{"id":127,"date":"2008-01-05T00:45:49","date_gmt":"2008-01-04T23:45:49","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=127"},"modified":"2008-09-25T16:12:26","modified_gmt":"2008-09-25T14:12:26","slug":"single-shot-ein-gebaude-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2008\/01\/05\/single-shot-ein-gebaude-3\/","title":{"rendered":"Ein Geb\u00e4ude (3)"},"content":{"rendered":"<p>Wenn er nachts durch die Flure schleicht, dann bleibt er ab und zu stehen und horcht: Er schaut links und rechts die G\u00e4nge hinunter. Manchmal bleibt er auch unvermittelt stehen und lauscht auf etwas, dass nur er h\u00f6ren kann. In diesem Gebaren hat er eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit einer Katze. Er bewegt sich kaum so geschmeidig wie eine Katze, aber ebenso leise; vielleicht \u00e4hnelt er auch eher eine Ratte, die mal hier, mal dort schn\u00fcffelt und etwas Essbares zu ersp\u00e4hen sucht; ja, eine Ratte, das kommt auch seiner Gestalt recht nahe.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, als noch alles anders war, da war er ein recht hochgewachsener Mann mit einem etwas d\u00fcmmlichen, aber klaren Ausdruck in den Augen gewesen: Etwas besonderes war er nie. Seine Vergangenheit war, inzwischen sogar f\u00fcr ihn, nicht der Rede wert; irgendwann nach einer mittelm\u00e4\u00dfigen Karriere als Kleinkrimineller hat er einmal angefangen, als Hausmeister zu arbeiten, und das tut er immer noch. Ein gewisses Geschick f\u00fcr die kleinen technischen Dinge war ihm schon immer gegeben gewesen, und so konnte er in diesem Beruf einigerma\u00dfen \u00fcber die Runden kommen. Vor diesem Geb\u00e4ude hat er schon viele andere betreut, Facility Management nennt man das heute, aber das wei\u00df er nur aus seinem Arbeitsvertrag, und an den denkt er nur selten.<br \/>\nDie Menschen, die ihn heute noch sehen, haben seine Ver\u00e4nderung kaum erkannt; sie meiden ihn, wenn sie k\u00f6nnen, ansonsten sind sie so freundlich wie n\u00f6tig, um das zu bekommen, was sie von ihm brauchen; meist Hilfe bei verklemmten T\u00fcren, streikenden Steckdosen, verstopften Abfl\u00fcssen, Blutflecken im Flur.<br \/>\nAuch er selbst ist sich der Ver\u00e4nderung nicht immer bewusst; noch kann man von einem Leben sprechen, dass er lebt, vielleicht werden es einmal zwei verschiedene werden, die nichts voneinander wissen. Physisch gesehen ist er in jedem Fall immer noch eine Einheit, auch wenn sich sein Aussehen ver\u00e4ndert hat; Sein R\u00fccken ist ganz krumm geworden in den wenigen Jahren, die er hier schon arbeitet. Die Schultern geben langsam der fehlenden Spannung der Nackenmuskeln nach und haben sich dicht an das R\u00fcckgrat gelehnt, und so macht er den Eindruck eines alten Kirchenschiffs, das langsam in sich zusammensinkt. Die Augen sind meist blutunterlaufen und liegen in tiefen Kratern, im Halblicht der n\u00e4chtlichen Beleuchtung kann man sie kaum erkennen. Manche der Schwestern tuscheln, er trinke, aber das stimmt nicht.<\/p>\n<p>Aber nicht nur er hat sich ver\u00e4ndert; auch alles um ihn herum ist anders geworden. Als die seltsamen Selbstmorde begannen, war er es gewesen, der Gitter vor den Balkonen anschraubte. Doch danach waren immer wieder Menschen vom Dach in den Tod gest\u00fcrzt, und niemand konnte es sich erkl\u00e4ren; Studenten waren unter den Toten, \u00c4rzte, Patienten, Schwestern. Die meisten hatten sich gegen Morgen das Leben genommen, meist w\u00e4hrend eines langen Bereitschaftsdienstes oder nachdem sie einige Stunden geschlafen hatten. Inzwischen ist das der Grund, warum immer mehr Angestellte das Geb\u00e4ude verlassen und nicht wiederkommen. Auch die Patienten meiden das Geb\u00e4ude, wenn es m\u00f6glich ist. Einen Teil der Bettenh\u00e4user hat man schon stillgelegt, weil es nicht genug Personal gibt. Die wenigen, die bleiben oder bleiben m\u00fcssen, weil sie keine andere Anstellung finden, leisten nur ungern Nachtdienste; manche munkeln, es spuke in dem Komplex. Die \u00c4rzte, die Schwestern, ja sogar schwer kranke Patienten versuchen sich in der Nacht mit Fernsehen, Spielen und Aufputschmitteln wach zu halten, um ja nicht einzuschlafen: Mit tr\u00fcben Augen und leerem Blick wanken sie dann durch die G\u00e4nge, starren auf die Uhren, warten, gehen, warten.<\/p>\n<p>Es gibt nur noch einen, der in diesem Geb\u00e4ude schl\u00e4ft, und das ist er, der Hausmeister.  Er ist schon immer von einfachem Gem\u00fct gewesen, und auch deshalb ist er sich dessen gar nicht so recht bewusst. Es fing ganz kurz nach den ersten Selbstmorden an. Er erinnert sich gut daran, denn er war es, der die Blutlachen im Innenhof beseitigen musst; das gefiel ihm nicht, beim ersten Mal war ihm sogar schlecht gewesen. Doch nach ein paar Malen gew\u00f6hnte er sich daran, es war auch nur Dreck, Dreck, wie er ihn jeden Tag beseitigte, wenn etwa ein Unfallopfer durch die Flure geschoben wurde.<\/p>\n<p>Dann begannen die Tr\u00e4ume. Es waren Albtr\u00e4ume, aber seltsame sterile; viele der Menschen, die hier arbeiteten, hatten auch solche gehabt, aber er war der einzige, der sich an einzelne erinnerte. Anfangs waren sie schockierend gewesen, Tr\u00e4ume von seltsam verdrehter Grausamkeit, Bilder von den Blutlachen, aber aus einer merkw\u00fcrdigen Perspektive betrachtet. Menschen, die in den Tod st\u00fcrzten, Schreie und immer wieder ein verkr\u00fcppeltes Lachen wie von Blechdosen, die man zusammendr\u00fcckte. Und am Ende jedes Traumes ein riesiges Raubtier, so riesig, dass man es nur h\u00f6ren, aber nicht sehen konnte, als w\u00e4re man bereits verschlugen worden.<\/p>\n<p>Damals hatte auch er dar\u00fcber nachgedacht, das Geb\u00e4ude zu verlassen und zu k\u00fcndigen. Aber drau\u00dfen gab es nichts f\u00fcr ihn; eine Frau oder Freundin hat er nie gehabt, Freunde auch kaum. Seine Eltern waren fr\u00fch gestorben. Vor den Tr\u00e4umen hatte er das Geb\u00e4ude schon seit Jahren nicht mehr verlassen; er wohnt in einem ausrangierten Patientenzimmer. Was er braucht, kauft er im hauseigenen Laden, wo er Rabatt bekommt; er isst immer in der Kantine.<br \/>\nEs gab nichts, wo er h\u00e4tte hingehen k\u00f6nnen, und deshalb blieb er. Am Anfang fiel ihm das schwer, die Tr\u00e4ume verst\u00f6rten ihn mehr und mehr, er schlief wenig. Doch nach einer Weile verflog der Schrecken. Er hatte sie immer noch, diese Albtr\u00e4ume, sie machten ihm immer noch Angst; aber es war eine andere Art von Angst, eine sterile vielleicht. Er wachte nicht mehr schwei\u00dfgebadet auf. Seine Angst vertrocknete langsam, wurde zu einer Konstante seines Alltags, die ebenso wie andere Routinen keine Reaktion mehr provozierte. Mehr noch; in gewisser Weise begann er, etwas Beruhigendes in der st\u00e4ndigen Pr\u00e4senz dieses gro\u00dfen Tieres zu sehen.<\/p>\n<p>Dann, irgendwann, fiel die L\u00fcftung in seinem Zimmer aus; er bemerkte das nicht sofort, denn das Rauschen der kleinen L\u00fcfter in Decken und W\u00e4nden ist zwar allgegenw\u00e4rtig, aber leise &#8211; so leise, dass es drei N\u00e4chte dauerte, bis er es bemerkte.<br \/>\nWas ihm auffiel, das war das Fehlen der Tr\u00e4ume &#8211; sie schwanden zusammen mit dem Fl\u00fcstern der L\u00fcftung.<br \/>\nEr muss den Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen erkannt haben. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, tauschte er nach diesen drei N\u00e4chten den L\u00fcfter in seiner Decke aus und hatte fortan wieder seine Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Er vermutet manchmal, diejenigen, die schon den Tod gefunden haben, k\u00f6nnten \u00e4hnliche Tr\u00e4ume gehabt haben. Dann fragt er sich auch, warum er nicht gesprungen ist, und wei\u00df die Antwort, ohne sie aussprechen zu k\u00f6nnen. Seit die Tr\u00e4ume da sind, ist er unwirscher geworden, er spricht kaum noch mit anderen Menschen. Die anderen, selbst ver\u00e4ngstigt, manche vielleicht schon vollkommen von Sinnen, meiden ihn umso mehr, aber das st\u00f6rt ihn nicht mehr. Wenn sie etwas von ihm wollen, dann l\u00e4chelt er sie schief an und sein Gegen\u00fcber erkennt, dass dieses L\u00e4cheln aufgesetzt ist, nur eine Maske. Manche erkennen noch etwas anderes, etwas Bedrohliches in diesem L\u00e4cheln, etwas, dass sie an kaltes Linoleum erinnert, aber sie brauchen ihn, und deshalb akzeptieren sie das; einmal wollte man ihn ersetzen, aber niemand wollte seine Arbeit machen. Also ist er geblieben und kommt seinen Aufgaben nach: Wenn ihn jemand bittet, die losen Teile der Balkongitter wieder festzuschrauben oder die Wegweiser an den W\u00e4nden neu zu t\u00fcnchen, dann l\u00e4chelt er wieder schief und tut es.<br \/>\nNachts jedoch, wenn er fast allein in dem Geb\u00e4ude ist, da steht er manchmal auf, schleicht durch die G\u00e4nge, um ungesehen zu bleiben, und schraubt die Gitter wieder lose. Oder er rei\u00dft wahllos Pfeile von den W\u00e4nden. Oder sperrt T\u00fcren auf, die eigentlich verschlossen bleiben sollten.<\/p>\n<p>Ihm ist nicht zu jeder Zeit klar, dass er das tut. Noch ist seine Psyche zwar ein zusammenh\u00e4ngendes Ding, eine Person. Doch sie ist verbogen, gekr\u00fcmmt wie sein R\u00fccken, und manchmal kann man deshalb nicht mehr von einem Ende hin\u00fcber zum anderen sehen. Dann kann er sich nicht daran erinnern, Hausmeister zu sein; oder er kann sich nicht daran erinnern, nachts aufgestanden zu sein.<br \/>\nManchmal bemerkt  er diese L\u00fccken sogar; aber es ber\u00fchrt ihn nicht, im Gegenteil. Er ist gern die Ratte, er mag seine Metamorphose: dieses Wort kennt er noch nicht lange, jemand hat es ihm eingefl\u00fcstert. Er spricht es immer noch falsch aus, wenn er mit sich selbst redet.<br \/>\nSeine Metamorphose, seine Ver\u00e4nderung begann, nachdem er die L\u00fcftung in seinem Zimmer erneuert hatte und er wieder seine Tr\u00e4ume durchlebte.<\/p>\n<p>Denn von nun an sprach das Raubtier zu ihm.<\/p>\n<p>Ihm ist nicht klar, warum das so ist. Er versteht auch nicht alles, was dieses Ding zu ihm sagt. Manchmal jedoch erz\u00e4hlt es ihm einfach Geschichten, oft gruselige, brutale M\u00e4rchen, in denen es um lebende H\u00e4user geht und um kleine t\u00fcckische Wesen, die sie bewohnen. In einigen N\u00e4chten tr\u00e4gt es ihm nur lange, monotone Gedichte vor, deren Begrifflichkeiten er nicht versteht; doch er versteht den Ausdruck, den die Stimme des Raubtiers dabei hat.<br \/>\nManchmal gibt ihm das Ding auch Anweisungen; etwa den Auftrag, die T\u00fcr zum Dach wieder aufzuschlie\u00dfen. Er befolgt die Anweisungen immer sofort. Danach erz\u00e4hlt es ihm oft eine neue Geschichte. Die Stimme in seinem Kopf l\u00e4sst nie einen Zweifel daran, dass er nichts bedeutet; er und das Tier werden nie Freunde sein, aber von Freundschaft hat er nie viel gehalten. Das Ding in seinen Tr\u00e4umen ist viel m\u00e4chtiger und st\u00e4rker als er, auch das versteht er. Aber das Tier braucht ihn f\u00fcr einige T\u00e4tigkeiten, und das macht ihn zu einem m\u00e4chtigen Mann. Er hat sich noch nie im Leben so m\u00e4chtig gef\u00fchlt, bevor er zu der Ratte wurde. Ratte, so nennt ihn das Ding in seinen Tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Inzwischen kann er das Tier auch tags\u00fcber h\u00f6ren, wenn er wieder durch die Korridore schleicht, leise und verstohlen; die L\u00fcfter sind \u00fcberall in dem Geb\u00e4ude, die Stimme ist allgegenw\u00e4rtig. Manchmal bleibt er dann stehen, meist unter einem der L\u00fcftungsrohre, und lauscht der Stimme.<br \/>\nIhm ist klar geworden, dass dieses Tier in den Mauern stecken muss, oder dahinter; mehr wei\u00df er nicht, aber mehr will er auch nicht wissen. Ihm reicht die Gewissheit der Stimme in seinem Kopf. Er findet es nicht mehr falsch, wenn die Menschen vom Dach st\u00fcrzen: Das Tier hat Recht, denkt er. Die anderen geh\u00f6ren nicht hierher. Diese Welt geh\u00f6rt nur dem Raubtier &#8211; und ihm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn er nachts durch die Flure schleicht, dann bleibt er ab und zu stehen und horcht: Er schaut links und rechts die G\u00e4nge hinunter. Manchmal bleibt er auch unvermittelt stehen und lauscht auf etwas, dass nur er h\u00f6ren kann. In diesem Gebaren hat er eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit einer Katze. Er bewegt sich kaum so [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,17],"tags":[74,75,73,72],"class_list":["post-127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2","tag-funktion","tag-furcht","tag-gebaude","tag-monster"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=127"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}