sagte eine Zeugin auf seine Nachfrage aus, er sei als Schlosser angestellt gewesen (42.), was natürlich nicht stimmte (er hatte nicht einmal diesen Beruf gelernt), aber es geschah nichts weiter, als dass der Richter die Protokollantin, die schon zum dritten Mal ausgetauscht worden war, anwies, diesen Teil der Aussage zu ignorieren und aufzuschreiben, die Zeugin habe nicht geantwortet und sei deshalb mit einer Ordnungsstrafe von fünfzehn Tagessätzen zu belangen. In der Folge waren es immer häufiger Staatsanwalt und Richter, die seine Fragen an die Zeugen beantworteten, wenn diese nervös wurden. Schließlich herrschte ihn der Richter an, dass seine Fragen irreführend seien; außerdem wäre es längst als sehr wahrscheinlich anzusehen, dass er all diese Menschen kannte. Als er weiterhin die gleichen Fragen stellte und einmal sogar den Staatsanwalt darauf hinwies, die Frage gelte nicht ihm, ordnete der Richter wieder sechs Tage Knebel an (49.).

So begann die Vernehmung der weiteren Zeugen, es waren mindestens 15, am 53. Verhandlungstag ohne seine Mitwirkung. Er kannte gut die Hälfte der folgenden Zeugen, die teilweise von seinem Verteidiger als Entlastungszeugen geführt wurden, Die meisten waren ihm nur flüchtig bekannt, so erkannte er den Besitzer des Kiosks in seiner Wohngegend und zwei ehemalige Arbeitskollegen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Alle wirkten sehr eingeschüchtert, und die, die er kannte, wagten nicht ihn anzusehen und lasen von kleinen Zetteln ab, was sie zu sagen hatten. Im wesentlichen, soviel verstand er, waren sie nur geladen, um die Aussagen der ersten drei Zeugen zu stützen. Dabei waren die Aussagen selbst so platt und unbestimmt, dass keiner Zeugen allein die nur in Schemen zu erkennende Theorie der Staatsanwaltschaft bestätigte; nur einer der Zeugen, ein ehemals recht guter Freund, sagte tatsächlich Substanzielles aus, und seine Aussage war deutlich besser fingiert als die der anderen. Er vermutete, dass es sein Verteidiger war, der sich diese Einlage ausgedacht hatte: zunächst entlastete der Zeuge ihn. Offenbar war er gar nicht instruiert worden, und so bestritt er beinah alles, was während der Verhandlung bisher ausgesagt und dargelegt worden war. Erst am dritten und letzten Tag seiner Vernehmung kam der Zeuge sichtlich verstört und mit Striemen im Gesicht zur Verhandlung. Die Verteidigung ließ die Aussagen noch einmal zusammenfassen, bis schließlich der Staatsanwalt anmerkte, noch eine Frage zu haben und dem Zeugen einen offenbar gefälschten Brief vorlegte, welcher diesen ebenfalls mit Dimitri in Verbindung brachte. Wie gewünscht „brach der Zeuge zusammen“, wie der Richter es formulierte, und widerrief seine Aussagen. Sein Verteidiger entschuldigte sich lächelnd, aber „zerknirscht“ bei den Anwesenden, auch bei dem Angeklagten, zu dessen Entlastung er den Zeugen ja aufgerufen habe. Die nächsten zwei Verhandlungswochen verbrachte der Angeklagte in Hand- und Fußfesseln sowie geknebelt wegen „fortgesetzter Störung des korrekten Ablaufs des Verfahrens und Angriffs auf seinen Rechtsvertreter“. Als ihm die Fessel und Knebel wieder abgenommen worden waren, stand mit dem 73. Verhandlungstag bereits das Plädoyer des Staatsanwalts an. Er war recht gespannt, weil er zumindest hoffte, jetzt zu erkennen, welche Beweise und Taten man ihm konkret anlasten wollte, wurde aber bald enttäuscht, weil auch die Zusammenfassung der Staatsanwaltschaft so verworren blieb, dass am Ende nur drei Dinge klar wurden; er, der Angeklagte, sei schuldig (wessen?) und dies sei durch das Verfahren eindeutig belegt worden (wodurch?).

Weiterhin sei er mit dem Tode zu bestrafen.

Dies hatte man ihm schon früh in Aussicht gestellt, und so war er nicht überrascht, als der Staatsanwalt diese Strafe forderte; nachdem er es mit Kooperation versucht hatte, mit Argumentation, dann mit Subversion und schließlich sogar mit roher Gewalt (dafür hatte er die Knebelstrafe bekommen), war er des Prozesses so müde, dass ihn nur noch der Ausgang interessierte; er stellte keine Fragen mehr, und wenn man ihn etwas fragte, dann wiederholte er nur noch, er sei unschuldig, woraufhin die Protokollantin jedes Mal notierte, er verweigere die Aussage.

Dennoch dauerte es drei Tage, bis der Staatsanwalt sein Plädoyer beendet hatte, und weitere fünf, bis auch sein Verteidiger Position bezogen hatte; dieser argumentierte, er sei zwar schuldig, dennoch solle der Staat Milde walten lassen; er forderte eine lebenslange Haftstrafe für seinen Mandanten. Es folgten einige Tage, in denen sich das Gericht mit teilweise lächerlichen Details beschäftigte; man prüfte einen Antrag auf Verlegung in ein anderes Gefängnis, da dort seine Zuckerkrankheit besser zu behandeln sei (dem Antrag wurde letztlich stattgegeben; er hatte gar kein Diabetes, auch wenn drei Ärzte das Gegenteil aussagten) und einen weiteren, der mit Wahl seines Verteidigers zu tun hatte und schließlich abgelehnt wurde. Als man ihm sagte, das Urteil sei bis zum 90. Verhandlungstag zu erwarten, war er darüber sogar erleichtert; egal wie es ausging, es würde ausgehen.

Am 87. Verhandlungstag schließlich war es an ihm, sich zum letzten Mal vor der Urteilsfindung zu äußern. Er sei unschuldig, bekräftigte er nur; das schien dem Gericht nicht zu reichen.

Der Staatsanwalt starrte ihn an; ebenso der Richter, sogar die Protokollantin sah zu ihm auf. Niemand im Gericht sagte etwas; keiner regte sich. Eine halbe Stunde ging das so, dann fragte er resigniert nach, was man noch von ihm hören wolle: er sei keines Verbrechens schuldig, und mehr könne er nicht sagen. Eine weitere halbe Stunde verging, bis schließlich sein Verteidiger, mit dem er seit langer Zeit kein Wort mehr gewechselt hatte, laut fragte, ob er sich von diesem Gericht ungerecht behandelt fühle.

Einen Moment lang witterte er eine neue Falle, dann aber antwortete er: Ja, wenn man ihn so frage, dann sei dieses ganze Verfahren eine einzige Farce, ein riesiges Lügengebäude, in dem Richter, Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Polizei gleichermaßen beteiligt seien.

Er erwartete eine weitere Ordnungsstrafe, womöglich sogar schon das Urteil oder einfach nur Gelächter darüber, dass er so Offensichtliches, so offensichtlich Nutzloses sagte, aber es blieb still im Saal.

Schließlich bekannte der Staatsanwalt, dass er möglicherweise tatsächlich befangen sei, jedenfalls nicht für diesen Prozess geeignet, und deshalb sein Amt vorübergehend niederlege, bis die Sache geklärt sei. Der Verteidiger erklärte, so wie die Dinge lägen, müsse er wohl tatsächlich einen Befangenheitsanstrag gegen den Richter und sich selbst stellen; zu spät erkannte der Angeklagte, worum es eigentlich ging. Der Richter gab nachdenklich zu, möglicherweise ungeeignet zu sein, und ließ das Verfahren vertagen.

Drei Monate später begann das neue Verfahren; alle Beteiligten waren, bis auf ihn, ausgetauscht worden. Am 2. Verhandlungstag, der für den Angeklagten schon der 89. war, wurde die Anklageschrift vorgelesen, die man nur unwesentlich verändert hatte.

Am 117. Verhandlungstag gab der Angeklagte sein Geständnis zu Protokoll. Das Urteil sollte zwei Tage später verkündet werden, und Expertisen, die den Ausschluss des Geständnisses und – damit verbunden – eine Neuaufnahme des Verfahrens nahelegten, waren schon angefertigt worden. Die entsprechenden Zeugen, Ärzte und Psychologen, hatte man bereits eingeschüchtert oder bestochen, um die emotionale Instabilität des Angeklagten und die massiven Einschüchterungen durch anonyme Mitglieder des Justizvollzugs zu belegen. Das Verfahren würde in die dritte Runde gehen. Aber dazu kam es nicht mehr.

Erntezeit

Diesen Artikel drucken 23. August 2009

Leise, bedächtig und langsam schritt er den schmalen Feldweg hinab. Sein Kopf hing locker, angemessen tief zwischen Schultern, die eigentlich die Anspannung starrer Haltung und kerzengeraden Gangs vermissten. Hinter ihm schlug eine Magd ein Fenster mit trüben Gläsern zu. Der Lehrer trat unbeholfen nach einem Stein, der in dem Graben am Wegesrand verschwindet.
Er sah über das Feld hinweg nach Norden und betrachtete die aus dieser Entfernung so winzigen Gewittertürme am Horizont. Die Stadt, die auch in dieser Richtung liegen musste (so glaubte er) , war noch viel weiter entfernt, unerreichbar für ihn.
Ein alter Kleinbauer, der letzte verbliebene, kam ihm entgegen, schwer atmend und mit vom Lehm verschluckten Stiefeln. Der Lehrer nickte zum Gruß, und für einen Moment lang spannten sich seine Schultern ganz ohne sein Zutun. Der Alte sah ihn nur stumpf an, nicht feindselig, aber auch kaum freundschaftlich, und als hätte er die winzige Veränderung in der Haltung des viele Jahre Jüngeren, aber um fast eben so viele Jahre Beleseneren wahrgenommen, entwich seiner Kehle ein unbestimmter, knurriger Laut des Widerwillens, während er wortlos weiterging.
Der Lehrer glich seine Haltung wieder dem allgemeinen Konsens an, ging noch einige Schritte weiter und blieb dann vor den ersten Kornreihen stehen, die sich endlos in alle Richtungen ausbreiteten und dabei dichter und dichter zu stehen schienen, bis von den einzelnen Reihen nicht mehr als das reinste Grau-Gelb blieb. Es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet, sicher stand bald die Ernte an, es würde die dritte sein, die er erlebte. Seine fleckige Hand, die er schon lange nicht mehr richtig wusch, griff nach einigen Halmen. Er betrachtete sie eingehend. Feingliedrige Finger hielten eine Ähre, befühlten sie. Die Sorten waren über Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg die geblieben, die man hier seit jeher angebaut hatte. Der Großbauer und die vielen Männer, die für ihn arbeiteten (nicht wenige von ihnen hatten selbst Land in der Gegend besessen) wussten von ihren Vätern und Großvätern und Urgroßvätern, wie sie den größten Ertrag aus diesen Ähren holten. Sie kannten nicht einmal die Namen der angebauten Sorten, freilich wussten sie nicht einmal, dass sie hier Triticum aestivum anbauten. Aber sie wussten, wann man die Samen in die Erde bringen musste; wie sie Ungeziefer fernhielten, wann der Dung der Tiere den besten Dienst erwies. Und auch, wann das Korn vom Feld geholt werden musste. Natürlich wussten sie nichts von den neuerlichen Fortschritten in der Landwirtschaft, sie wollten davon auch nichts wissen. Nicht, dass er ihnen davon erzählt hätte, dies wäre nur sofort als überhebliches, eitles Gewäsch ausgelegt worden. Nein, ganz ohne sein Zutun hatte der Großbauer ihm nach einem sonntäglichen Kirchenbesuch nahelegt, ihn mit dem ‘Kram’ zu verschonen, der unter den Studierten so hoch gehandelt werde. Der Lehrer hatte sich damit abgefunden, auch damit, dass man ihn, den Studierten, natürlich nicht ins Vertrauen zog. So hatte der Alte, wie alle ihn hier nannten, ihm etwa nur gesagt, in den nächsten Tagen müsse er nicht unterrichten, nicht aber, weshalb. Da es jedoch die dritte Woche des Augusts war, nahm es der Lehrer als sicher an, dass er wegen der Ernte freigestellt worden war.
Auf dem Weg zurück zu dem großen Hof, auf dem er seine Tage und Nächte verbrachte, sah er wieder zu den Gewitterwolken, die sich weit entfernt bildeten. Die Chancen, dass sie hierher zogen, waren gering, ein stetiger Wind gen Nordosten machte es unwahrscheinlich.
Er grüßte zwei junge Mägde, die mit ungelenk schaukelnden Hüften und fleischigen Oberarmen den Feldweg hinunterliefen, wie der alte Bauer in schweren, lehmbehafteten Arbeitsstiefeln, mit einer kaum sichtbaren, schüchternen Bewegung, bemühte sich dabei, die Schultern gesenkt zu lassen. Die beiden kicherten dümmlich, erwiderten aber seinen Gruß.  Hinter ihm hörte er sie bald ein Gespräch führen, das offenbar ihm galt; er wusste nicht, ob sie es aus Bösartigkeit taten oder aus Dummheit. Er nahm nicht an, dass der Alte irgendjemandem von dem Grund für seine Flucht aufs Land erzählt hatte; das hätte man ihn spüren lassen. Als der Großbauer ihn zu sich bestellt hatte an jenem Abend, dann zunächst ebenso großspurig wie naiv über einige Weine gesprochen hatte, deren französische Namen ihm nicht von der Zunge gingen, um dann nach dem Hinunterschütten derselben zur Sache zu kommen, da hatte er versprochen, alles für sich zu behalten, wenn er sich nur anständig verhalte. Er wisse, hatte er gesagt, eine Schweinekeule zwischen den Zähnen, wie schwer es für “einen wie ihn” sei, hier Fuß zu fassen. Selbstredend hatte der Alte ihm diesen Dienst nicht umsonst erwiesen, es steckte keine Loyalität oder Freundlichkeit dahinter, wie überhaupt nichts, war der Alte tat, von Loyalität oder Freundlichkeit geleitet war. Vermutlich war es eher aus Sorgen um sein Ansehen so geschehen; mit viel Aufwand versuchte der Alte, seine Verbindung zur Kirche zu stärken. Der Pfarrer, ein alter, knurriger Mann mit starren, mehr überlieferten denn studierten Vorstellungen von Religion und Anstand, ging ein und aus in seinem Haus, und die Nachricht, dass in eben diesem  Haus ein Mann unterrichtete, der wegen der unrechtmäßigen Beziehung zu einem Mädchen seine Stellung und seinen Ruf in der Stadt verloren hatte, ja gar aus der Stadt davongejagt worden war, würde sogar auf den alten Pfarrer einen unliebsamen Schatten werfen.
Er wisse ja auch, wie die Mädchen sein können, hatte der Großbauer nach dem Mahl mit immer noch gefräßigen Augen gesagt. Das eine oder andere Mal sei auch er einem hinterher gewesen, und manchmal gebe das eine schlimme Folge, aber damit müsse man jetzt leben und weiterschauen. Fett tropfte dabei von seinen Lippen. Jedenfalls müsse es ja niemand wissen, er wisse es ja nun und der Lehrer selbstredend auch, das sei genug.
Das war vor einem halben Jahr gewesen, und scheinbar hatte der Großbauer sein Wort gehalten, jedenfalls trat ihm niemand in anderer Weise entgegen als zuvor.
Erntezeit
Vielleicht hatte der Alte ihm auch zu Gute gehalten, dass er ihn nicht belogen hatte. Ein Bekannter hatte ihm diese Stelle vermittelt, zum halben des gewöhnlichen Lohns hatte der Lehrer seine Dienste angeboten; der Alte hatte ihn gefragt, warum “einer wie er” (diese Floskel wählte er immer wieder, mit wachsender Abscheu darin) aufs Dorf wolle und er hatte darauf nur geantwortet, dass man ihn bitte nicht zwingen möge, diese Frage zu beantworten.
Viel wahrscheinlicher aber war es, dass es dem Alten schlicht egal war; es gehörte viel zu dazu, an den ganzen Acker der fruchtbaren Gegend zu gelangen, und unter diesem Vielen war nur wenig Gutes oder Edles.
Er erreichte den Hof, sah auf die Taschenuhr, die er immer bei sich trug, und erinnerte sich an seinen leeren Magen. Er ging um eine große Scheune herum, begegnete dabei einigen Arbeitern, die ihn nicht weiter beachteten, und erreichte eine große, grobe Holzhütte. Über die Türe hatte der Alte ein Schild mit der lächerlichen Aufschrift “Mensa” gehängt, eins der ersten Ergebnisse seines Unterrichts. Zunächst war er zwar angestellt worden, um die Kinder des Großbauern zu unterrichten, aber schnell stellte sich heraus, dass dies nur ein Vorwand gewesen war; Keiner auf dem Hof konnte richtig lesen oder schreiben, vielen fiel auch das Rechnen schwer. Vermutlich hatte keiner von ihnen je die Schulbank gedrückt, aber zumindest der Alte bestand darauf, nur viel vergessen zu haben; dabei hielt er den Stift wie ein Esel. Der Lehrer lobte ihn häufig für seine winzigen Fortschritte in Rechtschreibung und Grammatik.
Er grüßte die alte Frau, die mit knorrigen, gichtbefallenen Händen einen Teller auf seinen Tisch stellte.  Dieser Tisch war ihm bald nach seiner Ankunft zugewiesen worden. Im Gegensatz zu den anderen war es keine lange Holztafel wie die, an denen die Arbeiter speisten, sondern ein kleines Tischchen ein wenig abseits, an dem er stets allein saß. Kam er zum Essen, so wischte die alte Küchenfrau ihn mit langen, gründlichen Bewegungen ab, als täte sie es zum ersten Mal; alle seine Bitten, diesen Umstand doch nicht nur seinetwegen zu machen, waren vergebens geblieben.
Die Küchenfrau war eine der wenige Personen auf dem Hof, die er nicht wenigstens manchmal unterrichtete; offenbar hatte der Alte es für verschwendete Zeit befunden. Der Lehrer vermutete, der Alte hatte den Unterricht für alle auf dem Hof auf Ansinnen des Pfarrers verfügt; das war schnell geschehen, nachdem er seine Arbeit begonnen hatte, und seitdem lehrte er die viele Arbeiter und Mägde die deutsche Sprache, aber von Zeit zu Zeit auch anderes, so etwa Naturwissenschaft oder ein wenig Geschichte.
All das war, so wusste er, vergebene Mühe. Die meisten waren wirklich dumm, sie behielten nicht, was er mit ihnen übte, und manchmal schien es, dass sie nicht einmal zuhören konnten; so sehr er sich auch bemüht hatte, die Erfolge waren verschwindend. Die wenigen, die er für gescheit hielt, waren nach der harten Arbeit meist nicht willens und auch nicht in der Lage, ihm zu folgen. Und überhaupt schien es ihm, als hätten sich viele der Männer und Frauen mit ihrem Leben abgefunden: Sie sahen die Notwendigkeit nicht, schreiben oder lesen zu können.
Immerhin duldeten sie seine Autorität während des Unterrichts. In einer Weise, die ihm beinahe unheimlich war, befolgten sie gehorsam jede seiner Anweisungen, häufig, ohne sie überhaupt zu verstehen. Vielleicht war es aus diesem Grund ein hoffnungsloses Unterfangen. Hatte er einer Gruppe beigebracht, dass Z zu schreiben, hatten die ersten das A schon wieder halb vergessen; manches, wie die Philosophie etwa, schien an ihren viehischen Augen schlicht vorüberzugehen. Mit wenig Überraschung hatte er bald entdeckt, mit welcher Faszination die Menschen hier Geschichten entgegentraten, mit welcher kindlichen Ernsthaftigkeit sie jede noch so schlechte erzählte oder komponierte Geschichte bedachten. Zunächst hatte er dies aus didaktischen Gründen genutzt; das Versprechen, er werde wieder von Odysseus erzählen, hatte seine Schüler motivieren sollen. Letztlich, so musste er feststellen, änderte das nichts an dem Ausbleiben jedes Lernerfolges. Doch die Geschichten erzählte er weiter, zunächst oft heidnische Mythen, später ersann er auch selbst einige, oder er bediente sich in der Bibel, um diesen seltsam stummen Menschen wenigstens etwas Anteilnahme abzuringen. Schließlich gestaltete er seinen ganzen Unterricht häufig wie eine Erzählung, bei der Lernstoff und Dichtung verschwammen. Die Erzählung musste nicht gut sein; die Bauern waren wie Kinder, gierig verschlangen sie seine Worte, ohne auch nur irgendetwas Sinnvolles dabei zu lernen.
Er schob seinen Teller vorsichtig zur Seite. Wortlos nahm ihn die alte Frau vom Tisch. Er sah sich um, dann zog er ein kleines Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin. Es war den Bauern anstößig, wenn er hier, vor ihren Augen, las, da sie selbst es ja nicht konnten, und so hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, früher zu essen, um danach in sein Büchlein schauen zu können.
Ein großer Teil des Jahres war bereits verstrichen. Nicht allzuviel war geschehen, und so hatte er auch nicht viel in sein Büchlein geschrieben. Sein Blick fiel auf eine Überschrift, und er begann zu lesen.
Januar – Im Januar war es bitterkalt geworden, und fast jeder auf dem Hof hatte nachts gefroren. Der Großbauer hatte ihm eine große, schwere Decke aus Tierfellen gegeben, und so war er der einzige gewesen, der nicht gänzlich verfroren zum Unterricht kam. Auf dem Hof war nicht viel zu tun, und so saßen die Arbeiter viel herum und tranken noch mehr. Er hatte einmal versucht, sich zu ihnen zu setzen, aber ihre Gespräche waren ebenso einfältig wie ihr Gemüt gewesen, und so hatte er es aufgegeben. Im Unterricht hatte er erneut mit der Grammatik begonnen und von Ali Baba und den 40 Räubern erzählt. Andere morgenländische Geschichten waren gefolgt, soweit er sich an sie erinnerte, aber er hatte festgestellt, dass sie nur mäßiges Interesse bei den Schülern weckten, wohl, weil sie ihnen zu fremd waren.
Februar – eines Abends hatte das dicke Glas des winzigen Fensters gefehlt, das seine kleine Kammer besass. Der Alte hatte nicht herausgefunden, wer es gestohlen hatte, und es hatte bis in den März gedauert, bis sich jemand der fehlenden Scheibe annahm. Auf den Feldern lag Schnee, und der Lehrer hatte wieder einmal bemerkt, dass er einzige zu sein schien, der diesen Anblick schön fand oder überhaupt wahrnahm.
In der zweiten Woche hatten sie ein Kind zu Grabe getragen. Auf dem kleinen Friedhof stand er abseits; das Kind war wohl schon länger erkrankt gewesen. Er hatte davon nichts gewusst. Im Unterricht waren sie kaum weitergekommen, auch wegen des Todesfalls. Aber er hatte den Bauern von Troja erzählt und den Krieg in seiner Schrecklichkeit ausgemalt, so gut er konnte.
März – Die Saat stand an, und den größten Teil des Monats hatte er in seiner Kammer verbracht, sofern die Temperaturen es zuließen. Nach Ende der Saatzeit hatte er etwas Naturwissenschaft mit ihnen besprochen. Mit einem Katzenfell hatte er ihnen die statische Elektrizität aufgezeigt, und ihnen anschließend vom Entstehen der Blitze und ihrer verherrenden Wirkung erzählt. Sie waren sehr gespannt gewesen, und so hatte er seine Darstellung lang ausgeschmückt, ihnen von Häusern erzählt, die, vom Blitz getroffen, so schnell niedergebrannt waren, dass niemand sich mehr daraus retten konnte, und von Menschen, die auf offenem Feld regelrecht gespalten worden waren.
April – für den April hatte er nun einen Satz notiert: Das Korn wächst.
Mai – Die Natur war freundlich geworden, und der angenehmen Temperaturen wegen hatte er erwogen, den Unterricht nach draußen zu verlegen. Der Großbauer hatte es abgelehnt, weil “die Schüler nun mal in die Schule gehörten”. Er war mit der Grammatik nur leidlich vorangekommen, hatte aber von den alten Göttern der Germanen erzählt, und so auch von Thor, der gewaltige Blitze auf die Erde niederschleudern konnte, um seine Feinde und Frevler allesamt zu verbrennen. Da sie Gefallen an diesen Geschichten fanden und mit fast panischem Ernst lauschten, erzählte er ihnen auch noch andere Geschichten über Blitz und Donner, etwa von furchtbaren Gestalten und Figuren, die ihre Füße und Arme mit den Blitzen gen Erde streckten, um dort umherzuwandern und ihrer grenzenlose Zerstörungswut freien Lauf zu lassen.
Juni – Bei schönem Wetter war er oft spazieren gegangen. An einem Abend war er auf dem Weg in seiner Kammer mit einem betrunkenen Knecht aneinandergeraten, der sich am nächsten Tag (auf Einwirken des Alten) wortkarg bei ihm entschuldigte. Im Unterricht hatte er die Geschichte des Landes durchnehmen wollen, aber schließlich hatte er von Platons Atlantis erzählt und seinen nächtlichen Untergang durch einen Sturm in allen Einzelheiten, die er sich denken konnte, beschrieben. Ängstlich hatten ihm die stummen Bauern zugehört.
Eine Magd war des Hofes verwiesen worden, er wusste nicht, warum. Aus einer Unterhaltung hatte er aber erfahren, dass sie möglicherweise ein Verhältnis mit dem Alten eingegangen war.
Juli – Der Juli brachte große Hitze mit sich, und sie alle hatten in der zum Unterrichtsraum erklärten Scheune furchtbar geschwitzt. Er hatte festgestellt, dass seine Schüler nicht das geringste gelernt hatten, und wieder neu mit der Grammatik begonnen. Außerhalb des Unterrichts hatte er meist im Freien gesessen und sich Notizen gemacht für eine Geschichte, die er später im Monat eindrücklich erzählt hatte. Sie war mit Anleihen an die Offenbarung und den Untergang Babylons gespickt, und ein besonderes Augenmerk legte er auf den Gewittersturm, der alle Sünder hinwegfegen würde, egal wie winzig ihr Vergehen auch sei. Seine Schüler waren wie gefesselt von der Geschichte, und er fand Vergnügen daran, sie so gut er konnte zu erzählen.
August – Im August hatte er noch nichts aufgeschrieben. Unter der Überschrift waren daher einige Zeilen Platz, doch darunter hatte er vor einem Jahr bereits notiert: Dritte Woche – Wind dreht. Die Zeile war unterstrichen.
Der Lehrer besah die Worte einige Sekunden. Schließlich schrieb er nichts mehr dazu, sondern schloss sein Büchlein, schob es wieder in seine Tasche und ging hinaus. Unter dem Schild an der Tür blieb er stehen, sah einen Moment in den Himmel. Dann ging er schnellen Schrittes zu dem Nebenhaus, in dem er mit vielen der Mägde und Knechte hauste, betrat seine Stube mit dem winzigen Fenster, setzte sich auf sein Bett und nahm eins der schweren Bücher vom Regal, um darin zu lesen. Es dauerte etwa eine Stunde, bis er draußen Rufe und das Klappen von Türen hörte. Er zog sich um, legte sich sich hinein, und las weiter. Als es draußen schnell dunkelte, entzündete er eine Kerze, obwohl er wusste, dass er Alte es eine Verschwendung gescholten hatte, zum Lesen eine Kerze anzuzünden.
Als die Rufe plötzlich aufhörten und das Treiben im Haus verstummte, legte der Lehrer sein Buch zurück an seinen Platz und löschte das Licht. Mit offenen Augen starrte er in die Dunkelheit.
Als die ersten Blitze zuckten, hörte er zwei Kinder schreien. Sie verstummten wieder. Als der Donner kam, und mit ihm der Wind und der Regen, da erhob sich über dem ansonsten stillen Haus das Klagen und Wehen. Im Stock über ihm lagen acht Mägde unter ihren Betten und weinten und flehten. Im Raum daneben wimmerten die Männer in ihren Betten; mit jedem Blitz, jedem Donnerschlag ging bald ein großes Aufschreien durch das Haus, und während das Aufblitzen des Gewitters immer häufiger kam und der Wind immer mehr zunahm, vermischten sich die Schreie und Gebete zu einem einzigen, dumpfen Rauschen, das bald lauter war als der Sturm selbst. Im Raum neben dem Lehrer gestanden sich zwei Eheleute beständig ihre Missetaten: weinend und einsam lagen sie sich in Armen, die Münder über und über voll mit Beteuerungen und Geständnissen.
In seiner kleinen, kargen Kammer lag der junge Lehrer aus der fernen Stadt ganz still in seinem Bett, und mit der Bedächtigkeit der ziehenden Wolken, aber ebensolcher Beharrlichkeit, zog eine Veränderung in sein bleiches Gesicht. Bis nach Mitternacht dauerte es, bis der Höhepunkt des schweren Gewitters kam, und selbst der nun heftige Sturm und Regen konnte das Wehen im Haus nicht übertönen, die unzähligen gerufenen Gebete, das Kreischen der Frauen, die geweinten, halb erstickten Bekenntnisse und Entsagungen, und gerade zu dieser Zeit trat die Veränderung schließlich ganz in das Gesicht des ruhenden Lehrers, vielleicht zog sie mit dem Gewitter, vielleicht auch von innen nach außen, oder von weit hinten in seinem Kopf bis ganz nach vorn auf seine Gesichtszüge. Mit jedem der vielen Blitze fiel ein schmaler Lichtstreifen in das kleine Zimmer, fiel auf gewölbte Lippen und lachende Augen. Sein Gesicht war vollgesogen, ganz gesättigt, fast aufgelöst von einem Lächeln, das scheinbar zart und voll auf ihm lag, und in dem doch jede Linie, jeder gespannte Muskel einer momumentalen Anstrengung bedurfte, gegen die jedes Schreien im Haus verschwand wie hinter einem schwarzen Vorhang. Ein Lächeln wie aus höchsten Höhen. Ein Lächeln wie aus den Tiefen des Abgrunds.

Der Prophet

Diesen Artikel drucken 19. August 2009

Die Straße ist voller Menschen, nach links und rechts und soweit das Auge bis zu den Warenauslagen sieht; mal schlendern sie mit einem Eis in der Hand, mal hasten sie von einem Laden zum anderen. Die Sonne steht hoch über der Innenstadt, und es ist heiß. Die meisten Menschen tragen eine Sonnenbrille. Eine Frau huscht in einem zu kurzen Rock vorbei, und einige Männer starren ihr nach. Einer kommt darüber fast ins Stolpern. Einige Jugendliche ziehen vorüber, unterhalten sich laut und lachend. An der Ecke steht ein Leierkasten, der fröhliche Musik spielt, Sommermusik: ein freundlicher, alter Herr steht dahinter und bedankt sich für jede Münze, die man ihm in die Schale legt. Nur ein paar Meter weiter weint ein kleiner Junge mit blauen Augen und gelben Shorts, und einige Passanten bleiben stehen um zu sehen, was ihn so betrübt. Eine Eiswaffel liegt am Boden; er wird eine neue bekommen.
Über die Läden, über die junge Frau, den Jungen und den Leierkastenspieler huscht ein anderer, ein immer dritter Blick – und findet sie nicht. Trübe schweift ein Augenpaar über die Passanten, erkennt niemanden und bleibt doch immer suchend, von der einen auf die andere Seite, immer suchend.
Er steht vor einem Bekleidungsgeschäft, aber in angemessener Entfernung. Nicht, dass man ihn davonjagen könnte, er würde bleiben; es ist sein Platz. Seine Beine sind in eine alte Jeans gehüllt, durch die  an einigen Stellen schon seine nackte Haut schimmert. Sein Oberkörper steckt, trotz der Hitze, in einer ebenso alten und heruntergekommenen Lederjacke. Die Arme, die viel zu lang für seine Jacke sind, hält er merklich angespannt flach am Körper, ohne aggressiv zu wirken  In der linken Hand hält er, lose und unaufmerksam, eine Flasche. Lautlos schwankt die Flasche, schwankt mit ihm.
Eine Frau schreit auf, mit lautem Klirren fallen ihre Einkäufe zu Boden. Schimpfend bückt sie sich, um die geborstenen Gläser aufzusammln.
Der Prophet sieht nur einen Moment hin, von dem Schrei angezogen, und sieht keine Frau und keine Einkäufe. Sein Blick streift sie, streift den Boden und die Passanten, die schadenfroh lächelnd an ihr vorbeigehen, aber kein einziges Mal findet er Halt an einem der Menschen, immer nur suchen und suchen seine Augen, sie suchen das Tor, oder die Heilige, oder auch nur einen Ausweg.
Manchmal sprechen sie ihn an, wenn er hier steht, aber nur manchmal. Meist ignorieren sie ihn: es stört ihn nicht. Wenn es doch geschieht, dann erzählt er ihnen manchmal von dem Stern und dem Tor und der Heiligen, und dann lachen sie oder gehen still und peinlich berührt davon. Einmal fragte einer nach seinem Namen, doch er antwortete nur, es gebe keine Namen mehr, nur noch einen, und den dürfe er nicht aussprechen.
Ein junger Mann geht ganz nah an ihm vorbei, und der Prophet zuckt zusammen, lässt seine Flasche fallen. Eine Gischt aus Hundert Silben rinnt über seine Lippen, Silben aus einer fernen, verbotenen Sprache. Der Mann geht weiter, dreht sich nicht um. Der Prophet blickt auf seine nun leere Hand, scheint sie einen Moment lang zu erkennen, streckt und wendet sie, keine Flasche, kein Blut. Seine Lippen bewegen sich noch einige Sekunden lautlos. Er sieht wieder über über die Straße und durch sie hindurch. Findet kein Tor, findet keine Heilige.
Dann dreht er sich um, geht einen Schritt. Und verschwindet. Einen Schritt macht er, dann verblasst er an den Rändern. Niemand sieht es. Ein zweiter Schritt, die Ladenauslagen schimmern durch seine Lederjacke. Keiner schaut hin. Ein dritter. Er verschwindet. Niemand sieht es. Er verschwindet.

Flecken im Dickicht

Diesen Artikel drucken 16. Juli 2009

Im ersten Moment sah ich die Augen nicht: ich war nur stehengeblieben, weil ich dieses Gefühl in der Magengegend hatte, dieses Gefühl, das einen beschleicht, wenn man etwas neben sich spürt, obwohl man doch allein sein sollte. Der Park war verlassen um diese Uhrzeit. Es muss halb vier gewesen, vielleicht später; ich war auf dem Heimweg, hatte mich noch lange im Büro aufgehalten und war darüber eingeschlafen. Ich muss fast schlaftrunken gewesen sein, als ich die Abkürzung durch den Park wählte: die Stadt ist klein, aber auch in einer kleinen Stadt sollte man so spät in der Nacht nicht allein im Dunkeln gehen.

Als ich aber an diese besondere Stelle kam, da war ich plötzlich hellwach; mein Herz raste wie von einer großen Anstrengung, und dieses Gefühl im Bauch loderte ihn mir auf. So stark hatte ich es noch nie empfunden; es war, als läge ein Gewicht in meiner Brust, drückte auf all die Organe in meinem Inneren. Ich sah mich um; sie schalteten um diese Uhrzeit jede zweite oder dritte Laterne aus, um den Strom zu sparen, aber viele der Lampen funktionierten ohnehin nicht mehr, so dass ich kaum etwas erkennen konnte. Schemenhaft erkannte ich noch den Weg aus weißen, bald grauen Steinen. Links und rechts begann das Unterholz, dass schon seit Jahren ungehindert wucherte.

Flecken im Dickicht

Und so brauchte es dieses winzige, dieses kaum hörbare Geräusch, um meine Augen in seine Richtung zu lenken. Es klang ein wenig wie ein unterdrücktes Jaulen, aber es könnte auch ein winziger Ast gewesen sein: hätte ich nicht so angestrengt gelauscht, ich hätte es sicher nicht gehört. Es müssen noch einige Sekunden vergangen sein, bis ich die beiden ganz leicht funkelnden Augen entdeckte und erstarrte. Ich kann unmöglich sofort erkannt haben, um wessen Augen es sich handelte, aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich es gleich gewusst; es waren die Augen einer Wildkatze, einer großen Wildkatze. In diesem Moment aber, als ich die Augen im Gras sah, da habe ich gar nichts mehr gedacht oder gewusst. Wie angewurzelt stand ich da und starrte. Und die Augen starrten zurück. Ich glaube, sie haben mich schon länger beobachtet; sicher lag sie schon lange dort. Vielleicht war sie mir auch auf meinem Weg gefolgt, war ganz leise und vorsichtig neben mir gelaufen, ich auf dem steinernen Weg, sie im tiefen Dickicht der kleinen Bäume und Büsche. Wir sahen uns an, Sekunden, Minuten lang. Und je länger ich hinsah, desto mehr Details konnte ich ausmachen. Ich sah spitze Ohren, die sich ganz leicht gegen den Hintergrund abhoben, und einen großen Kopf. Dann begriff ich die Bösartigkeit, die die Augen dieses Wesens ausstrahlten. Hätten meine Lungen Luft gehabt, hätte ich sicher geschrieen, aber mein Atem stand still; in den Pupillen dieses Wesens sah ich eine Boshaftigkeit, eine Art von Verletztheit und Rachsucht, die ich mir nie habe vorstellen können, von einer Intensität und Kraft, die mich auch heute noch manchmal zittern lässt, wenn ich in einem dunklen Zimmer sitze. Ich weiß nicht, wie lange ich in diesen Ausdruck silbriger Augen blickte, mich darin fast verfing, fast aufging. Aber es war das Tier, welches sich zuerst bewegte; die Katze kam einen, vielleicht zwei Meter auf mich zu. Meine Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen einen schlanken, dunklen Körper, der sich ganz knapp über dem Boden bewegte, und dann, kaum zu erkennen, das kurze Aufblitzen der schwarzen Flecken. Die Katze schlich bis auf wenige Meter an mich heran: ich war immer noch unfähig, mich zu bewegen. Todesangst befiel mich. Sie hätte mich ohne Zweifel zerreißen können, ich wäre ihr zum Opfer gefallen, ohne auch nur noch einen Laut von mir geben zu können. Doch dann, ich weiß nicht wieso, blieb sie stehen. Der Ausdruck ihrer Augen wandelte sich: es mag unwahrscheinlich klingen, aber ich glaube so etwas wie Angst erkannt zu haben. Die Katze blickte mich noch einige Sekunden an. Ich sah ihren Schwanz unruhig zittern: Dann sah ich nur eine schnelle Bewegung, deren Richtung ich nicht ausmachen konnte. Einige Äste hörte ich zerbrechen, die Büsche raschelten. Ich war wieder allein.

Für den restlichen Weg benötigte ich nur wenige Minuten, so schnell lief ich. Als ich zu Hause war, zitterte ich am ganzen Leib, ließ mir ein Bad ein und wusch mich. Obwohl das Tier mich nicht berührt hatte, fühlte ich mich unendlich schmutzig. Schließlich ging ich ins Bett; ich muss unter Schock gestanden haben, anders kann ich es mir nicht erklären. Erst, als ich schließlich auf meinem Bett lag und endlich einschlief – der Morgen neigte sich da schon gegen Mittag – fiel mir der Name des Tieres ein. Ich war einem Leoparden begegnet.

Leopard (2)

Als ich am Abend wieder erwachte, erschien mir dies alles unwahrscheinlich, unmöglich: ein Leopard im Stadtpark. Ich hätte die Polizei anrufen können, aber ich tat es nicht. Sie hätten mich wohl für verrückt erklärt, und mir selbst kam die Geschichte immer seltsamer vor, je länger ich darüber nachdachte. Du warst müde, du hast Dinge gesehen, die nicht da waren, dachte ich bei mir. Und in der Tat brachte meine Erinnerung nicht viel mehr auf als Schatten und Schemen: ich war mir ja sogar unsicher, wo genau ich sie gesehen hatte. Also ließ ich die Sache auf sich beruhen. In dem Park war ich seither aber nur noch am Tage: In der Dunkelheit gehe ich lieber den anderen Weg, außen herum, auch wenn dieser länger ist.

Dies alles geschah fünf Tage, bevor der erste Mensch verschwand. Es war eine ältere Frau, die gegen Abend ihren Hund spazieren führte. Die Zeitung berichtete, dass sie gegen neun Uhr aufgebrochen war. Als sie gegen elf immer noch nicht wieder zu Hause war, suchte ihr Mann sie. Er fand nur den völlig verängstigten, aber unversehrten Hund, der unter einem Baum kauerte und winselte, von der Frau aber fehlte jede Spur. Das Kriminallabor fand etwas Blut und Kleidungsreste auf den Steinen, nicht weit von dem Ort, an dem man den Hund gefunden hatte. Doch die Frau oder ihr Leichnam blieb verschwunden.

Als ich davon in der Zeitung las, war mir schon im ersten Moment klar, dass es mit dem Leoparden zu tun haben musste. Meine Erinnerung war nicht falsch, ich hatte nicht geträumt: es war der Leopard gewesen, er hatte die Frau getötet. Mir war klar, dass ich zur Polizei gehen musste, und das tat ich auch: ein streng dreinblickender Beamter hörte sich meine Geschichte an und machte sich dabei Notizen. Er erklärte mir, dass sie den Park am Tag schon dreimal mit mehreren Dutzend Polizisten durchkämmt hatten, ohne etwas Ungewöhliches zu finden; einen toten Fuchs hatten sie gefunden, aber der war einer Krankheit erlegen und ganz sicher nicht, wie er es sagte, einem Urwaldtier. Während ich ihm zuhörte, wurde mir klar, dass er mich nicht ernstnehmen würde. Und so war es auch: er fragte mich zuletzt nur, ob ich trinken würde, und ob ich wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sei. Das Gespräch wurde sehr unangenehm: schließlich fragte er mich sogar, wo ich in der Nacht gewesen, in der die Frau verschwunden war. Als ich das Polizeigebäude schließlich enttäuscht verließ, wurde mir klar, warum sie den Leoparden nicht fanden, und ich lächelte; er jagte nur in der Nacht. Sie aber hatten am Tag gesucht.

Einige Wochen später verschwand ein Vierzehnjähriger. Er war viel zu spät von einer Geburtstagsparty gekommen und hatte wohl deshalb gegen den Rat seiner Eltern durch den Park abgekürzt: man fand seinen linken Schuh, sonst nichts. Die Polizei besuchte mich einige Tage später und stellte mir wieder Fragen. Offenbar war ich für sie ein Verdächtiger geworden, nur weil ich ihnen von dem Leoparden erzählt hatte. Ich versuchte, ihren Verdacht auszuräumen; als sie doch wieder nach dem Tier fragten, log ich und erklärte, ich wäre an diesem Abend sehr betrunken gewesen. Der Verdacht, der von mir abfallen sollte, ist nicht der einzige Grund dafür, dass ich ihnen diese Lüge auftischte. Ich glaube, es war kein Zufall, dass ich den Leoparden zuerst sah. Er wollte, dass ich ihn sehe, und er ließ mich aus einem bestimmten Grund gehen . Trotz all der Dinge, die der Leopard getan oder auch nicht getan haben mag, darf ich doch auch nicht vergessen, dass er mich verschonte – und warum.

Ich weiß, irgendwo im Park liegt er in seinem Versteck. Es ist vielleicht eine kleine Höhle oder ein dichtes Gewächs, ich glaube, ich weiß, wo man suchen müsste. Dort erwacht er nachts, ohne den Tag hier verbracht zu haben. Er geht auf die Jagd, schleicht durch die Nacht. Sie können ihn kaum sehen, bevor es zu spät ist: Nur Flecken im Dickicht.

-

Einst erschien ich nur zur Stunde des Schlafes, war ein Traumwesen, dass mit dem Erwachen ging. Ich jagte durch Dschungel, durch Steppe, über Asphalt und in Tiefgaragen: Dem Menschen war ich Vehikel, war ich Avatar und Traumfreund. Ich schlug meine Zähne in vielerlei Arten von Beute; Gazellen waren ebenso darunter wie Menschenväter und Menschenbrüder. Doch all dies reichte nicht. Ich wusste schon lang, dass es eines Tages geschehen würde, dass der Traum nicht auf ewig mein Reich bleiben durfte. Ein ums andere Mal suchte mich der Träumer zu verjagen, obwohl er es doch war, der mich träumte. Ich konnte nicht gehen, ich durfte nicht bleiben: ich lebte im Dschungel, tief verborgen von seinen Augen: er brannte alles nieder. Ich floh in die Steppe, litt Hunger und rastete an den wenigen Wasserstellen: er vergiftete mein Wasser.
Doch ebenso, wie er mich zu zerstören suchte, brauchte er mich auch. Ebenso, wie er den Feind in mir sah, erblickte er auch sich selbst in dem gleichen Bild. Schließlich musste der Widerspruch aufgelöst werden, so verlangt es die Natur: wenn Zwei nicht miteinander leben können, die eigentlich Eins sind, so muss das Eine eben zu Zweien werden. Und so lag der Träumer ein letztes Mal im Kampfe mit mir oder sich selbst; mein kräftiger Rücken hielt seinen Schlägen stand, wie er es immer getan hatte.

Doch diesmal barsten seine Fäuste, und sich selbst verschlingend gebar der Mensch mich auf dem steinernen Boden. Nur einen Moment hielt er inne und sah mich an, diesen Teil seiner selbst, von ihm erträumt, von ihm verfolgt: Dann lief er davon, die Hände voll von meinem Blut, und ließ mich, geschunden und geschwächt, zurück. Ich schleppte mich ins Dickicht, verbarg mich vor fremden Blicken und ließ meine Wunden heilen. Der Wald, so entdeckte ich auf meinen ersten Streifzügen, war reich an Kaninchen und Füchsen. Ein gutes Leben könnte ich hier führen, ein gutes, ein Blutleben, wie es meine Vorfahren schon verbracht hatten, über unzählige Generationen.

Und doch weiß ich, dass ich nicht bin wie sie. Ich bin kein Tier. Die Menschenwesen, die ich töte, verschlinge ich nicht, sie sind für mich ungenießbar: Stundenlang liege ich voller Reue vor ihren toten Körpern, bedauere ihren Tod und meine Mordlust. Doch ich muss es tun, werde es immer wieder tun. Auch wenn wir nicht mehr eins sind, so folgt mein Biss doch immer noch seinem Befehl. Ich bin keine Raubkatze, ich bin ein Traumwesen; Ich bin Vergeltung und schwärzeste Nacht. Ich bin Hass. Ich bin Tod. Ich bin sein Leopard.

edit: Das zweite Bild wurde mir von overclouded_tangle zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Ein Leben

Diesen Artikel drucken 11. Juni 2009

Heute werde ich 82 Jahre alt.
Meine vier Kinder haben schon angerufen, und ich habe eine Rose auf den Friedhof gebracht. Am Abend kommen meine beiden Jüngsten zu Besuch, sie wollen etwas für mich kochen. Vater, du brauchst nichts für uns herzurichten, das ist nichts mehr für dich, wir machen das schon, das haben sie mir am Telefon gesagt, und das stimmt wohl. Ich sehe sehr schlecht, und meine Hüfte lässt mich nur noch selten in Ruhe. Das Laufen ist schwer, und einige Male musste ich schon meinen Sohn anrufen, weil ich nicht aus dem Bett kam.
Dabei bin ich zufrieden: ich weiß, dass ich wohl nicht mehr lange leben werde, aber so ist nun einmal die Natur. Ich hatte doch alles, sage ich manchmal zu den Kindern. Ich hatte doch alles, ich habe ein paar gute Kinder, ich durfte eine wundervolle Frau lieben, mein Beruf hat mir manchmal Freude bereitet, und Schmerzen habe ich auch keine.
Einmal entgegnete Nikola darauf, dass mein Leben schon schwer gewesen sein: mit dem Krieg und der schwierigen Zeit danach und dem toten Sohn.
Ich glaube, ich verstehe, warum sie so denkt: aber ich würde mich nie über all die Dinge beschweren, die geschehen sind. Dabei bin ich nicht besonders duldsam, mitnichten. Und doch erscheint mir alles, alles, was nach dem Krieg geschehen ist, als erduldbar. Der Anfang nach dem Krieg war schlimm, manchmal wusste ich nicht, woher ich das Brot für die Kinder nehmen sollte: Wir besaßen oft nicht viel und immer gab es mehr zu tun, als Zeit da war. Einen Sohn musste ich zu Grabe tragen: meine Frau beerdigen. Und doch erschien mir  jeder Tag wie ein Segen. Natürlich war ich nicht immer glücklich. Das Leben hält für jeden den ein oder anderen Schicksalsschlag bereit, ohne dass man etwas dagegen tun könnte; Es gab sicher Zeiten, in denen ich trauerte.
Aber niemals, nie habe ich das Schicksal dafür verflucht oder mit meinem gehadert. Vielleicht sollte ich sogar für den Krieg dankbar sein, den ich miterlebte: Manchmal ruft eins meiner Kinder an, und dann erzählen sie mir von den Widrigkeiten, von den kleinen Problemen des Alltags. Meist sage ich nichts dazu, aber manchmal kann ich nicht anders. Die Anja ist also schlecht in der Schule, antwortete ich etwa einmal, ist sie denn gesund? Ja, sie ist gesund. Und seid ihr denn gesund? Ja, sie sind gesund.
Ich versuche immer, solche Gespräche zu vermeiden. Meine Kinder und erst recht meine Enkel können nicht wirklich verstehen, was ich damit meine. Für sie ist es eben erschütternd, wenn das Kind mit zwei Sechsern nach Hause kommt, für mich aber ist es ein Umstand, nur ein Umstand und keine Katastrophe.
Selbstredend würde ich meinen Kindern auch nicht wünschen, es zu verstehen. Denn dazu müsste es wieder so werden, wie es in meiner Jugend war, und das kann kein Mensch wollen, der es einmal erlebt hat. Es wäre vielleicht schön, wenn sie das ganz normale Leben als so befriedigend empfinden könnten wie ich, aber der Preis dafür wäre zu hoch.
Sie hören es nicht gerne, weil ich wohl oft davon erzähle (zu oft, ihrer Meinung nach), aber ich wurde 42 eingezogen, im September. Die zwei Jahre, in denen ich Soldat war, sind in meiner Erinnerung ebenso klar wie meine Kindheit. Ich denke oft daran, dass geht wohl vielen aus dieser Zeit so.
Wie viele andere habe ich das Elend gesehen und den Tod. Das Kämpfen und Sterben in Kälte, Dreck und Ausweglosigkeit. Ich habe auch gesehen, was von den Menschen bleibt, wenn man ihnen alles nimmt: Die Gesundheit, die Kleidung, die Erinnerung, den Verstand. Ich habe gesehen, dass sie selbst dann Mensch bleiben, wenn sie kaum noch mehr sind als ein wimmerndes Häuflein Schmutz und Fleisch: dass im Kern dessen, was wir einen Mensch nennen, nicht mehr ist als die Gnade der anderen. In den Jahren 42 und 43 musste ich oft erleben, wie man diesen Kern auslöschte: man konnte ihn nicht erschießen, man konnte ihn nicht in die Luft jagen. Es reichte, ihn zu vergessen.
Als ich schließlich heimkehrte, da ging es mir nicht anders als den meisten. Ich wollte endlich leben, eine Familie gründen, einfach nur leben. Doch ich habe es nie vergessen, und vielleicht scheint mir deshalb alles so leicht, was nach dem Krieg kam: meine Frau starb nach langer Krankheit, und auch der Unfall meines Sohnes führte mir den Tod wieder vor Augen. Aber nie wieder sah ich, wie dieser Kern, dieses etwas, das alles zusammenhalten muss, verschwand, und diesen Segen können wohl nicht alle Menschen verstehen: meine Kindern nennen es wohl manchmal hinter vorgehaltener Hand ein ‘Trauma’. Ich nenne es Demut.

Eindrücke

Diesen Artikel drucken 5. Mai 2009

Die Tür geht auf, sie kommen herein – ein altes Ehepaar, zusammen sicher 170 Jahre. Fröhlich plappernd führt sie ihn zu seinem Platz im überfüllten Zug, der Stock klappert, der Gang ist unsicher, er will sich nicht setzen -
Sie soll sich doch sitzen, sie, nicht er selbst.
Geduldig erklärt sie ihm, dass sie doch stehen wolle, dass sie doch unbedingt stehen wolle. Nach einigen Sekunden fügt er sich, nicht mürrisch, sondern wie jemand, der weiß, dass der andere ihm kein Übel will. Dennoch fragt er nach, wieder und wieder, will sie sich nicht doch setzen, einige der Fahrgäste bieten der alten Dame ihren Platz an. Nein nein, sie wolle ja stehen, winkt sie ab und hält sich weiter an der Schulter ihres gebrechlichen Mannes fest. Er stellt auch andere Fragen; er fragt, wohin sie fahren (das habe er vergessen), ob sie schon an x vorbei sein, und ruhig und geduldig antwortet ihm seine Frau. In seinem fröhlichen, freundlichen Gesicht steht so etwas wie eine lausbubenhafte Amüsiertheit, und nur manchmal blitzt eine Unsicherheit in seinen Augen auf, vielleicht wegen der meist jungen, lauten Passagiere, vielleicht ob der eigenen Orientierung, ich weiß es nicht, kann es in den kurzen Momenten, in denen ich herüberblicke, nicht erkennen. Einmal noch stellt er seine Frage, sie antwortet wieder, fast stoisch, aber mit heiterer Stimme, doch diesmal folgt ein
“Glaubst du mir das nicht?”, mit einem Ton, nur eine Nuance anders, und er sieht sie an und schweigt.
Aber es ist egal, ob sie das immer sagt, wenn er etwas vergessen hat, es spielt auch keine Rolle mehr, dass sie ihn später zur Toilette führen wird und dass sie die ganze Fahrt über die Schulter ihres Ehemannes umklammert halten wird, denn ich sehe und höre es nur noch aus der Ferne, vor meinem Auge hat sich schon etwas anderes niedergesetzt. Ich sehe es schärfer und klarer als all die Menschen im stickigen Zugabteil, wie eine Messerspitze direkt vor dem Auge oder einen Krebs unter dem Mikroskop, kann den Blick nicht mehr abwenden.
Ich sehe zwei junge Menschen, die sich sehr nah sind, und ich sehe ein Versprechen (ihr beider Versprechen), und ich sehe Jahre um Jahre um Jahre, ich sehe und Glück und Leid im Strom der Bilder, sehe Kinder, junge Kinder, alte Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder, und ich sehe Angst und Wut und ein Versprechen, das gehalten hat.
Und ich sehe einen Mann, alt und zerbrechlich, manchmal trübe, immer noch zu Späßen aufgelegt, der manchmal nicht mehr kann wie er will (was er will), der manchmal nicht mehr aus dem Bett kommt, ohne dass sie hilft und der das alles manchmal weiß, wenn er morgens so da liegt und dann glaubt, seinen Teil des Versprechens nicht mehr zu füllen.
Der dann wütend ist auf sich selbst, der trotz seines gutmütigen Wesens manchmal seine dürren Beine hasst oder  seinen alten Kopf, und der zum Ausgleich dann wenigstens manchmal noch morgens den Kaffee bereiten will, während sie noch im Bette liegt.
Aus der Ferne sehe ich sie vor der Zugtoilette stehen, mit skeptischem Blick und unruhigen Füßen, und schon sehe ich diese Frau direkt vor mir, wie sie morgens manchmal in ihrem Bett sitzt, aufrecht und lauschend, mit ängstlichen Augen und es ihn doch machen lässt, trotz der Angst, trotz der Bedenken, weil sie weiß, dass er das braucht.
Eindrücke sind nur im Nachhinein schön oder hässlich, kitschig oder subtil; all das macht nur die Rückschau. Wenn man sie hat, dann sind sie nur das, was das Wort schon sagt; ein Druck, eine Gewalt, etwas, dem du dich nicht entziehen kannst. Du hast keinen Eindruck. Er hat dich.

Vater und Mutter

Diesen Artikel drucken 22. April 2009

Sie bemerkten das Klopfen nur, weil der Sturm eine kleine Pause einlegte, der das kleine Haus schon seit Stunden schüttelte und immer wieder bedrohlich laut aufstöhnen ließ. Und zunächst hielten sie das Geräusch auch für eine Täuschung, oder für Einbildung; als sie es aber erneut hörten, leise, aber deutlich, stand der Vater doch von dem Stuhl auf, auf dem er in der kerzenerleuchtenden Stube hockte, und ging langsam zur Türe. Besucher kamen selten, erst recht in dieser längsten Nacht des Jahres, die hier oben im Norden doch fast drei Tage andauerte, und so verrieten seine langsamen Schritte  auch ein gewisses Misstrauen.
Als er die Tür schließlich einen Spalt öffnete, schlug der Sturm einmal mehr zu und hob das schwere Holz fast aus den Angeln: Mit Mühe hielt der Vater die Lade fest und erblickte in dem Schneetreiben, das in die warme Hütte hineindrängte, die kümmerliche Gestalt, die für das Klopfen verantwortlich gewesen sein musste, fast nackt auf der Türschwelle liegen, Arme und Beine fast schon im Schnee begraben.
Als sie es hineinbrachten, waren sie sich sicher, dass das Kind im Sterben lag. Eiskalt war es, und seine Lippen waren blau, schienen fast gefroren zu sein. Die Mutter weinte; der Vater herrschte sie an, mehr um sie zu beruhigen, trug den Knaben in die Stube und ließ sie die beiden Kinder, die ängstlich in ihren Ecken kauerten, in ihre Betten bringen: sie sollten den beinahe toten Jungen nicht sehen. Er legte den Knaben auf dem großen Sessel ab, auf dem er zuvor gesessen hatte, und zog eine Decke hinter dem lodernden Ofen hervor, um sie über ihn zu legen. Einen Moment lang betrachtete er den Jungen, sprach ihn mehrmals an; die Augen des Knaben waren geöffnet, aber er schien nicht bei Sinnen zu sein. Der Vater horchte an seiner Brust: Der Atem war flach, aber regelmäßig, als würde der Junge schlafen.
Die Mutter, die die Kinder unter hastigen, aber liebevollen Worten in ihre Betten gebracht hatte, kehrte mit einigen heißen Tüchern und dem großen Wasserkessel zurück. Ihr Mann blickte sie prüfend an, dann verließ er den Raum, um die Tür zu schließen, die immer noch den kalten Sturmwind hineinließ. Kurz sah er nach draußen, doch er sah niemanden, keine Menschenseele, die mit dem Kind durch die Nacht gewandert war. Nicht einmal die Fußspuren des Jungen konnte er sehen, der Schnee hatte sie wieder bedeckt.
Als er in die Stube zurückkehrte, wickelte die Mutter den Knaben leise weinend in die heißen Tücher. Der Kessel mit dem Wasser hing bereits über dem Ofen. Der Mann strich der Mutter sanft über den Kopf, deutete ihr, sich zu beruhigen. Sie setzten sich auf die Kante des Sessels; die Mutter strich dem Knaben stumm über das Gesicht, das immer noch eiskalt war. Der Vater betrachtete die bläuliche Gestalt; auch in seinem Gesicht stand eine tiefe Betroffenheit. Eine halbe Stunde saßen sie dort so; einmal stand der Vater auf, um etwas Holz nachzulegen, ein weiteres Mal, um eine neue Kerze anzuzünden, und viele Male horchten sie an der Brust des Jungen. Aber sein Atem blieb, wenn er auch unter dem Geräusch des Sturmes schwer zu hören, regelmäßg; er starb nicht. Im warmen Licht der Kerzen schien sogar sein Gesicht langsam wieder etwas Farbe anzunehmen. Schließlich hörten sie, zunächst vom Wind verschluckt, sein leises Wimmern. Inzwischen war das Wasser in dem Kessel heiß genug geworden, um den Knaben mit weiteren Wickeln zu versorgen; die große Tonne, in der die Familie im Sommer badete, stand draußen und war sicher schneegefüllt, so dass sie den Junge nicht baden konnten. Als die Mutter ihm ein neues, heißes Tuch auf die Stirn legte, stöhnte er leise, und seine Augen bewegten sich für einen Moment, ohne eine bestimmte Richtung zu suchen. Wieder sprach der Vater den Jungen an, tätschelte seine Wangen, einmal, zweimal. Es dauerte einige Minuten, bis sein Blick das Gesicht des Vaters festhalten konnte; immer wieder fragte ihn der Vater, was geschehen sei, wo er herkomme, wie sein Name sei.
Als die Lippen des Jungen sich schließlich bewegten, hatte der Wind gerade nachgelassen; andernfalls hätten sie seine dünnliche, fast brechende Stimme kaum hören können. Seine Augen hielten sich, beinahe wie im Krampf, an dem Vater fest; kein einziges Mal sah er die Mutter an. Sonne, sagte er leise und immer wieder, Sonne, Sonne, Sonne. Sein Retter glaubte wohl, er sei noch im Traume oder im Wahn, und gab ihm einen leichten Klaps auf die Wange: seine Frau griff augenblicklich nach der großen, groben Hand und sah ihn fest und böse an.
Doch der Klaps schien das Kind wirklich geweckt zu haben: es blickte sich um, bewegte sogar den Kopf, um das Innere des kleinen Raums in Augenschein zu nehmen. Lange blickte es in das Feuer, das in der Ecke des Zimmers brannte: seine Augen leuchteten, als es hineinsah, und für einen Moment sah man nicht, ob es die Augen selbst waren oder doch nur die Spiegelung des Feuers. Noch einmal stellte der Vater seine Fragen; das Kind wand ihm den Kopf zu, dachte wohl einige Momente über die richtigen Antworten nach. Ich lief, sagte es schließlich, wo ist meine Mutter, wo ist meine Mutter? Es wiederholte seine Frage, seine Stimme wurde leiser, und schließlich wurde sie wieder zu dem leisen Wimmern.
Der Vater versuchte, es zu beruhigen, erklärte ihm, dass sie seine Mutter sicher finden würden, fragte es wieder, woher es käme, woher er denn in dieser langen Nacht gekommen sei, nur solle es sich doch beruhigen, es sei hier erst einmal in Sicherheit. Der Knabe versuchte, sich aufzurichten, bis die Hand der Vaters es daran hinderte. Mit unruhigem Blick sah es die beiden an, sie wussten doch nichts davon, sie wussten es doch nicht, stammelte es schließlich, versuchte sich wieder aufzurichten, begann beinahe gegen den leichten Druck zu kämpfen, mit dem der Vater seinen Oberkörper auf dem Sessel hielt, bis die Mutter es leise ansprach und ihm deutete, dass jetzt alles gut sei. Für einen Moment sah der Junge die Mutter ganz starr an, als ob er sie zu erkennen versuchte, dann begann er zu krampfen; das Kind schüttelte sich, die kleinen Arme und Beine bewegten sich hektisch und unkontrolliert, und der Vater brauchte viel Kraft, um es auf dem Sessel zu halten. Draußen heulte und brauste der Sturm wieder auf, ließ die kleine, vom Schnee fast blinde Scheibe, durch die man im Sommer den nahen See sehen konnte, schwer in ihrem Rahmen zittern. Die Mutter kreischte auf, aber das ging im Geräusch des Windes unter, während der Vater weiter mit dem zuckenden Körper kämpfte. Mehr aus Hilflosigkeit schrie er sie an, das Riechsalz aus der Küche zu holen, und sie sprang auf um es zu holen, während die Wände des kleinen Hauses sich merklich bewegten, unter einem grässlichen Ächzen hin und her schwankten. Als sie zurückkam, schien sich der Krampf schon ein wenig gelegt zu haben; zu ihrer Beruhigung wurde auf der Sturm wieder etwas leiser, schickte nur noch schwache Böen gegen das Haus. Der Knabe zuckte noch von Zeit zu Zeit; aber offenbar war er wieder wach. Er starrte den Vater an, zunächst feindselig, dann ängstlich, schließlich wurde sein Ausdruck wieder freundlich, als wäre er aus einem Traum erwacht. Entsetzt von dem Geschehenen hielt der Vater ihn nur fest, so vorsichtig und sanft er es eben konnte; dann sprach der Junge wieder. Der Vater war der, der die Dunkelheit bringt und den Schnee; aber ich bin nicht sein Kind. Die Mutter war die, die das Licht bringt und alles Warme; aber ich bin nicht ihr Kind. Als sie die Worte hörte, legte die Mutter ihr Gesicht tief in Falten; ihr Mann griff nach ihrer Hand, um sie beruhigen. Der Knabe hätte wohl weiter gesprochen, ohne dass die beiden im Raum etwas verstanden hätten, wenn ihn nicht ein weiterer Krampf  geschüttelt hätte; wieder nahm der Sturm an Stärke zu, doch diesmal wurde er von den Geräuschen übertönt, die von dem Jungen aufstiegen, einem Würgen und Spucken tief in der Kehle, lauter, als man es bei einem solch kleinen Körper glauben würde. Ohne ein Wort des Vaters griff die Mutter nach dem großen Eimer, der unter einem Schemel in der Stube stand, doch als sie dem Knaben das Gefäß hinhalten konnte, hatte er schon große Brocken klebrigen Schnees erbrochen. Fassungslos sahen die beiden Älteren zu, wie das Kind immer wieder unter dem Aufheulen des Sturms und einem quälend tiefen Laut des Würgens Schneeballen herausbrachte; der Eimer war fast gefüllt, als es schließlich erschöpft in den Sessel zurückfiel. Die beiden sagten nichts zu ihm; kein Wort der Beruhigung fiel ihnen ein. Sie sahen sich nicht einmal an. Für einen Moment schloss der Knabe die Augen, schien sich zu entspannen. Schließlich war es die Mutter, die den Knaben ansprach und nach der Geschichte fragte, die er zu erzählen begonnen hatte: ihre Stimme zitterte dabei. Zunächst schien es, als hätte er sie nicht gehört; doch dann antwortete der Knabe, ohne die Augen zu öffnen.
Mutter und Vater hatten drei Kinder; doch nur zwei kamen zur Welt, Bruder und Schwester. Doch man sagte es ihnen nicht; sie konnten es doch nicht wissen. Das Gesetz befahl es.

Der Vater deutete seiner Frau, nicht weiter nachzufragen, um das Kind mit seiner wirren Erzählung nicht weiter aufzuregen, aber das Kind sprach von alleine weiter, mit ruhiger, fast schläfriger Stimme.
Die Tochter sollte im Reich der Mutter leben und nur dort; Der Sohn nur im Reich des Vaters und nur dort. Deshalb sind sie nach Norden gegangen, wo das Reich der Mutter und des Vaters länger währen. Sie wussten nicht davon; man sagte ihnen nicht, wessen Kinder sie waren. Das Gesetz befahl es.
Der Knabe öffnete die Augen, griff nach der Hand der Mutter, die sich wieder auf den Sessel gesetzt hatte; ihr Gesicht war kreidebleich geworden, war sie sich doch sicher, dass der Junge sterben würde und nur noch im Wahn zu ihnen sprach. Einen Moment schien das Kind zu prüfen, ob die Hand der Mutter warm genug war oder vielleicht, ob sie zu warm war, dann zog es die Mutter heran und legte die schlanke Hand auf die eigene Wange. Der Vater lockerte den Arm, mit dem er den Knaben auf dem Sessel gehalten hatte, und legte den anderen beschwichtigend auf die Schulter seiner Frau. Der Blick des Kindes verfinsterte sich schlagartig, und so etwas wie Hass blitzte urplötzlich darin auf; die Mutter deutete ihrem Mann mit der Schulter, den Arm zu entfernen: er tat es, doch es war schon zu spät; der Sturm donnerte, stärker als jemals zuvor, gegen das kleine Haus, und trotz der großen Statur des Vaters hatte er dieses Mal größte Mühe, den kräftigen kleinen Körper zu bändigen. Ein Ruck hob das Dach merklich an, und weiter hinten im Haus schrien die Kinder, unter ihren Betten liegend, aber das hörten die Eltern nicht. Sie sahen gebannt zu, wie der Knabe wieder Schnee erbrach, Schnee in solchen Mengen, dass sie einen zweiten Eimer holen musste. Schließlich beruhigten sich die beiden, Sturm und Kind, wieder, und der Junge fiel erschöpft zurück auf sein Lager. Der Vater hielt den Oberkörper des Jungen fest mit beiden Armen umklammert und lockerte seinen Griff nur wenig, als dieser wieder zu sprechen begann. Die Mutter strich dem Knaben sanft über die Stirn und sah ihn zweifelnd, aber mitleidig an: Beide bemühten sich, einander nicht zu berühren oder auch nur anzusehen.
Sohn und Tochter aber trafen sich, nachdem sich ihre Eltern längst für immer Lebewohl gesagt hatten. An zwei Tagen im Jahr konnten sie einander besuchen; sie wussten es doch nicht, das Gesetz hatte es bestimmt. Es war nicht ihre Schuld, dass man es ihnen nicht gesagt hatte. Bruder und Schwester erkannten sich nicht; wohl aber liebten sie einander. Bruder und Schwester bekamen einen Schandkind; des Gesetzes wegen bekam es keinen Namen und war nirgendwo zu Hause. Seiner Abstammung wegen kann es weder im Reich des Großvaters noch in dem der Großmutter leben; es lebt im Schnee und friert; es lebt in der Sonne und verbrennt.
Als der Junge seinen Satz beendet hatte, wirkte er wieder völlig klar. Er blickte kurz zu dem Vater, der ihn immer noch hielt, halb abwehrend, halb beschützend, dann zu der Mutter, deren Hand immer noch über seine Stirn strich. Die beiden sahen einander nicht an, sondern nur den Jungen; zu leicht hätte ein weiterer Krampf das Haus zerstören können. Einige Minuten war alles still: nur das leiser gewordene Rauschen des Windes war zu hören. Schließlich fragte die Mutter, halb über die eigene Frage zweifelnd, halb ängstlich, was man für das Kind aus der Geschichte tun könne.
Der Knabe schien nicht lange überlegen zu müssen; dennoch sah er die Mutter einige Minuten an, bevor er antwortete. Er schien in ihrem Gesicht etwas zu suchen, und als er es gefunden hatte, antwortete er schließlich. Das Kind leidet, es wird immer leiden; seine Abstammung ist unrein, und es wird nie einen Namen tragen. In der Dunkelheit friert und zittert es, und seine Eingeweide hassen die Kälte: In der Sonne aber wird seine Haut schwarz und dünn: sein Fleisch verbrennt. Am Tag vermisst es den Vater, der ihn zeugte; in der Nacht aber vermisst es die Mutter, die ihm sein Halbleben schenkte.
Der Knabe schaute die Mutter der beiden Kinder, die im Nebenzimmer unter ihren Betten lagen und wimmerten, streng an, als müsste sie jetzt verstehen. So saßen die drei dort einige Minuten und nichts geschah. Der Wind nahm wieder etwas zu, dann wieder etwas ab; die alten Dielen knarrten. Das Holz im Ofen knisterte.
Schließlich stand der Vater ohne eine Wort auf. Das Paar sah sich nicht an, sie sprachen nicht. Der Vater stand nur auf, ging in das Hinterzimmer, in dem die Kinder inzwischen vor lauter Erschöpfung unter den Betten liegend eingeschlafen waren, und schloss die Tür hinter sich.
Die Mutter dagegen deutete dem Junge, ein wenig auf die Seite zu rücken, und legte sich neben ihn: Der Knabe blieb stumm, aber in seinen Augen funkelte so etwas wie eine schläfrige Zufriedenheit.
Als der Vater einige Stunden später die ersten Sonnenstrahlen nach der langen Polarnacht sah, die durch die winzigen Ritzen in den Dielen schienen, ging er wieder hinüber in die Stube. Der Ofen war fast aus; ansonsten war alles so, wie es in der Nacht gewesen war. Auf dem großen Sessel fand er seine Frau vor, schlafend. Von dem Jungen war keine Spur geblieben. Nichts abgesehen von dem kalten Wasser in zwei Eimern.


Die Krise und die Angst

Diesen Artikel drucken 31. März 2009

Johannes B. starb an einem sonnigen Tag im Mai. An sich wäre das nichts besonderes gewesen. Viele Männer in diesem Alter sterben an einem Herzinfarkt, vor allem solche, deren Beruf und Lebenswandel so anstrengend und stressig ist. Man könnte daher meinen, das ganze sei kaum eine Fußnote wert gewesen; eine Todesanzeige in der Lokalzeitung, eine Danksagung nach der Beisetzung, das sei alles. Aber ganz so einfach war es nicht. Denn zum einen war Johannes B. der Vorstandschef einer großen deutschen Bank, und zum anderen war da die Wirtschaftskrise. Und nicht irgendeine, sondern eine , deren Ausmaße so gigantisch waren, dass die Presse gar nicht mehr aufhören konnte, davon zu berichten: Nicht einmal nach fast zwei Jahren gingen den Journalisten die Hiobsbotschaften aus. Jeden Tag gab es neue Konkurse, neue Dax-Tiefststände, und natürlich gab es auch jeden Tag Berichte über die Verantwortlichen: bei diesen handelte es sich, so waren sich die meisten Menschen einig, beinahe ausschließlich um Manager. Es waren Manager, die einen Finanzmarkt aufgebaut hatten, der mehr auf frommen Wünsche basierte denn auf realen Werten; und zu allem Überfluss waren es auch noch Manager, die wieder und wieder Prämien einstrichen, die Schuld weit von sich wiesen oder durch die schlichte Weigerung zurückzutreten, den Zorn der Bevölkerung auf sich zogen. Natürlich hatte auch die Politik einen gravierenden Anteil an der Situation, aber bisher hatten es die Regierenden irgendwie geschafft, sich aus der Schusslinie herauszuhalten: die so genannten Leistungsträger machten keine Anstalten, sich gegen die Vorwürfe zur Wehr zu setzen, und damit hatte man einen perfekten Sündenbock, der zusätzlich ja auch tatsächlich wenigstens teilweise schuldig war.
Vorsichtshalber hatte man schon vor offenem Hass, ja gar vor offenen Gewaltausbrüchen gegen die gescholtene Riege der so genannten Leistungsträger gewarnt: nicht, dass es dazu einen Grund gegeben hätte, aber wenigstens einige Journalisten schienen sich genötigt zu sehen, alte Schulfreunde oder aktuelle Duzfreunde in dieser Weise zu verteidigen.

Nun, um den weiteren Verlauf der Ereignisse zu verstehen, muss man ein wenig in die Welt der Massenmedien abtauchen. Krisen bringen einen stetigen Fluss von Nachrichten, soviel wurde schon gesagt. Aber, und das muss auch bemerkt werden, der Konsument neigt leider zu Abnutzungserscheinungen; wird ein Thema ständig wiederholt, ist es immer das gleiche Ereignis, über das man Tag für Tag berichtet, so schaltet der Konsument irgendwann ab oder liest nicht mehr weiter. Und das ist natürlich nicht gewünscht; schließlich will man etwas verkaufen. Es bleibt also nichts übrig, als andere Themen zu finden; oder neue Aspekte von alten. Am besten ist natürlich ein handfester Skandal, etwas, was die Menschen aufrüttelt.
Von diesem Gedanken ausgehend braucht es nicht viel Fantasie, um das folgende zu verstehen: Ein kleiner Reporter, angestellt bei einer großen deutschen Tageszeitung, las die Agenturmeldung über den Tod des Johannes B. Und was ihm auffiel, dass war das Fehlen einer genauen Todesursache. Die inhaltsleere Agenturmeldung berichtete lediglich, die Umstände seines Todes würden geprüft. Die Idee ist nicht sonderlich kreativ, und der Leser kann sich selbst ausmalen, welche kreative Schaffenskraft nötig war, um darauf zu kommen; in jedem Fall konnte man am nächsten Tag in ebendieser Tageszeitung eine große, schwarze Schlagzeile lesen:

“B. tot! Kommt jetzt die Rache des Volkes?”

In der Tat war zunächst nicht klar, woran genau Johannes B. gestorben: Der Umstand, das sich die Familie in den folgenden Wochen mit Äußerungen dazu betont zurückhielt, heizte die Gerüchte zusätzlich an, und so mancher Journalist war froh darüber, dass niemand sich dazu äußern wollte. Die Medien taten, was sie gut konnten; sie schrieben voneinander ab, fanden dubiose Zeugen, sogar ein angebliches Phantombild eines möglichen Täters, das aber Johannes B. selbst sehr ähnlich sah. Schon am zweiten Tag der Kampagne waren es nicht mehr Fragen, die die Schlagzeilen dominierten; vom “Giftmord” war die Rede, vom “wütenden Mob”, sogar von der “bedrohten Demokratie”.

Am dritten Tag berichteten große deutsche Magazine in ihren wöchentlichen Ausgaben über den Tod von Johannes B., der nun abwechselnd als “die Volksverschwörung”, “die Giftattacke” oder “der Racheakt” tituliert wurde. Die Polizei kam nicht umhin, in Pressekonferenzen von “mysteriösen Umständen” und “ungeklärten Fragen” zu sprechen: man hatte zwar nicht den geringsten Hinweis auf  einen Tötungsdelikt gefunden, aber zum einen stand man unter dem Druck der Medien, zum anderen unter dem der Familie, die auf jeden Fall verhindern wollte, dass Informationen über B.s langjährige und ausschweifende Drogenkarriere nach außen drangen.

Natürlich konnte auch so ein Skandal die Medien nicht lange beschäftigen: irgendwann mussten also Antworten her. Diese lieferte Gott Sei Dank – wie so oft – eine kleine Gruppe politischer Wirrköpfe, die sich schließlich zur Tötung des B. bekannte. In einer sprachlich betont an die RAF angelehnten Erklärung übernahm sie die volle Verantwortung für die Ermordung des “Faschisten” Johannes B. Das Bekennerschreiben wurde nur per Mail an einige Fernsehsender und Zeitungen versandt und schlug ein wie eine Bombe. Die großen Programme unterbrachen ihre Unterhaltungssendungen; auf den Nachrichtensender wurde der Inhalt und Stil der Mitteiligung stundenlang analysiert: die Rechtschreibfehler, die das Original enthielt, hatte man natürlich korrigiert. Die Absender konnten trotz intensiver Bemühungen nicht ermittelt werden. Die Gruppe, die sich “Roter Sand” nannte, tauchte in den folgenden Tagen dennoch immer wieder in den Medien auf: Mal war es ein Graffiti unklarer Herkunft oder Bedeutung in der Nähe des Wohnorts von Familie B., welches die Aufmerksamkeit der Medienvertreter auf sich zog, mal war es ein Freund und Arbeitskollege des B., der sich von “seltsamen Menschen” bedroht fühlte, die “seit Wochen” um sein Haus schlichen, aber natürlich immer nur nachts und immer nur dann, wenn kein Streifenwagen in der Nähe war.

Währenddessen bemühte sich die Politik, einen Ausweg aus der eigenen, ganz speziellen Misere zu finden: Einerseits sah man sich gezwungen, hart gegen Gewaltakte wie den gegen Johannes B. vorzugehen. Andererseits gab es, so wussten die Meinungsforschungsinstitute zu berichten, einen nicht gerade kleinen Teil der Bevölkerung, der entweder mit “Roter Sand” sympathisierte oder doch wenigstens eine Form von Verständnis für die Gruppe aufbringen konnte. Harte Maßnahmen hätten viele Wähler verprellt, und das vor einer Bundestagswahl. Also beließ man es – vorerst – mit autoritären Ankündigungen, ohne diese umzusetzen.

Am siebten Tag der Kampagne schließlich hatten die Medienvertreter wieder Glück: die meist etwas an den Haaren herbeigezogenen Indizien, anhand derer man das Wirken von Roter Sand dokumentiert hatte, verdichteten sich. Eine Gruppe von Jugendlichen, die in der Haft später als “autonome Zelle Eins” bezeichnet wurden, beschmierte in der Nacht den Wagen des Vorstands eines Chemiekonzerns im Namen von Roter Sand. Die jungen Männer, die sich nach einer Kneipentour diesen bösen Scherz erlaubt hatten, wurden noch in der Nacht von einem Sondereinsatzkommando festgesetzt. Die Einsatzkräfte waren selbst durch die Berichterstattung derart aufgeheizt, dass es zu einer Schießerei kam, bei der aber glücklicherweise (oder, je nach Standpunkt: leider) niemand zu Schaden kam. Am nächsten Morgen konnte man in der Presse die Gesichter der vermeintlichen Terroristen begutachten. Es handelte sich um drei Schüler im Alter zwischen 18 und 19 Jahren, die weniger mit Terrorismus als vielmehr mit ihrem Abitur zu tun hatten, jedoch dauerte es einige Tage, bis das Bundeskriminalamt dies der Öffentlichkeit zumindest sehr vorsichtig zu Bedenken gab, und bis dahin hatte es genug andere “Anschläge” gegeben, die die Presse vermarkten konnten. Meist handelte es sich um Schmierereien, in zwei Fällen zündeten Unbekannte Autos oder Mülltonnen an: alles in allem waren es Geschehnisse, die kaum Aufmerksamkeit erregt hätten, wenn die Kampagne die wahnwitzige Vision eines zweiten deutschen Herbstes nicht so erfolgreich verbreitet hätte. Inzwischen wussten auch die meisten Journalisten nicht mehr, dass sie ursprünglich nur einer Ente aufgesessen waren: nicht, dass sie das gestört hätte, aber in der Tat waren die Dinge so verworren geworden, dass sich kaum jemand noch erinnerte. Auch als die Familie von Johannes B., wohl in einem letzten Versuch, die Dinge richtigzustellen,  zugab, dass Johannes B. der Obduktion nach an einer Überdosis Kokain gestorben war, änderte das nichts mehr an der Situation. Manche Medienvertreter ignorierten diese Pressekonferenz schlicht, andere witterten eine Verschwörung. Die Theorie war simpel; da die Situation immer mehr der Kontrolle der Politik entglitt, versuchte man den Tod von Johannes B. kleinzureden, zum einen, um Trittbrettfahrer zu verunsichern, zum anderen, um das Interesse der Medien auf andere Themen zu lenken. Das nun auch die Politik vermehrt von einem “großen Missverständnis” sprach und von “nicht zusammenhängenden Ereignissen”, die falsch bewertet worden seien, stärkte diese Position eher.

Schließlich fand sich sogar eine Gruppe von Linksintellektuellen, die zwischen den unzähligen Zellen von Roter Sand und der Regierung vermitteln wollte. Natürlich hatte nie jemand von ihnen Kontakt zu dieser Gruppe, die meisten der in Geheimdienstmanier ausgetauschten Nachrichten gingen entweder an andere Linksintellektuelle oder kamen nie an. Das störte aber nicht: im Gegenteil, ohne Reaktionen von Seiten der Gruppe Roter Sand war es wesentlich leichter, vermeintliche Forderungen an die Regierenden zu stellen, die hauptsächlich die Entlohnung und Sanktionierung gescheiterter Manager betrafen. Diese wurden selbstredend nicht erfüllt: die Politik verwahrte sich dagegen, mit Terroristen zu verhandeln, nach langem Ringen und einem strengen Blick auf die politische Stimmung im Land wurden einige der Forderungen aber doch umgesetzt, aber natürlich erst einige Zeit später. Jeden Bezug zu den Anschlägen verneinte man selbstredend.

Wenig überraschend war auch die Reaktion der gesellschaftlichen Gruppe, die sich vermeintlich im Fadenkreuz sah. Die Riege der Manager und Vorstände, der man auch schon lange vor dem Tod von Johannes B. unverantwortliches Verhalten vorgeworfen hatte, hatte Angst. Und so berichteten die Medien in den folgenden Monaten kaum noch von zweifelhaften Bonuszahlungen und astronomischen Abfindungen. Dabei hatte natürlich keiner der Betreffenden eine neue Einsicht in gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeit gewonnen. Ein Kommentator drückte es so aus: Eigenverantwortung und moralische Integrität seien natürlich intrinsisch wünschenswert, gerade und vor allem in einer freien Gesellschaft.

Im Zweifel sei blanke Angst aber manchmal deutlich effektiver.

Schattenarchitekt

Diesen Artikel drucken 22. Februar 2009

Jede Maschine, sei sie noch so groß oder klein, besteht aus einzelnen Teilen, denen jeweils eine bestimmte Funktion zukommt. Die kleine Apparaturen, zu deren Bau selbst Menschen fähig sein mögen, bestehen aus Zahnrädern, aus Drähten und Platten, Hebeln und Lämpchen. Andere, kompliziertere, wie etwa diejenigen, die ihr benutzt, ohne sie gebaut zu haben, bestehen selbst aus Menschen.
Auch die gigantische Maschine, die die Welt beständig schafft und erneuert, der Apparat, den ihr nur schemenhaft begreift, mal als schöpferische Natur, mal als einfältigen Gott, besteht aus einzelnen Teilen.
Ihrem ungleich höheren Zweck entsprechend sind ihre einzelnen Bauteile komplizierter als eure einfachen Schwungräder und Scharniere. Auch sind die Elemente der Großen Maschine in sich wiederum aus Teilen zusammengesetzt, und jedes noch so kleine Teil eines Teiles ist größer und komplizierter als jede eurer Maschinen. Jedes einzelne für sich ist sinnlos, ebenso wie eine Feder aus euren mechanischen Uhren allein nichts bedeutet und zu nichts fähig ist, was einem höheren Zweck entspräche: So ist es auch mit uns.

Der SchattenarchitektEines der Elemente der Großen Maschine bin ich, und kein anderer Grund befiehlt meine Existenz. Meine Funktion bestimmt mich wie auch jedes andere Teilchen der Maschine durch seine Funktion bedingt ist; darüber hinaus gibt es nichts zu fragen, auch wenn ihr es vielleicht als unverständlich sehen werdet.
Wir, die Teile der Großen Maschine sind, wurden mit ganz verschiedenen Eigenarten entworfen. Einige von uns etwa füllen die Zeit nach, wenn sie zur Neige zu gehen droht. Andere schöpfen ein wenig ab, wenn zuviel davon in der Welt ist. Wieder andere schieben die Sterne und Planeten durch das All, die größten unter uns gar die Galaxien. In einigen von uns wurde die Fähigkeit angelegt zu erschaffen, in manchen dagegen die zu zerstören.
Ich bin nicht mehr als ein geringes unter der schier unendlichen Zahl der Elemente, auch wenn viele von euch mit meiner Arbeit vertraut sind. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man mir die Kenntnis eurer Sprache eingab. In dieser niederen Sprache, die eure Ohren verstehen können, würdet ihr mich einen Architekten nennen, genauer, den Architekten der Schatten.

Ich allein bin es, der sie entwirft, sie mit all ihren Eigenarten bestimmt und erschafft. Es mag euch verwundern, da ihr meine Schatten nicht einmal zählen könnt, aber ich kenne jeden einzelnen der Myriaden von Schatten beim Namen, und jeder trägt einen anderen. Beinahe meine ganze Zeit verwende ich darauf, sie immer wieder  neu zu formen und zu entwickeln. Mit dem geringen künstlerischen Talent, dass man mir gegeben hat, suche ich die Glorie des Ganzen auch in den Schatten auszudrücken, und auch ich wachse an dieser Aufgabe. So dauerte es Äonen, bis ich verstand, dass es ausschließlich auf den Charakter des Schattens ankommt, nicht auf seine Form oder seine äußere Beschaffenheit. Von meinen frühen Arbeiten ist daher nicht viel geblieben, aber eine könnt ihr vielleicht sehen, wenn euer grelles, künstliches Licht scharf über einer Kante abfällt: Sie stammt noch aus einer Zeit, da es nicht einmal die Sterne gab.

Manche meiner imposantesten Werken werdet ihr nie erblicken, weil eure Sonne verlöschen wird, bevor ihr die Orte auch nur erreichen könntet, an denen ich sie geschaffen haben; aber die subtilsten, die auf die eine oder andere Art eindrucksvollsten meiner Kreationen existieren fast ausschließlich in eurer Nähe. Es gibt keine Regel dafür; es gibt kein Gesetz, das dies so vorschreibt. Aber ich denke, meine Sympathie für euch ist kein Zufall. Nein, man hat es sicher absichtlich so eingerichtet: Und so bin ich meist in eurer Nähe. Mit Leichtigkeit könnte ich die äußersten Bereiche des Universums erkunden. Ich könnte Schatten malen, die von gigantischen toten Sternen geworfen werden oder solche, deren Existenz allein euch schon erschrecken würde. Aber stattdessen verbringe ich so viel Zeit wie möglich damit, die Schatten auf Bahnsteigen zu malen; die Schatten von Butterblumen, von Bergen.

Es ist aus eurer Sicht schon eine lange Zeit vergangen, seit ich euch entdeckte. Schon die ersten von euch hatten dieses besondere an sich, dass ich mir immer nicht zu erklären vermag. Schnell wurde mir klar, dass ihr mir, so primitiv ihr auch seid, in gewisser Weise ähnlich seid: auch ihr versteht etwas von den Schatten; Ich kann es sehen, wenn ihr sie anseht. Aber auch über euch huschen Schatten; manche eurer Gesichter sind voll davon, und in ihrer Art und Verschiedenheit sind sie kaum zu zählen. Einmal fuhr ich in einer eurer Straßenbahn und sah einen alten Mann, der kein zu Hause mehr hatte: nicht weniger als 78 Schatten zählte ich in seinem schlafenden Gesicht, und keiner von ihnen hatte etwas Ordinäres.

So könntet ihr mich manchches Mal beobachten; gern fahre ich in Zügen. Meist sehe ich in die Dunkelheit, beobachte die Silhouette des Zuges. Ich weiß nicht, woher eure Leidenschaft für die Schatten kommt. Meine wurde mir in die Wiege gelegt, bei euch bin mir nicht mehr sicher. Ich beobachte euch gerne: auch wenn ihr so simpel konstruiert seid, auch wenn eure Körper so zerbrechlich sind und euer Verstand so gering, da ist etwas besonderes an euch. Man erwartet von mir nicht, dass ich Fragen stelle, und so besitze ich nicht die Neugier, Fragen zu stellen oder gar nachzuforschen, aber ich denke, eins ist mir inzwischen klar: Ihr seid nicht Teil der Großen Maschine.