{"id":14,"date":"2005-04-25T01:12:33","date_gmt":"2005-04-25T00:12:33","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=14"},"modified":"2006-12-11T01:19:56","modified_gmt":"2006-12-11T00:19:56","slug":"schlafende-kinder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/04\/25\/schlafende-kinder\/","title":{"rendered":"Schlafende Kinder (5)"},"content":{"rendered":"<p>Realit\u00e4ten huschten an ihr vorbei, unmerklich, leise, in schnellen, asynchronen Schritten, unz\u00e4hlige, unz\u00e4hlbare Wirklichkeiten, in den komprimierenden Symbolismus unbekannter Gesichter gestanzt, die nichts weiter verrieten als die Existenz dieser anderen Realit\u00e4ten, wie der Klang unbekannter Fremdw\u00f6rter nur leere H\u00fclsen, entleerte Symbole, klinisch rein von jedem Inhalt, Platzhalter, so steril wie die Klingen in dem schwarzen K\u00e4stchen, dachte sie, und stieg in einen der Wagen. Es war sp\u00e4t, so sp\u00e4t wie immer, wenn sie nach dieser Schicht das B\u00fcro verlie\u00df, und sie kannte den Weg sehr gut, es war immer der gleiche Weg, eine Abfolge von determinerten Szenenwechseln wie in einem Hollywoodfilm, in dem jeder Zuschauer die n\u00e4chste Szene vorherzusagen vermochte, weil er Klischees folgte, geheimen und nie ausgesprochenen Vereinbarungen zwischen dem Konsumenten und dem K\u00fcnstler. Sie blickte nachdenklich in die vorbeifliehenden Lichter der inneren Stadtviertel, die wie sie und die anderen Anzugmenschen vom Zentrum der gro\u00dfen Stadt hinfortstrebten, als f\u00fcrchteten auch sie die N\u00e4he zu den riesigen Stahlbl\u00f6cken, die in ihrer Mitte standen.<br \/>\nIhre H\u00e4nde lagen sanft in den Taschen des sorgsam geb\u00fcgelten Blazers, spielten scheinbar unbesorgt und kaum bewusst mit dem Ausl\u00f6ser der Pfefferspraykartusche und einem Umschlag, den sie vor Verlassen des B\u00fcros sauber gefaltet hatte. Sie dachte an die Stunden, die hinter ihr lagen, Stunden vor Bildschirmen, Stunden \u00fcber Papieren und den endlosen Zahlenkolonnen darauf gebeugt. Sie war gut in ihrem Job, aber sie hatte ihn nie gemocht, bemerkte sie oft, sie mochte es nicht, sie war viel lieber drau\u00dfen, an der Luft, und in der Sonne, doch dieser Job brachte mehr Geld, und sie brauchte Geld, ihr Leben war teuer&#8230;<\/p>\n<p>Er hatte den Job gemocht, wurde sie schmerzlich erinnert, f\u00fcr ihn war er genau das richtige gewesen, das hatte er zumindest einmal gesagt. Im B\u00fcro hatten sie schon dar\u00fcber geredet, man hatte ihn gefunden, gestern oder vorgestern, sie wusste es nicht, sie hatte nur halb zugeh\u00f6rt, hatte nur leise geschluchzt, nur f\u00fcr einen kurzen Moment, wie sie es oft tat. Dasselbe tat sie, als einer der Anzugmenschen zu ihnen herunterkam und eine kurze Rede \u00fcber den Jungen hielt, ein fast schon ironisches Schauspiel, abgelesene Phrasen aus einem kleinen schmutzig-grauen B\u00fcchlein, so eines, wie es die Menschen aus den oberen Stockwerken immer bei solchen Gelegenheiten z\u00fcckten, um die richtigen, immer gleichen Worte zu sprechen. Sie hatte nicht dar\u00fcber lachen k\u00f6nnen, wie sie es fr\u00fcher oft getan hatte. Und danach war es fast wie immer gewesen, nein, eigentlich war es absolut wie immer gewesen. Bis auf die leere Zelle am Ende des Raumes, den blinden schwarzen Bildschirm. In dem grauen B\u00fcchlein war festgelegt, dass die Zelle weitere zehn Tage leer bleiben w\u00fcrde, wusste sie, erst dann w\u00fcrde sein Ersatz dort arbeiten, auch wenn er schon eingestellt worden war, heute, nach der Rede, ein Anzugmensch, dessen Blick dem der anderen glich.<br \/>\nSie fr\u00f6stelte, w\u00e4hrend sie den Namen der Haltestelle las. Ihre Finger hatten sich um den Umschlag gelegt, dr\u00fcckten ihn zusammen.<br \/>\nDie leere Zelle am Ende des Raumes. Sie hatte oft dort hingesehen, heute. H\u00e4ufiger als sonst.<br \/>\nEr war ein Idiot gewesen, dachte sie, halb w\u00fctend darauf, dass sie Mitleid f\u00fcr ihn empfand. Er war nur einer dieser Anzugmenschen gewesen, nur einer unter Vielen, eines der vielen unbekannten Gesichter. Und sie wusste, dass sie das nicht glaubte.<br \/>\nSie stieg aus, eine Haltestelle zu fr\u00fch, wie immer an einem solchen Wochentag, und erinnerte sich an die Analogie zu den Actionfilmen, die sie fr\u00fcher oft gesehen hatte, ja, es war eine ebenso geheime Absprache, dass sie hier ausstieg, etwas lie\u00df sie ehrlich sein zu sich selbst an diesem Abend. Sie erschrak und dachte doch weiter.<br \/>\nNein, es war kein Zufall, keine Koinzidenz, dass sie hier ausstieg, denn sie tat es immer. Anfangs hatte sie sich eingeredet, aus Versehen hier auszusteigen, bis sie irgendwann stillweigend den Pakt geschlossen hatte, einfach nicht dar\u00fcber nachzudenken, doch heute schien ihr das feige. Warum.<br \/>\nEs war immer der gleiche Weg. Er \u00e4nderte sich nie. Die Jahreszeiten kamen und gingen, bedeckten die kleinen Menscheninseln mit Schnee und Sonnenschein, mit Regen und endzeitlichem Nebel, aber der Weg, der Weg blieb dennoch immer gleich, auf eine subtile, kaum wahrnehmbare Weise, dachte sie, w\u00e4hrend sie durch die Nacht ging. Ihr Interesse an dieser Wohngegend war nur aus der Langeweile entstanden, hatte sie sich gesagt, und dennoch, sie kannte jedes Auto hier, jede Gardine, jeden sorgsam gej\u00e4hteten Vorgarten. Und wieder unz\u00e4hlige Menschenleben, an denen sie vor\u00fcberschritt.<br \/>\nSie lachte \u00fcber sich selbst, lachte lauthals, aber leise, um niemanden hinter den dunklen Fenstern zu wecken, um nicht den Schlaf von Kindern zu st\u00f6ren. Solchen Kindern, wie sie einmal eins gewesen war.<br \/>\nW\u00fcnschte sie sich etwa so ein Leben, war sie deshalb hier. Der Gedanke war von soviel Zynismus durchtr\u00e4nkt, von soviel b\u00f6sem Gel\u00e4chter, dass sie nicht anders konnte als zu lachen.<br \/>\nSie w\u00fcnschte sich so ein Leben.<br \/>\nDas Lachen erstarb und wurde zu einem leise pr\u00e4senten Schweigen.<br \/>\nIhr Kopf sch\u00fcttelte sich langsam, ihre Schritte beschleunigten sich.<br \/>\nNein, sie konnte nicht hoffen. Die Hoffnung war tot, so tot wie das kleine M\u00e4dchen in ihren Tr\u00e4umen, so tot wie die Menschen, die f\u00fcr das kleine M\u00e4dchen verantwortlich gewesen waren.<br \/>\nSie dachte an den Umschlag. Jemand war gekommen, jemand von einer Beh\u00f6rde, und hatte ihr den Umschlag gegeben, als sie im B\u00fcro war, das namenlose Gesicht des Mannes hatte sie mit einem betr\u00fcbten Ausdruck angesehen, vom dem er bestimmt auch in einem grauen B\u00fcchlein gelesen hatte, und war dann gegangen.<br \/>\nIhre Bewegungen wurden langsamer. Sie blieb stehen. Zog den Umschlag aus der Tasche, strich die Faltkante gerade. Musterte den in klaren, sauberen, roten Buchstaben geschriebenen Namen. Den Namen ihrer Abteilung. Die Adresse einer der vielen Stahlriesen.<br \/>\nUnd riss den Brief auf.<br \/>\nEin kleines gefaltetes Papier, dahinter ein gr\u00f6\u00dferes.<br \/>\nMechanisch zogen ihre Finger das kleinere Papier heraus.<br \/>\nEine Zeichnung, in unsicheren, unge\u00fcbten Linien, gestaltet mit vielen, kleinen, auf eine seltsame Art verformten Bleistiftstrichen, dennoch ein klares Motiv, mit der offensichtlichen M\u00fche von Stunden eingefangen, detailiert, an den R\u00e4ndern in verwischte graphit-graue Fingerabdr\u00fccke \u00fcbergehend.<br \/>\nEin Haus, offensichtlich ein Haus auf dem Land, mit einer gro\u00dfen, offenen Veranda und einem Hund vor der T\u00fcr, der mit gro\u00dfen Augen freundlich auf den Betrachter sah. Darum Wiesen und B\u00e4ume, in der Entfernung einige Felder.<br \/>\nUnd vor dem Haus zwei Menschen, undeutlich gezeichnet von einem Amateur, und doch deutlich erkennbare Gesichtsz\u00fcge, eine Frau mit offensichtlich hellen Haaren und gro\u00dfen tiefen Augen, daneben ein Mann, der fragend l\u00e4chelt, Ungl\u00fcck in den Augen.<br \/>\nIhr Mut schwand. Dicke Tr\u00e4nen rannten ihre Wangen hinab. Ihre H\u00e4nde zitterten.<br \/>\nEin Automatismus setzte ein, sie f\u00fchlte es. Mit einer verst\u00f6rten Bewegung warf sie den Umschlag zu Boden.<br \/>\nWas f\u00fcr ein Idiot er gewesen war.<br \/>\nWas f\u00fcr ein Idiot.<br \/>\nSie begann zu gehen, erst ungelenk, dann immer schneller.<br \/>\nEin romantischer Tr\u00e4umer, ein Lebensunf\u00e4higer, der nie einsehen konnte, dass die Welt nun mal so war, wie sie war, und dass man sich eben entweder f\u00fcgte oder unterging.<br \/>\nSie begann zu laufen.<br \/>\nNein, er hatte kein Recht auf ihr Mitleid, es gab kein Mitleid, keine Schuld, keine Liebe, alles Illusionen, alles romantische Verkl\u00e4rungen eines kindlichen Verstandes, sie wusste es, romantische Tr\u00e4umereien und Vorstellungen von jemandem, der immer Kind geblieben war.<br \/>\nUnd blieb abrupt stehen, so schnell, das sie erschrocken stolperte und auf die Knie fiel.<br \/>\nVor ihr lag ein Kind auf dem B\u00fcrgersteig.<br \/>\nFlashbacks. Ein weiterer Mechanismus setzte ein.<br \/>\nEs war nur eine Halluzination, die ewige Halluzination des blonden M\u00e4dchens, sie sollte aufstehen, sich abwenden, weitergehen.<br \/>\nUnd dennoch blickte sie das Kind an, mit weit aufgerissenen Augen, unf\u00e4hig sich zu bewegen, den Atem anhaltend.<br \/>\nEs schlief. Es schlief. Und es tr\u00e4umte. Es tr\u00e4umte von Dingen wie H\u00e4usern auf dem Lande. Von Hunden, die es morgens vorsichtig weckten, von warmen Sommerabenden. Von Prinzen und von Drachen. Von Mitleid. Von Romantik. Vom B\u00f6sen, das vom Guten \u00fcberwunden wurde.<br \/>\nSie verharrte dort eine Ewigkeit, dann blickte sie auf, als w\u00fcrde sie erwachen. Sie stand auf, drehte sich um, lief zur\u00fcck, zur\u00fcck zu dem Umschlag. Sie hob ihn behutsam auf, zog den Blazer aus und setzte sich auf den nassen Boden. Der Wind strich sanft \u00fcber die schmalen Narben an ihren Armen. Sie bemerkte es nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Tr\u00e4ume sind Wirklichkeiten, die nicht enden wollen.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Hans Lohberger\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Hans_Lohberger\">Hans Lohberger<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Realit\u00e4ten huschten an ihr vorbei, unmerklich, leise, in schnellen, asynchronen Schritten, unz\u00e4hlige, unz\u00e4hlbare Wirklichkeiten, in den komprimierenden Symbolismus unbekannter Gesichter gestanzt, die nichts weiter verrieten als die Existenz dieser anderen Realit\u00e4ten, wie der Klang unbekannter Fremdw\u00f6rter nur leere H\u00fclsen, entleerte Symbole, klinisch rein von jedem Inhalt, Platzhalter, so steril wie die Klingen in dem schwarzen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,5],"tags":[],"class_list":["post-14","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2-2-2-2-2","category-2-2-2-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}