{"id":15,"date":"2005-05-19T01:16:51","date_gmt":"2005-05-19T00:16:51","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=15"},"modified":"2008-09-23T03:59:47","modified_gmt":"2008-09-23T01:59:47","slug":"15","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/05\/19\/15\/","title":{"rendered":"Erwachen\/Systeme (1)"},"content":{"rendered":"<p>Von hier oben konnte er auf sie herabschauen, er gewann einen \u00dcberblick \u00fcber das System unter ihm, und in gewisser Weise spiegelte der erhabene Standort dieser Br\u00fccke sein inneres Verh\u00e4ltnis zu dem unter ihm wider, und so schien sie ihm &#8218;angemessen&#8216;, seiner Person angemessen, seinem Zustand, seiner Position angemessen.<br \/>\nAus diesem Grunde &#8211; und, wie ihm bewusst war, aus einigen anderen, praktischen, fast pragmatischen Gr\u00fcnden &#8211; stand er oft hier und blickte auf den Platz herab, den die Br\u00fccke bedrohlich hoch \u00fcberspannte, f\u00fchlte die fragile Mischung aus Ekel und Bewunderung und einigen anderen Emotionen, vielleicht die Mixtur, die ein J\u00e4ger vor dem Tigergehege f\u00fchlte, in einem Zoo.<br \/>\nJa, vielleicht war der Ausdruck Zoo &#8218;angemessen&#8216; f\u00fcr diesen Platz.<br \/>\nSeine gepflegt und jung wirkenden H\u00e4nde vollzogen einige schnelle, pr\u00e4zise Bewegungen, zogen eine Schachtel und ein Feuerzeug aus seiner Manteltasche, entz\u00fcndeten eine der Mentholzigaretten. Er lie\u00df die Asche achtlos \u00fcber die Br\u00fcstung rieseln.<br \/>\nUnd wieder blickt er nach unten.<br \/>\nDie Menschen verloren sich dort unten auf ihren endlosen Pfaden, auf ihren kleinen, kurvigen Wegen \u00fcber den Platz, und von der Br\u00fccke aus wurden sie zu einer undefinierbaren, fraktalen Masse, in der das Individuum als singul\u00e4re Erscheinung verschwand, zu einem statistischen <span style=\"font-style: italic\">sample<\/span> von Systemzw\u00e4ngen und Marketingstrategien wurde. Sanft zog er noch einmal an der Zigaretten.<br \/>\nDer Platz war eingerahmt, er korrigierte sich, er entstand erst durch die umliegenden B\u00fcrogeb\u00e4ude, die in einem zynischen Zug den Platz sowohl schuffen als auch permanent zu bedrohen schienen, und so wirkte der Platz auf den Betrachter kleiner, als er tats\u00e4chlich war. Vielleicht war das Absicht gewesen, dachte er am\u00fcsiert, vielleicht hatten die Architekten dieser Konstruktion diesen seltsamen Widerspruch absichtlich realisiert, damit die Menschen ein wenig schneller \u00fcber den Platz liefen, wenn sie zu arbeiten hatten. Er musste an ein Buch denken, das zwischen vielen anderen \u00e4hnlichen B\u00fcchern in seinen Regalen standen, geschrieben von einem wirren, zerstreuten Geist, und doch von einer merklichen Wahrheit hinter seinen Worten befl\u00fcgelt.<br \/>\nDas Logo, dass in immer blankpolierten, spiegelnden Farben \u00fcber jedem Eingang der Geb\u00e4ude prangte, war \u00fcberall gleich, was ihn zu der Vermutung gef\u00fchrt hatte, dass jedes dem gleichen Unternehmen geh\u00f6rte, er wusste nicht, wie es hie\u00df, aber letztlich war das auch irrelevant, irrelevant f\u00fcr ihn und vermutlich sogar f\u00fcr die Menschen unter ihm, denn die Arbeiten, die sie verrichteten, folgten keinem offenen Plan mehr, keiner Richtung, sie waren nunmehr R\u00e4dchen in einem System von gr\u00f6\u00dferen und kleineren R\u00e4dchen, und wie jedes gute Zahnrad gaben auch sie sich der Indifferenz preis.<br \/>\nFr\u00fcher hatte er sich manchmal sogar gew\u00fcnscht, auch nur ein R\u00e4dchen zu sein. Heute war das anders.<br \/>\nEr lie\u00df den Zigarettenstummel fallen.<br \/>\nVor langer Zeit war er wie sie gewesen. Je h\u00e4ufiger er hier stand, desto st\u00e4rker war ihm das bewusst gewesen, und er nahm davon zun\u00e4chst beunruhigt Kenntnis, bis er darin seine eigene \u00dcberlegenheit erkannte.<br \/>\nSein altes Ich erkannte er oft wieder hier, vor allem in all den Fluchtwegen, die ein Zahnrad zu nehmen versuchte, wenn es kein Zahnrad mehr sein wollte. Und so sah er manchmal einen oder zwei Menschen dort unten, die anders waren; sie trugen eine Krawatte von anderer Farbe, manchmal auch ein im Genick verstecktes Tatoo, genau auf H\u00f6he des Kragens, aber immer noch zu entdecken, vielleicht ein kleines Ger\u00e4t, dass die anderen nicht besa\u00dfen, manchmal etwas Ausgefalleneres, und f\u00fcr einen Moment waren diese Menschen anders, sie blickten sich um, w\u00e4hrend sie \u00fcber den Platz liefen, in ihre Augen kehrte der Glanz des Individuellen zur\u00fcck, ein bisschen so, als ob Leben in einen toten K\u00f6rper zur\u00fcckkehrte. Er kannte den Zahnr\u00e4dchencode, wie er es nannte, den <span style=\"font-style: italic\">Code of Conduct<\/span> des Unternehmens nicht, aber manche dieser Trends verschwanden wieder, viele schon nach Stunden, oder aber die Menschen verschwanden, die sie auslebten. Andere schienen den <span style=\"font-style: italic\">Code of Conduct<\/span> auf so subtile Weise zu unterminieren, dass sie blieben, sich verbreiteten, sich in einer Form von viraler Kontamination reproduzierten, bis schlie\u00dflich jedes Wesen dort unten davon infiziert war &#8211; und die Individualit\u00e4t wieder erlosch. Genauso war auch er einmal gewesen, hatte das St\u00fcck Individualit\u00e4t gesucht, dass ihn seiner selbst versichern konnte, zuerst in den Medien, auf Musiksendern, sp\u00e4ter in B\u00fcchern, dann in Drogen, doch \u00fcberall war die Form viraler Kontamination vorhanden, die er auch hier f\u00fchlte, und deshalb war er gescheitert, immer wieder gescheitert, aber das war in einem anderen Leben gewesen. Er konzentrierte sich auf die Pfade, mit denen die Menschen ganz im Sinne des Systems den Boden \u00fcberzogen, abstrakte Muster, die eine zielgerichtete Gesch\u00e4ftigkeit symbolisieren sollten, die im Realen keine Entsprechung fand, denn kaum einer der Menschen dort unten wusste, warum er eigentlich das tat, was er tat, sie alle waren winzige Teile eines winzigen Prozesses in einer verschachtelten Welt von Prozessen.<br \/>\nOft hatte er dar\u00fcber nachgedacht, das Problem wieder und wieder \u00fcberdacht, und er war zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass diese Form zeitlich begrenzter Individualit\u00e4t die Strategie eines Meta-R\u00e4dchencodes, des Systems selbst war, eine weitere Art von Kontrolle darstellte.<br \/>\nEr erf\u00fchlte die Pr\u00e4senz eines anderen hinter ihm und drehte sich mit der Beil\u00e4ufigkeit eines Unbeteiligten um, blickte in die hungernden Augen eines Menschen im schwarzen Anzug.<br \/>\nWie dieser Mann hatte auch er sich nicht mit einfachen Trends, einfachen Variationen des Gegebenen zufriedengegeben, nein, er hatte weitergesucht, nach Erfahrungen, die die Grenzen des Normalen &#8211; seiner damaligen Sichtweise nach &#8211; sprengen mussten, und er hatte viel zu viel genommen.<br \/>\nDiesen Mann kannte er, er gab ihm nur noch einige Wochen, bis er aus dem System fallen w\u00fcrde, gab ihm deshalb nicht die \u00fcbliche Menge, sondern eine gestreckte Dosis. Vollzog den Austausch in einer ruhigen, bedachten, aber nicht \u00fcberm\u00e4ssig angespannten Geste und konzentrierte sich dann wieder auf den Platz. Eigentlich musste er nicht mehr selber diesen Job machen, er tat es dennoch, er wusste nicht warum, und es war tats\u00e4chlich nicht relevant f\u00fcr ihn. Vielleicht war es eine perverse Freude an dem, was seinen Kunden geschah, vielleicht auch nur Langeweile, vielleicht auch ein bisschen die Arroganz der \u00dcberlegenheit, die er f\u00fcr sich selbst zu Schau stellen konnte, er konnte es nicht entscheiden und es war f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit auch nicht wichtig.<br \/>\nNoch einmal blickte er Mann in dem schwarzen Anzug nach, er konnte nie wissen, wie jemand in seinem Zustand reagierte. Er grinste. In gewisser Weise garantierte der Tod seiner Kunden oder ihr Abdriften ins <span style=\"font-style: italic\">Bewusst-Lose <\/span>seine eigene Sicherheit; verraten konnten sie ihn sicher nicht, und das beruhigte ihn.<br \/>\nOft dachte er, die Regeln des Spiels seien sehr einfach; jeder in diesem System dort unten konnte w\u00e4hlen, konnte die Anpassung w\u00e4hlen, die den Konformismus, die Selbstaufgabe und schlie\u00dflich den Tod den Geistes oder, in einer absurden Beibehaltung des Sinnes, den Geist des Todes implizierte.<br \/>\nOder er konnte die Rebellion w\u00e4hlen, die Auflehnung, das Aufbegehren, vielleicht, weil diesem System gewisse abstrakte Konzepte fehlten, die manche als &#8218;menschlich&#8216; bezeichneten, er bewunderte die Naivit\u00e4t dieser Forderungen, doch diese Menschen landeten schlie\u00dflich auf Kan\u00e4len, die das System unsichtbar bereithielt, bei ihm, und das w\u00fcrde den Tod ihres K\u00f6rpers implizieren, und nichts war gewonnen. Ein geringf\u00fcgiger Teil seiner Pers\u00f6nlichkeit f\u00fchlte sich mehr zur Rebellion hingezogen, aber das war verst\u00e4ndlich, so dass er es geschehen lie\u00df, und er dachte an das M\u00e4dchen, dass ihn oft besuchte, eine Kundin, eigentlich, aber auch Ausdruck dieser geringf\u00fcgigen Rest-Sympathie, denn er lie\u00df sie selten zahlen, zumindest nicht mit Geld, wie er lakonisch feststellte. Sie \u00e4hnelte den anderen Rebellen sehr, sie schien die Epoche der Bedeutungslosigkeit durch Deutungslosigkeit aufl\u00f6sen zu wollen, diesen Satz hatte er einmal gelesen und fand ihn passend.<br \/>\nUnd es gab den dritten Weg, den Weg, den er gegangen war, allein, als einziger, und schon das machte seine \u00dcberlegenheit aus, fand er. Er stand immer au\u00dferhalb, gehorchte nur seinen Regeln, und das war es, was ihn so von den Menschen dort unten unterschied, ihm diktierte kein System von ethischen, sozialen und medialen Systemen seinen Weg, sie konnte ihm nichts mehr anhaben, er hatte den Durst nach Individualit\u00e4t irgendwann aufgegeben und war so zum Individuum geworden, er war das <span style=\"font-style: italic\">corrupted file <\/span>geworden, der unverdaubare Datensatz f\u00fcr die globalen Algorithmen dieser Zeit.<br \/>\nManchmal kam es ihm fast so vor, als w\u00e4re es nicht die Br\u00fccke, die den Platz \u00fcberspannte, sondern er selbst, mit je einem Fu\u00df auf den sich gegen\u00fcberliegenden Konzernd\u00e4chern. Der Gedanke gefiel ihm, und er verweilte noch ein wenig bei ihm, als er sich auf den Weg zur\u00fcck machte, weg von der Br\u00fccke, weg von den Konzerngeb\u00e4uden.<\/p>\n<p>&#8222;Die h\u00f6chste Erkenntnis tut ab die Erkenntnis, h\u00f6chste Liebe vergisst die Liebe. H\u00f6chste Tugend ist nicht Tugend.&#8220; &#8211; <em><a title=\"L\u00fc Bu We\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/L%C3%BC_Bu_We\">L\u00fc Bu We<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von hier oben konnte er auf sie herabschauen, er gewann einen \u00dcberblick \u00fcber das System unter ihm, und in gewisser Weise spiegelte der erhabene Standort dieser Br\u00fccke sein inneres Verh\u00e4ltnis zu dem unter ihm wider, und so schien sie ihm &#8218;angemessen&#8216;, seiner Person angemessen, seinem Zustand, seiner Position angemessen. 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