{"id":22,"date":"2006-11-19T01:30:25","date_gmt":"2006-11-19T00:30:25","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=22"},"modified":"2006-12-11T01:31:40","modified_gmt":"2006-12-11T00:31:40","slug":"die-ordnung-und-ihr-ende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/11\/19\/die-ordnung-und-ihr-ende\/","title":{"rendered":"Die Ordnung und ihr Ende (4)"},"content":{"rendered":"<p>Er erkannte, dass etwas nicht richtig war, dass hier etwas nicht an seinem Platz war, als er die Verriegelung seines Wagens zuschnappen lie\u00df. Unschl\u00fcssig blieb er in der Einfahrt stehen, die reuige letzte Nacht pochte noch in seinem Hinterkopf, und so brauchte es einige Sekunden, bis sein Verstand erkannte, was er vermisste.<br \/>\nSeine Statue. Sie war nicht an ihrem Platz auf dem sorgsam gepflegten Rasen des Vorgartens.<br \/>\nNerv\u00f6s schritt er auf ihren leeren Platz zu, die Schl\u00fcssel in der Hand. Nur einige wei\u00df-graue Splitter waren noch da, wo sie gestanden hatte, immer gestanden hatte.<br \/>\nEr starrte den Platz eine Weile an, dann ging er zur Haust\u00fcr. Was war nur geschehen?<br \/>\nSeine H\u00e4nde zitterten leicht, als er auf die T\u00fcr zutrat, doch noch bevor er die Hand mit dem Schl\u00fcssel darin heben konnte, schwang sie auf.<br \/>\nDie Ehefrau stand vor ihm, doch ihrem Gesicht fehlte der \u00fcbliche, freudige Ausdruck des Wiedersehens. Sie schien geweint zu haben, konstatierte er verbl\u00fcfft. War es wegen der Statue?<br \/>\nSein Geist begann, in einem gew\u00e4hlten Tonfall eine Frage zu formulieren, er \u00f6ffnete den Mund, doch die Frau drehte sich abrupt um und lie\u00df ihn stehen.<br \/>\nMit unsicheren Schritten folgte er ihr ins Haus.<br \/>\nDer Flur, sonst aufger\u00e4umt, ordentlich, fast leer, war voll mit Unrat, alte, l\u00e4ngst weggeworfene Zeitungen lagen auf dem Boden, leere Verpackungen, dazwischen andere Gegenst\u00e4nden, Kleiderb\u00fcgel, alte Jacken und M\u00e4ntel.<br \/>\nTaumelnd versuchte er, auf keinen der Gegenst\u00e4nde zu treten, sein Geist gab dem Schrecken und dem Chaos nach.<br \/>\nEr erreichte ein Zimmer. Sie stand in der Ecke, blickte auf den gro\u00dfen Tisch in der Mitte des Raumes.<br \/>\nApathisch sah er sich um. Alle Schr\u00e4nke standen offen, die Schubladen waren aus den Kommoden gerissen und ihr Inhalt auf dem sauberen Teppich ausgeteilt worden, selbst &#8211; sein &#8211; Sekret\u00e4r g\u00e4hnte ihn leer an. Geschirr, Papiere, alte Zeichnungen, Kerzen, zerschlagene Gl\u00e4ser und Teller, all das lag auf dem Boden in einem chaotischen Durcheinander ohne Ordnung oder Sinn.<br \/>\nEndlich blickte er auf den Tisch, der seltsam aufger\u00e4umt wirkte.<br \/>\nAuf ihm lag, sorgsam ausgebreitet und rechteckig angeordnet, gut ein Dutzend roter Zettel. Sein Verstand z\u00e4hlte genauer, vierzehn, es waren vierzehn rote Zettel, Hotelrechnungen. Einige waren schmutzig und ausgeblichen, sie musste sie aus den M\u00fclleimern herausgesucht haben.<br \/>\nEr begriff erst, als sie zu reden begann.<br \/>\nSeine Augen wanderten ziellos durch den Raum, was war das doch f\u00fcr ein Chaos, was f\u00fcr ein regelloses Durcheinander, und er h\u00f6rte nur halb zu, als sie sprach.<br \/>\nDie Ehefrau redete von Scheidung, sie w\u00fcrde gehen, h\u00f6rte er sie fern sagen, die Worte schienen ihr schwer zu fallen, ein unterdr\u00fccktes Schluchzen lag darin, er wisse, warum.<br \/>\nWieder \u00f6ffnete sie sein Mund, doch er fand keine Worte, und so zog er nur stumm einen der St\u00fchle heran und lie\u00df sich auf die Sitzfl\u00e4che sinken, w\u00e4hrend sie mit einem Satz, den er nicht mehr verstand, den Raum verlie\u00df.<br \/>\nZitternd zogen seine H\u00e4nde einen weiteren roten Zettel aus der Manteltasche hervor, den f\u00fcnfzehnten, er legte ihn neben die anderen und starrte auf den Tisch. Erst als sie wieder den Raum betrat schaute er auf, sah die trotzige Wut und die Trauer in ihren Augen und die Koffer in ihren H\u00e4nden.<br \/>\nEs schien, als wolle sie noch etwas sagen, doch dann ging sie entschlossen an ihm vorbei. Er h\u00f6rte, wie die Haust\u00fcr donnernd hinter ihr ins Schlo\u00df fiel.<br \/>\nSeine Ordnung, sein Leben, was war nur geschehen, dachte er, bruchst\u00fcckhaft und fast im Wahn. Sie war doch seine Frau, sie konnte nicht so einfach gehen, durfte nicht.<br \/>\nWas war nur geschehen, warum hatte sie ihm so nachspioniert, hatte er nicht immer alles f\u00fcr sie getan?<br \/>\nEr h\u00f6rte, wie drau\u00dfen ein Kofferraum \u00e4chzend aufschnappte.<br \/>\nJetzt lag alles in Scherben, dachte er, alles, seine Ordnung, sein Leben. Und es war nicht fair, er hatte Fehler gemacht, aber war er nicht immer gut zu ihr gewesen, hatte er ihr nicht ein Leben bieten k\u00f6nnen, Regeln und Strukturen, damit sie sich in der Welt zurechtfand?<br \/>\nNein, er konnte das nicht zulassen, dachte er, stand auf, ging zum Sekret\u00e4r. Es war nicht fair, sie war ein Teil von ihm, sie konnte nicht gehen, er w\u00fcrde das verhindern. Einige Sekunden brauchte er, um mit seinen zitternden H\u00e4nden die unterste Schublade aufzuschlie\u00dfen, f\u00fcr diese hatte sie keinen Schl\u00fcssel, hatte sie nie einen gehabt. Er zog den sorgsam eingewickelten Revolver heraus, dann lief er zur T\u00fcr. Die Haust\u00fcr fiel hinter ihm ins Schlo\u00df.<\/p>\n<p>Die Nachbarn h\u00f6rten, wie ein Motor aufheulte, dann einen Schuss. Das Motorger\u00e4usch erstarb. Dann, einige Sekunden sp\u00e4ter, h\u00f6rten sie einen zweiten Schuss. Danach wurde es ruhig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er erkannte, dass etwas nicht richtig war, dass hier etwas nicht an seinem Platz war, als er die Verriegelung seines Wagens zuschnappen lie\u00df. Unschl\u00fcssig blieb er in der Einfahrt stehen, die reuige letzte Nacht pochte noch in seinem Hinterkopf, und so brauchte es einige Sekunden, bis sein Verstand erkannte, was er vermisste. Seine Statue. 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