{"id":12,"date":"2005-03-14T01:11:22","date_gmt":"2005-03-14T00:11:22","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=12"},"modified":"2006-12-11T01:19:19","modified_gmt":"2006-12-11T00:19:19","slug":"der-traum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/03\/14\/der-traum\/","title":{"rendered":"Der Traum (3)"},"content":{"rendered":"<p>Sie lehnte sich vorsichtig in sich selbst zur\u00fcck. Die Sequenzen waren ihr vertraut, sie \u00fcberlagerten, schienen einem geheimen Algorithmus nach um sie zu rotieren, sich abzuwechseln wie Bilder eines Kaleidoskops. Doch ihre Entspannung war die einer Totgeweihten, die sich der Unausweichlichkeit des Endes bewusst wurde. Oft hatte sie versucht zu fliehen, den Bildern zu entgehen, zu erwachen, doch es war immer sinnlos, das Aufwachen wurde zum Wiedererwachen oder besser zum Widererwachen, zur R\u00fcckkehr in den Traum. Ja, man k\u00f6nnte es Wideraufwachen nennen, in einer metallisch-kalt sarkastischen Umkehrung des urspr\u00fcnglichen Begriffs, dachte sie in einem Moment der Ruhe.<br \/>\nAber es ging irgendwann vorbei, sie wusste das auf die merkw\u00fcrdige halb-bewusste Weise, auf die man manche Dinge einfach ahnt, ohne zu wissen warum, und deshalb ertrug sie es jedes Mal, lie\u00df es routiniert zu.<br \/>\nEs war nicht etwa so, dass sie sich des Vorgangs des Tr\u00e4umens bewusst war, hatte sie einmal festgestellt, vielmehr schien sie in den Bildern aufzugehen, wurde Betrachter und Teil des Bildes zugleich, eine sehr verzehrte Perspektive, wie sie fand.<br \/>\nEscher. Das erinnerte sie an einen K\u00fcnstler namens Escher.<br \/>\nDie klarer werdende Bilderfront, die sie zum Teil selbst war, zwang ihren Verstand wieder zur\u00fcck in die Defensive, Reflexion wurde ersetzt durch unreflektierbare Wahrnehmung.<br \/>\nEine Armee aus hundert Augen oder mehr, starrend, durch die Dunkelheit rollend auf hammerf\u00f6rmigen F\u00fc\u00dfen, wie Pendel auf und ab schlagend, auf und ab, auf und ab, ein bedrohlicher Nebel aus Pupillen, der sich gleichf\u00f6rmig und ewig auf alles und jeden zu bewegte. Doch nicht dieser Nebel war es, der die Szene dominierte, sondern das Stampfen der F\u00fc\u00dfe, seltsam abgehackt, wie mit einem schlechten Synthesizer erzeugt. Dann ein rascher Wechsel, der Nebel wurde substanzieller, schien unsichtbar zu gl\u00fchen in der ohnehin herrschenden Dunkelheit. Sie h\u00e4tte nicht hinblicken m\u00fcssen, um zu wissen, was es war, sie wusste es ohnehin, aber abwenden konnte sie sich unm\u00f6glich.<br \/>\nEin schwarzer Wolf mit giftig-gl\u00e4nzendem Fell, dass eher an eine Maschine erinnerte, an die gl\u00e4nzenden Klingen der riesigen Stahlunget\u00fcme, die in ihrer Kindheit schwarzes Gestein aus den umliegenden Gruben gef\u00f6rdert hatten.<br \/>\nEinmal hatte sie schwei\u00dfgebadet wachend \u00fcber diesen Wolf gelacht, er war eine interessante, eine intelligente Projektion ihres Unterbewusstseins, wie sie fand, eine irrsinnige Verkn\u00fcpfung von Grimms&#8216; Perversionen und der k\u00fchl-strebenden Technologie der Neuzeit, eine postmoderne Variante oder besser Version von Rotk\u00e4ppchen.<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich, wieder und immer wieder und auch dieses Mal formte sich einen zweite Gestalt aus der Dunkelheit, ein kleines M\u00e4dchen mit leuchtend-blutroten Flecken auf der wei\u00dfen Bluse und panischen, fliehenden Augen, wehrlos.<br \/>\nUnd da war doch ein Unterschied zu den albtraumhaften W\u00f6lfen aus Kinderb\u00fcchern, wusste sie, denn dieser Wolf hatte keine verschlagenenen Augen wie der Barkeeper, dessen Silhouette nunmehr fern am Rande ihrer eingeschr\u00e4nkten Wahrnehmung schwebte, nein, diese Augen waren klar umrissen, silbern, in ihnen spiegelte sich eine simple, unverhohlene B\u00f6sartigkeit und ein unb\u00e4ndiges Verlangen wider, eine Forderung, die niemand verneinen oder aufschieben konnte, weder sie noch das kleine M\u00e4dchen mit dem zerschlagenen Gesicht.<br \/>\nDas war eine Tautologie, sie ahnte es, das M\u00e4dchen und sie verschwammen auf eine seltsame Weise, die Perspektive schien unscharf zu wechseln, ihre Ohnmacht und Verzweiflung war auch die des M\u00e4dchens &#8211; oder umgekehrt, sie hatte es nie heraufgefunden, sie kannte das M\u00e4dchen nicht, hoffte sie oder wollte sie hoffen. Das war ein ein Grund, warum sie oft stundenlang in ihrem Bett lag und weinte, wenn sie an dieser Stelle des Traumes erwachte, wenn der Eindruck der un\u00fcberwindbaren Gewalt des Wolfes und des Ausgeliefertseins noch frisch in ihrem Bewusstsein war. Sie hatte einmal einen Text gelesen &#8211; sie wusste nicht wo, das Tr\u00e4umen legte ihren Erinnerungen Fesseln an- , etwas Metaphysisches \u00fcber R\u00e4ume, halb philosophisch, halb esoterisch, \u00fcber die Kr\u00fcmmung von psychologischen R\u00e4umen. Das hatte sie an dieses Wechselbild ihrer Tr\u00e4ume erinnert, denn der Wolf schien den Raum regelrecht zu schlie\u00dfen um sich und das M\u00e4dchen, er musste sich nicht bewegen, um sich ihr zu n\u00e4hern, sie schlie\u00dflich zu verschlingen und in Dunkelheit zu verschwinden, es war der Raum selbst, der ihm das M\u00e4dchen zuschob wie ein Wildh\u00fcter, der ein Raubtier zuf\u00fctterte. Als f\u00fchre er ein Eigenleben.<\/p>\n<p>Sie erwachte schwei\u00dfgebadet, wie immer, in ihrem Bett, in dem anderen Zimmer, ihrem einzigen Zimmer, was den Rest der Welt anging. Ohne zu z\u00f6gern \u00f6ffnete sie ihren Nachtisch, griff nach den Tabletten, die sie darin unter Illustrierten versteckte, die von K\u00f6nigsh\u00e4usern und Di\u00e4ten berichteten, sie hatte das irgendwie als beruhigend sarkastisch empfunden.<br \/>\nEin letztes Bild blieb in ihrem Kopf h\u00e4ngen, bevor die Tabletten wirkten, das kleine M\u00e4dchen aus ihren Tr\u00e4umen, aber irgendwie anders, verfremdet, gebrochen vielleicht. Der Wolf schien durch ihre Augen zu schauen.<\/p>\n<p>&#8222;Schlafen ist Verdauen der Sinneseindr\u00fccke. Tr\u00e4ume sind Exkremente.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Novalis\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Novalis\">Novalis<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie lehnte sich vorsichtig in sich selbst zur\u00fcck. 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