{"id":181,"date":"2008-09-19T03:53:25","date_gmt":"2008-09-19T01:53:25","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=181"},"modified":"2008-09-23T03:04:43","modified_gmt":"2008-09-23T01:04:43","slug":"opazitat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2008\/09\/19\/opazitat\/","title":{"rendered":"Opazit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Entstanden in der Zeit der zunehmenden Vermengung von Sozial- und Medienwissenschaften, ist dieser Begriff zur entscheidenden Kenngr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Beschreibung komplexer Wissens- und Theoriezusammenh\u00e4nge geworden. Urspr\u00fcnglich von Luhmann in einer sp\u00e4ten Arbeit vorgeschlagen, wurde er vor allem von den beiden promovierten Historikern und Soziologen E. Peters und D. Taeuscher formal skizziert und schlie\u00dflich in der Doktorarbeit von Samuel Linke zufriedenstellend definiert, was endlich auch quantitative Urteile erlaubte.<br \/>\nW\u00e4hrend Luhmann vor allem seine Konzeption einer systemtheoretischen Soziologie und den damit eng verbundenen Begriff der Komplexit\u00e4t durch die Idee einer Messgr\u00f6\u00dfe &#8222;Opazit\u00e4t&#8220; zu st\u00fctzen versuchte, waren sp\u00e4tere Versuche, darunter auch die Ausarbeitungen von Peters und Taeuscher, schon eher an dem Bild orientiert, das heutige Wissenschaftler von dem Begriff haben.<br \/>\nDreh- und Angelpunkt des theoretischen Diskurses ist dabei die Einsicht, dass komplexe Gesellschaften dazu neigen, hochdimensionale und \u00e4u\u00dferst schwer zu durchschauende Theorie- und Wissenstrukturen zu entwickeln. Gerade bei Peters war das Aufgreifen des Luhmannschen&#8216; Begriffs dabei durch die Untersuchung der soziologischen Randbedingungen f\u00fcr das Auftreten von so genannten &#8218;Verschw\u00f6rungstheorien&#8216; bedingt. So schreibt Peters in seiner Arbeit &#8222;Gesellschaft im Kreuzfeuer: \u00dcber Ideologien in komplexen Gesellschaften&#8216; (S. 32):<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>&#8222;[&#8230;] Viele der genannten Charakteristika dieser auf den ersten Blick sinnentleerten Theoriegeb\u00e4ude, so etwa ihre Permeabilit\u00e4t f\u00fcr Fakten und Widerlegungs- bzw. Kl\u00e4rungsversuche, lassen sich darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass bestimmte Wissenskomplexe auch f\u00fcr gebildete Menschen nicht von den tats\u00e4chlich Aussagen \u00fcber den Theoriebackground bis hin zu den tats\u00e4chlichen Fakten, also etwa empirischen Daten, transparent sind. Diese Art von Intransparenz oder auch Opazit\u00e4t sorgt daf\u00fcr, dass eine Reihe von Theorien einen Plausibilit\u00e4tsgewinn erlangt; nicht etwa, weil sie aus Sicht des einzelnen eher begr\u00fcndet erscheinen, sondern schlicht aufgrund von Geschmacksurteilen. Keine der verf\u00fcgbaren Wissenskomplexe liefert Antworten, die vom einzelnen als transparent wahrgenommen werden, und aufgrund der mangelnden Unterscheidbarkeit hinsichtlich des Erkenntnisgewinns bleibt nur die Wahl zwischen Obrigkeitsgl\u00e4ubigkeit und eigenem, subjektiven Geschmacksurteil. [&#8230;] Ein weiteres Indiz daf\u00fcr liefert der Umstand, dass die behandelten Theorien vor allem als Begleiterscheinungen von hochkomplexen Ereignissen entstehen, wie etwa der exemplarische Terroranschlag des 11. Septembers: aufgrund der Vielschichtigkeit des Geschehenen und der quer \u00fcber alle wissenschaftlichen Fachgebiete hinweg verbundenen Teilereignisse ist sogar einem Spezialisten nicht mehr der ganze Komplex transparent; die Opazit\u00e4t ist extrem hoch, es folgt ein starkes Auftreten der so bezeichneten &#8222;Verschw\u00f6rungs&#8220;theorien.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Opazit\u00e4t ist also ein Ma\u00df f\u00fcr die Verworrenheit und die fehlende Pr\u00fcf- und Nachvollziehbarkeit von Wissen; die fortlaufende Spezialisierung und Ausweitung aller Arten von Wissenschaft f\u00fchrt zu immer gr\u00f6\u00dferer Opazit\u00e4t, weil selbst Experten etwa nicht alle Quellen kennen k\u00f6nnen, die ein Paper benennt. In einer sp\u00e4teren, etwas pr\u00e4ziseren Definition des Begriffs schreibt Peters (S. 89):<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>&#8222;[&#8230;] Opazit\u00e4t ist eine Gr\u00f6\u00dfe, die die relative Un\u00fcberschaubarkeit eines Wissenskomplexes angibt. Sie ist vor allem abh\u00e4ngig vom Spezialisierungsgrad der getroffenen Aussagen; so wird jeder naturwissenschaftlich Gebildete mit einiger M\u00fche eine Arbeit Newtons nachvollziehen und ihre Plausibilit\u00e4t pr\u00fcfen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend selbst ausgebildete Physiker eine Dissertation zur M-Theorie nur schwer pr\u00fcfen k\u00f6nnen. Die zweite wichtige Gr\u00f6\u00dfe ist die Kompaktheit des Gebiets; wie viele Fachgebiete und Disziplinen ragen in den Raum der Theorie hinein? Au\u00dferdem h\u00e4ngt die Opazit\u00e4t eines etwa in Textform vermittelten Wissenskomplexes auch von der Art der Verbreitung, der Zahl der zitierten und verwendeten Quellen und dem Status des Autors ab. Andere Einflussgr\u00f6\u00dfen sind die Stringenz der Darstellung, ihre intersubjektive Nachvollziehbarkeit und der Grad an politischer oder religi\u00f6ser Beladenheit. Letztere etwa kann als die Komponente identifiziert werden, die im Fall der so genannten &#8222;Intelligent Design&#8220;-Bewegung einen entscheidenden Einfluss hat. [&#8230;]&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine hohe Opazit\u00e4t bedeutet paradoxerweise, dass die Plausibilit\u00e4t beliebiger anderer Theorien, die das gleiche Themengebiet behandeln, gleich gro\u00df ist, und zwar genau deshalb, weil die <em>epistemische <\/em>Plausibilit\u00e4t gegen Null geht; da opak ist, welche Theorie die Wirklichkeit besser beschreibt, wird die erkenntnisorientierte Plausibilit\u00e4t durch eine geschmacksorientierte verdr\u00e4ngt. Die genaue quantitative Methode zur Ermittlung eines Werts f\u00fcr die Opazit\u00e4t eines Textes wurde erst 1991 von Linke entwickelt. Die technischen Details sind hier nicht weiter von Belang. Von Linkes urspr\u00fcnglicher Formel gibt es \u00fcber 22 Abwandlungen, entwickelt etwa von Moss, Regeen oder Huber. Diese weichen jedoch nur hinsichtlich gewisser Gewichtungen ab, die hier nicht weiter behandelt werden.<br \/>\nDie oben exemplarisch gew\u00e4hlte Arbeit Newtons kommt mit Linkes Formel auf eine durchschnittliche Opazit\u00e4t von 51,3 (Verfahren; iterativ, N=1000, p=2), gut ausgearbeitete Theorien zu den Ereignissen des 11. Septembers 2001 auf etwa 110023,5 (Verfahren; iterativ, N=100, p=1,5). Die meisten \u00e4hnlichen Theorien, so etwa die Intelligent-Design-Komplexe, kommen auf \u00e4hnliche Werte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieser Text besitzt eine Opazit\u00e4t von 311923,3 (Verfahren; iterativ, N=1000, p=0).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entstanden in der Zeit der zunehmenden Vermengung von Sozial- und Medienwissenschaften, ist dieser Begriff zur entscheidenden Kenngr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Beschreibung komplexer Wissens- und Theoriezusammenh\u00e4nge geworden. Urspr\u00fcnglich von Luhmann in einer sp\u00e4ten Arbeit vorgeschlagen, wurde er vor allem von den beiden promovierten Historikern und Soziologen E. Peters und D. 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