{"id":21,"date":"2006-11-19T01:28:34","date_gmt":"2006-11-19T00:28:34","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=21"},"modified":"2006-12-11T01:29:55","modified_gmt":"2006-12-11T00:29:55","slug":"grune-augen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/11\/19\/grune-augen\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcne Augen (3)"},"content":{"rendered":"<p>Das bl\u00e4uliche Leuchten des Bildschirms verlieh seinen Gesichtsz\u00fcgen eine besondere, blasse Strenge, eine Straffheit, die ihm das Alter eigentlich schon genommen hatte.<br \/>\nEr blickte herab von dem Monitor, nahm die Brille ab, die er sich vor Jahren hatte kaufen m\u00fcssen, rieb sich leicht ger\u00f6tete Augen.<br \/>\nDie Uhr an der Wand zeigte 00:30, er konnte eine kleine Pause machen, entschied er, ohne den Gedanken an sein Projekt, wie man im Jargon seines Berufsstandes sagte, vollkommen zu verdr\u00e4ngen.<br \/>\nDennoch, mit einer gewissen Ruhe, die er sich nun gestattete, sah er auf seine flimmernden Konstruktionszeichnungen, griff dann blind zu der Tasse, die wie immer pr\u00e4zise an ihrem Platz stand, trank einen Schluck.<br \/>\nDie Zeichnung auf dem Bildschirm, sofern andere Menschen sie als Zeichnung bezeichnen w\u00fcrden, bestand aus klaren Linien, Knotenpunkten, Symbolen, die Informationen \u00fcber Statik lieferten, \u00fcber Kabelkan\u00e4le und Wasserleitungen.<br \/>\nF\u00fcr andere w\u00e4re sie sicher nur schwer zu entziffern, aber f\u00fcr ihn war sie klar und einsichtig. Auch seine Frau w\u00fcrde sie wohl kaum durchschauen, er hatte sich nie die M\u00fche gemacht, ihr von seinem Beruf zu erz\u00e4hlen, sah keinen Sinn darin. Sie musste nichts dar\u00fcber wissen, ihre Funktion, ihre Aufgabe war eine andere.<br \/>\nEr lehnte sich ein wenig zur\u00fcck, das weiche Leder gab nach. Um diese Uhrzeit war immer alleine hier, die anderen waren schon lange gegangen, das war gut so.<br \/>\nEin Teil von ihnen machte die Arbeit recht gut, auch wenn er es war, der mit den komplexeren Problemen betraut wurde. Doch die meisten Mitarbeiter waren ihm fremd oder fremd geworden, sie mochten &#8211; zuf\u00e4llig &#8211; etwas von der Arbeit verstehen, aber ihre Haltung gefiel ihm nicht. Sie verstanden nicht viel von den Regeln und Strukturen, die so wichtig f\u00fcr das menschliche Zusammenleben waren, sie waren unstet und manchmal wie die alten Freunde aus Studienzeiten, vergn\u00fcgungss\u00fcchtig, laut und inkonsequent.<br \/>\nZwar lie\u00dfen sie ihn in Ruhe, mieden ihn gar, doch dennoch war er lieber alleine hier. Und so arbeitete er oft sp\u00e4t in der Nacht, wenn diese anderen Menschen den Besch\u00e4ftigungen nachgingen, denen er nichts abgewann, suchten ihr Gl\u00fcck in der Zerstreuung.<br \/>\nSolche Angestellten waren ein unhaltbarer Zustand in seinen Augen, aber seine Proteste hatten nichts ge\u00e4ndert an der &#8222;Einstellungspolitik&#8220; des Unternehmens, wie sich der Personalchef ausgedr\u00fcckt hatte.<br \/>\nSeit diese andere Frau in sein Leben getreten war hatte er sich bem\u00fcht, den anderen Angestellten mit etwas mehr Nachsicht und G\u00fcte gegen\u00fcber zu treten, schlie\u00dflich hatte auch er ja Fehler gemacht. Doch hatte er aus ihnen gelernt, w\u00e4hrend diese Wilden gar nicht daran dachten, sich ebenso strengen Maximen und Regeln unterzuordnen wie er selbst, und so hatte er diese Nachsicht wieder verworfen.<br \/>\nEin Bild der Ehefrau stand auf dem Tisch, er betrachtete es einige Sekunden lang, trank noch etwas Kaffee.<br \/>\nJa, es war ein Fehler gewesen, dieser Frau gegen\u00fcber hatte er eine Pflicht verletzt, sogar einige Male. Aber das w\u00fcrde nicht wieder geschehen. Er hatte sich gebraucht, diese N\u00e4chte mit der anderen Frau, seine Gedanken fanden zur\u00fcck zu diesen Stunden, ohne das er sich dessen erwehren konnte. Ihre s\u00fc\u00dfen Worte, ihre sanften gr\u00fcnen Augen, er hat sie vielleicht wirklich gebraucht, ja, auch wenn er wusste, das es nicht richtig gewesen war. Das entschuldigte nichts, doch auch lag all das hinter ihm, er w\u00fcrde ihr nie wieder zuh\u00f6ren, sie nie wieder so ansehen.<br \/>\nEr stellte den Becher wieder ab, streifte dabei die gerahmte Fotografie der Ehefrau, etwas Kaffee flo\u00df auf den Schreibtisch.<br \/>\nEinige Sekunden lang starrte er auf den schwarzen Fleck. Dann stand er ver\u00e4rgert auf, holte ein Tuch, entfernte den Kaffee von der makellosen Oberfl\u00e4che. Schlie\u00dflich schob er die Fotografie ein wenig weiter nach hinten, neben den stumm leuchtenden Bildschirm, betrachtete die neue Ordnung kritisch.<br \/>\nEin seltsam dr\u00e4ngendes Gef\u00fchl der Schuld ber\u00fchrte ihn pl\u00f6tzlich. Nein, er musste sein Vergehen b\u00fc\u00dfen, entschied er. Der Ehefrau konnte er nicht offenbaren, was er getan hatte, nein, das w\u00fcrde ihr Kummer bereiten, und ob schon sie nicht immer seinen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgte, war sie doch immer noch eine gute Ehefrau. Nein, sie musste in dieser Welt aus seinen Regeln bleiben, durfte nie den Glauben an sie &#8211; und ihn &#8211; verlieren. Das gebot schon die N\u00e4chstenliebe, dachte er etwas zufrieden; ohnehin, was geschehen war lag in der Vergangenheit, es gab keinen Grund, sie damit zu behelligen.<br \/>\nAber er konnte, er musste etwas anderes tun.<br \/>\nSorgsam sicherte er seine Entw\u00fcrfe, damit sie nicht verloren gingen. Den Becher wusch er aus, stellte ihn vorsichtiger als sonst an dem ihm bestimmten Platz.<br \/>\nDann griff er zum Telefon, w\u00e4hlte eine ihm wohlbekannte Nummer. Nannte den Namen eines Hotels vor der Stadt, eine Uhrzeit.<br \/>\nEr musste einen Schlu\u00dfstrich ziehen unter diese &#8218;Angelegenheit&#8216;, wenn es auch nur ein symbolischer sein w\u00fcrde. Das w\u00fcrde ihn reinwaschen.<br \/>\nDoch sie w\u00fcrde nicht einfach so mit ihm reden wollen, nat\u00fcrlich nicht. Seine H\u00e4nde griffen nach dem Inhalt seiner ordentlich sortierten Schreibtischschublade, zogen ein B\u00fcndel glatter, geb\u00fcgelter Geldscheine heraus, steckten sie ein.<br \/>\nSo etwas w\u00fcrde ihm nie wieder geschehen, versicherte er dem warnenden Tonfall seiner eigenen Gedanken, und auch deshalb w\u00fcrde er heute Nacht einen Schlu\u00dfstrich ziehen.<br \/>\nEr nahm seinen Mantel, verlie\u00df das B\u00fcro und fuhr los.<br \/>\nDas der Schatten einer alten Frau zwischen den B\u00e4umen der Allee beobachtete, wie er in den Wagen stieg, entging ihm.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Gegen 08:30 Uhr erwachte er in einem Hotelzimmer, die Augen auf die Zeiger des Weckers gerichtet, neben ihm eine junge Frau. Ohne zu z\u00f6gern zog er sich an, verbat sich dabei jeden Gedanken an die letzte Nacht und an sein Versagen, legte einige abgez\u00e4hlte Scheine auf den Nachttisch und verlie\u00df das Hotel, ohne die schlafende Person noch eines Blickes zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das bl\u00e4uliche Leuchten des Bildschirms verlieh seinen Gesichtsz\u00fcgen eine besondere, blasse Strenge, eine Straffheit, die ihm das Alter eigentlich schon genommen hatte. Er blickte herab von dem Monitor, nahm die Brille ab, die er sich vor Jahren hatte kaufen m\u00fcssen, rieb sich leicht ger\u00f6tete Augen. 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