{"id":287,"date":"2009-01-23T09:50:07","date_gmt":"2009-01-23T08:50:07","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/01\/23\/avatar\/"},"modified":"2009-01-23T10:00:01","modified_gmt":"2009-01-23T09:00:01","slug":"avatar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/01\/23\/avatar\/","title":{"rendered":"Avatar"},"content":{"rendered":"<p>Als ich vier Jahre alt war, beherrschte ich bereits zwei Sprachen fl\u00fcssig, da meine Eltern gro\u00dfen Wert auf meine fr\u00fche Ausbildung legten.<br \/>\nSport betrieb ich, sobald ich laufen konnte: Ich spielte Fu\u00dfball, Handball, Basketball, ich joggte, mit zehn begann ich Gewichte zu heben.<br \/>\nAuch meine musische Ausbildung begann fr\u00fch. Mit sieben lernte ich Geige und Klavier von einem alten, russischen Meister. Er war streng, aber ich tat alles, was er verlangte.<br \/>\nIn etwa dem gleichen Alter bekam ich meinen ersten Privatdozenten, der mir neben einer dritten Sprache auch Kenntnisse der Naturwissenschaften, der Philosophie, Psychologie und des Wirtschaftswesens vermittelte. Es war nicht einfach, aber ich lernte dennoch schnell, viel schneller als andere Kinder meines Alters.<br \/>\nAls ich 14 wurde, hatte ich bereits mein erstes Studium begonnen; ich legte die Pr\u00fcfung einen Tag vor meinem 17. Geburtstag ab. Direkt danach konzentrierte ich mich zum Ausgleich auf den Leistungssport. F\u00fcr vier Monate trainierte ich acht statt zwei Stunden am Tag: Dabei ben\u00f6tigte ich keinen Trainer mehr, ich war l\u00e4ngst mein eigener geworden.<br \/>\nAbends \u00fcbte ich meine sozialen F\u00e4higkeiten: ich ging zu B\u00e4llen und Banketten, ich traf mich mit vielerlei Arten von Menschen. Auch Proleten waren darunter: mein letzter Sozialcoach lehrte mich, dass auch diese Art von Kontakt Aufmerksamkeit und \u00dcbung verlange. Ich tat es konzentriert und durchaus interessiert, und das Training sch\u00e4rfte in der Tat meinen Sinn f\u00fcr das so genannte Menschliche. Ich schloss Freundschaften, ich fand eine angemessene Partnerin. Ich interagierte, bis mir das Behandeln von Menschen ebenso ins Blut \u00fcberging wie der Stabhochsprung oder die Platonischen Dialoge.<br \/>\nHeute bin ich 20 Jahre alt. Ich spreche f\u00fcnf Sprachen, ich laufe die hundert Meter in weniger als zehn Sekunden. Ich habe Dutzende von Urkunden, Pokalen und Medaillen in gl\u00e4sernen Vitrinen, die die Schnelligkeit meiner Auffassungsgabe,  die St\u00e4rke meines K\u00f6rpers und die Unab\u00e4nderlichkeit meines Willens bezeugen. Ich habe drei Studieng\u00e4nge abgeschlossen und bin auf dem Gebiet der Philosophie ebenso firm wie auf dem der Naturwissenschaften oder der Theologie; meine Reden sind beliebt, meine Diskussionsbeitr\u00e4ge gef\u00fcrchtet. Die meisten Anstrengungen anderer verblassen, ganz ohne Arroganz, vor meiner Leistungsf\u00e4higkeit, und manchmal bemerke ich sie nicht einmal mehr.<br \/>\nDabei ist der Neid der anderen unbegr\u00fcndet: es war nicht einfach, so zu werden, wie ich es jetzt bin.<br \/>\nIch musste lernen, meinen K\u00f6rper zu hassen, ihn vernichten zu wollen, um dann diesen wunderbaren, anderen K\u00f6rper aus der Asche wachsen zu lassen, den ich nun lieben darf.<br \/>\nIch musste lernen, meinen Geist zu verachten, ihn stumm zu machen, um ihn mit all den perfekten Ideen neu zu f\u00fcllen, die die gro\u00dfen Denker und Dichter einst hatten, bis schlie\u00dflich ein neuer Sinn, ein neuer Geist meine Welt ausf\u00fcllte.<br \/>\nNun bin ich, was ich sein soll; makellos und rein. Wer mich kennt, wer ehrlich zu sich selbst ist und meine Leistungen nicht schm\u00e4hen will, der muss zugeben, dass ich im Rahmen dessen, was dem Menschen m\u00f6glich ist, perfekt bin.<br \/>\nich wei\u00df, dass ich im Zenit meiner Leistungsf\u00e4higkeit stehe. Ein paar Jahre noch, dann werden die Jahre ihren Tribut fordern. Auch das werde ich stoisch hinnehmen: meine sittliche Ausbildung ist abgeschlossen und vollst\u00e4ndig..<br \/>\nUnd doch bewegt mich eine Frage, keine die Unvermeidlichkeit des Alterungsprozesses betreffend, sondern eine andere, die sich mir im Hier und Jetzt stellt:<br \/>\nAls ich jung war, da suchte ich die Herausforderung, weil meine Eltern mich dazu anspornten, so sagt es zumindest die Psychologie. Sp\u00e4ter, als ich diese Interessen als eigene Vorstellung internalisiert hatte, strebte ich um meiner Selbst willen nach immer mehr: Daran kann ich mich erinnern. Selbst in der Pubert\u00e4t, die unter Entwicklungspsychologen als schwerste Phase der Undiszipliniertheit gilt, mussten mich meine Eltern nur selten z\u00fcchtigen. Ich war es, der aus sich selbst heraus den Kant las, statt den M\u00e4dchen nachzuschauen: der trainierte, statt mit Gleichaltrigen zu raufen; der Klaiver spielte, anstatt Bars zu besuchen.<br \/>\nAll dies tat ich ohne Zweifel oder Widerstand. Niemand kann mir vorwerfen, ich h\u00e4tte mich nicht voll und ganz den ehernen Gesetzen der Selbstkontrolle ergeben, um mein Ziel zu erreichen, eben das Ziel, besser zu werden, immer noch besser zu werden.<br \/>\nUnd so habe ich im stetigen Voranschreiten wirklich einen Mensch erschaffen, den viele f\u00fcr ein Kunstwerk halten. Ich bin dem Himmel n\u00e4her als der Erde, schrieb einer einst \u00fcber mich; anderen, vielleicht euch, diene ich als Vorbild, als Idol.<br \/>\nUnd so will ich nicht undankbar erscheinen, wenn ich mich frage, wozu ich dies alles tat. Mein ganzes Leben lang schien es klar zu sein, doch jetzt wei\u00df ich es nicht mehr. Dabei ist es kein Fehler des Ged\u00e4chtnisses; ich habe es nicht vergessen. Es ist so, als h\u00e4tte ich mein Leben lang auf den Gipfel eines Berges hinzugestrebt, doch jetzt, wo ich auf diesem Gipfel bin, stellt mich das nicht zufrieden. Mein Weg war weit und beschwerlich, doch ich bin stets vorangeschritten und habe dabei den Ort, an dem ich jetzt bin, die Art und Weise, auf die dieser Mensch, der ich bin, jetzt existiert, immer ins Auge gefasst. Doch jetzt, wo ich dieses Wesen erschaffen habe, wo es nun mehr nicht nur am Horizont der Vorstellung existiert, sondern mir vielmehr in Fleisch und Blut im Spiegel erscheint, da erscheint mir der Weg, den ich hinter mich gebracht habe, kaum noch lohnenswert. Ich bin auf dem Gipfel, doch \u00fcber mir klafft nicht der Himmel, sondern das Vakuum, der leere Raum zwischen den Sternen. Ich kenne selbstredend die Theorien \u00fcber die Unstetigkeit des Menschen, \u00fcber seine Neigung, niemals Ruhe zu finden. Aber das ist es nicht, was mich besch\u00e4ftigt: es ist, so denke ich, mehr das Missverh\u00e4ltnis zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Ich wei\u00df, welchen Zauber die Vorstellung hat, in einer Weise perfekt zu sein, effizient, funktional; einen betr\u00e4chtlichen Teil meines Lebens trachtete ich danach, dies zu erreichen. Doch, und das ist es wohl, was mich zu diesen Zeilen treibt, der Zauber verfliegt, wenn man ihn im Spiegel betrachtet. Alles, was vorher mythisch verkl\u00e4rte Vorstellung war, ist am Ende der Reise doch nur Fleisch und Knochen; sehe ich in den Spiegel, so sehe ich kein Wunder, wie ihr es manchmal in mir zu sehen scheint. Ich sehe eine Maschine, eine effiziente, eine funktionale, eine perfekte Maschine vielleicht, aber eben doch nur eine Maschine, geschaffen durch Ausbildung und Training. Ich kann und will euch nicht der Antriebe berauben, die das Bild in eurer Vorstellung \u2013 und mein Bild \u2013 in euch wecken. Aber beherzigt meinen Rat; seid achtsam mit euren verkl\u00e4renden W\u00fcnschen. Perfektion ist eine Hure: Glaubt ihren L\u00fcgen nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vier Jahre alt war, beherrschte ich bereits zwei Sprachen fl\u00fcssig, da meine Eltern gro\u00dfen Wert auf meine fr\u00fche Ausbildung legten. Sport betrieb ich, sobald ich laufen konnte: Ich spielte Fu\u00dfball, Handball, Basketball, ich joggte, mit zehn begann ich Gewichte zu heben. Auch meine musische Ausbildung begann fr\u00fch. 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