{"id":105,"date":"2007-08-11T06:36:31","date_gmt":"2007-08-11T04:36:31","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=105"},"modified":"2007-08-13T17:11:35","modified_gmt":"2007-08-13T15:11:35","slug":"single-shot-der-weg-nach-oben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/08\/11\/single-shot-der-weg-nach-oben\/","title":{"rendered":"Der Weg nach oben"},"content":{"rendered":"<p>Der Regen peitscht in dein Gesicht, tiefer noch, du f\u00fchlst, wie er durch dich hindurch geht, wie Nadeln durchsto\u00dfen die Tropfen Haut und Fleisch, prallen an den wei\u00df hervortretenden Knochen ab, schleifen sie langsam, aber mit der Stetigkeit der Zeit herunter, ganz so wie sie es schon Bergen angetan haben, Kontinenten, Welten.<br \/>\nAb und zu siehst du auf deine H\u00e4nde, versuchst sie zu erkennen in den Wogen aus gl\u00e4sernen Splittern, die von der Welt geblieben zu sein scheinen, versuchst das Wei\u00df auszumachen, es gelingt dir nicht. Irrst du dich, irrst du in allem, du musst es wissen. F\u00fcr einen Augenblick nur ber\u00fchren sich deine Fingerspitzen und f\u00fchlen das Reiben der blanken Knochen, das Knirschen mi\u00dfhandelter Gebeine, es ist also wahr.<br \/>\nUnd dennoch, es gibt nur diesen Weg, nicht wahr, nur diesen einen Pfad, und so gehst du voran, beschleunigst deinen Schritt sogar etwas, du musst hinauf. Die Nadeln werden zu N\u00e4geln, dann zu fast metallischen Splittern, verirrten Splittern einer herrenlose Granate vielleicht, in einem explosionslosen Rausch aus w\u00fctendem Glas. Du wirst wieder langsamer, so schnell geht es nicht, so schnell geht es nicht voran, es ist nicht m\u00f6glich, aber zu langsam darfst du auch nicht werden. Das w\u00e4re das Ende, du festigt dein urspr\u00fcngliches Tempo, nein, das w\u00e4re das Ende, an dieser Stelle wie an jeder anderen waren unz\u00e4hlige schon zum Stehen gekommen, und dann hatten sie sich einfach niedergelegt und waren gestorben. Sie ruhten f\u00fcr ein Weile, einen kurzen Augenblick nur, und dann war es um sie geschehen, zu sp\u00e4t, zu sp\u00e4t. Niemand hat dir das gesagt, in keinem Buch hast du es gelesen, aber du erkennst es dennoch, es steht im Regen geschrieben, in jedem einzelnen Moment.<br \/>\nIhre \u00dcberreste kannst du nicht erkennen, aber du wei\u00dft, sie waren, sie sind hier. Sie feuern dich an, weiterzugehen, Schritt um Schritt, nur nicht ruhen, immer weiter, auf die Spitze des Berges, mitten durch das Tal. Voran, voran, es gibt keine Rettung au\u00dfer der in deinen Schritten. Aber nicht nur diese Stimmen h\u00f6rst du, auch ist da die Stimme des Anderen, dessen Reich du betreten hast. Seinen mi\u00dfgestalteten K\u00f6rper durchschreitest du hier, es war dir klar, als du diesen Platz betratest, er geh\u00f6rt ganz und gar ihm, und mit allem Hass in seinen st\u00e4hlernen Eingeweiden versucht er nun, dich zur\u00fcckzuwerfen, dich zu stoppen, deiner habhaft zu werden. Diese Stimme \u00fcbert\u00f6nt selbst das Rauschen des Wassers, auch die Stimmen der Toten am Wegesrand, wechselhaft ist sie, nur die spurhafte Boshaftigkeit bleibt ihr immer. Wenn sie spricht, verl\u00e4sst auch dich der Mut manchmal f\u00fcr einen Moment, einige Male h\u00e4ttest du ihr fast nachgegeben. Einmal zitierte er die Bibel, einen bekannte Stelle \u00fcber das Wandern in finsteren T\u00e4lern, fast zu sp\u00e4t erkanntest du die Korruptheit darin, die K\u00e4lte einer Rasierklinge, als die der Andere sich gerne sah. So hat er dich schon begr\u00fc\u00dft, <span style=\"font-style: italic\">Eine Klinge bin ich wohl<\/span>, hatte es durch die Ebene gedonnert, <span style=\"font-style: italic\">geschmiedet im Feuer der Angst<\/span>, ein gr\u00f6hlendes Lachen, dann hatte der Regen begonnen.<br \/>\nNein, hier gab es keinen Herrn au\u00dfer dem Anderen, keinen Stecken und keinen Stab, keinen Trost. Nur den d\u00fcsteren Pfad, steil den Berg hinauf, den du mehr f\u00fchlst als siehst, vielleicht ist da nicht einmal ein Weg, deine Augen sehen kaum noch bis zum Boden hinab. Mehr Sicht l\u00e4sst er dir nicht, nicht mehr als das millionenfach im Regen gebrochene Licht einer fahlen, fernen Sonne, die du hoch am Horizont erahnst. Manchmal stolperst du, schl\u00e4gst fast auf den schlammigen Untergrund, kannst dich gerade noch fangen, ruderst einen Herzschlag lang hilflos mit den Armen. Dann lacht er, lacht lauthals, w\u00e4hrend du mit dem Gleichgewicht k\u00e4mpfst und m\u00fchsam einen Fu\u00df vor den anderen setzt, um ja nicht stehen zu bleiben. Aber es gelingt dir, wieder und wieder, und Wut str\u00f6mt dann durch seine Stimme, spitzt die fl\u00fcssigen Dolche noch ein wenig, <span style=\"font-style: italic\">Du bist mein, mein, mein<\/span>.<br \/>\nDu schluckst den Schrecken herunter, verschlie\u00dft dich seinem Br\u00fcllen oder versuchst es zumindest, Schritt um Schritt, die Bergspitze r\u00fcckt n\u00e4her, sie muss. Dort, \u00fcber den Wolken, muss die Sonne nah sein und der Himmel klar, du bist dir sicher, und f\u00fcr einen Moment findest du im Geiste dorthin, atmest tief ein, f\u00fchlst die W\u00e4rme. Dann sp\u00fcrst du wieder das Peitschen des Regens, den Wind im Gesicht, die toten Stimmen im Boden und die schreiende \u00fcber dir. Schritt um Schritt, es gibt nur diesen Weg. Du musst hinauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regen peitscht in dein Gesicht, tiefer noch, du f\u00fchlst, wie er durch dich hindurch geht, wie Nadeln durchsto\u00dfen die Tropfen Haut und Fleisch, prallen an den wei\u00df hervortretenden Knochen ab, schleifen sie langsam, aber mit der Stetigkeit der Zeit herunter, ganz so wie sie es schon Bergen angetan haben, Kontinenten, Welten. 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