{"id":280,"date":"2009-01-12T21:11:09","date_gmt":"2009-01-12T20:11:09","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=280"},"modified":"2009-01-23T08:43:10","modified_gmt":"2009-01-23T07:43:10","slug":"der-wunsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/01\/12\/der-wunsch\/","title":{"rendered":"Der Wunsch"},"content":{"rendered":"<p>Er ist selten deutlich, eigentlich fast nie, und wenn, dann schreien andere Gedanken und Vorstellungen in seinem Kopf so laut auf, dass er ihn nicht h\u00f6ren kann. Dennoch wei\u00df er sicher, dass er ihn hat, denn zu einem gewissen Teil ist er es, der \u00fcber dieses Aufkreischen befiehlt. Er braucht diesen Wunsch, aber zu gro\u00df und zu schwer darf er ihm auch nicht werden, das ist ihm klar; es ist ein diffizil zu haltendes Gleichgewicht, das ihn und den Wunsch am Fallen hindert, und er h\u00e4lt es, obwohl er sich gar nicht sicher sein kann, ob er den Sturz denn grausamer finden soll als das leere Bett, auf das er jeden Morgen starrt, als den erbarmungslosen Sonnenaufgang, an dem er auf dem Weg zur Arbeit vorbeif\u00e4hrt.<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3192049433\/der-wunsch.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 1px solid black; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3313\/3192049433_2c25c94762.jpg\" border=\"0\" alt=\"Der Wunsch\" width=\"333\" height=\"500\" \/><\/a> Aber nat\u00fcrlich gibt es immer auch andere W\u00fcnsche und Antriebe, und so h\u00e4lt er eben die Balance, die zwischen dem Hunger (jeder Art von Hunger) und dem Wunsch, die zwischen dem Durst (jeder Art von Durst) und dem Wunsch und so weiter und so fort, so dass er am Ende stets ein wenig von dem Wunsch hat, ohne dass es ihn hinabrei\u00dft. Nat\u00fcrlich aber droht das immer; so ist es nun einmal, wenn man balanciert, es br\u00e4uchte nur einen kleinen Sto\u00df, einen winzigen Ruck, um alles zunichte zu machen, und jeder, der schon einmal lange genug auf einem Bein stand wei\u00df, dass man sich diesen Sto\u00df irgendwann selbst geben m\u00f6chte: Die Balance ist nicht nur schwer zu halten, sie ist auch schwer auszuhalten. Vielleicht m\u00f6chte man sie vernichten, nur damit die Stasis aufh\u00f6rt, damit etwas, nur irgendetwas geschieht; Er wei\u00df nicht, warum dem so ist.  Vielleicht ist es eine Art von Destruktivit\u00e4t, die in jedem schlummert, vielleicht auch nur eine Art Spieltrieb. Er jedenfalls erwischt sich manchmal dabei, wie er sich selbst heimlich einen Sto\u00df gibt.<br \/>\nNiemand wei\u00df besser als er, wann der Wunsch am st\u00e4rksten ist, und wie jeder gute Verschw\u00f6rer hat er gelernt, unauff\u00e4llig zu planen und subtil einzugreifen.<br \/>\nSo kann es sein, dass er abends ganz beil\u00e4ufig die Heizung im Bad abstellt, bevor er zu Bett geht. Er sagt sich dann, es sei zu warm oder es koste zu viel Energie.<br \/>\nWenn er dann am Morgen nackt in der Eisesk\u00e4lte auf tauben F\u00fc\u00dfen zittert, dann wei\u00df er nat\u00fcrlich, was er getan hat und eigentlich auch, warum, und er \u00e4rgert sich furchtbar dar\u00fcber, obwohl er wei\u00df, dass er es wieder tun wird. Die fr\u00fchen Stunden belasten ihn ohnehin schon, und nichts befl\u00fcgelt den Wunsch mehr als diese feuchte K\u00e4lte, die die F\u00fc\u00dfe hinaufkriecht, den Bauch erreicht und schlie\u00dflich den Kopf bef\u00e4llt.<br \/>\nDas ist sicher nicht die einzige Art von Sto\u00df, die er sich gibt; manchmal denkt er auch daran, das Gleichgewicht ganz zu kippen. Diesem Wunsch kann er nicht nachgeben, das wei\u00df er, aber es gibt andere, vielleicht solche, die man gegen den origin\u00e4ren austauschen k\u00f6nnte. Manchmal etwa stellt er eine Flasche aus dem Spiritousenschrank auf den Fr\u00fchst\u00fcckstisch und sieht sie fest an; er trinkt nie daraus, zumindest hat er es bisher nicht getan. Es ist nicht so, dass er es nicht wollen w\u00fcrde: er wagt es nur noch nicht. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er seinem Wunsch nachgibt oder diesem anderen. Er wei\u00df das, aber es macht ihm nichts aus. Vielleicht gibt es nichts Schlimmeres auf der Welt, als ewig ein Gleichgewicht zu halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist selten deutlich, eigentlich fast nie, und wenn, dann schreien andere Gedanken und Vorstellungen in seinem Kopf so laut auf, dass er ihn nicht h\u00f6ren kann. Dennoch wei\u00df er sicher, dass er ihn hat, denn zu einem gewissen Teil ist er es, der \u00fcber dieses Aufkreischen befiehlt. 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