{"id":16,"date":"2005-05-27T01:20:28","date_gmt":"2005-05-27T00:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=16"},"modified":"2006-12-11T01:23:28","modified_gmt":"2006-12-11T00:23:28","slug":"16","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/05\/27\/16\/","title":{"rendered":"Die Logik des Wolfes (2)"},"content":{"rendered":"<p>Sie hatte am Morgen angerufen, mit einer ruhigen Stimme gesprochen, ein Treffen erbeten. Er war irritiert gewesen, aber er wollte, er musste wissen, was vorging, und der Klang ihrer Stimme hatte ihn dem Treffen zustimmen lassen, und er war zu ihr gekommen, und schon noch bevor sie Platz nahm war es aus ihr herausgesprudelt, es waren etwas \u00fcberhastete verwirrende Satzfetzen gewesen, aber er hatte schnell verstanden, worum es ging, und sie hatte ihm von dem Jungen erz\u00e4hlt, von dem Brief, von ihrer Entscheidung, von dem Entzugsprogramm, von dem neuen Arzt, den sich nun einmal in der Woche aufsuchte, und von ihrem Umzug, auf Land wollte sie gehen, dort an der frischen Luft und nur f\u00fcr sich arbeiten, sogar etwas Triumph schwang in ihren Worten mit.<br \/>\nUnd nun sa\u00dfen sie hier, er in einem tiefen, schwarzen Sessel, sie auf einem Stuhl nur eine Arml\u00e4nge entfernt, und immer noch erz\u00e4hlte sie, sie sprach von der Hoffnung, von dem Programm, an dem sie teilnehme wolle, von dem Entzug, sie wirkte klar und n\u00fcchtern, und dennoch stie\u00dfen die Worte immer noch in einem ungebremsten Schwall \u00fcber ihre Lippen, er f\u00fchlte sich an ein Kind erinnert, dass von einer der vielen kindlichen Traditionen schw\u00e4rmte.<br \/>\nUnd er h\u00f6rte immer noch zu, scheinbar.<br \/>\nSeine Augen wandten sich von der B\u00fccherwand, an der sie gehaftet hatten, wieder zur\u00fcck zu ihren Augen, und f\u00fcr einen Moment gestattete er sich einen Blick auf das vage Funkeln echter Hoffnung, das langsame Aufflammen von etwas, dass er nicht kennen oder kontrollieren konnte.<br \/>\nDer Schlag kam von unten, wie ein Blitz, wie der kleine Funken zwischen zwei Schaltgattern eines Mikroprozessors, schnell und pr\u00e4zise, mit exakt der richtigen Abstimmung von Kraft und Richtung, ein einzelner Vektor, keine Ecken, keine Kanten, kein Z\u00f6gern, nur ein schneller, harter Schnitt durch die Luft, so beil\u00e4ufig und doch kraftvoll, dass das Leuchten in ihren Augen noch blieb, siebeneinhalb Sekunden lang, als h\u00e4tte es f\u00fcr einen kurzen Moment den Tod vergessen.<br \/>\nDie Entscheidung selbst, so dachte er, war schnell gefallen, sie war obligatorisch, <span style=\"font-style: italic\">a priori,<\/span> gewesen. Er konnte nicht zulassen, dass sie ging, dass sie seiner Kontrolle entglitt, daf\u00fcr, so sagte er sich, auch wenn er das Pochen eines Zweifels hinter dieser Begr\u00fcndung sp\u00fcrte, wusste sie einfach zu viel \u00fcber ihn, wer wusste, ob sie eines Tages mit den M\u00e4nnern in den grauen Anz\u00fcgen vor seiner T\u00fcr stand, nein, hatte er bekr\u00e4ftigt, er konnte es nicht zulassen.<br \/>\nUnd doch hatte er noch eintausendzweihundert lange Z\u00fcge des Pendels hinter ihm dort gesessen und nichts getan, hatte nur \u00fcber das <span style=\"font-style: italic\">Wie<\/span> nachgedacht, die Herangehensweise \u00fcberdacht, und er hatte dabei stumm dagesessen und sie reden lassen, einfach nur reden lassen, w\u00e4hrend er analysierte und seinen Blick \u00fcber die endlosen B\u00fccherreihen vor ihm wandern lie\u00df.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich war seine Augen an einem der Buchr\u00fccken haften geblieben, und er hatte sich erinnert, erinnert an eine Nacht vor vielen N\u00e4chten, in der sie hier gesessen hatte und im Rausch eines der B\u00fccher gelesen hatte, und er hatte sich auch an die vielen wirren und d\u00fcsteren Worte erinnert, die in dieser Nacht aus ihrem Mund geflossen waren wie ein rei\u00dfender Strom, der sich seinen Weg durch einen tiefen Talkessel bahnte. Sie hatte von W\u00f6lfen gesprochen, von gro\u00dfen dunklen M\u00e4nner, von der Angst, eingesperrt zu sein, und er hatte \u00fcber Gewalt nachgedacht, \u00fcber die seltsame Beziehung zwischen R\u00e4umen und Gewalt. Er hatte sich einen geistigen Exkurs von seiner methodischen Frage erlaubt, den Zusammenhang zwischen der r\u00e4umlichen Wahrnehmung und dem Anwenden von Gewalt neu \u00fcberdacht, seine eigenen Erfahrungen reflektiert.<br \/>\nEs stimmte, so hatte er befunden, w\u00e4hrend der Rezipient von Gewalt &#8211; er weigerte sich, in irgendeinem Zusammenhang von Opfern zu sprechen, denn es gab keine Opfer &#8211; eine Kr\u00fcmmung wahrnahm, ein Sich-Schlie\u00dfen des T\u00e4ters um den Rezipienten, einen metaphorischen <span style=\"font-style: italic\">Kreis der H\u00f6lle<\/span>, so verhielt es sich mit dem T\u00e4ter umgekehrt, f\u00fcr ihn wurde der Raum gr\u00f6\u00dfer, die Distanz wuchs, das Entkommen des Rezipienten &#8211; besser, die Option des Entkommens &#8211; entwickelte eine fast schon r\u00e4umliche Dimension, dehnte die Abst\u00e4nde zwischen den beiden Subjekten.<br \/>\nUnd dann hatte er sich ihrer Angst vor dem Eingesperrtsein besonnen und schlie\u00dflich diesen Weg, dieses <span style=\"font-style: italic\">Wie <\/span>gew\u00e4hlt, denn diese Methode schien die Verdrehung, diese Verkr\u00fcmmung des Raumes abzumildern, zu verhindern durch Pr\u00e4zision und Geschwindigkeit, und in der Tat war er zufrieden, sein Arm, so hatte sein sensorisches Ich diesen winzigen Moment wahrgenommen, hatte den sich verzerrenden Raum zerschnitten, \u00e4hnlich einem Teppichmesser, dass einen Globus zerschnitt &#8211; es blieben winzige Kr\u00fcmmungen, winzige Spuren der Tat, kleine Dellen, topologische Unebenheiten, aber sie waren subtil, sie besa\u00dfen kein geordnetes Ziel mehr und zerflo\u00dfen in alle Richtungen.<br \/>\nEr hatte von diesem Schlag gelesen, vor langer Zeit schon, in einem alten Buch, dass in traditionellem Chinesisch verfasst worden war, und f\u00fcr einen Augenblick war er nicht sicher gewesen, ob er ihn korrekt ausgef\u00fchrt hatte.<br \/>\nEin gewisser Stolz mischte sich in die Leere seines Selbst. Er blickte in ein bleicher werdendes Gesicht, dessen Augen sich geschlossen hatten, sch\u00f6n und still, ein k\u00e4lter werdendes L\u00e4cheln auf den Lippen, fast wie im Schlafe.<br \/>\nEs war perfekt gewesen, dachte er. Der Angriff war nicht von Emotionen geleitet worden, von Wut oder Trauer. Auch nicht von Rationalit\u00e4t, von <span style=\"font-style: italic\">Warum <\/span>und <span style=\"font-style: italic\">Weil. <\/span><font>Die Quelle dieses Schlags war er selbst gewesen.<span style=\"font-style: italic\"><br \/>\n<\/span>Es war perfekt gewesen, dachte er noch einmal voller Bewunderung, dann flo\u00df eine einzige blutrote Tr\u00e4ne aus ihrer Nase, in langsamen, kriechenden Bewegungen, und zerst\u00f6rte sein Bild. Noch einmal pochte der Zweifel leise in seinem Hinterkopf, pochte auch in dem Arm, der jetzt schmerzte vom Brechen des d\u00fcnnen Knochens.<br \/>\nEr schob es auf die seltsamen <span style=\"font-style: italic\">Umst\u00e4nde <\/span>und stand auf, um sie wegzuschaffen.<\/font><\/p>\n<p><font>&#8222;Die meisten Menschen sind M\u00f6rder. Sie t\u00f6ten einen Menschen. In sich selbst.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Stanislaw Jerzy Lec\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Stanislaw_Jerzy_Lec\">Stanislaw Jerzy Lec<\/a><\/em><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hatte am Morgen angerufen, mit einer ruhigen Stimme gesprochen, ein Treffen erbeten. 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