{"id":134,"date":"2008-09-23T02:55:30","date_gmt":"2008-09-23T00:55:30","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=134"},"modified":"2008-09-23T04:05:10","modified_gmt":"2008-09-23T02:05:10","slug":"die-schneiderin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2008\/09\/23\/die-schneiderin\/","title":{"rendered":"Die Schneiderin"},"content":{"rendered":"<p>Am liebsten mag sie die weiten, geraden Schnitte durch den Stoff. Man darf sie nur machen, wenn man gerade ein neues Kleidungsst\u00fcck beginnt, und nat\u00fcrlich darf sie auch nicht beliebig schneiden; im Gegenteil, manchmal schl\u00e4gt der Aufseher sie schon, wenn sie den Stoff nicht ganz gerade und sauber auftrennt. Aber dennoch, diese weiten, offenen Schnitte erregen sie auf eine seltsame Weise, sie hat selten Zeit, dar\u00fcber zu nachzudenken, und so genie\u00dft sie es meist einfach nur. Aber manchmal wei\u00df sie, was der Grund ist; dann sieht sie auf den blauen oder roten Stoff, blickt genau auf die Schere und auf den Riss, der sich schnurgerade voranbewegt &#8211; links ein St\u00fcck Stoff, rechts das andere. Sie denkt daran, dass diese Trennung endg\u00fcltig ist; die linke und die rechte Seite, \u00fcber die sie mit ihrer Schere befohlen hat, werden sich wahrscheinlich nie wieder begegnen. An einen Mann und an eine Frau denkt sie in solchen Momenten, die irgendwo in der von ihr gen\u00e4hten Kleidung umherlaufen, umherirren und sich nicht finden, weil sie diesen Schnitt so und nicht anders gemacht hat, zwei, die sich nie kennen und niemals lieben d\u00fcrfen, weil sie es so entschieden hat und kein anderer. In der billigen Spiegelung der feinen Schere sieht sie dann ihren eigenen, grausamen Blick, und manchmal mag sie davon erschrocken sein, wenn auch nicht oft. Einmal hat sie sogar absichtlich einen unn\u00f6tigen, einen falschen Schnitt gemacht, um sich selbst wieder so sehen zu k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich entdeckte der Aufseher es und schlug ihr w\u00fctend ins Gesicht. Schlimmer als dies aber war das Gef\u00fchl, dass sie danach beschlich. Dass n\u00e4mlich ihre Fantasie zumindest dieses eine Mal wahr geworden sein k\u00f6nnte, dass sie schon deshalb zur Wirklichkeit geworden sein musste, weil sie diese Schl\u00e4ge in Kauf genommen hatte, nur um das Grausame in der Schere zu erkennen. Vielleicht h\u00e4tte sie dieses Gef\u00fchl nicht gehabt, wenn sie nicht so gottesf\u00fcrchtig w\u00e4re, wer wei\u00df das schon; jedenfalls dachte sie danach oft auch nach der Arbeit an diesen Mann und die Frau, wenn sie auf ihrer Pritsche lag und nicht schlafen konnte. Sie tr\u00e4umte sogar von ihnen; es war nicht immer Albtr\u00e4ume, aber meist. Sie sah die beiden Menschen, die sie so verflucht hatte. Sie sah die beiden in kalten, hohen R\u00e4umen, die so luxuri\u00f6s waren, wie sie selbst es nur aus dem Fernsehen kannte, und immer waren sie allein; sie sa\u00dfen in den Ecken ihrer Schlafzimmer, ihrer Wohnzimmer, ihrer unglaublich gro\u00dfen B\u00e4der und weinten. Sie wussten nicht, dass sie aneinander fehlten, und so ahnten sie auch nicht, warum sie sich so einsam f\u00fchlten; der Schnitt der Scheren hatte nicht durch Stoff durchtrennt, sondern auch zwei Leben.<br \/>\nEs qu\u00e4lte die Schneiderin lange Zeit, und sie betete oft zu ihrem Herren, er m\u00f6ge ihr vergeben; <em>Bitte, Herr, nimm von ihnen, was ich ihnen angetan habe<\/em>, fl\u00fcsterte sie in die schmutzigen Laken, immer wieder. Es half nichts, es kam keine Antwort. Aber zumindest schmerzte sie der b\u00f6se Wunsch nach einigen Monaten nicht mehr so sehr; schlie\u00dflich verfiel sie auf einen anderen Gedanken, der ihr schlie\u00dflich die Ruhe zur\u00fcckgab. Dieser kam ihr nicht in Traum, auch nicht als spirituelle Eingebung, nein, die L\u00f6sung fiel ihr ein, als sie einmal an ihren toten Mann dachte und an die zwei kleinen Kinder, die sie weggegeben hatte. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis sie genug Geld gespart hatte, aber dann konnte sie dem Aufseher mit viel Zureden eine der Hosen abringen, die sie hergestellt hatte; sie suchte sich eine aus, deren Saum schief war. Sie ist jetzt schon etwas zerschlissen, weil sie sie jeden Tag unter den anderen Sachen tr\u00e4gt, aber das st\u00f6rt sie kaum. Die Hosen n\u00e4ht sie immer noch, und bei jedem weiten Schnitt l\u00e4chelt sie grausam, auch wenn sie es manchmal nicht sehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>PS: Ich habe mal links eine Tagcloud realisiert. Die vergebenen Tags &#8211; bisher sind es nur wenige &#8211; stehen aber nicht unter jedem Text. Der Grund daf\u00fcr ist, dass so eine Anzeige sehr leicht zum &#8218;Spoiler&#8216; werden kann, gerade bei Texten, deren Pointe etwas verwinkelt ist. Ich werde mich darum k\u00fcmmern, dass man die entsprechend zugewiesenen Text nur per Mausklick sieht, aber das kann noch etwas dauern.<\/em><\/p>\n<p><em>edit: Nun habe ich zumindest die aktuellsten Texte mal mit Tags versehen. Ich werde dieses Feature beibehalten, wenn es sich bew\u00e4hrt. Kommentare dazu sind erw\u00fcnscht \ud83d\ude42<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am liebsten mag sie die weiten, geraden Schnitte durch den Stoff. Man darf sie nur machen, wenn man gerade ein neues Kleidungsst\u00fcck beginnt, und nat\u00fcrlich darf sie auch nicht beliebig schneiden; im Gegenteil, manchmal schl\u00e4gt der Aufseher sie schon, wenn sie den Stoff nicht ganz gerade und sauber auftrennt. 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