{"id":19,"date":"2005-09-24T01:27:12","date_gmt":"1969-12-31T22:59:59","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=19"},"modified":"2006-12-11T01:30:24","modified_gmt":"2006-12-11T00:30:24","slug":"masterslave-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/09\/24\/masterslave-1\/","title":{"rendered":"Master\/Slave (1)"},"content":{"rendered":"<p>Der Fr\u00fchst\u00fcckstisch war gedeckt, pr\u00e4zise, akkurat, scheinbar m\u00fchelos in Perfektion zusammengestellter Chromglanz, dazwischen wei\u00dfe Porzellanteller, poliert, das Licht m\u00fcde spiegelnd. Ein hoher Raum, identit\u00e4tslos, nur ein stilles wei\u00dfes Grinsen an den W\u00e4nden, eine nichtssagende K\u00fccheneinrichtigung, leer, sauber. Er sa\u00df auf seinem Stuhl, sie auf ihrem, es war 9:03 Uhr, das wusste er genau, denn er schlug gerade sein Ei auf, schlug immer sein Ei auf um 9:03 Uhr.<br \/>\nDie Zeitung lag auf dem Tisch, sauber gefalzt, die Titelseite nach oben, die Schrift zu ihm gerichtet, drei Zentimeter von dem dunkel eingefassten Rand der Tischplatte entfernt. Er nahm einen Bissen von seinem Ei. Erst essen, dann lesen, beides zugleich konnte er nicht..<br \/>\nKleine, gl\u00e4nzende L\u00f6ffel, Messer, die \u00fcber das Porzellan rasen, ein stummer Tanz von H\u00e4nden, die Buchstaben in die Luft zeichnen, eine technische, scharfkantige Schrift.<br \/>\nKein Wort wurde gesprochen, es war auch nicht n\u00f6tig, dachte er, es war nicht notwendig, dies hier war der Fr\u00fchst\u00fcckstisch, es gab keinen Grund, keine rationalen Erfordernisse, wie er gerne sagte, es keinerlei Grund dazu, hier zu sprechen, er blickte in das ausdruckslose Gesicht ihm gegen\u00fcber und erkannte sich selbst, nein, es gab keinen Grund, es war perfekt so, die Funktionalit\u00e4t war perfekt, perfekt.<br \/>\nEr blickte auf die Uhr, orientierte sich an den schleichenden Zeigern, es war Zeit f\u00fcr das Br\u00f6tchen, er f\u00fchrte das Messer mit einer langsamen, geschmeidigen Bewegung, die Augen fest an die Schnittlinie geheftet. Bissen um Bissen a\u00df er, nicht hektisch, aber auch nicht langsam, er hasste diese Art von Tr\u00e4gheit, die manche Menschen beim Essen an den Tag legten, dieses scheinbare Lebensgef\u00fchl, dieses Genie\u00dfen, hinter der sich eine simple Charakterschw\u00e4che verbarg, er dachte kurz an einen Schulfreund, an den er sich noch bla\u00df erinnerte, ein Gesicht unter vielen, die schon gegangen waren, w\u00e4hrend er zur\u00fcckgeblieben war, ja, er war so ein Mensch gewesen, m\u00fcde und tr\u00e4ge und unendlich genie\u00dferisch. Er hatte immer gelacht und gescherzt und gesprochen beim Essen, immerzu, furchtbar, er sah nicht den Sinn dahinter, es war sinnlos, irrational, es gab nun einmal die Zeit des Am\u00fcsierens und die Zeit der Nahrungsaufnahme, es war unlogisch beides zu vermischen, warum sollte man auch, es war kindisch.<br \/>\nDie Frau und er, sie hatten nie Kinder gehabt. Vielleicht hatte sie Kinder gewollt, er wusste es nicht genau, sie hatten nie dar\u00fcber gesprochen. Er selbst es nie gewollt, Kinder machten ihn unsicher, sie waren unberechenbar, stellte er lakonisch fest, sie wussten nichts von Strukturen und Regeln, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass er ein guter Vater gewesen w\u00e4re.<br \/>\nEr besann sich zur\u00fcck auf den Teller vor sich und griff zu dem Beh\u00e4lter, der immer rechts in der Mitte des Tisches stand, mit Kanten, die parallel zu denen des Tisches verliefen.<br \/>\nEr war zu leicht, er sah kurz hinein, leer.<br \/>\nDie Frau sah zu und lie\u00df f\u00fcr einen kurzen Augenblick das Messer in ihrer Hand nach unten kippen, so dass die Schneide fast den Tisch ber\u00fchrte, er bef\u00fcrchtete schon, sie w\u00fcrde das makellose Schwarz des Tisches verunreinigen, dann schien sie sich daran zu erinnern und hob die Klinge in einer steifen Bewegung wieder an, sie hatte wohl wieder diese Schmerzen im Handgelenk, dachte er und sah sie argw\u00f6hnisch an.<br \/>\n&#8222;Wir haben keine Milch mehr. Ich muss heute einkaufen.&#8220; sagte sie in einem lakonischen Tonfall, ein leichte Vibration schwang darin mit, wie ein L\u00fcfter, der nicht ganz rund lief, es musste ihr Handgelenk sein, schlo\u00df er, ja, das war logisch, deshalb war sie so unkonzentriert gewesen, er blickte sie noch einen Augenblick an, dann lie\u00df er das Mi\u00dffallen wieder aus seinen Augen weichen und ersetzte es durch die gestrenge Milde, die er zu oft besa\u00df.<br \/>\n&#8222;Dann werde ich den Kaffee wohl ohne Milch trinken m\u00fcssen.&#8220; gab er zur\u00fcck, kopierte ihren Tonfall und strich nur die Vibrationen heraus, a\u00df weiter, trank den Kaffee mit vorsichtigen, kleinen Schl\u00fccken, es war keine Milch darin, nun, das war zu verzeihen, entschied er, trank aus.<br \/>\nSeine Fingerspitzen hoben das Besteck, loteten in einem streng einge\u00fcbten Augenblick den korrekten Winkel, die korrekte Lage aus, und legten es dann ab, er war zufrieden damit.<br \/>\nEr zog die Zeitung heran, schlug sie vorsichtig auf.<br \/>\nDie Frau, die ihr Fr\u00fchst\u00fcck ebenfalls beendet hatte, sa\u00df ihm kerzengerade gegen\u00fcber, beobachtete ihn tr\u00e4ge, wartete auf das Unvermeidliche.<br \/>\nSeine Lippen bewegten sich, er las einige Titelzeilen vor, modulierte seine Stimme dabei, um dem ganzen einen f\u00fcr sie ad\u00e4quaten Ausdruck zu geben, zog eine Spur \u00c4rger mit hinein, wenn der Titel &#8222;Politiker flog auf Staatskosten&#8220; lautete, eine Spur Witz, wenn sie &#8222;Igel zerst\u00f6rt M\u00fcllfabrik&#8220; lautete. Dann endete sein Vortrag in Schweigen, er hatte seine Schuldigkeit erf\u00fcllt, konnte stumm weiterlesen.<br \/>\nSie stand auf, nahm seinen Teller und ihren, legte beides in der Sp\u00fcle ab.<br \/>\nEinen Moment lang sah er ihr hinterher, glaubte ein kurzes Z\u00f6gern zu erkennen in ihren Bewegungen. Die Frau war alt geworden, entschied er in einer k\u00fchlen, distanzierten \u00dcberlegung, aber das war folgenlos f\u00fcr ihn, sie lebten schon lange zusammen, und wenn er von der fehlenden Milch heute morgen absah, so war sie immer noch eine gute Ehefrau.<br \/>\nDie G\u00fcte, die er so oft zu sp\u00fcren glaubte, stieg wieder in ihm hoch, ja, es war auch G\u00fcte, dass er bei ihr blieb, sie war auf ihn angewiesen, an ihn gebunden, konnte nicht allein leben. Das war es, sie war allein lebensunf\u00e4hig, brauchte Anleitung, F\u00fchrung in dieser chaotischen Welt, brauchte Regeln und Strukturen, ja Regeln und Strukturen, ein guter Ausdruck, befand er, er erinnerte ihn an seinen Beruf.<br \/>\nDie Frau hatte ihre Aufgabe fast beendet, die Teller standen wieder steril an ihrem Platz, sie drehte sich um, noch einen der L\u00f6ffel in der Hand, sah ihn unsicher an. L\u00e4chelte.<br \/>\nEr blickte zur\u00fcck, neutral. Ihre Aufgabe war nicht erf\u00fcllt.<br \/>\nSie drehte sich wieder um, und kurz schien es ihm, sie wollte das Besteck in die Sp\u00fcle werfen, und er erschrak von dem Gedanken. Nein, er t\u00e4uschte sich, musste sich t\u00e4uschen, sie legte auch den letzten L\u00f6ffel an seinen Platz.<br \/>\nDennoch, er sah sie weiter an, verfolgte ihre Bewegungen.<br \/>\nFr\u00fcher, vor vielen Jahren, da war sie sch\u00f6n gewesen, sehr sch\u00f6n sogar. Er dachte daran, wie unpr\u00e4zise, wie unaufger\u00e4umt ihr Leben damals noch war, und er sch\u00fcttelte sich innerlich. Dennoch, damals war sie sch\u00f6n gewesen, er korrigierte sich, vielleicht objektiv nicht \u00fcberdurchschnittlich sch\u00f6n, aber doch attraktiv. Das war lange Zeit her, erinnerte er sich, und nun hatte sie keinen Reiz mehr f\u00fcr ihn. Er hatte sich das schon lange eingestanden, es stellte kein Problem f\u00fcr ihn dar, sagte er sich immer wieder, es ber\u00fchrte ihn nicht weiter, die t\u00e4gliche Routine funktionierte, und au\u00dferdem brauchte sie ihn.<br \/>\nDie Frau kam wieder in den Raum, Jacke und Hut im Arm.<br \/>\nEr faltete die Zeitung, trank seinen Kaffee aus, der ihn immer noch bitter an ihre Fehlbarkeit erinnerte, stand auf. F\u00fcr einen Moment lie\u00df er seine Gedanken schweifen, sah die Frau an. Sah pl\u00f6tzlich andere Augen, gift-gr\u00fcn, makellose Haut, junge Lippen, die leise Worte ausstie\u00dfen, Fl\u00fcche jetzt in seinen Ohren. Sein Verstand fing den Gedanken wieder ein, l\u00f6schte ihn aus.<br \/>\nEs war nicht seine Schuld, sagte er sich, was geschehen war, war geschehen, er konnte es nicht mehr \u00e4ndern.<br \/>\nDie Jacke wurde ihm \u00fcbergeben, er blickte in die Augen der Frau und f\u00fchlte keine Verantwortung.<br \/>\nDie andere Frau hatte ihn <span style=\"font-style: italic\">manipuliert<\/span>, er hatte beschlossen es so zu nennen, immer wieder und wieder <span style=\"font-style: italic\">manipuliert<\/span>, daf\u00fcr konnte er nicht verantwortlich gemacht werden und seine eigene Fehlbarkeit war zu verzeihen, es w\u00fcrde nicht wieder geschehen.<br \/>\n&#8222;Bis heute Abend.&#8220;, sagte er in einem genauestens austarierten Tonfall, tausendfach ge\u00fcbt.<br \/>\n&#8222;Bis heute Abend.&#8220;, gab sie zur\u00fcck, wollte ihn k\u00fcssen, aber er hatte sich schon umgedreht.<br \/>\nDie Frau blieb in dem Raum, wartete, bis die T\u00fcr sich hinter ihm schlo\u00df. Schritt zum Tisch, legte die H\u00e4nden um den leeren Beh\u00e4lter, lie\u00df ihn auf dem Tisch.<br \/>\nUnd drehte ihn um einige Grad.<\/p>\n<p>&#8222;Schlimm ist der Zwang, doch es gibt keinen Zwang, unter Zwang zu leben.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Epikur\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Epikur\">Epikur<\/a><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\"><em>post scriptum: Beginn einer neuen, fortlaufenden Erz\u00e4hlung, angelegt auf etwa vier Teile (bisher).<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fr\u00fchst\u00fcckstisch war gedeckt, pr\u00e4zise, akkurat, scheinbar m\u00fchelos in Perfektion zusammengestellter Chromglanz, dazwischen wei\u00dfe Porzellanteller, poliert, das Licht m\u00fcde spiegelnd. Ein hoher Raum, identit\u00e4tslos, nur ein stilles wei\u00dfes Grinsen an den W\u00e4nden, eine nichtssagende K\u00fccheneinrichtigung, leer, sauber. 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