{"id":17,"date":"2005-06-28T01:20:45","date_gmt":"2005-06-28T00:20:45","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=17"},"modified":"2006-12-11T01:23:04","modified_gmt":"2006-12-11T00:23:04","slug":"mastermind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/06\/28\/mastermind\/","title":{"rendered":"Mastermind (3)"},"content":{"rendered":"<p>Sein Blick war klar. Sein Atem, sein Puls war ruhig. Er sp\u00fcrte es, f\u00fchlte, konnte es durch die Dunkelheit vor seinen ge\u00f6ffneten Augen wahrnehmen, ein St\u00fcck der Ewigkeit &#8211; oder etwas, das er daf\u00fcr hielt, f\u00fcgte er hinzu &#8211; schlo\u00df sich um ihn.<br \/>\nEin Zentrum, ein statischer Kern in einem unerme\u00dflichen Meer aus rotierenden, kollidierenden, kalkulierenden Splittern einer zerfasernden Welt.<br \/>\nUnd er sp\u00fcrte auch, wie er sich dem Ziel n\u00e4herte, die Ruhe im Inneren wurde ein Teil von ihm oder er wurde ein Teil dieser Ruhe, die beiden Sichtweisen waren letztlich \u00e4quivalent, hatte er einmal konstatiert, dennoch bevorzugte er die erstere Lesart, vielleicht aus Eitelkeit, er wusste es nicht.<br \/>\nEs hatte ihm zun\u00e4chst Angst gemacht, unglaubliche Angst sogar, auch wenn er sich das erst viel sp\u00e4ter eingestanden hatte, und doch war er beim ersten Mal verschreckt gewesen, fast panisch, und war aufgesprungen von dem Sessel, in dem er jetzt wieder locker ruhte, und er f\u00fcr einen winzigen Moment konnte er die Angst von damals fast wieder sp\u00fcren, fast schmecken, und er musste sich zur Ordnung rufen.<br \/>\nJetzt jedoch blickte er kalt und leer auf diesen Sturm, diesen Variablensturm, wie er es genannt hatte, in Anlehnung an den Beruf, den er vor langer Zeit ausge\u00fcbt hatte. Und f\u00fcr eine Weile, die immer wie ein ganzes Jahr schien, blickte das Chaos zur\u00fcck, aus hunderttausend gebrochenen Augen, mit eben demselben, unpers\u00f6nlichen, fernen Blick, ein hunderttausendfach vergr\u00f6\u00dfernder Spiegel, steril und kalt und leer wie er selbst.<br \/>\nUnd er f\u00fchlte, wie eine weitere Ewigkeit verstrich, w\u00e4hrend er den Blick starr festhielt, nicht mehr loslie\u00df, nicht mehr loslassen konnte.<br \/>\nEr wusste es ganz genau, er wusste ganz genau, was geschehen w\u00fcrde, vielleicht konnte er es nicht besitzen &#8211; leider nicht &#8211; aber er konnte es beherrschen, eine gewisse Kontrolle aus\u00fcben, es f\u00fcr einen Moment niederzwingen, und deshalb war er vollkommen leer und fokussiert.<br \/>\nUnd wartete.<br \/>\nUnd irgendwann begann das Chaos, zu weichen, es l\u00f6ste sich langsam und lie\u00df leise fluchend den Blick auf die tieferliegenden Strukturen zu, die Splitter schienen langsamer um ihn zu rotieren, aber die Ver\u00e4nderung fand so langsam, so flie\u00dfend statt, dass er den Blick kurz h\u00e4tte abwenden m\u00fcssen, um es zu sehen. Das wei\u00dfe Rauschen der Farben und Licher nahm ab, zuerst an den R\u00e4ndern, dort, wo die Ruhe endete, Abgrenzungen wurden klarer, der Kontrast baute sich langsam auf, so, als w\u00e4re es eine gest\u00f6rtes &#8211; oder verst\u00f6rtes &#8211; Funksignal, dass dort langsam an Kontur gewann, durch unz\u00e4hlige Filteralgorithmen gejagt und restauriert, rekonstruiert wurde, und in gewisser Weise hielt er diesen Vergleich f\u00fcr angebracht, auch wenn er sich den Gedanken sofort verbat. Die wirbelnden Massen schienen widerstrebend Regeln und Relationen zu gehorchen, sich ihrem ruhigen Kern langsam zu beugen, wie ein Geb\u00e4ude, dessen Mauern sich langsam der Schwerkraft beugten, \u00e4chzend, flehend, mit der leisen Ank\u00fcndigung, wiederzukehren.<br \/>\nUnd von einem Moment zum anderen hatte er sein Ziel erreicht und gestattete sich, wieder auszuatmen, w\u00e4hrend er sich umblickte, langsam und vorsichtig noch.<br \/>\nDer Sturm hatte sich gelegt, und er blickte auf die ruhige See vor sich. Feinste Dr\u00e4hte aus Licht lagen da vor ihm, verbanden gro\u00dfe und kleine Lichter miteinander, die sich in einer unendlich weiten Ebene vor ihm ausbreiteten.<br \/>\nEr w\u00fcrde sie am ehesten als Zahlen beschreiben, obwohl sie das nicht waren. Aber er w\u00fcrde es auch nie jemandem erkl\u00e4ren, dachte er. Es waren keine Zahlen, wohl aber vielleicht.. Werte. Personen, Institutionen, Relationen. Alles fand er hier wieder, geordnet, verst\u00e4ndlich, wenn er sich nur darauf konzentrierte, nicht mathematisch oder rational angeordnet, keine pr\u00e4zise Kalkulation, nein, vielleicht eher so etwas wie die Konkretisierung oder systematische Darstellung von Intuition. Seine abstrakt gewordenen Augen schweiften \u00fcber die gigantische Ebene und blieben eine kurze Zeit bei dem Moment, den er vorgestern wahrgenommen hatte, als er an der Br\u00fccke stand und &#8211; wie immer &#8211; auf das Chaos unter ihm blickte.<br \/>\nUnd er konnte jedes anonyme Gesicht wiederfinden, konnte die Abh\u00e4ngigkeiten erkennen, die kleinen d\u00fcnnen F\u00e4den, die von jedem dort unten zu jedem anderen verliefen, manche waren etwas dicker, er erkannte Zuneigung oder Hass darin, je nachdem, er konnte nicht erkl\u00e4ren wie, aber es war ihm klar, wenn er sich dieses Bild ansah, diese Modell, diese Metastruktur. Selbst die Geb\u00e4ude hatten ihren Platz wiedergefunden hier, sie strahlten in einem hellen Funkeln, repr\u00e4sentierten gewisse Interessen, gewisse Konventionen, den Code of Conduct beispielsweise, auch nat\u00fcrlich das unbedingte Prinzip, dass diesem wie vielem der anderen gro\u00dfen Licher innewohnte.<br \/>\nDies war keine Zauberei, er hatte das nie geglaubt, es hatte auch nichts mit Religion zu tun, nein, es war nur eine sehr&#8230; spezielle Ansicht der Welt, die sich ohnehin in seinem Kopf befand, er wusste es, es gab R\u00e4nder seiner Wahrnehmung, auch hier, er konnte selbstverst\u00e4ndlich nicht in die Zukunft blicken oder durch die W\u00e4nde eines Hauses, dass er nie betreten hatte, nein, das war unm\u00f6glich, auch die Welt gehorchte den Gesetzen der Physik, sie war nur eine komprimierte, eine gefilterte, durch Konzentration tempor\u00e4r geordnete Ansicht seiner Wahrnehmungen, jeder kleinsten. Es waren die ganz winzigen und die titanengro\u00dfen Dinge, die der ruhige Kern, der er war, hier verarbeitete, interpolierte, zu einem koh\u00e4renten Bild des Systems zusammensetzte, dachte er wieder und wieder und schwebte \u00fcber die Ebene.<br \/>\nHierher kam er oft, machmal, um nur etwas zu \u00fcberdenken, wie ein Schachspieler, der eine Partie noch einmal spielte, um Fehler zu analysieren, und so schob er dann mit seinen geistigen Armen einige Pf\u00e4den zur Seite, sah, was geschah, welche Ver\u00e4nderungen sein Unterbewusstsein entdeckte konnte, antizipieren konnte. Die Rolle eines Schachspielers gefiel ihm, er gestattete sich diese Arroganz, er war unber\u00fchrt, er verschob nur Menschen, kleine Winkelz\u00fcge, kleine Anst\u00f6\u00dfe, das System und seine Regeln erledigten den Rest, es waren Marionetten, nichts als leere Figuren, die er auf diesem gigantischen Brett wie auch in der realen Welt verschieben konnte, wie er wollte.<br \/>\nHier hatte er auch geplant, wie sie zur Seite zu schaffen war, kam ihm in den Sinn, er wusste nicht, warum. Es war ganz einfach gewesen, wie erwartet, er hatte nur einige ganz geringe Eingriffe machen m\u00fcssen, und es hatte funktionieren, und jemand anders w\u00fcrde f\u00fcr ihren Tod b\u00fc\u00dfen m\u00fcssen, ein Gesch\u00e4ftspartner, ein Feind, jemand, den er ohnehin aus dem Weg r\u00e4umen musste.<br \/>\nDieses Mal war etwas anders, er f\u00fchlte es jetzt ganz deutlich, hatte es die ganze Zeit gesp\u00fcrt, aber nicht gewagt, es zu denken. Er witterte es, konnte es aber nicht sehen, eine Gefahr vielleicht. Bem\u00fcht blieb er ruhig, versuchte noch mehr Ordnung herzustellen, den Fehler zu finden, drehte sich weg von den d\u00fcnnen Knoten unter der Br\u00fccke, hin zu dem Moment, der ihn offensichtlich, wie er ver\u00e4rgert eingestand, immer noch besch\u00e4ftige.<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich stand sie vor ihm, doch es war nicht das Bild, dass er erwartet hatte, es schien selbstst\u00e4ndig, selbstt\u00e4tig. Die rote Tr\u00e4ne schien \u00fcber ihren Lippen gefroren zu sein, doch ihre Augen waren offen und klar, und sie blickten ihn aus unendlichen H\u00f6hen an, fixierten ihn, er sp\u00fcrte, wie die Angst in ihm wuchs, wie das die geronnene Ordnung zu zerflie\u00dfen begann, langsam, wie ein Dieb, der sich hinter seinem R\u00fccken davonschleichen wollte, er musste sich konzentrieren, rief er sich zu, konzentrieren auf dieses T\u00e4uschbild, und er suchte einen Schwachpunkt, einen Fixpunkt, und fand ihre Augen.<br \/>\nUnd erschrak.<br \/>\nDiese Augen waren nicht leer, sie waren lebendig, sie zeigten ihr Wesen, ihre Wut, ihre Trauer, und doch waren sie wie Spiegel, klarer und st\u00e4rker, als er es f\u00fcr m\u00f6glich hielt, und sie nahmen ihn gefangen, er wich zur\u00fcck, sie folgten, er wand sich ab, sie drehten sich um ihn.<br \/>\nUnd er sah sein eigenes Spiegelbild in ihren abstrakten Pupillen und erkannte sich selbst als kleines Licht, von dem d\u00fcnne F\u00e4den aus Licht zu anderen Lichtern f\u00fchrten, Teil des Systems, wie er lakonisch feststellte, und er sah nun durch ihre Augen, und wie in Trance folgte er seiner eigenen Repr\u00e4sentation in die Vergangenheit, sah die Abh\u00e4ngigkeiten, die sich pl\u00f6tzlich aufbauten, die d\u00fcnnen F\u00e4den, die ihn wie eine Marionette von einem Moment zum anderen hatten taumeln lassen, immer nur taumeln lassen, so wie jede andere Marionette auch, und ihre Augen blieben das letzte, was er sah, bevor die Ordung um ihn herum endg\u00fcltig zerbrach und das Chaos \u00fcber ihm zusammenschlug wie ein rachs\u00fcchtiger Wolkenbruch, graue Pupillen, in denen sich seine eigene Bitterkeit und die ihre widerspiegelte.<\/p>\n<p>&#8222;Keep me away from the wisdom which does not cry, the philosophy which does not laugh and the greatness which does not bow before children.&#8220; &#8211; <a href=\"http:\/\/en.wikiquote.org\/wiki\/Khalil_Gibran\">Khalil Gibran<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein Blick war klar. 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