{"id":10,"date":"2005-01-25T01:10:14","date_gmt":"2005-01-25T00:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=10"},"modified":"2006-12-11T01:18:47","modified_gmt":"2006-12-11T00:18:47","slug":"dunkler-bunter-regen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/01\/25\/dunkler-bunter-regen\/","title":{"rendered":"Dunkler bunter Regen (1)"},"content":{"rendered":"<p>Gro\u00dfe, schlauchf\u00f6rmige und -vor allem- merkw\u00fcrdig bunte Tropfen.<br \/>\nSie mochte Regen. Aber dies war kein normaler Regen, stellte sie fest.<br \/>\nDie Tropfen str\u00f6mten um sie und durch sie hindurch. Ein Hauch Verwunderung erfasste sie. Kein Schmerz, nur das warme, prickelnde Gef\u00fchl des Regens unter der Haut, ansonsten nichts, nicht mal ein echtes Ich. Sie lie\u00df den Gedanken fallen, er wurde ihr zu schwer, viel zu schwer. Eine Erinnerung durchhuschte den Schauer wie ein fl\u00fcchtiger Bekannter. Ein junges, blondes Kind, ein M\u00e4dchen, das eine schwere Milchkanne wie einen Schatz vor sich her trug, mit offenen, weiten Augen. Gro\u00dfe Tore, durch die die Welt ungehindert Einlass fand.<br \/>\nStunden vergingen, w\u00e4hrend sie im Regen stand und an dieses Kind dachte.<br \/>\nDann fiel ihr auf, dass der Regen zwar bunt, aber trotzdem unsagbar dunkel war, vor dem Auge floh. Sie versuchte ernsthaft, einen klaren Gedanken zu fassen.<br \/>\nZum einen konnte ihrer Meinung nach Regen weder schwarz noch bunt sein. Schon gar nicht beides gleichzeitig. Zumindest glaubte sie das.<br \/>\nZum anderen schien es ihr nicht ganz richtig, dass der Regen durch sie hindurchfloss.<br \/>\nSie kniff die Augen zusammen,  versuchte sich auf den Regen zu konzentrieren.  Sah Schemen dahinter.<br \/>\nDie Konzentration wich wieder. Ihr Kopf schien ein Termitenh\u00fcgel zu sein, dezentral, zerstreut, unf\u00e4hig, sich in eine Richtung zu b\u00fcndeln. Sie versuchte sich zu erinnern, warum das so war.<br \/>\nDieses Mal hatte sie zuviel genommen.<br \/>\nDer Gedanke schnitt durch die wabernden Geistertermiten, verschwand wieder.<br \/>\nEine Stimme hinter dem Regen, sie sang. Sang etwas, dessen Sinn sich ihr nicht erschloss, auch wenn sie sicher war, dass sie die Stimme schon mal geh\u00f6rt hatte.<br \/>\n<span \/><span style=\"font-style: italic\">There\u2019s no beginning there is no end<\/span><br \/>\n<span style=\"font-style: italic\">There is only change<\/span><br \/>\n<span style=\"font-style: italic\">Progression backwards is this where we are heading<\/span><br \/>\n<span style=\"font-style: italic\">Take back your soul forget your emptiness<\/span><\/p>\n<p>Eine zweite Stimme, viel n\u00e4her. Ihre eigene.<br \/>\nEtwas ber\u00fchrte sie am Arm. Wie eine gespannte Feder schnappte ihr Geist zur\u00fcck in die Realit\u00e4t. In die andere Realit\u00e4t, verbesserte sie sich. Eine warme, vertraute Hand, die sich reflexartig wieder um die Welt legte, aus der sie stammte.<br \/>\nSie blickte in helle Augen, in denen sich eine weit entfernte Heimt\u00fccke widerspiegelte, sie l\u00e4chelten scheinbar besorgt.<br \/>\nDer Barkeeper, sie erinnerte sich. Und fand die eigenen Arme auf der Bar wieder.<br \/>\nDiesen Ausdruck, sie kannte ihn genau. Diese Art von Boshaftigkeit, die man erst viel zu sp\u00e4t sah.<br \/>\nBitter l\u00e4chelte sie zur\u00fcck. Solchen Augen hatte sie oft genug vertraut. Mindestens einmal zuviel.<br \/>\nVerkrampft hielten ihre H\u00e4nde ein Glas. Die Kn\u00f6chel traten wei\u00df hervor, als wollten sie m\u00f6glichst viel Abstand zu dem Getr\u00e4nk gewinnen.<br \/>\nDieser Gedanke am\u00fcsierte sie. Bestimmt hatte er etwas in das Glas gemischt. Schlie\u00dflich nahm sie sehr selten zuviel. Kontrolle. Sie hatte es unter Kontrolle.<br \/>\nIhr war klar, dass das nicht stimmte. Aber sie f\u00fchlte sich noch so fern von sich selbst, dass ihr das egal war.<br \/>\nMit einem Nicken drehte sie sich von dem Mann weg. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er sich entt\u00e4uscht ebenfalls abwand.<br \/>\nSie lehnte die Arme vorsichtig an die Theke, achtete darauf, dass die langen \u00c4rmel keine Flecken bekamen oder hoch rutschten. Au\u00dferhalb der Wohnung trug sie immer lange Klamotten, auch im Sommer, immer.<br \/>\nDiesen Platz mochte sie. Von hier aus konnte sie die Tanzfl\u00e4che \u00fcberblicken. Ja, das war der Grund, dachte sie und drehte das Glas langsam in einer Hand. Die Eisw\u00fcrfel darin machten ein Ger\u00e4usch, das sie nur f\u00fchlen konnte.<br \/>\nNicht, dass sie hier oft jemanden sah, den sie nicht kannte. Fremde kamen hier nur selten her. Und wenn, dann hatten sie sich meist aufgrund ihres Zustands in der T\u00fcr geirrt. Aber sie sah gern den anderen zu, wie sie sich am\u00fcsierten. Oder das taten, was sie darunter verstanden, dachte sie grinsend.<br \/>\nSie hob das Glas, roch daran. Ein schwerer Geruch von Kr\u00e4utern stieg ihr in die Nase, wurde aber nach einigen Sekunden von einem leichteren, industriell-chemisch neutralen Geruch verdr\u00e4ngt. Das Grinsen erstarb.<br \/>\nNicht unbedingt die Dinge, die man normalerweise  in ein Glas Cola f\u00fcllte.<br \/>\nSie \u00fcberdachte die Option, sich umzudrehen und irgendetwas zu sagen. Irgendetwas sehr Unfreundliches. Sch\u00fcttelte dann unmerklich den Kopf und trank aus. Er war hartn\u00e4ckig. Jetzt, da ihre Gedankeng\u00e4nge &#8211; ihrem Empfinden nach &#8211; weniger einem arbeitsamen Termitenvolk als mehr oder weniger geraden Linien entsprachen, fiel es ihr wieder ein. In den letzten Wochen hatte er solche Stoffe mehrmals in ihr Glas gesch\u00fcttet.<br \/>\nSie betrachtete die kleinen, luminiszierenden Tropfen am Boden des Glases. Winzige, l\u00e4ngliche Kohlenwasserstoffketten, an denen schwere Sauerstoffatome klebten, auch einige andere, weniger freundliche Toxine. Sie schwangen im Takt der Musik. Ein Freund, nein, ein Bekannter hatte ihr mal gesagt, dass \u00e4hnliche Ketten auch im allerersten Ozean getanzt h\u00e4tten, Bausteine gewesen seien f\u00fcr das erste Leben. Sch\u00f6pfung und Zerst\u00f6rung, so nah beieinander. Der Mensch erk\u00e4mpfe sich den Weg zur\u00fcck in die Ursuppe, hatte er gelacht. Sie wusste, dass dieser Vergleich nicht ganz stimmte, aber sie hatte es sich trotzdem gemerkt.<br \/>\nHeute war er nicht da, der Bekannte. Oder Freund. Ihr Blick schweifte wieder zur Tanzfl\u00e4che. Einige Leute verlie\u00dfen sie gerade, wohl genervt von der Musik. Ein paar der Menschen sahen sie an, nickten ihr zu oder l\u00e4chelten nur wissend.<br \/>\nDas Ger\u00e4usch einer nicht endenden Brandungswelle k\u00fcndigte die R\u00fcckkehr des Regens an. Regen.<br \/>\nSie erinnerte sich an den Jungen aus dem B\u00fcro. Die Polizei, sie h\u00e4tte die Polizei rufen sollen. Was h\u00e4tte sie sagen sollen? Dass sie so eine Ahnung h\u00e4tte?<br \/>\nSie unterdr\u00fcckte den aufkommenden Rausch. Stellte sich vor, wie sie \u00fcber der schwarzen Welle stand, auf einem dunklen Brett dar\u00fcber hinwegritt.<br \/>\nVielleicht war ihm gar nichts geschehen, vielleicht hatte sie sich nur etwas eingebildet. Flashbacks. Sie hatte schon fr\u00fcher welche gehabt.<br \/>\nNein. Irgendetwas in ihr wusste, dass das nicht stimmte. Er war tot, sie wusste es. Sie hatte es zwischen den Buchstaben gelesen. Irgendwo in dem Blau zwischen den Buchstaben. Deshalb war sie ja hergekommen. Um sich zu am\u00fcsieren, um sich abzulenken. Um Luft zu holen in der Gegenwelt, die sie jetzt unterdr\u00fcckte.<br \/>\nIhre Finger glitten hinter ihrem R\u00fccken \u00fcber eine Unebenheit im billigen Holz der Thekenwand. Eine Schnitzerei. Sie dachte daran, wer sie gemacht hatte, sie war ja dabei gewesen. Den Text hatte sie unz\u00e4hlige Male gelesen, w\u00e4hrend sie hier stand, manchmal mit den Augen, jetzt mit den Fingern. <span style=\"font-style: italic\">Death is no option<\/span> hatte er eingeritzt, mit zitternden, schwitzenden H\u00e4nden. Als ob er sich dessen selber versichern m\u00fcsste.<br \/>\nIhre Gedanken fanden wie von selbst zur\u00fcck zu dem Jungen. Sein Credo war das augenscheinlich nicht gewesen, stellte sie ohne Ironie fest. Diese Gef\u00fchlsk\u00e4lte stammte nicht vom Alkohol, dass wusste sie. Sie stammte von dem anderen Zeug, das in dem Glas gewesen war.<br \/>\nWahrscheinlich lag er immer noch in seinem Appartement. Oder wo auch immer er wohnte.<br \/>\nEinen Moment stellte sie sich vor, wie lange sie wohl in ihrer Wohnung liegen w\u00fcrde, bleich, Tablettenschachteln im Kreis um sich. Wie Opfergaben vor einem Altar.<br \/>\nIhre H\u00e4nde fanden wieder die markanten Schnitte im Holz hinter ihr. Eigentlich ein sch\u00f6ner Gedanke, fand sie, dann stie\u00df sie sich von der Wand weg, ging den vertrauten Weg zur Toilette und \u00fcbergab sich.<\/p>\n<p>&#8222;Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Sigmund Freud\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Sigmund_Freud\">Sigmund Freud<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfe, schlauchf\u00f6rmige und -vor allem- merkw\u00fcrdig bunte Tropfen. Sie mochte Regen. Aber dies war kein normaler Regen, stellte sie fest. Die Tropfen str\u00f6mten um sie und durch sie hindurch. Ein Hauch Verwunderung erfasste sie. Kein Schmerz, nur das warme, prickelnde Gef\u00fchl des Regens unter der Haut, ansonsten nichts, nicht mal ein echtes Ich. 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