{"id":110,"date":"2007-08-22T04:10:01","date_gmt":"2007-08-22T02:10:01","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=110"},"modified":"2007-09-14T18:13:56","modified_gmt":"2007-09-14T16:13:56","slug":"single-shot-die-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/08\/22\/single-shot-die-nacht\/","title":{"rendered":"Die Nacht"},"content":{"rendered":"<p>Vor ewiger Zeit, als die Sonne noch jung war und ihre Strahlen die immer helle Erde erleuchtete, da gab es noch keine Nacht: Der Tag blieb f\u00fcr immer, die Nacht war noch nicht erfunden. Es gab damals auch noch keine Menschen, die Sch\u00f6pfung war noch nicht ganz fertig mit ihm.<br \/>\nEines Tages jedoch, da stand in einer weiten Ebene der erste von uns; unsicher noch blickte er sich um, sah all die Sch\u00f6nheit der Welt, ahnte noch nicht, dass er es sein w\u00fcrde, der diese Sch\u00f6nheit eines Tages ganz und gar beherrschen, sie vielleicht sogar zerst\u00f6ren w\u00fcrde.<br \/>\nEs muss an diesem Tag gewesen sein, dass er zum ersten Mal Abend wurde auf Erden: noch wurde es nicht ganz Nacht. Die Nacht stand auf der T\u00fcrschwelle des Lebens und z\u00f6gerte noch einen langen Augenblick, bevor sie eintrat. Und so wurde es nur Abend: Die Sonnenstrahlen bekamen einen r\u00f6tlichen Beiklang, und ihr K\u00f6rper schien ferner als sonst am Rande des Horizonts zu stehen. Die meisten Tiere \u00e4ngstigten sich an diesem ersten Abend, verkrochen sich in Erdl\u00f6chern oder Nestern. Nur der Mensch stand weiterhin in der Ebene, immer noch neugierig, und starrte in die rote Glut.<br \/>\nDann, nach Wochen, da trat die Nacht zum ersten Mal auf die B\u00fchne. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, und die Nacht legte sich mit ihrem pr\u00e4chtigen Kleid \u00fcber die Welt. Die elegante K\u00e4lte ihrer geschwungenen Formen lie\u00df den Menschen zittern, doch der Sch\u00f6pfer schickte einen Blitz, welcher das erste menschliche Feuer entz\u00fcndete. Der Mensch nahm es dankbar an und lernte schnell, es zu nutzen. Wenn die Nacht kam, so legte er neue Scheite auf und setzte sich davor; wenn sie ging, achtete er darauf, dass es nicht ganz verlosch.<br \/>\nEs war f\u00fcr lange Zeit das einzige Feuer, das auf der Erde loderte, und das muss der Grund gewesen, weshalb sich die Nacht entschied, nach Einbruch der D\u00e4mmerung zu dem Menschen zu reisen, ganz in seiner Gestalt.<br \/>\nDas wusste der Mensch nat\u00fcrlich nicht; er sa\u00df nur wieder an seinem Feuer, starrte hinein und wartete darauf, dass es wieder hell wurde. F\u00fcr ihn war noch nicht ganz sicher, dass der Tag wiederkehren w\u00fcrde, und deshalb war es nie langweilig, dort zu sitzen, am Feuer, und auf den Tag zu warten.<br \/>\nDoch irgendwann bemerkte er, dass jemand neben ihm sa\u00df; er konnte diesen anderen nicht sehen. Wenn er hinblickte, dann war da nur Schw\u00e4rze, als w\u00e4re dort ein Loch, aus dem kein Licht hervor drang. Doch aus den Augenwinkeln sah er etwas anderes; es dauerte eine Weile, aber schlie\u00dflich erkannte er eine Person, eine Frau. Er wusste nicht, was eine Frau war; Geschlechter waren erst viel sp\u00e4ter erfunden worden, aus einer Laune heraus. Er erkannte in dieser Frau nur die \u00c4hnlichkeit zu sich selbst, und war tief von ihre Sch\u00f6nheit ber\u00fchrt. Sie trug einen Schleier vor dem Gesicht, doch die Z\u00fcge darunter waren von solcher Anmut, dass er sie nie wieder vergessen w\u00fcrde. Noch heute tr\u00e4gt jeder Mensch einen Teil dieser Erinnerung bei sich, und manchmal stolpern wir \u00fcber sie, wenn wir einen anderen Menschen ansehen.<br \/>\nNat\u00fcrlich war ihr Kleid schwarz, und dunkle Steine funkelten darauf wie die Sterne.<br \/>\nDer Mensch und die Nacht sa\u00dfen eine Weile so um das Feuer herum, und niemand sagte etwas. Schlie\u00dflich beschloss der Mensch, das Schweigen zu brechen, und nach einigem Nachdenken \u00fcber die seltsame Besucherin sagte er schlie\u00dflich:<br \/>\n&#8222;Ich denke, ich habe euch jetzt erkannt; Ihr seid die Nacht, nicht wahr?&#8220;<br \/>\nDie Nacht l\u00e4chelte, und ihre Z\u00e4hne waren von so blendendem Wei\u00df, dass er wegschauen musste.<br \/>\n&#8222;Ja, die bin ich wohl. Verzeiht mir meinen Spa\u00df; ich wollte sehen, ob es stimmt, was man von euch Menschen sagt. Und ja, in der Tat seid ihr nicht dumm.&#8220;<br \/>\nEinige Minuten schwiegen sie wieder, dann sprach die Nacht weiter.<br \/>\n&#8222;Schon oft sah ich dein Feuer, Mensch, und ich wollte kommen und es aus der N\u00e4he sehen. Seine W\u00e4rme beruhigt auch mich von Zeit zu Zeit, wenn ich durch die T\u00e4ler streife oder das Unterholz durchst\u00f6bere. Du musst wissen, noch nie habe ich den Tag gesehen und die strahlende Sonne, von der die Tier soviel fl\u00fcstern, wenn ich die Dunkelheit bringe. Ist es der Sonne \u00e4hnlich, dieses Feuer?<br \/>\n&#8222;Ein wenig schon, aber sie ist gr\u00f6\u00dfer, viel gr\u00f6\u00dfer. Und sie ist noch sch\u00f6ner.&#8220; antwortete der Mensch, dann herrschte wieder Stille.<br \/>\n&#8222;Ich w\u00fcrde dir gern eine Frage stellen, Nacht.&#8220;, sagte er schlie\u00dflich, &#8222;Warum tust du, was du tust?&#8220;<br \/>\nDie Nacht l\u00e4chelte wieder, und der Mensch fuhr fort: &#8222;Es ist kalt, wenn du kommst. Die Dunkelheit bringt vielen Tieren den Tod, und selbst in mein Herz zieht sie von Zeit zu Zeit ein. Ich halte mein Feuer nicht nur der W\u00e4rme wegen in Gang; auch mein Geist braucht dieses Licht in der Dunkelheit. Am Tage ist da die Sonne, die mich w\u00e4rmt und die Einsamkeit vertreibt, aber wenn du kommst, dann sitze ich vor meinem Feuer und bin allein.&#8220;<br \/>\nDie Nacht streckte die Hand aus, und zwei behandschuhte Finger ber\u00fchrten den Menschen kurz; es war nicht so kalt, wie er erwartet hatte, und er erkannte das Mitgef\u00fchl in ihrer Geste.<br \/>\n&#8222;Nur wegen dir bin ich geschaffen worden; es war der Tag deiner Geburt, an dem auch ich in die Welt geworfen wurde.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber warum? Wozu..&#8220;, unterbrach der Mensch, doch eine sachte Ber\u00fchrung lie\u00df ihn verstummen.<br \/>\n&#8222;Du wei\u00dft es noch nicht, aber du und deiner Kinder, ihr werdet gro\u00df werden auf dieser Welt, gr\u00f6\u00dfer als die Erde vielleicht sogar; ihr werdet sie formen und gestalten; die Sterne erz\u00e4hlen schon davon, wenn man ihnen nur genau zuh\u00f6rt. Deine Kinder werden die Sch\u00f6nheit in der Welt sehen und deshalb weinen; k\u00e4mpfen; lieben sogar. Ihr werdet nicht sein wie die Tiere, ihr werdet eure Pfade selbst w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Nicht immer werdet ihr die richtigen finden, und deshalb bin ich hier.&#8220;<br \/>\nSie sah, dass der Mensch nicht verstand, und sprach weiter: &#8222;Siehst du, noch bist du frei, und f\u00fcr eine Weile wird dies auch noch so bleiben. Bald jedoch werden andere kommen, und ihr werdet langsam lernen m\u00fcssen, zusammen zu leben. Ihr werdet Unterk\u00fcnfte bauen, sp\u00e4ter St\u00e4dte. Ihr werdet euch mi\u00dfverstehen, euch bek\u00e4mpfen. Ihr werdet euch in die Arme nehmen. Vieles von dem, was ihr tun werdet, wird nicht das richtige sein: Und deswegen wurde ich geboren.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wirst du uns dann den Weg zur\u00fcck weisen? Wirst du unsere Fehler erkennen und wiedergutmachen?&#8220;<br \/>\nDie Nacht blickte einen langen Moment in die Glut, und der Mensch sah so etwas wie Schmerz in ihren Augen.<br \/>\n&#8222;Nein, das ist mir nicht m\u00f6glich. Ihr selbst werdet eure Fehler erkennen m\u00fcssen, nur dabei kann ich euch helfen. Wenn ich komme und mit mir die Dunkelheit, dann wird das deinen kampfeslustigen S\u00f6hnen Tr\u00e4nen abn\u00f6tigen. Sie werden in ihren Betten liegen und sich fragen, was sie getan haben. Den Armen und Verbitterten dagegen bringe ich den sanften Mantel des Vergessens und der Aufl\u00f6sung; den Hochm\u00fctigen bringe ich Tr\u00e4ume vom Fall. Dichter werden auf mein Kleid starren und ihre eigenen Ideen darin erblicken. Schlechte Menschen werden versuchen, sich in ihm zu verstecken und dabei nie sich selbst entkommen. Alle, alle deine Kinder werden w\u00e4hrend meiner Herrschaftszeit Rechenschaft ablegen m\u00fcssen, vor sich selbst. Sie werden sich fragen, ob sie auf dem richtigen Pfad sind. Die Verzweifelten werde ich tr\u00f6sten; die Schlechten werde ich qu\u00e4len, bis sie bereuen. Das ist meine Aufgabe, mein Zweck.&#8220;<br \/>\nEs wurde wieder still; nur das Atmen des Feuers war noch zu h\u00f6ren. Eine Sternschnuppe zog \u00fcber den Himmel, dann eine zweite.<br \/>\nSchlie\u00dflich wollte der Mensch noch eine Frage stellen, doch da war niemand mehr, dem er sie h\u00e4tte stellen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ewiger Zeit, als die Sonne noch jung war und ihre Strahlen die immer helle Erde erleuchtete, da gab es noch keine Nacht: Der Tag blieb f\u00fcr immer, die Nacht war noch nicht erfunden. Es gab damals auch noch keine Menschen, die Sch\u00f6pfung war noch nicht ganz fertig mit ihm. 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