{"id":116,"date":"2007-12-08T02:24:18","date_gmt":"2007-12-08T01:24:18","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=116"},"modified":"2008-10-14T14:41:10","modified_gmt":"2008-10-14T12:41:10","slug":"das-tagebuch-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/12\/08\/das-tagebuch-3\/","title":{"rendered":"Das Tagebuch &#8211; Insekt (3)"},"content":{"rendered":"<p>Dritter Eintrag:<\/p>\n<p>Mein letzter Bericht ist noch nicht lange her, zumindest in meinem Empfinden; ich habe es aufgegeben, an diesem Ort ein echtes Ma\u00df f\u00fcr Zeit zu suchen .<br \/>\nIch habe schon vieles gesehen in dieser Wohnung und sehe st\u00e4ndig mehr. Im Moment lese ich &#8211; d.h. liest das Wesen, das ich f\u00fcr mein Alter Ego halte &#8211; ein Buch, einige Meter entfernt. Er sitzt ganz ruhig da und liest, obwohl ich keine Buchstaben auf den Seiten sehe, nicht einmal einen Titel. Es ist ein dickes, gro\u00dfformatiges Buch, vielleicht ein Lehrbuch. Ich denke, ich habe studiert; sicher bin ich mir nicht, aber ich vermute es. Ich sch\u00e4tze mein Alter auf  20 bis 30; wenn ich mir die Einrichtung der Wohnung dazu ansehe, bin ich wahrscheinlich wirklich Student.<br \/>\nNat\u00fcrlich sehe ich mir nicht stundenlang beim Lesen zu. Noch vor kurzem fand eine Geburtstagsfeier statt; einer der G\u00e4ste h\u00e4tte sich beinahe auf mich gesetzt, hockte sich dann jedoch wortlos auf den Boden neben der Couch; auch hier bemerkt mich niemand, es ist so, als w\u00e4re ich nicht da. Und doch ist es hier anders als in dem Kinderzimmer.  Es ist so, als bef\u00e4nde sich die Wohnung und die Menschen in ihr in einer Art Fluss &#8211; ja, alles flie\u00dft. Es gibt eine gewisse Unsch\u00e4rfe in allem, was ich sehe, als w\u00e4re da ein durchscheinender Vorhang vor meinen Augen. Die einzelnen Szenen besitzen zwar einen Ort, einen ausgedehnten Moment, aber dar\u00fcber hinaus ist nichts fest. Alles bewegt sich. Nein, das trifft es wohl nicht ganz; ich denke, mir wird etwas Bestimmtes gezeigt, ohne dass ich erkennen k\u00f6nnte, was es ist. Vielleicht ist es nat\u00fcrlich auch nur Zufall &#8211; aber nein, das glaube ich nicht. Manchmal haben die Ereignisse einen speziellen Ablauf, eine bestimmte&#8230; Art. Es ist schwer zu erkl\u00e4ren; es ist ein wenig so, als k\u00e4men die Dinge, die hier geschehen, von einem uralten Band. Manchmal stockt es, bleibt kurz stehen, als wolle es etwas verdeutlichen; manchmal l\u00e4uft es sogar einige Sekunden vor und zur\u00fcck. Andere Szenen dagegen erscheinen mir gestaucht, als w\u00fcrde das Band sich schneller abwickeln, so wie die Geburtstagsfeier, die pl\u00f6tzlich schon wieder vorbei war.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wann es begann &#8211; ich sa\u00df eine Weile dort, auf dem Sofa. Ich berichtete schon davon, oder? Ja, ich sehe es, davon habe ich schon geschrieben. Irgendwann h\u00f6rte ich ein T\u00fcrschloss leise klicken, dann ein weiteres. Ich wartete &#8211; doch es kam niemand. Vielleicht w\u00e4re auch nie jemand gekommen, h\u00e4tte ich einfach nur weiter auf der Couch gesessen, wer wei\u00df das schon; ich jedenfalls stand auf und untersuchte die T\u00fcren erneut.<br \/>\nDie T\u00fcr zum Bad \u00f6ffnete sich m\u00fchelos. Ich bin mir sicher, sie war zuvor verschlossen gewesen, doch jetzt konnte ich eintreten. Wasserdampf schlug mir entgegen, und das Rauschen von Wasser. Jemand duschte, verborgen durch den Vorhang. Einen Moment lang, das kannst du dir sicherlich denken, z\u00f6gerte ich. Dies ist sicher wieder ein Spiel &#8211; nat\u00fcrlich. Aber dennoch, man beobachtet niemanden beim Duschen, oder? Selbst, wenn er nur eine&#8230; ich wei\u00df kein Wort daf\u00fcr.<br \/>\nNichtsdestotrotz musste ich, wollte ich erfahren, wer dort in meinem Badezimmer duscht; zumindest lag die Annahme nah, dass es meine Wohnung war. Einige der Poster im Wohnzimmer kommen mir vage bekannt vor, und au\u00dferdem habe ich unter der Couch ein Pappschachtel mit ein paar meiner alten Muscheln gefunden. Sie waren nicht so sch\u00f6n poliert wie die gekaufte auf dem Tisch, aber einige von ihnen sind zweifelsohne die selben wie jene aus der Kiste, die ich hierher mitnahm; seltsam, was nur fand ich so besonders an diesen Skeletten.<br \/>\nWie auch immer, ich schob also den Duschvorhang zur\u00fcck. Dahinter war &#8211; eine Frau. Sie bemerkte mich nicht, aber etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.<br \/>\nVielleicht wirst du nicht verstehen, warum ich da blieb und sie beobachtete &#8211; unter normalen Umst\u00e4nden w\u00e4re es sicherlich absolut verwerflich, aber gew\u00f6hnlich sind die Umst\u00e4nde nun sicher nicht. Und so blieb ich; ich kann dir nicht sagen, wie lange. Das ganze dauerte vielleicht zwanzig Minuten, vielleicht vierzig, vielleicht sogar eine Stunde. Ich sagte schon &#8211; hier scheint alles im Fluss zu sein.<br \/>\nDie Frau war sicher h\u00fcbsch, das kann ich sagen. Ich sch\u00e4tze sie auf Mitte 20, h\u00f6chstens. Ihre Haut war noch makellos, und auch in ihrem Gesicht zeigten sich keine Falten. Ihre Haare waren schwarz, ganz schwarz, ihre Augen braun. Sie hatte eine wunderbare Figur, auch wenn die ganze Szene kaum etwas Sexuelles besa\u00df &#8211; versteh mich nicht falsch, sie war attraktiv und nackt, aber eben auch so&#8230; weit entfernt. Ich hatte dieses Gef\u00fchl schon oft; dass alles so weit entfernt ist. Was ich sehe, das macht eine lange Reise bis zu meinen Augen, und auf dem Weg wird das Licht alt. Ich will nicht behaupten, diese Frau h\u00e4tte mich nicht angesprochen &#8211; das w\u00fcrdest du vermutlich ohnehin nicht glauben. Aber es war etwas Ged\u00e4mpftes, Leichtes. Etwas Vergangenes vielleicht.<br \/>\nNun, ich habe sie nicht erkannt. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor; auch ihr K\u00f6rper. Etwas \u00e4u\u00dferst Vertrautes war an ihr, ich konnte es fast greifen, aber &#8211; ich erkannte sie nicht. Da war auch keine Emotion, kein Gef\u00fchl, nichts. Inzwischen wei\u00df ich, dass ich mit ihr zusammen gewesen sein muss, eine lange Zeit sogar, und das stimmt mich traurig. Sollte ich mich nicht daran erinnern? Ein wenig zumindest. Es h\u00e4tte mehr bleiben m\u00fcssen als diese zerstreute k\u00f6rperliche Vertrautheit, oder?<br \/>\nIch blieb also dort neben dem zur\u00fcckgezogenen Vorhang stehen. Eine ganze Zeit lang musterte ich sie nur, musterte sie ganz, um doch einen Menschen zu finden, den ich erkennen k\u00f6nnte, aber ich fand niemanden, nur diese halbfremde Frau in meinem Bad. Eigentlich fand ich sogar weniger als eine Fremde; je l\u00e4nger ich hinsah, desto verwaschener wurden ihre Z\u00fcge, desto fratzenhafter ihre Proportionen. Mein Blick war so starr, dass ihre Arme und Beine fast zu Streichh\u00f6lzern wurden; ihre Br\u00fcste zerfielen in zerquetschte Kugeln. Ihre weiche glatte Haut verdarb, wurde zu einem br\u00e4unlichen Panzer, der matt gl\u00e4nzte.<br \/>\nDas machte mir keine Angst; vielleicht erkannte ich sie darin, in dieser Karikatur. Etwas lie\u00df mich an ein Insekt denken dabei; ein ungelenkes, dummes Insekt, dass die Beinchen und die \u00c4rmchen hebt und sich mal hier, mal dort schrubbt, als w\u00fcrde das etwas besser machen.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, was mich zu diesem Gedanken trieb; aber am ehesten erkenne ich dieses  Wesen in dem Insekt wieder, dass ich mir vorstellte. Irgendwann jedenfalls stellte sie das Wasser ab und stieg aus der Badewanne; ich ging hinaus und h\u00f6rte die T\u00fcr hinter mir wieder zuschnappen; ich denke, ich hatte gesehen, was ich sehen sollte.<br \/>\nDanach habe ich sie noch oft gesehen, diese Kreatur, meist bekleidet. Ich denke, wir wohnten hier zusammen; ich habe sie mit mir fr\u00fchst\u00fccken sehen, ich wei\u00df nicht, wie oft.  Ich sah mich mit ihr Fernsehen, auch wenn ich die Filme nicht wirklich verfolgen konnte. Einige Male fand ich eine Idee, einen Anflug von Vertrautheit in den verwaschenen Streifen auf dem Bildschirm, mehr nicht. F\u00fcr mich blieb der Schirm blind. Ich sah mich mit ihr schlafen; ich kann nichts Falsches mehr daran erkennen, es zu beobachten, seit ich dieses Insektenbild im Kopf habe.<br \/>\nIch sah auch viele andere Szenen, aber die meisten davon schienen sich zu \u00fcberschneiden; selbst das Sonnenlicht vor den tr\u00fcben Scheiben wechselt seltsam unregelm\u00e4\u00dfig mit der Dunkelheit, so dass ich beides manchmal nicht genau trennen kann.  Ich sprach schon vom Flie\u00dfen, oder? &#8211; Ja, das tat ich.<br \/>\nGern w\u00fcrde ich dir genauer sagen, was ich noch beobachtete. Aber auch in mir bleiben die einzelnen Ereignisse seltsam verbunden. Es f\u00e4llt mir schwer, einzelne herauszugreifen, ohne alle fallen zu lassen. Ich wei\u00df etwa, es gab da einen Streit zwischen meinem Alter Ego und ihr, vielleicht auch mehrere; aber viel mehr kann ich nicht sagen. \u00dcberhaupt bleiben mir Dialoge hier ebenso verborgen wie das Bild auf dem Fernsehschirm; ich h\u00f6re die Personen reden, wie eben auch die Menschen auf der Party vor kurzer Zeit, aber ich verstehe nicht einmal Silben. Es ist so, als w\u00fcrde ich an einer dicken Wand lauschen. In manchen Gespr\u00e4chen meine ich, einen fernen Inhalt zu erkennen; aber er bleibt nebul\u00f6s und kaum greifbar.<br \/>\nEs gibt nur eine Szene, von der ich dir noch berichten sollte, solange hier Ruhe herrscht; sie ist mir genau im Ged\u00e4chtnis geblieben, wohl auch, weil sie so lange anhielt; ja, anhalten ist das richtige Wort.<br \/>\nAn einem Abend (ich glaube, es war ein Abend) sa\u00df er hier genau wie er es jetzt auch tut. Dann jedoch h\u00f6rte er wohl ein Ger\u00e4usch, dass ich nicht genau einordnen konnte, und stand auf. Zun\u00e4chst dachte ich, dies sie nur ein weiterer \u00dcbergang, ein weiterer Wechsel in der Zeit. Doch dann sah ich eine scharfe, rote Sonne durch die Fenster scheinen, und mir wurde klar, dass etwas wichtiges geschehen w\u00fcrde.<br \/>\nEr ging also aus dem Zimmer. Ich blieb sitzen und h\u00f6rte nach einigen Sekunden das leise Pl\u00e4tschern von Wasser; ich h\u00e4tte wieder einfach dort bleiben k\u00f6nnen, abwarten k\u00f6nnen. Doch so lange ich auch gewartet h\u00e4tte, es w\u00e4re wohl nichts geschehen. Also stand ich auf, um ihm folgen; ich fand ihn im Bad, er stand dort und betrachtete sie, w\u00e4hrend sie duschte.<br \/>\nIch wei\u00df nicht warum, aber ich konnte sie nicht mehr ansehen. Zumindest nicht so, wie ich es tat, als ich sie zum ersten Mal beobachtete. Sah ich zu ihr hin, am Duschvorhang vorbei, dann sah ich augenblicklich wieder diese Kreatur, dieses gro\u00dfe Insekt.<br \/>\nEr dagegen, soviel kann ich sagen, er starrte regelrecht. Sein Blick war so fixiert, dass ich einen Augenblick f\u00fcrchtete, es w\u00fcrde wieder so enden wie beim letzten Mal. F\u00fcr einen Moment glaubte ich, gleich wieder diesen seltsamen Satz zu h\u00f6ren und zu fallen.<br \/>\nAber so war es nicht &#8211; er musterte sie einfach nur durch mich hindurch. Ich wagte es, mich zwischen die beiden zu stellen, um ihm in die Augen sehen zu k\u00f6nnen; in seinem Blick fand ich nichts besonderes. Er war klar und konzentriert, aber mehr nicht. Da war keine Emotion &#8211; wenn doch, dann konnte ich sie nicht erkennen.<br \/>\nIch hatte einen seltsamen Gedanken, w\u00e4hrend ich dort so stand: Wenn ich so lange mit ihr zusammen gewesen war, warum war sein Blick dann so leer? Ich konnte keine Z\u00e4rtlichkeit darin erkennen, nicht mal Begehren, nichts. Er musterte sie wirklich nur, vielleicht ganz so, wie ich es getan hatte, als ich hier ankam.<br \/>\nIch dachte dar\u00fcber nach, ich wei\u00df nicht wie lange; ich h\u00f6rte nur das Wasser rauschen, lange Zeit. Irgendwann griff er an mir vorbei und zog ganz den Vorhang ganz zu. Dann ging er wieder ins Wohnzimmer.<br \/>\nIch bin mir nicht sicher, warum er \u00fcberhaupt dorthin gegangen war. Ich glaube nicht, dass sie ihn bemerkt hat; ich verlie\u00df das Bad nach ihm und schloss die T\u00fcr ebenso leise wie er getan hatte. Ich wei\u00df nicht, was er gedacht hat, als er ihr ins Bad folgte, auch nicht, was er dachte, als er dort so stand und starrte. Vielleicht hat er etwas \u00c4hnliches<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\nIch denke, die Ruhe ist vorbei. Er ist gerade aufgestanden und hat den Raum verlassen. Jetzt h\u00f6re ich laute Stimmen aus der K\u00fcche; ich sollte ihm folgen. Bis bald.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dritter Eintrag: Mein letzter Bericht ist noch nicht lange her, zumindest in meinem Empfinden; ich habe es aufgegeben, an diesem Ort ein echtes Ma\u00df f\u00fcr Zeit zu suchen . Ich habe schon vieles gesehen in dieser Wohnung und sehe st\u00e4ndig mehr. Im Moment lese ich &#8211; d.h. liest das Wesen, das ich f\u00fcr mein Alter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[80,74,83,81,82,79],"class_list":["post-116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2","tag-dominanz","tag-funktion","tag-kontrolle","tag-macht","tag-machtspiel","tag-tagebuch"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=116"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}