{"id":20,"date":"2006-03-31T01:27:54","date_gmt":"2006-03-31T00:27:54","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=20"},"modified":"2006-03-31T01:27:54","modified_gmt":"2006-03-31T00:27:54","slug":"richtungswechel-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/03\/31\/richtungswechel-2\/","title":{"rendered":"Richtungswechel (2)"},"content":{"rendered":"<p>Der Tisch leerte sich, ein Automatismus. Fast ein Automat, der ihn abr\u00e4umte, in einer pr\u00e4zisen Reihenfolge und ihr dabei Zeit lie\u00df, Zeit zum Nachdenken, vielleicht sogar ein wenig zu viel Zeit.<br \/>\nSie musste noch Milch kaufen, das hatte sie sich sofort auf einen der gelben Zettel geschrieben, die er ihr gekauft und auf die Kommode gelegt hatte, sie musste daran denken, er sollte sich nicht aufregen, die Unerbittlichkeit in seinen Augen kam ihr wieder in den Sinn, er sollte sich nicht aufregen.<br \/>\nFr\u00fcher war er einmal ganz anders gewesen, nicht so pedantisch, nicht so organisiert, sie erinnerte sich an eine Reise in den S\u00fcden, viele Jahre waren seitdem vergangen, damals war er noch nicht so &#8218;pr\u00e4zise&#8216; gewesen, wie er es immer ausdr\u00fcckte, mit ein wenig Abscheu in seiner monotonen Stimme, damals hatte er diesen Tonfall noch nicht besessen.<br \/>\nDer letzte Teller verschwand wieder im Schrank, dann blickte sie stumm die wei\u00dfen W\u00e4nde an, wie sie es h\u00e4ufig tat. Vor diesen vielen Jahren hatten sie auch noch nicht so gewohnt, so funktionell, so karg, sie hasste diese wei\u00dfen W\u00e4nde, ein abwesendes L\u00e4cheln rann \u00fcber ihr Gesicht, ihre erste gemeinsame Wohnung war bunt gewesen, kitschig und ganz bunt, sie hatte die Einrichtung gew\u00e4hlt, und sie beide hatten dort einige Jahre gelebt, gl\u00fccklich in dem kleinen Rahmen, den sich die meisten Menschen w\u00fcnschten, oft hatten sie auch Freunde eingeladen, sie l\u00e4chelte wieder und blickte durch das Grinsen an den W\u00e4nden hindurch.<br \/>\nDas war lange her, und er hatte sich ver\u00e4ndert, viele Menschen hatten nicht verstanden, warum sie noch zu ihm hielt, hatten sie damit geradezu bedr\u00e4ngt.<br \/>\nMenschen ver\u00e4nderten sich nun einmal, hatte sie immer darauf erwidert, er bliebe immer noch ihr Mann, das war ihre Antwort gewesen, sie betrachtete das heute weder mit Stolz noch mit Reue, es war nun einmal die richtige Antwort gewesen, sie w\u00fcrde zu ihm halten, er war ihr Mann.<br \/>\nViele hatten sich mit der Zeit von ihr abgewandt, hatten ihn als Tyrannen erlebt, wie er nach und nach alles Bunte und &#8218;Unfunktionelle&#8216; aus ihrem Leben verbannt hatte, wie er immer wortkarger und introvertierter wurde und schlie\u00dflich kaum noch ein Wort sprach.<br \/>\nDie meisten waren irgendwann einfach nicht mehr hierhergekommen, sie konnte und wollte das nicht \u00e4ndern, er war ein Teil von ihr und wenn sie ihn nicht akzeptierten, so konnte sie wohl kaum mit gutem Gewissen regen Kontakt mit ihnen pflegen.<br \/>\nSie wischte bed\u00e4chtig den Tisch, sah aus dem Fenster, sah zwei ihrer Nachbarn, deren Namen sie nicht kannte, sie unterhielten sich auf der Stra\u00dfe.<br \/>\nSo war ihr Freundeskreis kleiner geworden, bald fast verschwunden, einsam geworden war es in diesem Haus, selbst das Kindergeschrei aus dem Nachbarhaus erschein ihr oft mehr als ein willkommener Besuch, sie sa\u00df dann oft allein auf der perfekt gemauerten Terasse und lauschte, stellte sich die Kinder vor, deren Stimmen sie jeden Tag h\u00f6rte.<br \/>\nDoch auch das konnte das Alleinsein nicht aufwiegen, denn oft sa\u00df sie die ganze Nacht allein in diesem Haus, a\u00df allein zu Abend, trank allein ein Glas Wein, ging allein ins Bett, meist arbeitete er sehr lang und manchmal kam er erst zum Fr\u00fchst\u00fcck wieder nach Hause.<br \/>\nAuch dar\u00fcber hatten sie fr\u00fcher oft gestritten, \u00fcber die langen N\u00e4chte im B\u00fcro, auch \u00fcber das, was er seine &#8218;rationale Erw\u00e4gungen&#8216; nannte. Und nat\u00fcrlich hatten all die Menschen um sie herum Recht gehabt, er war oft ein Tyrann, doch sie war gewillt, das zu ertragen und zu verstehen, so weit sie konnte.<br \/>\nVielleicht war es ja wirklich eine Krankheit, die ihn befallen hatte, die Vorstellung gefiel ihr, er konnte nichts daf\u00fcr, sie legte das Tuch beiseite und griff nach ihrem Mantel, aus irgendeinem Grund suchte er verzweifelt nach einer gewissen Ordnung in der Welt, seiner Ordnung, ganz so wie ein Ertrinkender nach jedem Grashalm griff, es waren die kleinen allt\u00e4glichen Rituale, diese best\u00e4ndigen Regeln und auch die kleinen gelben Zettel, die seine Strohhalme bildeten, die ihm halfen den \u00dcberblick zu behalten und nicht zu verzweifeln, so stellte sie es sich oft vor.<br \/>\nSie griff nach den Zetteln auf der Kommode, schob sie in die Jackentasche, dann ging sie auch zum Sekret\u00e4r, wo er die &#8217;notwendigen Besorgungen&#8216; ablegte, steckte auch diesen Stapel ein.<br \/>\nGanz unabh\u00e4ngig von dem, was die anderen Leute sagten, er blieb ihr Mann, mehr als das, sie verweilte einige Sekunden bei einem Portr\u00e4t ihrer Hochzeit, das er duldete, er war immer noch der, der er damals gewesen war, nur die Details hatten sich ge\u00e4ndert, aber Menschen \u00e4nderten sich nun mal, sie aber sah immer noch den Menschen, den sie vor langer Zeit heiraten wollte, &#8218;<span style=\"font-style: italic\">bis das der Tod uns scheidet<\/span>&#8218;, er blieb ihr Mann.<br \/>\nSie \u00f6ffnete die Haust\u00fcr, schloss sie wieder hinter sich, ging langsam auf die Steinfiguren auf dem Rasen vor dem Auto zu. Es waren die einzigen, die er hier erlaubte, ausgerechnet diese, sie mochte sie ganz und gar nicht, ihr Ausdruck war grotesk und entstellt, sie wusste nicht genau, warum er sie mochte, vielleicht hielt er sie nur f\u00fcr &#8217;notwendig&#8216; an diesem Platz. Ein befreundeter K\u00fcnstler hatte sie ihnen irgendwann einmal geschenkt, zu einem Geburtstag oder Hochzeitstag, es war schon lange her, sie erinnerte sich kaum noch an seinen Namen. Sie kniete vor den Steinkreaturen nieder, sah sich kurz um und drehte sie dann ein wenig zur Seite, nur ganz sachte, sie wusste selbst nicht, warum sie das tat, und wenn er wiederkam und sie selbst vom Fenster aus sah, wie er sie behutsam wieder in ihre Ausgangsposition drehte, sch\u00e4mte sie sich jedes Mal f\u00fcrchterlich, dennoch tat sie es immer wieder, bevor sie zum Einkaufen fuhr, es war eine Art Sabotage an ihm und seinen Gewohnheiten.<br \/>\nK\u00fchl l\u00e4chelnd betrachtete sie ihr Werk und stieg dann in den schweren Wagen, warf den Stapel achtlos auf den Sitz neben sich.<br \/>\nEiner der Zettel war nicht gelb, bemerkte sie. Ihre Hand griff danach, sie las, rotes Papier. Der Namen eines Hotels stand darauf, eine Rechnung.<br \/>\nEinige Minuten sa\u00df sie starr im Auto, der Motor lief schon. Dann setzte sie zur\u00fcck und fuhr in die falsche Richtung davon.<\/p>\n<p>&#8222;Jede menschlicheVollkommenheit ist einem Fehler verwandt, in welchen \u00fcberzugehn sie droht.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Arthur Schopenhauer\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Arthur_Schopenhauer\">Arthur Schopenhauer<\/a>, Zur Ethik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tisch leerte sich, ein Automatismus. Fast ein Automat, der ihn abr\u00e4umte, in einer pr\u00e4zisen Reihenfolge und ihr dabei Zeit lie\u00df, Zeit zum Nachdenken, vielleicht sogar ein wenig zu viel Zeit. 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