{"id":112,"date":"2007-10-07T00:56:30","date_gmt":"2007-10-06T22:56:30","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=112"},"modified":"2007-10-08T01:16:40","modified_gmt":"2007-10-07T23:16:40","slug":"single-shot-asphaltwuste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/10\/07\/single-shot-asphaltwuste\/","title":{"rendered":"Asphaltw\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein recht \u00fcbliches, verbreitetes Orange, dass vom Asphalt geschluckt und von den wei\u00dfen Streifen dazwischen m\u00fcde reflektiert wird. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Stra\u00dfe steht ein Haus; in dem Reklameschild davor spiegelt es sich am st\u00e4rksten. Der Ton geht dann fast in R\u00f6tliche, aber auch diese Farbe findet sich im Licht aller Laternen dieses Typs. Es ist, und das macht ihn immer wieder betroffen, eine ganz und gar gew\u00f6hnliche Lichtquelle, die an jedem Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberweg des Landes steht oder stehen k\u00f6nnte. Das Design entstammt den unkreativsten Episoden der Achtziger Jahre; der Fu\u00df ist aus einem kaum kaschierten, blanken Stahlrohr gefertigt. Das Rohr ist der einzig runde Aspekt dieser Installationen. Alles andere an den Leuchtanlagen, wie es im Stra\u00dfenbau wohl hei\u00dft, ist eckig und nicht einmal symmetrisch. Er hat sich schon oft dar\u00fcber informiert, doch mit der Recherche wurde ihm nur klarer, dass da wirklich nichts Besonderes an der Laterne ist; sie wurde 1981 aufgestellt, als man den Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberweg baute. Das Leuchtmittel, eine Gasr\u00f6hre eines taiwanesischen Betriebs, h\u00e4lt im Schnitt 40.000 Stunden lang, und findet in \u00fcber 10.000 Laternen baugleichen Typs Verwendung.<br \/>\nDie Laterne in der N\u00e4he des Hauses, das er fr\u00fcher bewohnte, ist die einzige, die er h\u00e4ufig besucht. Ein Foto von ihr h\u00e4ngt sogar an seinem K\u00fchlschrank, er sieht jeden Morgen darauf.<br \/>\nIn anderen St\u00e4dten fielen ihm die Anlagen gleichen Typs meist gar nicht auf. Manchmal ging er in einer unbekannten Stadt spazieren, sp\u00e4t am Abend, wie es seine Gewohnheit ist, und blieb nicht einmal stehen, wenn er an einem der orangefarbenen Flecken vorbeikam. Das erstaunte ihn von Zeit zu Zeit; dass er, der doch viel mit diesem Modell verband, keinen Zusammenhang herstellte zwischen dieser einen Laterne und allen anderen, die doch gleich waren.<br \/>\nEr hatte die Nachforschungen irgendwann einmal aufgegeben; ihm war klar geworden, dass seine Frage von Anfang an falsch gestellt war. Er hatte herausfinden wollen, was so besonders an dieser einen Anlage war, was sie unterschied; dabei hatte er die Antwort schon immer gekannt und vielleicht nur eine rationale Zuflucht gesucht, die ihm niemand geben konnte. Es war nichts anders an dieser Laterne; sie war nur eine von Tausenden des Typs Xeril LeAn 122b. Anders war nur seine Beziehung zu ihr, und es war offensichtlich, woran das lag, absolut offensichtlich und trivial.<\/p>\n<p>Er hatte sie hier zuletzt gesehen.<\/p>\n<p>Das war nicht nur sachlich falsch, sondern auch gelogen, denn eigentlich wusste er in aller Konsequenz, dass es nicht stimmte. Er hatte sie sp\u00e4ter auch an anderen Orten noch einmal gesehen, an unz\u00e4hligen vor dem Ende sogar. Das jedoch gab er nur selten zu: Hier hatte er sie zuletzt gesehen, nirgendwo anders.<br \/>\nDoch wie er den Begriff der Wahrheit auch drehte, f\u00fcr ihn blieb es eine L\u00fcge. Er bem\u00fchte sich nur oberfl\u00e4chlich, diesen offenkundigen Widerspruch durch eine Rekonstruktion der Vergangenheit zu kitten; nach au\u00dfen hin hielt er das Bild aufrecht, aber im Inneren schien ihm das nur ein Schneckenhaus mit d\u00fcnnen W\u00e4nden, die jederzeit rei\u00dfen konnten. Es gab keine zwei Versionen der Vergangenheit, sondern nur eine und den besch\u00e4menden Versuch, sie zu erpressen; So lief er nie Gefahr, in Schizophrenie oder Wahnsinn zu enden, ganz im Gegenteil. Das Leben mit und durch diesen Widerstreit sch\u00e4rfte vielmehr seinen Blick f\u00fcr das, was wirklich gewesen war, uns so konnte er, zumindest in milden N\u00e4chten, noch den stimmlose Kuss auf seinen Lippen f\u00fchlen, wenn er den orangeroten Fleck passierte. Dann hatte er oft auch eine Kamera dabei und fotografierte die Laterne. Im Sucher sah er dann eine kerzengerade, wei\u00dfliche Fackel \u00fcber der Laterne, die stumm flackerte. Nat\u00fcrlich war das eine unbeabsichtigte Fehlfunktion des CCD-Moduls, die man nicht einmal festhalten konnte; auf den tats\u00e4chlichen Aufnahmen war sie nicht mehr zu entdecken.<br \/>\nAus diesem Grund stand er minutenlang da und starrte auf die kleine Kamera, bevor er abdr\u00fcckte. Ganz verschiedene Dinge gingen ihm dabei durch den Kopf. Oft fragte er sich zum Beispiel, wann sie die Laternen wohl austauschen w\u00fcrden. Es war klar, dass sie nicht ewig hier stehen w\u00fcrden; die Ampeln waren schon lange modernisiert worden, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis den Stadtv\u00e4tern auch diese alte Laterne ins Auge fallen w\u00fcrde. Man w\u00fcrde sie herausrei\u00dfen und an ihre Stelle eine vermutlich nicht minder h\u00e4ssliche, neue aufstellen. Er war nicht sicher, ob er das begr\u00fc\u00dfen oder ablehnen w\u00fcrde: nat\u00fcrlich konnte er zumindest sich selbst gegen\u00fcber nicht leugnen, dass ihm dieser Kuss immer noch nachhing. Das war eine der letzte z\u00e4rtlichen Momente seines bisherigen Lebens gewesen und w\u00fcrde es vermutlich auch bleiben, so dass er sich diese Affektiertheit auch nach den vielen Jahren vergeben konnte.<br \/>\nAndererseits konnte er nicht sagen, dass er diese Momente unter der Laterne geno\u00df. Er f\u00fchlte sich dabei eher wie ein Verbrecher, der sich, Jahre, Jahrzehnte nach seiner Tat zum Ursprung des Verbrechens hingezogen f\u00fchlt und wieder und wieder die Spuren der Tat zusammensetzte zu diesem Moment unter der Laterne; nicht etwa, um noch einmal den Rausch der Tat nachzuf\u00fchlen, sondern nur um das Unbegreifliche daran noch einmal zu durchleuchten.<br \/>\nEr war nat\u00fcrlich kein Verbrecher; zumindest in dieser Hinsicht nicht. Nicht mehr als jeder andere Mensch, auch das war ihm klar. Das Urverbrechen war nun mal die <em>Wahl, <\/em>das W\u00e4hlen einer Richtung, und in diesem Zusammenhang waren die meisten Menschen schuldig. Dennoch, es f\u00fchlte sich unangenehm an, diesen Ort so oft zu besuchen, und so wusste er nicht, was er von seiner faktischen Zerst\u00f6rung halten sollte; nat\u00fcrlich gab es da diesen Augenblick, wo er sich klar an das Ereignis erinnern konnte, oder besser an die Ereignisse, denn es waren mehrere gewesen: Sie hatten sich dort oft getroffen.<br \/>\nWenn er zur\u00fcck an diesen Punkt gelangte, dann war es so, als w\u00e4ren die Jahre dazwischen nie vergangen, als w\u00fcrde er gleich ihre Stimme h\u00f6ren. Doch dieser Eindruck blieb, und das war ebenso offensichtlich wie unvermeidlich, nur einen Herzschlag lang. Wurde es ihm bewusst, so war der Moment schon vergangen, und \u00fcbrig blieben nur noch die Verweise, K\u00f6der; die Laterne blieb. Und dann erkannte er jedes Mal aufs Neue, dass er nur eine T\u00e4uschung gefunden hatte, mehr nicht. Was er suchte, dass war nicht nur an einem anderen Ort, es war einfach verschwunden, vollends zerst\u00f6rt, vielleicht sogar niemals gewesen. Die Laterne und ihr Licht lie\u00dfen nur Erinnerungen anklingen wie die Tasten eines Klaviers, das lange nicht mehr gestimmt worden war, und hinter ihren schr\u00e4gen Disharmonien verbarg sich nicht mehr als die asphaltgraue W\u00fcste des Gewesenen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein recht \u00fcbliches, verbreitetes Orange, dass vom Asphalt geschluckt und von den wei\u00dfen Streifen dazwischen m\u00fcde reflektiert wird. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Stra\u00dfe steht ein Haus; in dem Reklameschild davor spiegelt es sich am st\u00e4rksten. 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