{"id":142,"date":"2008-05-15T11:21:20","date_gmt":"2008-05-15T09:21:20","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=142"},"modified":"2008-09-23T03:48:53","modified_gmt":"2008-09-23T01:48:53","slug":"das-vlies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2008\/05\/15\/das-vlies\/","title":{"rendered":"Das Vlies"},"content":{"rendered":"<p>Die Farben sind pr\u00e4chtig, die Muster von seltsam krummer, komplizierter \u00c4sthetik. Man k\u00f6nnte sich darin verlieren, schlecht k\u00f6nnte es einem werden, wenn man zu lange den winzigen Strukturen folgt, im Sturzflug in immer winzigere Stickereien abgleitet wie in die Untiefen eines Fraktals.<br \/>\nDoch an diesem St\u00fcck ist nichts mathematisch; rechte Winkel sind hier unbekannt, alles windet sich, flie\u00dft sogar, wenn man die Augen halb schlie\u00dft und nur vorsichtig dar\u00fcber hinweg sieht. Viele Webknechte, Sticker und Schneider hat es gebraucht, um dieses Werk zu vollenden, das nie ganz fertiggestellt ist oder im Moment seiner Vollendung vergeht. Unz\u00e4hlige Materialien sind verwandt worden, exotische sind darunter, solche, die man nicht kaufen kann, Geduld etwa, oder J\u00e4hzorn, manchmal sogar Versprechen. Die meisten kann man nicht mehr erkennen, sind sie einmal in das Werk eingeflossen, daf\u00fcr sind sie trotz der farbenfrohen Struktur nicht ausdrucksstark genug, oder genauer; sie lassen sich nicht mehr trennen, die Abstufungen zwischen ihnen verschwinden.<br \/>\nUnd jeder der Arbeiter, so kurz er auch an dem Vlies beteiligt war, ob er nun ein Meister seines Faches war oder nur ein Laie, dem man die Nadeln kurz \u00fcberlassen hat, hat seine Signatur, seine Spur im Vlies hinterlassen; nichts davon ist verloren, auch wenn vieles nicht leicht oder gar nicht mehr aufzufinden ist, wenn man nicht zuf\u00e4llig dar\u00fcber stolpert: So tief sind die Arbeiten, gerade die kleinen, manchmal aber auch die gro\u00dfen Fl\u00e4chen, mit den anderen Teilen des Werkes verwoben. Mancher Laie ist f\u00fcr den winzigen Bogen eines kaum zu erkennenden Ornaments verantwortlich gewesen; mit einer Lupe erkennt man leicht seine Handschrift, hat man die Stelle erst einmal ausgemacht. Doch auch die riesigen Muster verschwinden manchmal unter den Hunderten und Tausenden von Stickereien \u00fcber ihnen; man muss das Vlies schon aus gro\u00dfer Entfernung sehen und man muss auch wissen, was man sucht, dann kann man es erkennen, es ist verborgen wie die Muster von Nazca.<br \/>\nAndere Arbeiten sind leichter zu erkennen; meist sind es die, die zuerst ausgef\u00fchrt wurden. Nicht, dass es daf\u00fcr einen Plan g\u00e4be. Es kann 80, 100 Jahre dauern, bis alles getan ist; manchmal geschieht jahrelang scheinbar nichts, nur mit einer Lupe kann man dann die Ver\u00e4nderungen erkennen, die tagt\u00e4glich eingeflochten werden. Doch zumeist sind es die ersten K\u00fcnstler, die das Gesamtbild bestimmen; viel wird sich noch daran ver\u00e4ndern, aber die ersten Jahre der Schaffenszeit legen so etwas wie das grundlegende Motiv, das Thema des Werks fest. Ist es schlampig oder hektisch eingewoben worden, so braucht es schon gute und liebevolle Sticker, um wenigstens noch etwas zu retten. Sieht man sp\u00e4ter darauf, wenn die ersten der K\u00fcnstler schon lange gegangen sind, wird man das Grundmotiv leicht erkennen, und so f\u00e4llt es schwer, es sp\u00e4ter zu verbergen. Nat\u00fcrlich kommt es auch immer wieder zu Unf\u00e4llen; dann waren sich die verschiedenen Autoren uneins, wie sie ein Ornament zu f\u00fchren haben, oder man hat sich einfach nicht dar\u00fcber abgesprochen. Manchmal schleichen sich auch unmotivierte oder sogar schlechte gesinnte Handwerker ein und zerst\u00f6ren das feine Gewebe an einigen Stellen mit ihren Exzessen. So k\u00f6nnen von Zeit zu Zeit Versetzungslinien oder sogar dunkle Scharten im Gewebe entstehen; entscheidend ist dann immer die Kunstfertigkeit und Hingabe der sp\u00e4ter kommenden Akteure. Verstehen sie etwas von dem Werk, so k\u00f6nnen sie wieder kitten; eine Windung hier, eine scharfe Kurve dort, schon ist alles wieder integriert. Gerade dieses Chaos, dieses Aufeinanderfolgen von Bruch, Umbruch und Vereinigung geben jedem einzelnen Werk eine ganz eigene, seltsame Sch\u00f6nheit; ohne Trennungslinien, ohne Wiedergutmachungsf\u00e4den und Vergebungsflicken w\u00e4re das Vlies symmetrisch geblieben, und sein wahrer Ausdruck w\u00e4re nie zur Geltung gekommen. In der Wandlung liegt das Leben, nicht in der Strenge gerader Linien.<br \/>\nUnd so geht es bei dieser Art von Kunst auch nicht um die Fertigstellung; die meisten Besucher kommen schon w\u00e4hrend der Schaffenszeit, sogar schon, wenn erst wenige, grobe Muster zu erkennen sind. Ihnen geht es nicht um das Sein, sondern um das Werden des Werks, viele von ihnen werden sich sp\u00e4ter selbst daran beteiligen, ihren Fingerabdruck im Gewebe hinterlassen. Andere kommen nur, um den Fortschritt zu sehen, der sich seit ihrem Fortgehen ereignet hat. Vielleicht suchen sie unter den vielf\u00e4ltigen Ornamenten die groben Muster, die sie einst eingepr\u00e4gt haben, oder wollen sich nur vergewissern, dass ihre alten Fehler von anderen korrigiert oder besser: integriert wurden. Alles ist wiederzufinden; es mag schwer zu erkennen sein, aber kein Quentchen Leben, dass im Vlies gewirkt hat, ist verloren. Der Stoff erinnert sich selbst an das Kleinste, auf eine geheime, kunstvolle Art: Alles ist da, verborgen in den Details.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Farben sind pr\u00e4chtig, die Muster von seltsam krummer, komplizierter \u00c4sthetik. Man k\u00f6nnte sich darin verlieren, schlecht k\u00f6nnte es einem werden, wenn man zu lange den winzigen Strukturen folgt, im Sturzflug in immer winzigere Stickereien abgleitet wie in die Untiefen eines Fraktals. 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