{"id":147,"date":"2008-07-20T17:25:24","date_gmt":"2008-07-20T15:25:24","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=147"},"modified":"2008-10-24T18:52:00","modified_gmt":"2008-10-24T16:52:00","slug":"gute-seelen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2008\/07\/20\/gute-seelen\/","title":{"rendered":"Gute Seelen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn da niemand w\u00e4re, der ab und zu zwischen den Betten hin- und hergehen w\u00fcrde, um einen gef\u00e4lschten Brief unter eine der l\u00f6chrigen Decken zu stecken oder mit schmutzigem Wasser \u00fcberhitzte, fleckige Gesichter abzuwaschen, wenn es niemandem mehr g\u00e4be, der sich wenigstens manchmal den fiebrigen Erz\u00e4hlen der vielen Verlorenen erbarmen w\u00fcrde, wenn kein menschliches Wesen noch diejenigen beruhigen w\u00fcrde, die aus ihren wirren, aber sch\u00f6nen Tr\u00e4umen in dieser d\u00fcsteren Halle mit ihren staubigen Stahlstreben voller Risse erwachten &#8211; ja, dann w\u00e4re wirklich alles verloren.<\/p>\n<p>Der Kampf nahm vieles, doch es blieben immer noch wenigstens ein paar wenige dieser guten, dieser treuen Seelen, die zumindest ein wenig Trost spenden konnten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch die \u00c4rzte, recht viele sogar; in ihren wei\u00dfen Kitteln huschen sie durch die Lazarette, Geistern gleich. Viele von ihnen hatten ihre Ausbildung kaum beendet, als der Krieg kam, und so kennen sie ihren Beruf nur mit dem Antlitz, den er im Krieg hat &#8211; dem einer anderen Art des Krieges, eines aussichtslosen Vernichtungsfeldzugs gegen den Tod und die Kampfunf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Doch was n\u00fctzen schon \u00c4rzte; Beine k\u00f6nnen sie abschneiden, Splitter entfernen, aber was ist das schon. Sie sind nur Soldaten, auch wenn sie keine Gewehre tragen. Welchen Trost kann ein Soldat schon spenden? Hier, am Ende aller hehren Ziele und Siegesversprechen? Und: Was ist eine gut gen\u00e4hte Wunde schon ohne Trost, wenn es schon so weit gekommen ist mit der Welt? Nichts, und so braucht es immer noch ein paar gute Menschen, um wirklich zu heilen.<br \/>\nAn manchen Orten, in manchen Spit\u00e4lern gibt es keine mehr; sie sind get\u00f6tet worden oder an Ersch\u00f6pfung, am Kummer und am Dreck gestorben.  An solchen Pl\u00e4tzen hilft die beste Kunst der \u00c4rzte nichts mehr. Sie behandeln die Verletzten &#8211; vorrangig nat\u00fcrlich die Soldaten &#8211; sie operieren und amputieren, sie schneiden und schienen, aber die Menschen sterben trotzdem; vielleicht wollen sie es auch nicht anders, die \u00c4rzte wie die Patienten; alles, alles mag geschehen, nur soll dieser verdammte Krieg endlich verloren gehen, der eine wie der andere. Ohne Hoffnung gibt es keine Chance auf Gesundheit.<\/p>\n<p>Trost gibt es nur noch in wenigen Lazaretten und Spit\u00e4lern; Verwundete schreien und zettern deshalb manchmal, wenn man sie in eins der Lager bringen will, in dem nur noch \u00c4rzte arbeiten. Und so bringt man alle Verletzten im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern in diese alte Turnhalle, deren nackte Stahlstreben ganz rissig sind von den vielen Einschl\u00e4gen in der N\u00e4he. Dort arbeitet nur noch eine etwas \u00e4ltere Frau, von den \u00c4rzten abgesehen. Fr\u00fcher waren sie zu f\u00fcnft, aber das war, als man dieses Lager eingerichtet hatte, vor vielen Monaten. Ihr Gesicht ist m\u00fcde, und ein steifes L\u00e4cheln hat sich in die Mundwinkel gebrannt; zweimal w\u00e4re sie selbst fast Opfer einer der vielen Infektionskrankheiten geworden, die in den Lagern grassieren. F\u00fcr sie gibt ebenso wie f\u00fcr ihre Kollegen in anderen Lagern keine Berufsbezeichnung; die \u00c4rzte rufen sie meist immer noch <em>Schwester <\/em>oder <em>Pfleger<\/em>, aber kaum einer von ihnen hat eine entsprechende Ausbildung. Einen allgemeinen Oberbegriff gibt es nicht; nur die Alten sprechen manchmal von den <em>Seelen<\/em>, aber so redet auf der Stra\u00dfe niemand.  Die Patienten und auch all die anderen nennen die Frau mit dem steifen L\u00e4cheln einfach bei ihrem Namen,<br \/>\nAuch sie hat den Beruf der Krankenschwester nie gelernt; sie war Lehrerin. Manchmal erz\u00e4hlt sie einem Patienten von ihren fr\u00fcheren Sch\u00fclern. Die meisten von ihnen sind gefallen, und so tut sie es nur, wenn sie darum gebeten wird; sie wei\u00df, dass es den Menschen gut tut, von fr\u00fcher zu h\u00f6ren. Doch meist redet sie nicht \u00fcber ihre Sch\u00fcler, sondern \u00fcber etwas Unverf\u00e4ngliches aus der Vergangenheit. Sie h\u00f6rt auch zu, sie w\u00e4scht Wunden, k\u00fchlt Gesichter, sie tut, was getan werden muss, ohne Sold zu verlangen.<\/p>\n<p>Sie ist, wie ihre Kollegen in anderen Lagern, nur ein Mensch; manchmal hat auch sie soviel Angst und Wut und Trauer im Bauch, dass sie nicht arbeiten kann. Sie trinkt, aber sie ist nicht die einzige, die abh\u00e4ngig ist; die meisten &#8218;Schwestern&#8216;  sind es auf die eine oder andere Weise geworden, auch wenn sie schon vor dem Krieg abh\u00e4ngig war. Ein Mann etwa, dessen Lager sich stetig mit der Front bewegt, muss von Zeit zu Zeit einen der Leichtverletzten mit einer infizierten Nadel anstecken &#8211; nicht um ihn sterben, sondern um ihn durch seine Pflege genesen zu sehen.<br \/>\nSolch absonderliche Obsessionen hat sie nicht, sie trinkt nur. Andere Personen verstehen manchmal nicht, dass auch sie wirklich ein Mensch und nicht nur ein g\u00e4nzlich selbstloser Engel ist. Der Dienst und der Alkohol zehren sie langsam auf, das stimmt. Sie wei\u00df das und l\u00e4sst es zu; aber das muss nicht bedeuten, dass sie ihr Leben gern wegwerfen k\u00f6nnte oder wollte; das sehen die anderen nicht immer. Einmal etwa schlug eine Granate in das Dach der Halle; das Geb\u00e4ude sch\u00fcttelte sich und schien zusammenbrechen zu wollen. In Panik rannte sie hinaus und lie\u00df die Patienten, die nicht laufen oder gehen konnten, zur\u00fcck. Dorthin hatten sich schon die \u00c4rzte gerettet; sie jedoch, die immer so hilfsbereit und selbstlos tat, was sie konnte, starrte man mit einer Mischung aus Unverst\u00e4ndnis und \u00dcberraschung an, als ob man nicht begreifen konnte, dass diese Frau um ihr Leben lief, statt sich um ihre Patienten zu k\u00fcmmern und im Zweifel mit ihnen zu sterben.<\/p>\n<p>Es dauerte Monate bis der Stabsarzt, der das Lazarett leitet, wieder mit ihr sprach, aber er hegt ohnehin einen Groll gegen sie, zumindest manchmal; sie soll einer verbotenen Partei angeh\u00f6rt haben, vor dem Krieg.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist das falsch. Sie war Zeit ihres Lebens ein eher unpolitischer Mensch, zumindest war sie nie in einer Partei. Wahr ist, dass sie vor dem Krieg, schon Jahre davor, auf Demonstrationen gewesen ist. Wahr ist auch, dass man sie wegen ihrer Ansicht \u00fcber den Gro\u00dfen Konflikt unz\u00e4hlige Male angep\u00f6belt, bespuckt und drangsaliert hat, so lange, bis der Krieg nach der Schlacht bei Krakau kippte und sie mit dem Dienst in den Lazaretten begann. Einmal pflegte sie einen Verletzten, den sie als einen der Polizisten erkannte, der sie am Rande einer Versammlung verpr\u00fcgelte; er erkannte sie nicht, und sie sagte nichts davon, pflegte ihn nur.<br \/>\nFalsch ist dagegen auch, was die \u00c4rzte sich \u00fcber den Grund ihrer T\u00e4tigkeit erz\u00e4hlen; weder ist sie Witwe, noch sind ihre Kinder aufgrund der schlechten Versorgung an der Front gestorben. Sie hatte nie Kinder und war nie verheiratet. Man k\u00f6nnte sie einfach fragen, warum sie tut, was sie tut; warum sie nicht davonl\u00e4uft, so weit sie kann, wie es all die anderen tun. Aber es fragt sie niemand, zumindest keiner der Gesunden; Man h\u00e4lt sich lieber an die Ger\u00fcchte und ansonsten fern. Seit dem Einschlag auf dem Dach erz\u00e4hlt man sich, sie sei eine Politische und werde vom Abwehrdienst beobachtet.<br \/>\nAber vielleicht w\u00fcrde es auch nichts n\u00fctzen, sie nach ihren Beweggr\u00fcnden zu fragen. Es gibt keine speziellen, auch keine politischen. Es sind die gleichen, die sie schon seit Jahren umtreiben, die sie zuerst auf die Demonstrationen und schlie\u00dflich in dieses Lazarett gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kennt auch sie die Ger\u00fcchte; \u00fcber die meisten der stillen Helfer gibt es \u00e4hnliche, von der angeblichen Lebensm\u00fcdigkeit bis hin zu den politischen Verstrickungen. Viele von ihnen waren auf den Demonstrationen, fast alle gegen den Krieg. Mehr Frauen als M\u00e4nner sind darunter, aber das mag dem langen Krieg geschuldet sein. Sie wissen, das diejenigen, die sie heilen, wieder k\u00e4mpfen, wieder t\u00f6ten oder get\u00f6tet werden; es ist ihnen gleich.<br \/>\nDie meisten von ihnen haben schon Probleme mit dem Abwehrdienst gehabt, und auch wenn dieser inzwischen zusammengebrochen ist, sprechen sie \u00fcber ihre Ansicht nur selten, schon gar nicht \u00f6ffentlich. Das w\u00e4re auch unn\u00fctz; f\u00fcr L\u00f6sungen ist es zu sp\u00e4t, das ist auch ihnen klar. Es gibt in jedem Konflikt den Punkt, ab dem der einzige Ausweg in der Vernichtung des anderen besteht, selbst um den Preis der eigenen Ausl\u00f6schung, und dieser Punkt war schon lange vor den Bomben auf Paris und Hamburg \u00fcberschritten worden.<\/p>\n<p>Und so spricht auch sie nur \u00fcber Politik, wenn sie jemand darum bittet; solche Gespr\u00e4che beginnen meist mit der Frage, warum es so kommen musste und ob nicht alles anders sein k\u00f6nnte. Meist sind es Sterbende, die solche Fragen stellen.<br \/>\nDann erz\u00e4hlt sie, was damals schon auf den Demonstrationen gesagt wurde, was sie schon lange vor dem Krieg gedacht hat, und die Augen der Geschundenen h\u00e4ngen an ihren Lippen. Wenn sie dar\u00fcber spricht, kann man in ihrem Gesicht manchmal den Menschen entdecken, der sie einmal war. Es ist nicht die m\u00fcde, alte Frau mit den den eingebrannten Falten, die vom Frieden erz\u00e4hlt, sondern der kleine Rest einer viel j\u00fcngeren. Vielleicht ist dieser Rest das einzige, was sie noch zum Spenden von fl\u00fcchtiger, oft falscher und gef\u00e4lschter Hoffnung bef\u00e4higt; vielleicht, aber dar\u00fcber denkt kaum jemand nach, daf\u00fcr sind die Verwundeten zu gierig auf jeden Tropfen Hoffnung, auf jedes Qu\u00e4ntchen Leben. Aber zumindest h\u00f6ren sie genau zu.<br \/>\nGanz \u00e4hnlich wie auch die st\u00e4ndig angetrunkene Helferin im Lazarett unter dem Dach der abbruchreifen Halle m\u00fcssen viele der guten Seelen das als bittere, als zynische Genugtuung empfinden, dass man ihnen jetzt, da alles zu sp\u00e4t ist, zuh\u00f6rt. Als sie zum ersten Mal ihre Stimme erhoben, hat man sie zun\u00e4chst ignoriert und dann bel\u00e4chelt. Als sie erste Demonstrationen veranstalteten, hat man sie als Tr\u00e4umer, als unverbesserliche Idealisten abgetan. Auch als die ersten Versammlungen mit Kn\u00fcppeln aufgel\u00f6st wurden, hat man ihnen nicht zugeh\u00f6rt und sie stattdessen angep\u00f6belt, beleidigt, sp\u00e4ter geschlagen. Als man so begierig darauf wurde, die Br\u00fcder und Kinder von Bombenlegern zu ermorden, dass man begann, die eigenen daf\u00fcr in den Tod zu schicken, hat man zehn von ihnen in einer gro\u00dfen Stadt an einem Pfahl aufgeh\u00e4ngt, weil man sie als Verr\u00e4ter sah. Jetzt, wo es doch zu sp\u00e4t ist, h\u00e4ngen wenigstens die Augen der Sterbenden an ihren Lippen;  Die Welt musste erst schwarz und leer werden, bevor man ihren Worten Geh\u00f6r schenkte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn da niemand w\u00e4re, der ab und zu zwischen den Betten hin- und hergehen w\u00fcrde, um einen gef\u00e4lschten Brief unter eine der l\u00f6chrigen Decken zu stecken oder mit schmutzigem Wasser \u00fcberhitzte, fleckige Gesichter abzuwaschen, wenn es niemandem mehr g\u00e4be, der sich wenigstens manchmal den fiebrigen Erz\u00e4hlen der vielen Verlorenen erbarmen w\u00fcrde, wenn kein menschliches Wesen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,3,12],"tags":[22,34,39,33,41,40,42],"class_list":["post-147","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2","category-2-2","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2","tag-destruktivitat","tag-gewalt","tag-krieg","tag-tod","tag-totalitares-system","tag-vernichterseelen","tag-zynismus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=147"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/147\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}