{"id":111,"date":"2007-09-14T14:26:06","date_gmt":"2007-09-14T12:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=111"},"modified":"2007-09-14T20:18:07","modified_gmt":"2007-09-14T18:18:07","slug":"single-shot-kirchenschiff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/09\/14\/single-shot-kirchenschiff\/","title":{"rendered":"Kirchenschiff"},"content":{"rendered":"<p>Hier scheint der Begriff des Kirchenschiffs nicht aus der Luft gegriffen oder zuf\u00e4llig; er bekommt eine echte Bedeutung. Ja, dies ist ein Schiff, 40 Meter lang, 20 Meter hoch. Es bewegt sich kein St\u00fcck nach vorne, und doch f\u00e4hrt es unter vollen Segeln. Die einzigen Fenster, links und rechts und ganz vorne, sind blind, so gro\u00df sie auch sind. Aber man muss auch nicht hindurchsehen k\u00f6nnen; es w\u00e4re sinnlos. Da ist kein Ziel, keine K\u00fcstenlinie auszumachen, nichts, was man sehen k\u00f6nnte. Und dennoch steuert dieses riesige Schiff mit seiner Besatzung auf etwas zu. Es ist ein Leuchtturm, oder mehr ein Leuchtfeuer; man kann es nicht sehen, und doch strahlt es hell. Es ist wie mit den alten Schatzkarten, man sieht das Ziel nur, wenn man ein Eingeweihter ist. Und trotzdem gibt es keine R\u00e4tsel auf, keine Aufgabe, die man f\u00fcr das Verstehen l\u00f6sen m\u00fcsste. Um dieses helle Flamme zu sehen, muss man das einfachste oder vielleicht schwerste tun, wozu ein Mensch nur f\u00e4hig ist; man muss glauben. Wer an den Leuchtturm und sein weit entferntes Licht glaubt, der erkennt das Ziel des Schiffes. Nicht seine Route, aber immerhin den Endpunkt, den Ort, an dem die Reise enden soll. Hat man es einmal gesehen, so ist man Teil der Besatzung; man muss nicht immer an Deck bleiben. Es reicht, sich ab und zu dort zu treffen, die Erinnerung daran wachzuhalten. Manchmal mag man den Glauben an dieses Licht verlieren; das ist leicht. Nichts ist leichter als der Zweifel. Es reicht ein Windhauch, und der Nebel schiebt sich wieder davor. Von Zeit zu Zeit geschieht es, dass viele zweifeln; dann sind da zu wenig Matrosen, um den Kurs zu halten, denn kaum einer wei\u00df noch, wohin es geht. Es ist schwer, ohne eine Route zu man\u00f6vrieren; unm\u00f6glich ist es, es ohne die Gewissheit des Leuchtturm zu tun. Manchmal zerschellen dann Schiffe an den Klippen, oder sie laufen auf Grund. Diejenigen, die zweifeln, retten dann gerade noch ihr Leben auf ein Eiland, dass direkt vor ihren F\u00fc\u00dfen beginnt. Dort bleiben sie, ihr Leben lang vielleicht. Manchmal denken sie noch an die Fahrt, aber jeder Schiffbr\u00fcchige wird nach einer Weile sesshaft, und so vergessen sie sie irgendwann einmal.<br \/>\nDiejenigen, die immer noch von der Reise \u00fcberzeugt sind, werden von anderen Schiffen aufgelesen oder versuchen es auf eigene Faust, auf einem kleinen Floss; zur\u00fcck bleibt nur das zerbrochene Schiff, viele gibt es davon. Sie alle liegen geborsten herum, in den St\u00e4dten, auf dem Lande. Aus ihren Planken dringt nur der schale Geruch von Tod; ihre Gesangsb\u00fccher schweigen.<br \/>\nWer die Fahrt in Gemeinschaft fortsetzen will, der findet auch eine Besatzung, an einem anderen Ort vielleicht. Er ordnet sich ein, schaut wieder auf den Leuchtturm.<br \/>\nDas scheint Au\u00dfenstehenden absurd; die Reise, das Schiff, das Leuchtfeuer, alles.<br \/>\nDoch absurder noch als ein Schiff, dass sich auf seiner Reise nicht vom Fleck bewegt oder ein Ziel, zu dem es keine oder tausende Routen gibt, ist die Abwesenheit der Trauer.<br \/>\nMan stellt es sich so vor; ein Reise zu einem unbekannten Ziel, von dem man nur ein Licht, eine Verhei\u00dfung kennt. Eine nie befahrene Route, an deren R\u00e4ndern Untiefen und Strudel lauern, D\u00e4monen und Felsen. Es schwebt einem eine Trauer vor, die tiefe Melancholie einer Unwissenheit, pechschwarze Nacht, das Keuchen der M\u00e4nner und Frauen, die in der Flaute rudern m\u00fcssen. Aber da ist nichts davon; weder M\u00fchsal noch Melancholie.<br \/>\nGanz im Gegenteil; es ist eine seltsame Art von Gl\u00fcck, die die Besatzung umf\u00e4ngt, und diese tiefe Zufriedenheit ist die Grenze, die den Besucher vom Matrosen trennt, unaufhebbar. Man kann sie sehen, diese Hoffnung, wenn man sich umschaut; die Anwesenden zerfallen leicht in die beiden Gruppen, wenn man auf ihren Blick achtet. Wir, die Besucher, sind hier wirklich nur G\u00e4ste; begrenzt im Verstehen, blicken wir auf eine seltsame Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier scheint der Begriff des Kirchenschiffs nicht aus der Luft gegriffen oder zuf\u00e4llig; er bekommt eine echte Bedeutung. Ja, dies ist ein Schiff, 40 Meter lang, 20 Meter hoch. 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