{"id":104,"date":"2007-08-10T00:36:33","date_gmt":"2007-08-09T22:36:33","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=104"},"modified":"2007-08-11T06:39:53","modified_gmt":"2007-08-11T04:39:53","slug":"single-shot-was-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/08\/10\/single-shot-was-bleibt\/","title":{"rendered":"Was bleibt"},"content":{"rendered":"<p>Er sah ganz nach unten auf die Seite, die er aufgeschlagen hatte. Da war eine horizontale Linie, wie man sie oft in B\u00fcchern sah, darunter stand eine kleine Zahl; \u00fcberhaupt war die ganze Schrift kleiner als die des Textes dar\u00fcber. Dann waren da zwei Worte geschrieben, ein Name, sein Name. Daneben waren noch zwei kurze S\u00e4tze, eben so klein  gedruckt wie die Zahl, die einige wichtige Fakten aufz\u00e4hlten; das war sein Leben, oder zumindest eine grobe Zusammenfassung davon. Immerhin war es eine betragsm\u00e4\u00dfig kleine Zahl, das tr\u00f6stete ihn f\u00fcr einen Moment, eine kleine, die nur zwei Stellen hatte; aber er hatte schon weiter hinten im Buch nachgesehen, die gr\u00f6\u00dfte war knapp dreistellig, und das war nicht wirklich beruhigend. Er las die beiden S\u00e4tze gar nicht; sie interessierten ihn nicht mehr. Er starrte nur eine Weile auf seinen Namen, ohne etwas bestimmtes zu denken. Dann suchte er wieder die Stelle, an der eine kleine, tiefgestellte Zahl auf diese, seine Fu\u00dfnote verwies, und las die Zeilen dar\u00fcber und darunter. Es waren keine besonderen S\u00e4tze; sie waren nicht fett gedruckt oder irgendwie auff\u00e4llig, auch der Stil war nicht einmal passabel. Es war einfach ein Bericht oder etwas \u00e4hnliches, nicht unbedingt n\u00fcchtern, aber auch nicht von herausstechender Erz\u00e4hlweise. An irgendeiner Stelle war da also dieser Satz, dass die Protagonistin jemanden kennengelernt hatte; einen Moment lang war er sich nicht mehr sicher, wie sie hie\u00df, und dachte an allerlei andere Menschen, aber dann fiel ihm der Name wieder ein. Nun, dort stand in simplen Worten, dass sie jemanden kennenlernte; das war er selbst. \u00dcber seinem Namen stand diese kleine Zahl, die auf die Fu\u00dfnote verwies. Wenn er ein Buch las, \u00fcbersprang er solche Verweise meist, wenn das nicht das Textverst\u00e4ndnis st\u00f6rte; die meisten Menschen machten das wohl so.<br \/>\nSeine Fu\u00dfnote brachte in der Tat kein wichtiges Element hinzu, dass f\u00fcr den Textflu\u00df von essentieller Bedeutung gewesen w\u00e4re. Es war die Anmerkung eines aufmerksamen Verfassers, der seinem Leser jede erdenkliche Zusatzinformation liefern wollte, auch wenn er den Bericht einer Notwendigkeit folgend auf das N\u00f6tigste beschr\u00e4nken musste. Er f\u00fchlte sich zumindest ein wenig best\u00e4tigt, als er die Zeilen unter dem Verweis gelesen hatte; er tauchte weiterhin auf, in den acht folgenden S\u00e4tzen zumindest. Neun S\u00e4tze also, neun S\u00e4tze waren geblieben von ihm; er z\u00e4hlte noch einmal, ihm wurde schlecht. Aber was hatte er erwartet? Er wusste es ziemlich genau, wagte aber nicht, es auszusprechen. Es war ihm zu wenig, das gestand er sich ein, w\u00e4hrend er immer wieder diese neun S\u00e4tze las. Das Buch legte einen gewissen Wert auf die Koh\u00e4renz der S\u00e4tze untereinander, und einem anderen Leser w\u00fcrde es sicher so erscheinen, als beschrieben diese neun S\u00e4tze alle wesentlichen Ereignisse in nahtlosem \u00dcbergang, aber f\u00fcr ihn klafften da kilometerbreite L\u00fccken selbst zwischen den Worten. Er erinnerte sich an einen Abend auf einer Br\u00fccke, im Sommer: es war hei\u00df gewesen, und die meisten anderen Menschen waren aus der Stadt geflohen, an den nahen Badesee. So waren sie fast allein gewesen auf dieser Br\u00fccke in der N\u00e4he der gro\u00dfen Kirche. Sie waren geblieben bis nach Mitternacht; er erinnerte sich noch an die Ger\u00e4usche des Wassers, an das leise Gespr\u00e4ch. An das Gef\u00fchl, die Zeit sei stehengeblieben.<br \/>\nEr suchte nach diesem Abend; er fand ihn nicht. Er suchte in den Konnotationen, in dem Fl\u00fcstern zwischen den S\u00e4tzen; auch dort, nichts.<br \/>\nEine Stunde verbrachte er damit, auch wenn er schon l\u00e4ngst wusste, das er ihn nicht finden w\u00fcrde. Er war einfach nicht da; und schlimmer noch, er selbst wurde sich unsicher, ob seine Erinnerung ihn nicht betrog; das Buch hatte doch keinen Grund zu l\u00fcgen, nicht wahr, es war nur ein Bericht. Nach einer Weile wurde er wieder ruhiger; der Abend an der Br\u00fccke war nicht da. Nat\u00fcrlich war das nicht der einzige Moment, der er vermisste; er begann es kurz zu \u00fcberschlagen, ihm fehlten etwa acht Monate. Acht Monate, einfach weg. Es war aussichtslos, nach ihnen zu suchen; mehr war davon einfach nicht \u00fcbrig. Von ihnen beiden nicht. Er sortierte die S\u00e4tze gedanklich; einer von ihnen beschrieb, wie sie sich kennengelernt hatten. Vier fassten singul\u00e4re Ereignisse oder gemeinsame Unternehmungen zusammen, fast unfassbar grob in seinen Augen, aber zumindest las er dort die beiden Worte &#8218;gl\u00fccklich&#8216; und &#8218;zufrieden&#8216;. Einer beschrieb ihr Liebesleben, einer so etwas wie eine allgemeine Entwicklung, zwei das Ende. Einige Minuten versuchte er, die vier beschriebenen Momente im Ged\u00e4chtnis wiederzufinden, es gelang ihm nicht. Erst als er kurz den Blick von der kalten Beschreibung abwandte, erinnerte er sich wieder, und als er danach wieder auf das Buch blickte, verzweifelte er innerlich. Es war doch ganz anders gewesen, oder? Der Zweifel wurde nur st\u00e4rker, als er dann die beiden Trennungss\u00e4tze las, und auch deshalb wurde er fast w\u00fctend: Es war so vereinfacht, auf so unfaire Weise vereinfacht. Er h\u00e4tte gerne dar\u00fcber gestritten, dargelegt, was fehlte, aber da war niemand. Nur dieses dumme Buch. Er schloss es und schob es von sich fort. Starrte eine Weile auf den Deckel, schmollend. Dann zog er es wieder zu sich heran, seufzte dabei leise. Es n\u00fctzte ja nichts. Er betrachtete den Einband, den Namen der Protagonistin, dann bl\u00e4tterte er einige Minuten unschl\u00fcssig. H\u00e4tte er vor einem Jahr hineingesehen, vor zweien, dann w\u00e4ren da sicher mehr S\u00e4tze gewesen; vielleicht w\u00e4re die Fu\u00dfnote sogar im Flie\u00dftext aufgetaucht. Aber das war vergangen.<br \/>\nAls er sp\u00e4ter wach da lag, fand er diesen Gedanken wieder: die ganze Sache war war nicht fair, ein schlechter, ein b\u00f6ser Scherz. Nicht nur, dass man immer nur ein Abschnitt des Leben eines anderen wurde, ein Kapitel oder auch nur ein Absatz. Nein, nicht nur das; auch schrieb jeder sein eigenes Buch best\u00e4ndig neu. Das lag nicht an den Menschen, sie taten es ohnehin kaum bewusst, vielmehr war der Platz in jenen B\u00fcchern begrenzt, so schien es zumindest. Kam etwas Neues hinzu, musste etwas Altes weichen; der Anstand gebot, nur Weniges ganz zu verwerfen, sondern eben zu k\u00fcrzen, weiter zusammenzufassen. Nach und nach verschwanden die Details, dann die Momente, am Schluss die Menschen, die aber nur selten ganz. Meist blieb zumindest eine Art Karikatur \u00fcbrig, etwas Fratzenhaftes wie diese seine Fu\u00dfnote.<br \/>\nMan sagte, manche Erinnerungen blieben st\u00e4rker als andere, und so schlug er das Inhaltsverzeichnis auf; tats\u00e4chlich, mehr als zwei Drittel des Buches schienen die Kindheit zu beschreiben. Gegen Ende wurden die Kapitel immer k\u00fcrzer; beim \u00dcberfliegen fand er weiter hinten auch sehr viel mehr Fu\u00dfnoten. Einige Namen erkannte er, andere waren ihm v\u00f6llig fremd, und das lie\u00df in ihm eine tiefe Beklemmung wachsen. Das war das schlimmste, daf\u00fcr h\u00e4tte er nicht herkommen m\u00fcssen, er wusste es schon lange; das man ausgesperrt war aus dem Leben eines anderen, nicht mehr daran teilhaben konnte, das war schlimmer als alles andere. Er las die Fu\u00dfnoten, die zu den Unbekannten geh\u00f6rte und versuchte, sich dadurch ein Bild von ihnen zu machen. F\u00fcr einen Moment gelang es, es gefiel ihm sogar &#8211; und schockierte ihn im n\u00e4chsten Augenblick so sehr, dass er fast erwacht w\u00e4re. Wenn er das konnte, dann war es auch anderen m\u00f6glich. Noch schlimmer, andere Leser w\u00fcrden seinen Namen lesen, seine Fu\u00dfnote, sie w\u00fcrden sich ein Bild machen. Er dachte daran, was sie dann sagen w\u00fcrden: Ja, w\u00fcrden sie sagen, so ein Mensch war das also, deshalb konnte es nicht gutgehen, ja, man sieht es gleich, das ist eine stimmige Geschichte.<br \/>\nZitternd bl\u00e4tterte er zur\u00fcck zu der Seite, auf der er auftauchte und nach neun S\u00e4tzen wieder verschwand. Er nahm sich vor, die beiden Seiten davor und danach zu lesen: Er achtete darauf, keine der Zahlen unten auch nur aus den Augenwinkeln zu betrachten. Zun\u00e4chst deprimierte ihn die Schilderung nur noch mehr, doch dann verglich er die beiden; es war in dem trockenen Sprachstil schwer zu erkennen, und er war sich nicht sicher (und w\u00fcrde sich nie sicher sein), ob es nicht mehr sein Wunsch war als etwas, das wirklich in dem Buch zu finden war. Nat\u00fcrlich fand er keine direkten Verweise auf seine Person; abgesehen von dieser einen Seite, den neun S\u00e4tzen darauf und der Fu\u00dfnote existierte er in der Schilderung schlicht und einfach nicht. Doch wenn er den weiteren Verlauf ihres Lebens las, dann erkannte er eine Art Ablenkung, eine Ver\u00e4nderung, subtil und kaum zu erkennen, als ob die gekreuzten Wege ihren Pfad abgelenkt hatten. Vielleicht war es wirklich nur sein frommer Wunsch, aber die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit lie\u00df ihn l\u00e4cheln. Es war kein gel\u00f6stes L\u00e4cheln, es war zerknittert und hatte Risse, aber immerhin war es ein L\u00e4cheln. Noch einmal sah er auf seine Seite hinab, las die brutalen S\u00e4tze. Dann schloss er das Buch, hielt es f\u00fcr einige Minuten in den H\u00e4nden und dachte noch einmal an all die Dinge, die wenigstens in seiner Erinnerung noch existierten. Dann stand er auf und stellte das Buch in ein Regal, das Sekunden vorher sicher noch nicht da gewesen war. Das machte nichts; er wusste inzwischen, dass er tr\u00e4umte.<br \/>\nIn dem Regal waren noch andere B\u00fccher, auch das verwunderte ihn nicht mehr. Ein Einband fiel ihm sofort ins Auge; sein Name stand darauf. Er hatte die gleiche Farbe und war, bis auf den Namen, fast nicht von dem anderen zu unterscheiden.<br \/>\nAls er Sekunden sp\u00e4ter erwachte, sch\u00e4mte er sich. Noch halb im Schlaf versuchte er, die Menschen auszumachen, die f\u00fcr ihn zu Fu\u00dfnoten geworden waren. Es dauerte eine Weile, aber dann fielen ihm ein paar Namen ein; ja, es war wirklich besch\u00e4mend. Neben den Namen fielen ihm nur kurze Beschreibungen ein &#8211; zwei oder drei Zeilen. Wie gemacht f\u00fcr Fu\u00dfnoten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sah ganz nach unten auf die Seite, die er aufgeschlagen hatte. Da war eine horizontale Linie, wie man sie oft in B\u00fcchern sah, darunter stand eine kleine Zahl; \u00fcberhaupt war die ganze Schrift kleiner als die des Textes dar\u00fcber. Dann waren da zwei Worte geschrieben, ein Name, sein Name. 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