{"id":118,"date":"2007-11-04T15:53:38","date_gmt":"2007-11-04T14:53:38","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=118"},"modified":"2008-10-14T14:47:59","modified_gmt":"2008-10-14T12:47:59","slug":"single-shot-die-stadt-und-ihr-untergang-poetry-slam-vorrunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/11\/04\/single-shot-die-stadt-und-ihr-untergang-poetry-slam-vorrunde\/","title":{"rendered":"Die Stadt und ihr Untergang (Poetry Slam &#8211; Vorrunde)"},"content":{"rendered":"<p><em> Diesen Text habe ich anl\u00e4sslich des <a href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=117\">Poetry Slams<\/a> am 3.11. gelesen. Es handelt sich um eine gek\u00fcrzte Variante eines l\u00e4ngeren Textes, den ich sp\u00e4ter fertigstellen werde. \u00dcbrigens bin ich unter den zehn Teilnehmern der Vorrunde auf Platz drei gekommen. In der Finalrunde mit den drei Erstplatzierten habe ich dann (zusammen mit <a href=\"http:\/\/www.dominik-bartels.com\/\" target=\"_blank\">Dominik Bartels<\/a>) einen guten zweiten Platz gemacht.<\/em><\/p>\n<p>Das Ende war so leise in den kleinen Ort gekommen, dass die meisten es ignorierten, bis das Fernsehbild ausfiel. Begonnen hatte es mit verst\u00f6renden Meldungen, die mit der Zeit nicht klarer wurden, sondern immer bruchst\u00fcckhafter, bis sie sich schlie\u00dflich widersprachen. Der Physiklehrer der Oberschule im Ort hatte im eilig zusammengerufenen Stadtrat versucht, sie zu deuten, und hatte etwas von thermonuklearen Reaktionen und der Atmosph\u00e4re gemurmelt. Die anderen Anwesenden hatten artig genickt und kein Wort verstanden. Nat\u00fcrlich wusste auch der Lehrer nicht, wovon er da genau sprach, aber er war der einzige Physiklehrer im Ort und f\u00fchlte sich in gewisser Weise verantwortlich.<br \/>\nKurz danach war das Fernsehbild ganz verschwunden. Aber auch diesen seltsamen Moment sah kaum jemand in dem kleinen Ort. Der Stadtrat hatte beschlossen, dass dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Lage nur eins zu entgegnen war: Normalit\u00e4t. Und so befand sich mehr als die H\u00e4lfte der Einwohner auf dem Sch\u00fctzenfest, dass man zu diesem Zwecke um fast eine Woche vorverlegt hatte. Das hatte den Zorn der Sch\u00fctzen erregt, aber unter dem Druck der <em>Situation <\/em><span> <\/span>hatten sie schlie\u00dflich eingewilligt.<br \/>\nEs war am darauf folgenden Sonntag, kurz nachdem auch das Radioprogramm seine Hiobsbotschaften eingestellt hatte, als der ortsans\u00e4ssige Pfarrer zum ersten Mal von der Apokalypse sprach. Nicht viele im Ort waren religi\u00f6s, aber doch immer noch genug, um gerade angesichts der <em>Situation<\/em> einen angemessenen Gottesdienst abzuhalten.<br \/>\nNat\u00fcrlich hatten sich schon viele im Ort dar\u00fcber ihre Gedanken gemacht, sofern ihre Arbeit dies zulie\u00df: Nicht zuletzt das stille, best\u00e4ndige Aufflackern des Horizonts w\u00e4hrend der Feierlichkeiten hatte bei vielen einen gewissen Eindruck hinterlassen. Auch kamen seit einigen Tagen keine Autos mehr \u00fcber die nahe gelegene Bundesstra\u00dfe in die Stadt, und diejenigen, die hinaus gefahren waren, waren nicht wieder gekommen. Der letzte Bus, der die Stadt erreicht hatte, war voller Verletzter gewesen, und selbst der oberfl\u00e4chlich kaum verletzte Busfahrer war nicht zu mehr als blo\u00dfem Gestammel f\u00e4hig gewesen. All dies zusammen also hatte bei den meisten Einwohnern einige sehr elementare \u00dcberlegungen ausgel\u00f6st.<br \/>\nDennoch ging ein obligatorisches Raunen durch den kleinen Kirchensaal, als der Pfarrer zum ersten Mal offen vom Ende der Welt sprach. Er tat es in der wohl gew\u00e4hlten Weise, die ein Pfarrer nun mal beherrschte, und die meisten Anwesenden sahen sich unsicher an oder nickten.<br \/>\nAuch dem Pfarrer war dieses Thema nicht geheuer, und so kam er etwas holprig auf die Wichtigkeit einer gewissen Ordnung und die weitgehende wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit einer Kleinstadt zu sprechen.<br \/>\nNachdem er gesprochen hatte, verlie\u00dfen alle z\u00fcgig die Kirche und begaben sich schweigend nach Hause.<br \/>\nIn der Woche danach h\u00f6rten die Blitze am Horizont pl\u00f6tzlich auf. Am Tag darauf kam der Sand.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich war auch das dem Physiklehrer des Ortes unerkl\u00e4rlich, aber in inzwischen routinierter Weise erkl\u00e4rte er dem Stadtrat genau das, was eigentlich jeder sehen konnte: Der Sand kam. Es war ein hell-gelbliches, kleink\u00f6rniges Granulat (so hatte es der Lehrer bezeichnet), dass innerhalb von wenigen Dutzend Stunden das gesamte Umland bedeckte. Man entschied sich, einige Hilfskr\u00e4fte zum Abtragen des Sandes an den Stadtgrenzen einzusetzen; die lokale Arbeitsvermittlung wurde damit beauftragt und brachte so, wie man in der lokalen Zeitung schrieb, drei Menschen in Lohn und Brot, die zuvor als Arbeitslose ein tristes Dasein gef\u00fchrt hatten. Zwei weitere wurden dazu abgestellt, ein \u00f6rtliches Gro\u00dflager freizuhalten, denn man hatte sich daf\u00fcr entschieden, die dort gelagerten Nahrungsmittel zur Verf\u00fcgung zu stellen. Zwar war bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Knappheit zu bef\u00fcrchten gewesen, dennoch wollte man lieber sicher gehen und gab so schweren Herzens der Enteignung des Lagers statt. Auch hatte sich der Rat darauf verst\u00e4ndigt, eine generelle Ausgangssperre zu verh\u00e4ngen, was das Verlassen der Stadt anging; man hielt es f\u00fcr das beste, derartigen Exkursionen vorzubeugen.<br \/>\nDie meisten Menschen gingen weiterhin ihrer Arbeit nach und selbst am toten Bahnhof der Stadt lungerten dieselben Jugendlichen herum, wenn sie schw\u00e4nzten; allerdings waren es seit dem Untergang mehr geworden. Meist sa\u00dfen sie herum und tranken Bier, dass ihnen der Betreiber der Tankstelle verkaufte.<br \/>\nDort tankten nicht mehr so viele Menschen wie vor der Apokalypse, aber es waren noch genug, um den Tankwart zu ern\u00e4hren; nat\u00fcrlich waren etliche Personen, allen voran die Frau des Pfarrers und die des einzigen Buchh\u00e4ndlers, von der Lage am Bahnhof entr\u00fcstet, insbesondere auch vom dortigen Bierkonsum. Aber das war schon zuvor so gewesen, und so scherte sich auch niemand darum; es war das \u00fcbliche Tagesgespr\u00e4ch, mehr nicht.<br \/>\nAnderen Gesch\u00e4ftszweigen dagegen ging es besser als vor dem Untergang. Man hatte die Lokalzeitung schon aufl\u00f6sen wollen, doch dann bemerkte man, dass sich die Zeitung besser als zuvor verkaufte. Zwar konnte man keine Agenturmeldungen mehr abschreiben, aber daf\u00fcr war es nun leichter, das Bed\u00fcrfnis der Leser nach lokalen Nachrichten zu befriedigen. Und so hatte sich Auflage des Blattes fast verdoppelt, w\u00e4hrend die Zahl der Seiten von 20 auf immerhin noch f\u00fcnf geschrumpft war. Zun\u00e4chst hatte man noch \u00fcberlegt, alte Ausgaben der Klatschspalte anzuh\u00e4ngen, aber das Interesse an Tratsch beschr\u00e4nkte sich offenkundig nun auf die Stadt. Den gr\u00f6\u00dften Absatz fand in den ersten Wochen die Ausgabe mit dem Aufh\u00e4nger \u201cSatellit st\u00fcrzt auf Stadt!\u201d, denn tats\u00e4chlich st\u00fcrzte, einige Tage nachdem der Sand gekommen war, ein Objekt von der Gr\u00f6\u00dfe eines Wohnwagens kurz vor der Stadt brennend nieder. Der Artikel war insofern historisch, als dass er der erste war, der nicht mehr den Namen des Ortes im Titel trug, sondern schlicht nur noch von \u2018der Stadt\u2019 sprach; den Lesern fiel es nicht auf, in ihrem Sprachgebrauch war es nie anders gewesen.<br \/>\nGanz entgegen der allgemeinen Vorurteile brach in keinster Weise Chaos aus. Es dauerte nur wenige Wochen, bis alle Begriffe f\u00fcr das, was fr\u00fcher \u201aau\u00dfen\u2019 gewesen war, verschwanden: wirklich wichtig war das nie gewesen, und jetzt war da drau\u00dfen wirklich nur noch der Sand, so weit man das beurteilen konnte.<br \/>\nDas Leben in der kleinen Stadt blieb, wie es war. Die wenigen, die die Welt nach der Apokalypse nicht ertrugen, brachten sich nach und nach um oder liefen in die W\u00fcste, die vor der Stadt begann; viele waren es nicht. Die meisten lebten exakt das Leben weiter, dass sie auch gef\u00fchrt hatten, bevor die Welt drau\u00dfen untergegangen war. Wer Arbeit hatte oder arbeiten musste, der arbeitete. Wer keine Arbeit hatte, der bem\u00fchte sich um welche, trank oder tat, wonach ihm sonst der Sinn stand. Die Lagerhalle, die von der Stadt okkupiert worden war, war schlicht riesig; Auch auf lange Sicht w\u00fcrde niemand verhungern m\u00fcssen. <span> <\/span><br \/>\nAbends sah man dann wieder fern. Es gab zwar kein aktuelles Programm mehr, aber letztlich war ja auch das immer eine endlose Wiederholung gewesen; also tauschte man Videoaufzeichnungen alter Sendungen aus, und au\u00dferdem war da ja auch noch die Videothek am Stadtrand.<br \/>\nNat\u00fcrlich sahen nicht alle fern; einige, darunter auch die Frau des Pfarrers und des Buchh\u00e4ndlers trafen sich in kleinen Gruppen und sprachen \u00fcber das, was sie f\u00fcr tiefsinnig hielten, lasen, sahen sich alte Vorf\u00fchrungen an.<br \/>\nSie waren interessanterweise die ersten, die der Apokalypse etwas Positives abgewinnen konnten. Schon zwei Wochen nach dem Ausfall des Fernsehbilds sa\u00dfen sie beisammen und stellten leise fl\u00fcsternd fest, dass ihrer Heimstadt jetzt endlich die Bedeutung zukam, die ihr schon immer geb\u00fchrte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Text habe ich anl\u00e4sslich des Poetry Slams am 3.11. gelesen. 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