{"id":109,"date":"2007-08-20T04:53:39","date_gmt":"2007-08-20T02:53:39","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=109"},"modified":"2007-08-20T16:55:24","modified_gmt":"2007-08-20T14:55:24","slug":"das-tagebuch-kinder-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/08\/20\/das-tagebuch-kinder-2\/","title":{"rendered":"Das Tagebuch &#8211; Kinder (2)"},"content":{"rendered":"<p>Zweiter Eintrag:<\/p>\n<p>Ich denke, jetzt kann ich wieder schreiben; ja, es geht. Ich habe fast schon geglaubt, dass sei das Ende, aber jetzt bin ich wieder hier und kann dir berichten. Gern w\u00fcrde ich dir genauere Erkl\u00e4rungen liefern als zuvor, aber ich f\u00fcrchte, es ist nur noch verworrener geworden.<\/p>\n<p>Aber ich sollte vorn beginnen, an der Stelle, an der ich auch aufgeh\u00f6rt habe; es kommt mir ein wenig verschwommen vor, was ich dir beim letzten Mal schrieb, als w\u00e4re es vielleicht doch nicht richtig: ich muss mich wohl entschuldigen, aber du wirst weiterlesen m\u00fcssen, ohne einen Namen zu kennen. Es ist schwer zu erkl\u00e4ren, aber ich las die ersten beiden Seiten meines kleinen Tagebuchs noch einmal, w\u00e4hrend das Chaos um mich noch gl\u00fchend hei\u00df war und ich nichts tun konnte, als auf diese beiden Seiten zu starren. Die Schrift ist seltsam, aber ich habe es geschrieben, daran erinnere ich mich. Dennoch, der Name, er kam mir so fremd vor. So als w\u00e4re er gar nicht meiner. Ich wei\u00df, es klingt merkw\u00fcrdig, aber ich musste ihn ausradieren, ich konnte nicht anders. Wenn ich es genau bedenke &#8211; Nein, das war nicht meine Name. Er kann es nicht gewesen sein; auch wenn einen das Ged\u00e4chtnis betr\u00fcgt, m\u00fcsste da doch ein entferntes Wiedererkennen sein, oder etwa nicht? So war es doch immer mit Namen, die man lange nicht mehr geh\u00f6rt hatte: Vielleicht schienen sie aus der Erinnerung gel\u00f6scht zu sein, aber dennoch blieben sie einem vertraut, wenn man sie wieder sah.<br \/>\nEinen neuen Namen habe ich auch nicht &#8211; ich habe dar\u00fcber nachgedacht, aber mir f\u00e4llt keiner ein. Keiner, der mir wirklich vertraut w\u00e4re, und ich m\u00f6chte dir nicht irgendeinen beliebigen nennen. Wer w\u00e4re ich dann noch, hier, am Rand von allem, wenn ich mir irgendeinen Namen geben w\u00fcrde; auch ich w\u00e4re dann beliebig, nicht wahr, und so bleibe ich lieber namenlos.<\/p>\n<p>Doch genug davon, ich wollte berichten. Da waren diese Schritte vor meiner T\u00fcr, ich habe es dir geschrieben. Kaum hatte ich den Stift beiseite gelegt, da kam wirklich jemand herein. Er kam herein, ohne anzuklopfen, ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren. Ich denke, ich war es selbst; sicher bin ich mir freilich nicht, aber er trug einen gelben Schlafanzug mit einem Muster, das mir bekannt vorkam. Ja, ich denke, so einen hatte ich auch schon einmal. M\u00e4nnchen in bunten Anz\u00fcgen waren darauf, ich glaube, sie geh\u00f6ren zu einer Fernsehserie; so wird es sein.<br \/>\nDer Junge ging an mir vorbei, ohne mich zu bemerken. Ich sprach ihn an, doch er reagierte nicht; ich bin mir sicher, dass er mich auch gar nicht h\u00f6ren konnte. Jedenfalls war da nicht das geringste Anzeichen einer Reaktion, als ich sein Gesicht im Halddunkeln sah. Er ging zu seinem Bett und setzte sich darauf, als w\u00fcrde er auf etwas warten. Ich stand auf, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Jetzt wei\u00df ich gar nicht mehr genau, warum ich das tat; eigentlich war ich mir absolut sicher, dass auch das nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Dies ist nur eine B\u00fchne, dachte ich, und ich bin nur ein Zuschauer. Dennoch stand ich auf. Vielleicht wollte ich nur sehen, ob er wirklich real war, dieser Junge, ob sein Herz schlug. Fast schon war ich mir sicher, dass ich einfach durch ihn hindurchfassen w\u00fcrde, dass ich nur Luft ber\u00fchren w\u00fcrde. Das auch er nur ein Geist war. Ich hielt den Atem an, als ich neben ihm stand. Er sah immer noch irgendeinen Punkt auf dem Fu\u00dfboden an.<br \/>\nUnd dann sp\u00fcrte ich ein Herz unsicher und hart schlagen, als meine Hand kurz auf seiner Schulter ruhte; ja, er war ein Mensch, das wei\u00df ich nun sicher; ich wei\u00df nicht, was seinen Puls so trieb, aber es war Blut, das durch seinen K\u00f6rper str\u00f6mte.<br \/>\nDann nahm der Junge meine Hand. F\u00fcr einen Moment glaubte ich, ich h\u00e4tte eine Art Zauber gebrochen, und gleich w\u00fcrde er zu sprechen beginnen, mich erkennen. Doch nichts dergleichen geschah. Er blickte weiter starr irgendwohin, stand auf und f\u00fchrte mich wieder zu dem Platz, an dem ich zuvor gekauert hatte; es schien, als bewege er sich nicht bewusst. Es war mehr so, als w\u00fcrde er ein Insekt verscheuchen, ganz automatisch und ohne dar\u00fcber nachzudenken. Dann lie\u00df er meine Hand los. Ich versuchte, noch einmal in seine Augen zu sehen, doch sein Blick ging ganz nat\u00fcrlich an mir vorbei; ich denke nicht, dass er mich bemerkt hat. Du wirst dich fragen, warum ich ihn nicht gesch\u00fcttelt habe, warum ich ihn nicht angeschrieen habe. Aber irgendwas in der Ber\u00fchrung seiner Hand lie\u00df mich in dieser Ecke stehenbleiben, w\u00e4hrend der Junge zur\u00fcck zum Bett ging. Nun denke ich, dass das auch das Vern\u00fcnftigste war. Es h\u00e4tte nichts gebracht, zu toben: Er konnte mich nicht sehen oder h\u00f6ren.<br \/>\nSo setzte ich mich wieder in meine Ecke, und dieser kleine Junge &#8211; ich bemerkte, ich hatte damals schon diese fast grauen Str\u00e4hnen im Haar &#8211; setzte sich wieder auf das Bett. Es dauerte nicht lange, vielleicht nur Sekunden, dann h\u00f6rte ich wieder Ger\u00e4usche von drau\u00dfen; der Junge seufzte, das konnte ich h\u00f6ren, dann flog die T\u00fcr fast aus den Angeln.<br \/>\nIch schrak zusammen, der Junge blickte nur zu der Gestalt, die dort im neonfarbenen Gegenlicht stand. Sie war gro\u00df, vielleicht so gro\u00df wie ich. Ich konnte das Gesicht nicht erkennen, wohl aber den Stock in seiner Linken, dicker als zwei oder drei Finger. Der Mann atmete schwer und lehnte sich ganz leicht gegen den T\u00fcrrahmen. Ich konnte nicht sehen, wohin er blickte, aber ich denke, er sah den Jungen an, zwei, vielleicht drei Sekunden. Dann trat er vor, ganz langsam, bis in die Mitte des Raumes, blieb dort stehen.<br \/>\nUnd f\u00fcr einen Moment f\u00fchlte ich etwas Seltsames; nun, da es schon eine Weile her ist, verschwimmt die Empfindung: Aber ich denke, ich habe noch nie so sehr gehasst wie in diesem Augenblick. W\u00e4hrend er sich mit seinen langsamen, fast l\u00e4ssigen Schritten durch den Raum bewegte, schossen mir die Tr\u00e4nen in die Augen. Ich wollte aufstehen, ich musste, h\u00e4tte ich es gekonnt, ich h\u00e4tte die Welt in St\u00fccke gerissen. Aber ich konnte nicht, der Griff des Jungen hatte mich gebannt; schreien wollte ich, schreien und toben, aber nur ein ersticktes Pfeifen kroch \u00fcber meine zerbissenen Lippen. Jetzt, wo ich es aufschreibe, komme ich mir hysterisch vor: versteh mich nicht falsch, aber ich kannte diesen Mann nicht. Lange habe ich dar\u00fcber nachgedacht, aber ich kenne ihn nicht, soweit ich mich erinnere. Nichts an ihm hat mich an irgendetwas erinnert, aber in diesem kurzen Moment glaubte ich, ihn und seine Absichten erkannt zu haben; Das ist merkw\u00fcrdig. Auch wusste ich, dass ich ohnehin nichts tun kann, und es war nicht nur der Wunsch, den Jungen zu besch\u00fctzen, der mich in diesen Augenblicke packte. Ich w\u00fcrde dir auch gern das erkl\u00e4ren, aber ich kann nicht; ich kannte den Mann nicht, und ich m\u00f6chte auch nicht l\u00e4nger \u00fcber ihn sprechen. W\u00e4hrend ich mich also auf dem Boden wand, ging der Mann einen Schritt auf den Jungen zu, unendlich langsam und gedehnt. Ich sah durch den Tr\u00e4nenschleier, dass der Junge auf den Boden direkt vor sich blickte. Ich sah auch, wie er den Blick langsam hob, als der Mann ruhig und ohne einen Ton ausholte; sein Blick traf mich f\u00fcr einen Moment, und ich erkannte eine klare, \u00fcbersch\u00e4umende K\u00e4lte darin, die mich meine Wut fast vergessen lie\u00df.<\/p>\n<p>Und dann geschah etwas Seltsames. Zun\u00e4chst dachte ich, der Schl\u00e4ger w\u00fcrde nur noch einen Moment warten, den Augenblick bis zum letzten auskosten, bevor er zuschlug. Aber dann begriff ich, dass ich seine Atemz\u00fcge nicht mehr h\u00f6ren konnte. Er stand nur noch da, wie erstarrt, den Arm zum Schlag ausgeholt.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wessen Stimme es war, die ich h\u00f6rte; meine war es nicht, auch nicht die des Jungen, auch wenn es seine Lippen waren, die die Worte ausstie\u00dfen. Ich h\u00f6rte sie auch nicht sofort, sie schien sich mehrmals zu wiederholen. Als ich die Worte jedoch bewusst h\u00f6rte, da stand der Junge pl\u00f6tzlich neben mir: Der gro\u00dfe Mann war immer noch in seiner Haltung verharrt, er musste an ihm vorbeigegangen sein. Ich blickte in die Augen des Jungen, ich konnte aber auch nicht anders; zum ersten Mal hatten sie mich fixiert, mich wirklich wahrgenommen. Aber es waren nicht seine; vorher waren sie blau gewesen wie meine, jetzt jedoch hatten sie eine unbestimmte Farbe und einen schwer zu lesenden Ausdruck. Es war wohl Trauer, die ich sah, doch das erkannte ich erst, als ich die Stimme des M\u00e4dchens, das dort zu mir sprach, zum zweiten Mal h\u00f6rte; sie sagte nur dieses, mit einem fernen Klang:<br \/>\n&#8222;Warum, Vater? Warum?&#8220;<br \/>\nIch h\u00f6rte diesen Satz wohl noch einige Male und sah, wie eine Tr\u00e4ne durch des Gesicht des Jungen, der ich einmal war, lief. Dann wurde es wirklich verr\u00fcckt.<br \/>\nDie genaue Reihenfolge kann ich dir nicht mehr nennen, es ist alles so verschwommen. Relativ sicher bin ich mir, dass es die Wand hinter dem Bett war, die als erstes explodierte. Zuvor h\u00f6rte ich eine Maschine oder etwas \u00e4hnliches, dann wurde die Wand einfach zerrissen; ich sah dahinter nicht viel, nur Schw\u00e4rze und einige blendende Lichter. Es ging zu schnell, aber ich denke, es war ein Splitter aus dieser ersten berstenden Wand, die den Jungen am Kopf traf. Er ging sofort zu Boden, und eine Sekunde sp\u00e4ter konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich glaube, er war sofort tot.<br \/>\nIm Schreck hatte ich mich an die Wand hinter mir gedr\u00fcckt; diese zerriss als n\u00e4chstes, ohne mich zu verletzen; wahrscheinlich w\u00e4re das auch gar nicht m\u00f6glich gewesen. Ein St\u00fcck des Fensterbrettes traf den unbeweglichen Schl\u00e4ger, der immer noch unger\u00fchrt in der Mitte des Raumes stand, und riss ihm den Bauch auf. Danach schien es mir f\u00fcr einen Moment, als w\u00e4re es wieder ruhig; doch dann zerstoben auch die anderen beiden W\u00e4nde, die Decke, zuletzt der Boden, und ich fiel.<br \/>\nWie lange ich fiel, kann ich nicht sagen. Es k\u00f6nnte lang, aber auch kurz gewesen sein. Ich denke, eine Zeitangabe w\u00fcrde auch keinen Sinn machen; f\u00fcr mich f\u00fchlte es sich wie eine Ewigkeit an. Auf dem Weg sah ich nicht viel: Einmal noch sah ich den Jungen, er sagte wieder diesen seltsamen Satz mit der falschen Stimme. Dann wurde es ganz dunkel; das Denken fiel mir schwer. Eine Sache noch kann ich aus dieser Zeit berichten; ich h\u00f6rte ein Rauschen, ein rhythmisches Rauschen. Fast wie Atemz\u00fcge, aber irgendwie dumpfer.<br \/>\nSchlie\u00dflich stand ich in einem anderen Zimmer; es gab da keinen \u00dcbergang, im einen Moment fiel ich, im n\u00e4chsten stand ich hier. W\u00e4hrend ich schreibe, sitze ich auf einer roten Couch in diesem Raum, in dem ich wieder zu Verstand gekommen bin. Einige Stunden lag ich wohl auch darauf und schlief; ich musste mich eine Weile sammeln. Als ich erwachte, fand ich diesen seltsamen Kasten voller Muscheln neben mir und mein Tagebuch.<br \/>\nMeine Umgebung kann ich nicht einordnen; es sieht ein wenig aus wie das Wohnzimmer in einer Mietwohnung; die M\u00f6bel wirken recht billig und modern. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen Poster mit karibischen Sonnenunterg\u00e4ngen und leicht bekleideten Frauen. \u00dcber einem Schrank voller B\u00fccher h\u00e4ngt eine Flagge, ich glaube, sie geh\u00f6rt zu Kuba. In die B\u00fccher habe ich schon hineingesehen; sie sind unleserlich. Manche Seiten sind zwar bedruckt, aber die meisten sind leer. Bei manchen h\u00f6rt der Druck mitten im Satz auf. Die anderen Zimmer habe ich noch nicht gesehen; die T\u00fcren sind verschlossen. Auch hier fand ich \u00fcbrigens eine Muschel; sie lag auf dem Tisch, als Dekoration.<br \/>\nIch habe \u00fcbrigens beschlossen, diese Papiere in die alte Kiste aus meinem Kinderzimmer zu legen, die Sammlung werde ich wegwerfen; du wirst das nicht verstehen, weil ich schrieb, wieviel sie mir bedeutet hat. Ich erinnere mich daran; auch erinnere ich mich daran, wie ich sie sammelte, zumindest teilweise. Aber dennoch, die Sammlung kommt mir fremd vor, als h\u00e4tte ich sie einem anderen gestohlen. Sie bedeutet mir nichts mehr, und ich brauche die Kiste ohnehin, wenn ich mein Tagebuch nicht wieder verlieren will.<br \/>\nSo. Ich denke, mehr kann ich dir im Moment nicht berichten. Ich werde noch eine Weile hier sitzen und \u00fcber den seltsamen Satz nachdenken, den das M\u00e4dchen st\u00e4ndig wiederholte. Du musst mir glauben, ich habe nie einem Kind etwas angetan. Du hast Recht, ich kann mich an so vieles nicht erinnern, aber bitte glaub es mir dennoch. Die Stimme des M\u00e4dchens kannte ich einmal, da bin ich mir fast sicher; aber ich habe ihr niemals etwas angetan.<br \/>\nIch werde wieder schreiben, wenn es etwas zu berichten gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweiter Eintrag: Ich denke, jetzt kann ich wieder schreiben; ja, es geht. Ich habe fast schon geglaubt, dass sei das Ende, aber jetzt bin ich wieder hier und kann dir berichten. 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