{"id":103,"date":"2007-08-01T01:54:25","date_gmt":"2007-08-01T00:54:25","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=103"},"modified":"2007-09-06T00:15:45","modified_gmt":"2007-09-05T22:15:45","slug":"single-shot-wach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/08\/01\/single-shot-wach\/","title":{"rendered":"Wach"},"content":{"rendered":"<p>Er vermied Schlaf, wenn er es konnte. Manchmal reichten ihm der Fernseher und viel Kaffee, um sich wachzuhalten, aber seit einer Weile nahm er auch Tabletten. Inzwischen hatten sich tiefe, dunkle Gr\u00e4ben unter seinen Augen gebildet, wie Narben, und einige Arbeitskollegen hatten ihn darauf angesprochen; er hatte irgendeine Begr\u00fcndung genannt, und seitdem hatte ihn niemand mehr gefragt, auch wenn er nicht glaubte, dass sie ihm geglaubt hatten. Er vermutete, die Schatten fielen einfach niemandem mehr auf; ihre Tiefe blieb inzwischen gleich, und an konstante Dinge gew\u00f6hnten sich Menschen schnell.<br \/>\nEr h\u00e4tte viel erkl\u00e4ren m\u00fcssen, h\u00e4tte er den wirklichen Grund f\u00fcr seine \u00fcbern\u00e4chtigten Gesichtsz\u00fcge genannt. Vielleicht h\u00e4tte er einfach sagen k\u00f6nnen, dass er nicht gerne schlief; aber das h\u00e4tte mehr Fragen provoziert, und darauf h\u00e4tte er wieder Antworten finden m\u00fcssen. Tats\u00e4chlich hielten ihn in gewisser Weise seine Tr\u00e4ume vom Schlafen ab, aber auch das war nicht richtig, oder zumindest nicht ganz so einfach, wie es sich zun\u00e4chst darstellte.<br \/>\nNein, es war schon gut gewesen, den anderen irgendeine Begr\u00fcndung zu liefern; es war ohnehin seine Sache, und die anderen h\u00e4tten ihm wom\u00f6glich dumme Ratschl\u00e4ge gegeben oder ihn auch nur merkw\u00fcrdig angesehen. Beides wollte er vermeiden.<br \/>\nMeist sa\u00df er abends einfach allein vor dem Fernseher, im Sessel, und trank noch einen Kaffee. Nat\u00fcrlich war ihm klar, dass er irgendwann schlafen musste, alles andere w\u00e4re unvern\u00fcnftig gewesen; auch konnte er nicht einfach noch mehr Aufputschmittel nehmen. Es w\u00fcrde der Gesundheit schaden.<br \/>\nAber immerhin konnte er entscheiden, wann und wie viel er schlief.<br \/>\nMeist schlief er irgendwann gegen drei ein, in dem Sessel. Sein Bett hatte er schon lange nicht mehr benutzt, es war ihm zutiefst zuwider, und so hatte er eine Tagesdecke darauf gelegt oder gespannt, wie in einem anonymen Hotel, und es seit Monaten nicht mehr anger\u00fchrt. Wenn er es richtig machte, dann schlief er nur drei Stunden und ging nahtlos vom Verfolgen eines Filmes in eine Art Bewusstlosigkeit \u00fcber, aus der er sp\u00e4ter fast erfrischt wieder erwachte. Mit etwas Gl\u00fcck hatte er sogar fast das Gef\u00fchl, den Film mit in den Schlaf zu nehmen, so dass es ihm manchmal schien, als w\u00e4re er die ganze Zeit wach gewesen.<br \/>\nTrotzdem forderte diese Art der Lebensf\u00fchrung nat\u00fcrlich ihren Tribut. Oft war er unkonzentriert oder der ganze Tag erschien ihm wie durch einen dichten Nebel verh\u00fcllt. Seine Arbeitsleistung war dadurch gesunken, aber er glich es durch \u00dcberstunden aus, so dass es niemandem wirklich auffiel. Das war ihm wichtig; aber es war auch ein Gewinn f\u00fcr ihn selbst, weil er weniger Zeit herum bringen musste. Inzwischen hatte er sogar begonnen, am Sonntag zu arbeiten. Man hatte ihm eine Bef\u00f6rderung angeboten, aber die hatte er abgelehnt; er war sich nicht sicher, ob er ein gr\u00f6\u00dferes Arbeitspensum noch bew\u00e4ltigen konnte. Und so liefen alle sieben Tage der Woche etwa gleich ab; gegen sechs erwachte er in seinem Sessel. Dann begab er sich ins Bad, fr\u00fchst\u00fcckte etwas Brot, ging zur Arbeit. Er blieb dort meist bis neun Uhr abends, manchmal auch l\u00e4nger; zu Hause setzte er sich wieder in den Sessel, kochte Kaffee und lie\u00df sich etwas zu Essen bringen.<br \/>\nEs war egal, was danach geschah; wichtig war nur, dass er nicht zu viel schlief, nicht zu fr\u00fch einnickte. Es war auch nicht so wichtig, was er im Fernsehen eigentlich sah. Nur Kitsch mied er. Manchmal sah er schlechte Horrorfilme; ihrem Plot konnte der Geist folgen, ohne dass er d\u00e4mmerig wurde. Oder er sah alte Dokumentationen, Konzerte manchmal. Irgendetwas. Nur Romantik mied er, Familienfilme, Schnulzen.<br \/>\nEr h\u00e4tte zu einem Arzt gehen k\u00f6nnen, aber das tat er nicht. Warum auch, er funktionierte doch.<br \/>\nAu\u00dferdem, was h\u00e4tte er sagen sollen; weder fiel ihm das Schlafen schwer, in der Tat war das sogar ein Teil des Problems. Noch jagten ihn Albtr\u00e4ume. Da waren keine verdr\u00e4ngte Kindheitserinnerungen oder Kriegstraumata, keine schweren Unf\u00e4lle oder unterdr\u00fcckten Gef\u00fchle.<br \/>\nNein, ganz im Gegenteil:<\/p>\n<p>Er tr\u00e4umte &#8211; gar nicht.<\/p>\n<p>Ihm war nicht mehr ganz klar, wann das begonnen hatte . Das mochte auch daran liegen, dass er so wenig schlief, seine Erinnerung an Vergangenes war oft bruchst\u00fcckhaft, zumindest in Bezug auf die letzten Jahre. Und so musste es auch vor einigen Jahren gewesen sein, als er pl\u00f6tzlich nicht mehr tr\u00e4umte. Am Anfang war es wohl schleichend gewesen, er hatte damals noch mit Bekannten dar\u00fcber gesprochen. Sie hatten ihn beruhigt, dass viele Menschen gar nicht tr\u00e4umten. Aber das stimmte nicht, das wusste er. Die meisten Menschen erinnerten sich zwar selten an ihre Tr\u00e4ume, aber sie tr\u00e4umten dennoch, jede Nacht. Er hatte Studien dazu gelesen. Nat\u00fcrlich behaupteten viele genau deshalb, sie w\u00fcrden selten tr\u00e4umten; tats\u00e4chlich aber war nur ihre Erinnerung daran verwischt.<br \/>\nDas war irgendwann anders geworden bei ihm. Schlief er eine Nacht wirklich durch, und von Zeit zu Zeit geschah das, weil er \u00fcberm\u00fcdet auf seinem Schreibtisch oder in seinem Sessel zusammen sackte, dann erinnerte er sich danach an alles. Und damit an Nichts. An eine stundenlange, g\u00e4hnende Leere im Inneren seines Kopfes.<br \/>\nEr hatte oft dar\u00fcber nachgedacht, wie es so gekommen war. Fr\u00fcher hatte er oft getr\u00e4umt, manchmal sogar am Tage. Alle Arten von Tr\u00e4umen hatte er erlebt. Die angstvollen, die des Versagens, des Gejagtwerdens, des Alleinseins, des Sterbens, die man gerne absch\u00fctteln wollte. Aber vor allem auch die von der Zukunft. Die von den seltsamen Reisen an ferne Orte, manchmal absurd, manchmal ernst und ehrf\u00fcrchtig. Die von fremden Menschen, die im Traum Freunde oder gar Familie wurden. Die vom eigenen Zuhause.<br \/>\nNat\u00fcrlich waren es nur Trugbilder, und so hatten sich all diese Dinge niemals erf\u00fcllt; weder die angstvollen noch die hoffnungsfrohen. Auch das wusste er, und fr\u00fcher hatte er dem Tr\u00e4umen auch deshalb keine gro\u00dfe Bedeutung geschenkt.<br \/>\nEr fand keinen Punkt in seiner Vergangenheit, der seine Ver\u00e4nderung so einfach erkl\u00e4ren konnte; da kam es einfach keinen kritischen Moment, in dem alles umgest\u00fcrzt war. Er war zur Schule gegangen, hatte seine Ausbildung gemacht, er hatte eine Arbeit gefunden. Er hatte eine Wohnung gemietet, er zahlte seine Steuern. Einmal im Jahr machte er einen Urlaub in der Sonne. Einsam war er schon immer gewesen, das gestand er zu, aber das waren viele Menschen, oder etwa nicht.<br \/>\nIrgendwann hatte er aufgeh\u00f6rt, dar\u00fcber nachzudenken, und auch das lag teilweise sicher am Schlafmangel. Es fiel ihm schwer, das auch nur sich selbst schl\u00fcssig zu erkl\u00e4ren, aber diese Leere, diese Stille in seinem Kopf, die f\u00fcrchtete er mehr alles andere, was ihm in seinem Leben begegnet war. Einmal hatte er versucht, es aufzuschreiben, dieses Gef\u00fchl, diesen Zustand, aber danach hatte er das Geschriebene gelesen und sofort weggeworfen. Manchmal dachte er daran, es erneut zu versuchen, aber er verwarf den Gedanken immer wieder. Seiner Einsicht nach war er einfach nicht gut darin, sich auszudr\u00fccken, und \u00e4ndern w\u00fcrde es ja doch nichts. So hatte er mit sich selbst das stille Abkommen getroffen, nicht mehr dar\u00fcber nachzudenken als unbedingt n\u00f6tig.<br \/>\nDaran hielt er sich. Zumindest meist. Tats\u00e4chlich lag im untersten Fach eines Wandschrankes in seinem B\u00fcro ein kleines Heft, in das er von Zeit zu Zeit &#8211; vor allem, wenn er wieder einmal einfach \u00fcber der Arbeit zusammengesunken war &#8211;  hineinsah, ohne dass er von der Existenz dieses B\u00fcchleins wirkliche &#8211; st\u00e4ndige &#8211; Notiz nahm. Das war seine Art von Selbst-Subversion, dachte er manchmal.<br \/>\nMehrfach hatte er Seiten oder ganze Abschnitte herausgerissen und auf dem Fensterbrett verbrannt, dennoch hatte er sich nie entschlie\u00dfen k\u00f6nnen, es ganz zu vernichten. So war es inzwischen ein recht ungeordneter Haufen ohne Zusammenhang. Zeichnungen war dabei, meist von fast abstrakter Amateurhaftigkeit. Teilweise waren darin Tr\u00e4ume skizziert, an die er sich noch aus fr\u00fcheren Zeiten erinnern konnte, so etwas das Bild von vielen, kleinen, beinahe strichhaften Menschen an einem See oder Strand. Einer mit nur zwei Menschen darauf, auf einem Berg oder H\u00fcgel. Auch ein Albtraum war dabei, mit Kugelschreiber und fl\u00fcssiger Tinte hingekritzelt.<br \/>\nAber neben den Zeichnungen waren da auch einige Bl\u00e4tter mit Worten darauf, S\u00e4tzen, meist aus dem Zusammenhang gerissen, vielfach im Nachhinein auch f\u00fcr ihn unverst\u00e4ndlich. Auf einigen war nur ein Warum? zu lesen, mit stichartigen, kantigen Strichen fast aus dem Papier gerissen. Auf anderen waren detailliertere Ausf\u00fchrungen zu finden, auf einem Blatt etwa hatte er alles aus seiner Kindheit vermerkt, an das er sich noch erinnern konnte, und danach mit rotem Filzstift alle Punkte abgehakt, die er als Ursache f\u00fcr sein Leiden ausschlie\u00dfen konnte. Keiner war \u00fcbrig geblieben.<br \/>\nEinmal hatte er auch versucht, seine W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft aufzuzeichnen, aber \u00fcber zwei war er nicht hinausgekommen. Der erste bezog sich auf seine Unf\u00e4higkeit zu tr\u00e4umen, den zweiten hatte er sp\u00e4ter dick umrandet, auch mit Rot. Und den Zettel ein paar Minuten sp\u00e4ter verbrannt.<br \/>\nM\u00f6glicherweise hatte er auch schon mehrfach \u00c4hnliches geschrieben oder zumindest gedacht; seine Erinnerung daran war schwach, und au\u00dferdem hatte er ja ein Abkommen, an das er sich meistens hielt. Meistens. Nur wenn er sich einmal wieder auf dem Papierwustes seines Schreibtisches wiederfand, langsam erwachend, und immer noch diese immense Stille, diesen lebendigen Tod in sich f\u00fchlte, dann griff er ganz selbstverst\u00e4ndlich nach dem B\u00fcchlein, f\u00fcgte etwas hinzu, ri\u00df etwas heraus. Danach stellte er es wieder zur\u00fcck, verga\u00df es fast. Und kochte Kaffee.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er vermied Schlaf, wenn er es konnte. Manchmal reichten ihm der Fernseher und viel Kaffee, um sich wachzuhalten, aber seit einer Weile nahm er auch Tabletten. 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