{"id":291,"date":"2009-02-16T04:39:34","date_gmt":"2009-02-16T03:39:34","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=291"},"modified":"2009-03-13T12:02:53","modified_gmt":"2009-03-13T11:02:53","slug":"wie-wir-feinde-wurden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/02\/16\/wie-wir-feinde-wurden\/","title":{"rendered":"Wie wir Feinde wurden"},"content":{"rendered":"<p>Wir kannten uns schon lange, hatten viel miteinander erlebt, und deshalb betr\u00fcbte es mich sehr, als ich es erkannte. Es begann wie jede gro\u00dfe Ver\u00e4nderung mit einem einzigen Wort, oder auch einem Satz. Wir waren auch fr\u00fcher manchmal unterschiedlicher Meinung gewesen, so ist das nun mal, wenn man sich lange kennt.<br \/>\nSo war es auch, als es begann: Ich schenkte dieser Meinungsverschiedenheit keine gro\u00dfe Bedeutung, erkl\u00e4rte mich und meine Gedanken, lie\u00df es dabei bewenden. Dabei h\u00e4tte es mir klar sein m\u00fcssen, als ich sah, wie er sich kurz von mir abwandte, bevor er das Thema wechselte. Ich glaube, der Riss war schon in diesem Moment da; er konnte mich nicht ansehen, er konnte es einfach nicht ertragen, in das Gesicht zu blicken, das ihm widersprochen hatte. Das verstand ich nicht sofort, erst sp\u00e4ter habe ich mich daran erinnert. Damals habe ich es nur verwundert registriert; ich bemerkte auch, wie er immer stiller wurde, aber konnte mir darauf ebenfalls keinen Reim machen. Doch schlie\u00dflich schwieg er mich immer an: wenn ich fragte, was denn sei, reagierte er st\u00f6rrisch und sah an mir vorbei, als w\u00e4re ich gar nicht da. Er antwortete nur, er sei m\u00fcde oder krank oder betrunken. Einige Zeit sp\u00e4ter fiel mir auf, wie sehr sich unsere Freunde ver\u00e4nderten, was ihr Verhalten mir gegen\u00fcber anging. Immer hatte ich das Gef\u00fchl, sie w\u00fcssten etwas, das mir entgangen war. So, als ob jemand ihnen peinliche oder geheime Dinge \u00fcber mich erz\u00e4hlt h\u00e4tte, Dinge, die ich niemandem erz\u00e4hlen w\u00fcrde &#8211; von ihm einmal abgesehen. Es dauerte noch eine Weile, bis der Verdacht in mir wirklich keimte, schlie\u00dflich hatte er schon so viel f\u00fcr mich getan, ohne Dank zu verlangen. Nicht ohne Grund hatte ich diese Dinge nur ihm erz\u00e4hlt.<br \/>\nAls ich jedoch endlich seine Ver\u00e4nderung, sein zur\u00fcckgezogenes und grantiges Auftreten mir gegen\u00fcber dazu nahm, war der Argwohn in mir geweckt. Also stellte ich ihn zur Rede; ich fragte ihn, ob er w\u00fcsste, was mit unseren Freunden sei, warum sie mich so seltsam behandelten. Er sch\u00fcttelte nur den Kopf und sah wieder an mir vorbei. Ich glaubte ihm nicht und fragte ihn noch einmal. Er knurrte; wirklich, er knurrte wie ein Hund. Ich verlangte von ihm, mir Antwort zu geben, mit mir zu sprechen, wenigstens das sei er mir schuldig, doch er gab mir keine. Nur sein Knurren wurde lauter. Ich konnte sehen, wie er die Augen verdrehte. Einen Schritt ging ich auf ihn zu, rief ihn an, er solle sich\u00a0 bekennen. Er knurrte nur weiter, ich sah, wie seine krallenartigen Finger sich verkrampfen, er fletschte die Z\u00e4hne wie ein Tier: so hatte ich ihn nie zuvor erlebt. Und immer noch starrte er an mir vorbei. Schlie\u00dflich konnte ich nicht anders: Meine H\u00e4nde fanden seinen Kopf, und einen Moment lang rangen wir miteinander. Dann ergab er sich, wie er sich meiner Gewalt bisher immer ergeben hatte, und lie\u00df mich seinen Kopf drehen, so dass er mir in die Augen sehen musste. In seinem Ausdruck sah ich die seltsamste Empfindung, die ich mir denken kann, und ich wei\u00df nicht, ob ich jemals richtig beschreiben werde. Es war Wut, aber nicht seine. Es war ein Gef\u00fchl, das eigentlich ich haben sollte. Doch nicht so, als ob mir dieses Gef\u00fchl fehlen w\u00fcrde; ganz im Gegenteil, der Wut fehlte ihr Tr\u00e4ger, und so war sie auf ihn \u00fcbergegangen, qu\u00e4lte ihn, machte ihn fast tollw\u00fctig vor Schmerz. Ich war erschrocken, mitleidig. Er hatte mir so lange Zeit so gut gedient, und jetzt war etwas geschehen, etwas, das wir beide nicht verstanden. Das dachte ich, als ich seinen Blick sah. Es dauerte nur Sekunden, nur einen Moment gestattete er mir, einen letzten Blick auf seine Augen zu werfen, dann riss er sich los und biss mir in der Hand; das hatte er noch nie getan. Jaulend lief er davon, w\u00e4hrend ich mir die schmerzende Hand hielt.<br \/>\nSeitdem habe ich nicht mehr ihm gesprochen. Er h\u00e4lt sich irgendwo im Verborgenen auf, ich wei\u00df nicht, wo: er war immer gut darin, sich zu verstecken. Ich wei\u00df bis heute nicht, warum es geschah, und allein die Frage danach, was \u00fcberhaupt geschehen war, lie\u00df mich lange gr\u00fcbeln.<\/p>\n<p>Erst, als ich ihn einmal lange im Spiegel betrachtete, ihn wieder und wieder sah, begriff ich es wirklich. Wir waren Feinde geworden. Wir w\u00fcrden immer Feinde sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir kannten uns schon lange, hatten viel miteinander erlebt, und deshalb betr\u00fcbte es mich sehr, als ich es erkannte. Es begann wie jede gro\u00dfe Ver\u00e4nderung mit einem einzigen Wort, oder auch einem Satz. Wir waren auch fr\u00fcher manchmal unterschiedlicher Meinung gewesen, so ist das nun mal, wenn man sich lange kennt. 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