{"id":28,"date":"2005-02-01T20:20:00","date_gmt":"2005-02-01T19:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=28"},"modified":"2006-12-11T03:03:38","modified_gmt":"2006-12-11T02:03:38","slug":"meta-seelenverschworungpotenziale","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/02\/01\/meta-seelenverschworungpotenziale\/","title":{"rendered":"Seelenverschw\u00f6rung\/Potenziale"},"content":{"rendered":"<p>Beim Rekapitulieren der letzten Texte meines Blogs stie\u00df ich auf eine Frage, die ich selbst nicht ganz beantworten konnte.<br \/>\nWas ist eigentlich das Problem der Menschen, die die Texte beschreiben?<br \/>\nWas ist ihr wesentlicher Antrieb, sich selbst zu zerst\u00f6ren?<br \/>\nSind sie im pathologischen Sinne krank, weil sie intrinsisch motiviert gegen sich selbst handeln?<br \/>\nOder ist es die Umwelt, die sie traumatisiert und zu dem Untergang verdammt, der sie schlie\u00dflich ereilt?<br \/>\nEine Weile habe ich dar\u00fcber nachgedacht, und mir ist eine interessante -medizinische- Analogie eingefallen, die vielleicht eine L\u00f6sung f\u00fcr diese Fragen anbietet, auch wenn sie vielleicht etwas unbefriedigend erscheint, wir wir sehen werden.<br \/>\nBetrachten wir zun\u00e4chst einen menschlichen K\u00f6rper, in den ein Fremdk\u00f6rper eindringt, vielleicht ein Glassplitter, vielleicht auch ein Bruchst\u00fcck eines Geschosses, das ist zun\u00e4chst einmal irrelevant. Wie jeder wei\u00df, der schon einmal einen Holzsplitter unter der Haut hatte, wird der K\u00f6rper mit Abwehrreaktionen beginnen, da die Immunabwehr den Fremdk\u00f6rper als Feind identifiziert und Gegenma\u00dfnahmen einleitet, ganz \u00e4hnlich wie eine Armee, die einen feindlichen Sp\u00e4her hinter den eigenen Linien entdeckt.<br \/>\nNun, im Gegensatz zu so einer fiktiven Armee, die rational handeln wird und den Feind mit minimalem Aufwand vernichtet, handelt der K\u00f6rper weniger rational.<br \/>\nJe nach Material und Gr\u00f6\u00dfe des Fremdk\u00f6rpers wird das umliegende Gewebe sich ver\u00e4ndern, Wundherde bilden, vielleicht nekrotisieren, eventuell sogar einen Cordon von Geschw\u00fcren, b\u00f6sartigen Geschwulsten bilden. Gelingt es dem K\u00f6rper nicht den &#8211; ja vielleicht harmlosen &#8211; Splitter zu zerst\u00f6ren oder abzudr\u00e4ngen, wird immer mehr Gewebe betroffen sein, der Blutkreislauf wird schlie\u00dflich mit Antik\u00f6rpern und den Zellgiften zerst\u00f6rter K\u00f6rperzellen inflitriert werden, der ganze K\u00f6rper beginnt zu fiebern, vielleicht sogar zu sterben.<br \/>\nBetrachtet man dieses Verhalten mit einiger Distanz und aus einer mehr philosophischen als medizinischen Perspektive, so scheint es , als ob es da einen unsichtbaren Pakt zwischen eingeschlossenem Splitter und K\u00f6rper g\u00e4be.<br \/>\nDenn schlie\u00dflich ist es nicht der Splitter, der den K\u00f6rper zerst\u00f6rt &#8211; sofern er keine lebenswichtige Region ber\u00fchrt, wirkt er sich ja nur bedingt st\u00f6rend auf die umliegenden Organe aus. Es scheint vielmehr so, dass der K\u00f6rper selbst in einer Art Doppelz\u00fcngigkeit, einer konspirativen \u00dcberlagerung von Ursache und Wirkung, beginnt, sich selbst zu zerst\u00f6ren.<br \/>\nOberfl\u00e4chlich versucht der K\u00f6rper nur, auf die Ursache, den Splitter n\u00e4mlich, zu reagieren. Gleichzeitig ist diese kausale Wirkung aber wiederum auch Ursache eines Niedergangs des gesamten K\u00f6rpers.<br \/>\nMit ausreichend negativer Betrachtungsweise k\u00f6nnte man so sogar sagen, dass ein selbstzerst\u00f6rerisches Potenzial des K\u00f6rper exisitiert, dass sich an dem Splitter realisiert, aber eigentlich schon immer vorhanden war und sich nur nach Materialisierung sehnte, \u00e4hnlich wie eine Perle immer ein Potenzial, eine m\u00f6gliche Realit\u00e4t der Auster ist.<a href=\"http:\/\/mitglied.lycos.de\/wasserleichenp\/Blog\/1_full.jpg\"><img decoding=\"async\" vspace=\"5\" hspace=\"10\" align=\"right\" src=\"http:\/\/mitglied.lycos.de\/wasserleichenp\/Blog\/1.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnliches gilt f\u00fcr die Seele der Protagonisten. Sie alle haben Dinge erlebt, die sie nie ganz verarbeitet haben, kleine, vielleicht gro\u00dfe Bruchst\u00fccke dieser in ihrem Geiste behalten, und ganz \u00e4hnlich wie der K\u00f6rper in der Analogie beginnt auch die Seele mit einem scheinheiligen Abschottungs- und Schutzmechanismus, den Fremdk\u00f6rper einzuschlie\u00dfen. In einem unsichtbaren Pakt, einem geheimen B\u00fcndnis, einer subversiven Verschw\u00f6rung mit dem, was sie eigentlich bek\u00e4mpfen will, entwickelt die Seele dieser Menschen Strategien, sich vor den Splittern zu sch\u00fctzen, vielleicht durch Flucht (vgl. &#8218;Dunkler Bunter Regen&#8216; ff.) oder auch durch das Konstrukt einer eigenen, anderen Realit\u00e4t(vgl. &#8218;Prelude\/Lullaby I-IV&#8216;), die im Kern doch nur zerst\u00f6ren, was sie eigentlich sch\u00fctzen sollten. Es sind nicht die Erfahrungen, die die Protagonisten zerst\u00f6ren, es sind die Dinge, die die Seele mit diesen Erfahrungen macht, denn anstatt sie vollst\u00e4ndig zu integrieren, was die einzig rationale L\u00f6sung sein mag, realisiert sich in diesen Menschen das Potenzial der Autodestruktivit\u00e4t, nutzt den Splitter aus, um sich selbst zu geb\u00e4ren.<br \/>\nWas bedeutet dies also f\u00fcr die Eingangsfrage?<br \/>\nNun, es scheint so, als ob der Grund f\u00fcr das Verhalten der Protagonisten sich genau zwischen den Begriffen extrinsisch-intrinsisch bewegt; die kausale Ursache, die &#8222;Schuld&#8220; an dem, was geschieht, scheint auf eine schwer fassbare Weise zwischen \u00e4u\u00dferen und inneren Antrieben zu verschwimmen. Ohne die selbstzerst\u00f6rerischen, inneren Potenziale der Protagonisten w\u00e4re ihr Untergang genauso wenig denkbar wie ohne die Au\u00dfenwirkungen, die sie diese Potenziale erst realisieren lassen. Diese Antwort scheint sehr unbefriedigend zu sein, und das ist sie auch, schlie\u00dflich zerst\u00f6rt sie das Konstrukt der unbedingten Unterscheidbarkeit von Au\u00dfen und Innen und ersetzt sie durch ein dynamisches Zusammenspiel, eben dieser Seelenverschw\u00f6rung, von der der Titel k\u00fcndet.<\/p>\n<p>Aus der Warte dieser Potenziale des Menschen k\u00f6nnte man jemanden, der etwas Fiktives aufschreibt (der Begriff Autor oder Schriftsteller ist hier obsolet, weil dies Begriffe sind, die von der Gesellschaft &#8218;verliehen&#8216; werden), als jemanden beschreiben, der die Potenziale (negative und positive) seiner eigenen Welt auf einem Blatt Papier realisiert, also quasi die Topologie seiner eigenen Realit\u00e4t der Potenziale kartografiert. In gewisser Weise schafft er dadurch in dem, was erz\u00e4hlt, eben diese Metarealit\u00e4t der Potenziale, besser noch, ein Meta-Alter-Ego seiner selbst, die eben nicht nur enth\u00e4lt, was er ist, sondern auch, was er nicht ist und was er sein k\u00f6nnte. Denn selbst das, was wir nur sehen und dann beschreiben, ist etwas, das allein durch den Vorgang des Rezipierens zu einem unserer Potenziale geworden ist.<\/p>\n<p>Jemand, der Fiktives auf Papier schreibt, ist immer jemand, der eine Auster sieht und eine Perle beschreibt &#8211; bad_indicator.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Rekapitulieren der letzten Texte meines Blogs stie\u00df ich auf eine Frage, die ich selbst nicht ganz beantworten konnte. Was ist eigentlich das Problem der Menschen, die die Texte beschreiben? Was ist ihr wesentlicher Antrieb, sich selbst zu zerst\u00f6ren? Sind sie im pathologischen Sinne krank, weil sie intrinsisch motiviert gegen sich selbst handeln? 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