{"id":11,"date":"2005-02-17T01:10:46","date_gmt":"2005-02-17T00:10:46","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=11"},"modified":"2006-12-11T01:19:05","modified_gmt":"2006-12-11T00:19:05","slug":"das-geheime-zimmer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/02\/17\/das-geheime-zimmer\/","title":{"rendered":"Das geheime Zimmer (2)"},"content":{"rendered":"<p>Sie \u00f6ffnete die Augen, zum f\u00fcnfundvierzigsten Mal in dieser Stunde, sie hatte mitgez\u00e4hlt.<br \/>\nImmer noch drehte sich die Welt um sie, aber langsam, beruhigend, als sei sie das Zentrum von allem. In gewisser Weise stimmte das, zumindest hier, in diesem, ihrem Zimmer.<br \/>\nSie schlo\u00df die Augen wieder. Die dumpfe Musik, die vom Ende ihres Bettes leise her\u00fcberflo\u00df, drang augenblicklich st\u00e4rker in ihren Geist, Ger\u00e4usche von L\u00fcftern, Klimaanlagen, Autos &#8211; das hatte sie zumindest im Laden auf der Verpackung gelesen &#8211; unendlich verzehrt und gewaltsam gestaucht zu langen, grauen Klangtexturen, die in ihrem Kopf zu massigen, menschlichen K\u00f6rpern kondensierten, die ewig \u00fcber ihr schwebten. Fast h\u00e4tte sie ein Gesicht erkennen k\u00f6nnen, es ber\u00fchren k\u00f6nnen, doch sie \u00f6ffnete die Augen wieder. Halluzinationen und Tagtr\u00e4ume, sie war sie gewohnt, sie hatte oft welche nach solchen Abenden, hatte sich an die immer gleichen Symbole gew\u00f6hnt, sch\u00fcttelte sie ab, konzentrierte sich wieder auf die Musik. Die Musik, sie mochte sie, die schweren Klangfl\u00e4chen erinnerten sie an das kosmische Hintergrundrauschen, dass sie w\u00e4hrend einer Vorlesung einmal zu h\u00f6ren bekommen hatte, oder an ein schlecht komprimiertes Video, dass nur aus groben Artefakten bestand, gro\u00dfen farbigen Bl\u00f6cken, die das Bild brutal entstellten. Sie stellte sich unwillk\u00fcrlich ihr Leben vor, in groben, farbigen Bl\u00f6cken gerastert. Die Halluzinationen kehrten zur\u00fcck.<br \/>\nHastig drehte sie sich um, besann sich auf die Gegenwart, und begann routiniert, den vergangenen Abend wieder zusammensetzen, der in ihrem Kopf immer noch nur in Fraktalen existierte, zersplittert, l\u00fcckenhaft, wie ein Gem\u00e4lde, dass man absichtlich in kleine St\u00fccke zerrissen hatte.<br \/>\nAls sie wieder zur Bar zur\u00fcckgekommen war, hatte sie ein Wasser bestellt, das reserviert-angeekelte L\u00e4cheln des Barkeepers war aus einem Grund, den sie besser sp\u00e4ter erforschen wollte, in ihrem Kopf zur\u00fcckgeblieben.<br \/>\nUnd dann war ihr Bekannter doch noch gekommen, etwas sp\u00e4t, wie immer, sp\u00e4ter als andere G\u00e4ste, mit riesigen Pupillen und einem hastigen Lachen auf den ausgetrockneten Lippen. High, aber immer merkw\u00fcrdig \u00fcberlegt handelnd. Er hatte sie begr\u00fcsst, ihr einige bunte Tabletten zugesteckt, gegen M\u00fcdigkeit und \u00dcbelkeit, hatte er gesagt. Sie hatte nat\u00fcrlich gewusst, dass es keine Medikamente waren, er nahm nie Medikamente, sie machten zu schnell abh\u00e4ngig, hatte er einmal gesagt, aber die Tabletten halfen immer. Es interessierte sie auch nicht wirklich, woraus sie tats\u00e4chlich bestanden, sie hatte Stoff nie an der Wirkung erkennen k\u00f6nnen, manchmal glaubte, er k\u00f6nne das vielleicht.<br \/>\nDann waren einige Leute zu ihm gekommen und er war mit ihnen gegangen, nach hinten, Gesch\u00e4fte. Er sprach nie \u00fcber seine Gesch\u00e4fte, aber jeder &#8211; oder zumindest sie &#8211; wusste, dass er dealte, in gro\u00dfem Stil vielleicht sogar, sie hatte nie gewagt zu fragen. Er hatte sie nie geschlagen, aber sie zweifelte nicht daran, dass er das tun k\u00f6nnte. Sie stellte sich vor, was er wohl mit ihr anstellen k\u00f6nnte.<br \/>\nIhr wurde schwindelig. Sie griff blind zu der schwarzen Kiste neben dem Bett, suchte mit immer noch leicht zitternden Fingern die runden Tabletten, die sie manchmal nahm, ein leichtes Valiumderivat, fand eine davon und schnitt sich an einer der vielen sterilen Rasierklingen, die in dem K\u00e4stchen verstreut lagen. W\u00e4hrend sie die Tablette nahm, begann sie mit der Klinge zu spielen, wie sie das nannte. Sie grinste. Spielen.<br \/>\nIhre Gedanken kehrten wieder zur\u00fcck zum vorherigen Abend, w\u00e4hrend ihre Hand sich weiter bewegte, die Rasierklinge locker zwischen zwei Fingern.<br \/>\nIrgendwann war er wieder gekommen, aufgekratzt, \u00fcberdreht, vermutlich von dem Stoff, den er hinten genommen hatte, vielleicht etwas von dem wei\u00dfen Pulver.<br \/>\nWie so oft hatte er gefragt, ob sie noch mitkommen wolle, und sie hatte eingewilligt. Sie hatte es bereut, wie sie es jedes Mal bereute. Sie fragte sich, warum sie immer wieder mitkam. Ihr Bekannter mochte sie, dachte sie, vielleicht war das der Grund. Aber sie wusste, dass das nicht stimmte, eigentlich glaubte sie nicht, dass er \u00fcberhaupt irgendjemanden mochte.<br \/>\nIhr K\u00f6rper zuckte leicht, als sie etwas zu viel Druck auf die Klinge aus\u00fcbte.<br \/>\nSie waren als zu ihm gegangen und sie hatten nicht mehr viel geredet. Danach hatte sie stundenlang hellwach und \u00fcberdreht neben ihm gelegen. Er hatte geschlafen, sie hatte wach neben ihm gelegen, mit dem lauten Rauschen der Brandung in ihrem Kopf, sie hatten einige Sachen genommen, davor, viel zu viele verschiedene. Sie hatte dort im Dunkeln gelegen und dar\u00fcber nachgedacht, ob sie etwas von dem wei\u00dfen Pulver nehmen sollte, dass auf dem Nachttisch lag, nur um etwas abzuk\u00fchlen, um sich etwas Luft zu verschaffen, um die Halluzinationen loszuwerden.<br \/>\nSchlie\u00dflich waren vor ihren Augen Menschen aus den Narben an ihren Oberarmen gequollen, winzige Menschen, kleine blonde M\u00e4dchen, und sie hatte sich furchtbar gef\u00fcrchtet und schlie\u00dflich doch das Pulver genommen.<br \/>\nEin Kindheitserinnerung lie\u00df sie l\u00e4cheln. Das Sandm\u00e4nnchen. Schlafsand. Sie hatte die M\u00e4dchen Schlafen geschickt und war schlie\u00dflich selbst eingeschlafen.<br \/>\nAls sie wach geworden war, war es schon fast Mittag gewesen, und sie hatte ihn geweckt. Er hatte sie nur grob gek\u00fcsst und ihr Geld f\u00fcr ein Taxi gegeben, sich umgedreht und weitergeschlafen.<br \/>\nSie zuckte wieder zusammen.<br \/>\nGeld f\u00fcr ein Taxi. Eines Morgens hatte er damit angefangen, es ihr zu geben, und sie hatte an diesem Morgen geschrieen und ihn geschlagen, und er hatte nur ihre Arme festgehalten und sie angesehen. Seitdem nahm sie das Geld. Und geschlagen hatte sie ihn nie wieder. Sie wusste nicht, ob aus Angst vor ihm oder aus Angst vor diesem Blick.<br \/>\nUnd nun lag sie hier. Die Sonne, die sie in diesem Zimmer aus gutem Grund nicht sehen konnte, war sicher schon untergegangen. Langsam musste sie wieder in das andere Leben zur\u00fcckkehren, es war schon sp\u00e4t. Morgen musste sie wieder zur Arbeit, Geld verdienen, funktionieren.<br \/>\nSie fischte den gr\u00fcnen Kasten unter dem Bett hervor. Ein Kreuz war darauf aufgedruckt gewesen, das hatte sie zu zynisch gefunden und es mit etwas Farbe \u00fcbermalt. Sie strich eine Salbe auf den Arm, stand langsam auf, um nicht hinzufallen und verlie\u00df das Zimmer. Wieder war ein Wochenende vorbei, dachte sie, und verschloss die T\u00fcr sorgf\u00e4ltig hinter sich, ihr kleines Geheimnis.<\/p>\n<p>&#8222;Unter Drogen findet man nicht sich selbst, sondern nur den Teufel.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Konstantin Wecker\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Konstantin_Wecker\">Konstantin Wecker<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie \u00f6ffnete die Augen, zum f\u00fcnfundvierzigsten Mal in dieser Stunde, sie hatte mitgez\u00e4hlt. Immer noch drehte sich die Welt um sie, aber langsam, beruhigend, als sei sie das Zentrum von allem. In gewisser Weise stimmte das, zumindest hier, in diesem, ihrem Zimmer. Sie schlo\u00df die Augen wieder. 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