{"id":267,"date":"2009-06-11T22:18:41","date_gmt":"2009-06-11T20:18:41","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=267"},"modified":"2009-06-11T22:18:41","modified_gmt":"2009-06-11T20:18:41","slug":"ein-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/06\/11\/ein-leben\/","title":{"rendered":"Ein Leben"},"content":{"rendered":"<p>Heute werde ich 82 Jahre alt.<br \/>\nMeine vier Kinder haben schon angerufen, und ich habe eine Rose auf den Friedhof gebracht. Am Abend kommen meine beiden J\u00fcngsten zu Besuch, sie wollen etwas f\u00fcr mich kochen. <em>Vater, du brauchst nichts f\u00fcr uns herzurichten, das ist nichts mehr f\u00fcr dich, wir machen das schon<\/em>, das haben sie mir am Telefon gesagt, und das stimmt wohl. Ich sehe sehr schlecht, und meine H\u00fcfte l\u00e4sst mich nur noch selten in Ruhe. Das Laufen ist schwer, und einige Male musste ich schon meinen Sohn anrufen, weil ich nicht aus dem Bett kam.<br \/>\nDabei bin ich zufrieden: ich wei\u00df, dass ich wohl nicht mehr lange leben werde, aber so ist nun einmal die Natur. <em>Ich hatte doch alles<\/em>, sage ich manchmal zu den Kindern.<em> Ich hatte doch alles, ich habe ein paar gute Kinder, ich durfte eine wundervolle Frau lieben, mein Beruf hat mir manchmal Freude bereitet, und Schmerzen habe ich auch keine.<\/em><br \/>\nEinmal entgegnete Nikola darauf, dass mein Leben schon schwer gewesen sein: mit dem Krieg und der schwierigen Zeit danach und dem toten Sohn.<br \/>\nIch glaube, ich verstehe, warum sie so denkt: aber ich w\u00fcrde mich nie \u00fcber all die Dinge beschweren, die geschehen sind. Dabei bin ich nicht besonders duldsam, mitnichten. Und doch erscheint mir alles, alles, was nach dem Krieg geschehen ist, als erduldbar. Der Anfang nach dem Krieg war schlimm, manchmal wusste ich nicht, woher ich das Brot f\u00fcr die Kinder nehmen sollte: Wir besa\u00dfen oft nicht viel und immer gab es mehr zu tun, als Zeit da war. Einen Sohn musste ich zu Grabe tragen: meine Frau beerdigen. Und doch erschien mir\u00a0 jeder Tag wie ein Segen. Nat\u00fcrlich war ich nicht immer gl\u00fccklich. Das Leben h\u00e4lt f\u00fcr jeden den ein oder anderen Schicksalsschlag bereit, ohne dass man etwas dagegen tun k\u00f6nnte; Es gab sicher Zeiten, in denen ich trauerte.<br \/>\nAber niemals, nie habe ich das Schicksal daf\u00fcr verflucht oder mit meinem gehadert. Vielleicht sollte ich sogar f\u00fcr den Krieg dankbar sein, den ich miterlebte: Manchmal ruft eins meiner Kinder an, und dann erz\u00e4hlen sie mir von den Widrigkeiten, von den kleinen Problemen des Alltags. Meist sage ich nichts dazu, aber manchmal kann ich nicht anders. <em>Die Anja ist also schlecht in der Schule<\/em>, antwortete ich etwa einmal, <em>ist sie denn gesund?<\/em> Ja, sie ist gesund. <em>Und seid ihr denn gesund?<\/em> Ja, sie sind gesund.<br \/>\nIch versuche immer, solche Gespr\u00e4che zu vermeiden. Meine Kinder und erst recht meine Enkel k\u00f6nnen nicht wirklich verstehen, was ich damit meine. F\u00fcr sie ist es eben ersch\u00fctternd, wenn das Kind mit zwei Sechsern nach Hause kommt, f\u00fcr mich aber ist es ein Umstand, nur ein Umstand und keine Katastrophe.<br \/>\nSelbstredend w\u00fcrde ich meinen Kindern auch nicht w\u00fcnschen, es zu verstehen. Denn dazu m\u00fcsste es wieder so werden, wie es in meiner Jugend war, und das kann kein Mensch wollen, der es einmal erlebt hat. Es w\u00e4re vielleicht sch\u00f6n, wenn sie das ganz normale Leben als so befriedigend empfinden k\u00f6nnten wie ich, aber der Preis daf\u00fcr w\u00e4re zu hoch.<br \/>\nSie h\u00f6ren es nicht gerne, weil ich wohl oft davon erz\u00e4hle (zu oft, ihrer Meinung nach), aber ich wurde 42 eingezogen, im September. Die zwei Jahre, in denen ich Soldat war, sind in meiner Erinnerung ebenso klar wie meine Kindheit. Ich denke oft daran, dass geht wohl vielen aus dieser Zeit so.<br \/>\nWie viele andere habe ich das Elend gesehen und den Tod. Das K\u00e4mpfen und Sterben in K\u00e4lte, Dreck und Ausweglosigkeit. Ich habe auch gesehen, was von den Menschen bleibt, wenn man ihnen alles nimmt: Die Gesundheit, die Kleidung, die Erinnerung, den Verstand. Ich habe gesehen, dass sie selbst dann Mensch bleiben, wenn sie kaum noch mehr sind als ein wimmerndes H\u00e4uflein Schmutz und Fleisch: dass im Kern dessen, was wir einen Mensch nennen, nicht mehr ist als die Gnade der anderen. In den Jahren 42 und 43 musste ich oft erleben, wie man diesen Kern ausl\u00f6schte: man konnte ihn nicht erschie\u00dfen, man konnte ihn nicht in die Luft jagen. Es reichte, ihn zu vergessen.<br \/>\nAls ich schlie\u00dflich heimkehrte, da ging es mir nicht anders als den meisten. Ich wollte endlich leben, eine Familie gr\u00fcnden, einfach nur leben. Doch ich habe es nie vergessen, und vielleicht scheint mir deshalb alles so leicht, was nach dem Krieg kam: meine Frau starb nach langer Krankheit, und auch der Unfall meines Sohnes f\u00fchrte mir den Tod wieder vor Augen. Aber nie wieder sah ich, wie dieser Kern, dieses etwas, das alles zusammenhalten muss, verschwand, und diesen Segen k\u00f6nnen wohl nicht alle Menschen verstehen: meine Kindern nennen es wohl manchmal hinter vorgehaltener Hand ein &#8218;Trauma&#8216;. Ich nenne es Demut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute werde ich 82 Jahre alt. 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