{"id":292,"date":"2009-02-12T03:10:58","date_gmt":"2009-02-12T02:10:58","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=292"},"modified":"2009-02-13T01:25:26","modified_gmt":"2009-02-13T00:25:26","slug":"der-arme-hass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/02\/12\/der-arme-hass\/","title":{"rendered":"Der arme Hass"},"content":{"rendered":"<p>Wieviel klarer k\u00f6nnte eine Empfindung noch sein? Einzig und allein ihr Gegenteil besitzt die gleiche (eine gr\u00f6\u00dfere?) Klarheit und Einfachheit. Spricht man von ihr, muss man eigentlich nichts mehr erkl\u00e4ren; das <em>warum <\/em>ist vielleicht noch eine Frage wert, aber das betrifft das Gef\u00fchl selbst nicht, ist nur eine Erg\u00e4nzung, eine kontingente Information, die ebenso zum Hass geh\u00f6rt wie die Ursache des Unfalls zum Unfall selbst; man mag danach fragen, vielleicht ist es sogar vern\u00fcnftig, nach einer Antwort zu verlangen, aber wenn man sie hat, \u00e4ndert das nichts. Aber schon in der Frage selbst unterscheidet sich Hass von seinem Gegenteil: man kann fragen, warum jemand liebt, aber die Frage selbst ist schon widerspr\u00fcchlich.<br \/>\nUnd vielleicht ist dieser Unterschied der Ursprung der Armut. Sicher, oft haben wir gute Gr\u00fcnde zu hassen: manchmal glauben wir das auch nur, aber oftmals mag es stimmen. Vielleicht verh\u00e4lt es sich so bei Kriegstreibern; bei M\u00f6rdern; bei kalt rechnenden B\u00fcrokraten. Wenn es nicht zynisch w\u00e4re, k\u00f6nnten wir sagen, es sei klug, vielleicht sogar gut, diese Menschen zu hassen.<br \/>\nWir gehen gern in diese Falle. Es scheint uns logisch: ist es nicht gerecht, diese Menschen zu hassen? Kann man uns daf\u00fcr verdammen, dass wir diese Kreaturen, diesen Abschaum hassen? Und dann hat uns die Armut auch schon.<br \/>\nEs ist keine Armut des Geistes, auch keine der Worte oder der Antworten. Nein, alles ist ganz klar und einfach, so wie die Empfindung selbst. Aber sie reicht nicht aus, nicht einmal sich selbst, und darin besteht die Armut.<br \/>\nWir denken an einen anderen, an das Objekt unseres Hasses. Wir denken an diese verhassten Taten, diese verhasste Art. Vielleicht geschieht es, w\u00e4hrend wir die Nachrichten schauen. Wir sehen das Gesicht eines Vergewaltigers oder Kriegsverbrechers &#8211; und dann hassen wir. Das dreckige Grinsen dieser Fratze stiert uns zuerst aus dem Bildschirm, dann aus dem Inneren unseres Kopfes an. Und die Fratze hat einen Mund. Sie hat Wangen und Ohren. Sie hat Augen. Sie steckt auf einem Hals, der auf einem Oberk\u00f6rper ruht. An diesem sind Arme und Beine befestigt, an denen ihrerseits wiederum H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe mit Fingern und Zehen h\u00e4ngen. Alles ist gebildet von Haut und Fleisch, darunter von Knochen und Gelenken.<br \/>\nWie wir es auch drehen wollen, diese Kreatur, dieses Objekt unseres Hasses ist &#8211; ein Mensch. Und bleibt ein Mensch.<br \/>\nAber ist sie nicht doch ganz anders als wir? M\u00fcsste sie es nicht sein? Ist sie nicht ein D\u00e4mon, eine ganz andere Art von Wesen als wir? Wir schauen noch einmal auf das Bild: kein D\u00e4mon, ein Mensch. Ein verst\u00f6render Gedanke kommt uns: vielleicht sind wir ihr \u00e4hnlich. Aber das kann nicht sein: sie kann nicht sein wie wir. Und doch sieht sie so aus wie wir, isst wie wir, geht wie wir. Sie kleidet sich so wie ein Mensch: Sie spricht unsere Sprache.<br \/>\nUnd dann bleibt nur noch eins: Wir m\u00fcssen es \u00e4ndern. Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass dieses Ding, dieses H\u00f6llenwesen uns nicht mehr \u00e4hnelt: es reicht nicht, es zu hassen. Denn das schafft einen Unterschied, einen Graben zwischen uns und ihm, der sich in der Wirklichkeit &#8211; noch &#8211; nicht wiederfindet. Noch nicht. Vielleicht w\u00fcrde es schon reichen, wenn die Kreatur eingesperrt w\u00e4re. Vielleicht w\u00e4re das Differenz genug. Aber reicht das wirklich aus? Wahrscheinlich nicht. Schlie\u00dflich spricht sie immer noch unsere Sprache, hat einen K\u00f6rper, der unserem \u00e4hnlich ist. Was mehr k\u00f6nnten wir tun? Wir k\u00f6nnten ihm das Recht nehmen, zu sprechen; zu gehen; zu essen. Ja, das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit. Wir lassen sie hungern, und schon ist ihre abgemagerte Kontur der unseren nicht mehr so verwandt. Wir pr\u00fcgeln die Sprache aus ihr heraus. Was dann noch an Gestammel bleibt, erinnert kaum noch an die sch\u00f6nen Worte, die wir verwenden. Wir brechen ihr die Beine, und schon kann sie uns auch das Gehen nicht mehr gleichtun.<br \/>\nAber ist das genug? Ist der Abstand zwischen uns und ihr gro\u00df genug? Ist da nicht immer noch der Hass, der uns sagt, dass dieses Ding nicht einmal in der Erinnerung mit uns verwandt sein darf? Und hat sie nicht immer noch unsere Gliedma\u00dfen? Immer noch Augen, die uns auf so vertraute Weise anstarren?<br \/>\nEs reicht nicht, es reicht immer noch nicht: Es wird nie reichen. Wir k\u00f6nnen ihr die Augen ausbrennen, die Gliedma\u00dfen abschneiden, wir k\u00f6nnen sie ermorden. Sie bleibt ein Mensch.<br \/>\nHass ist arm; ihm fehlt die Wirklichkeit. Er muss sie schaffen. Immer weiter schaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieviel klarer k\u00f6nnte eine Empfindung noch sein? Einzig und allein ihr Gegenteil besitzt die gleiche (eine gr\u00f6\u00dfere?) 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