{"id":303,"date":"2009-11-16T10:50:39","date_gmt":"2009-11-16T09:50:39","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=303"},"modified":"2009-11-16T10:52:29","modified_gmt":"2009-11-16T09:52:29","slug":"bekenntnisse-eines-wissenschaftlers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/11\/16\/bekenntnisse-eines-wissenschaftlers\/","title":{"rendered":"Bekenntnisse eines Wissenschaftlers"},"content":{"rendered":"<p>Dies kann kein Pl\u00e4doyer gegen die so genannten Wissenschaften sein: ein solches zu fertigen w\u00e4re widerspr\u00fcchlich und sinnlos. Eine Anklageschrift zu fertigen ist unm\u00f6glich. Zwar sind die Verbrechen offenkundig, aber die Vorf\u00e4lle sind in ihrer Vielzahl kaum zu erfassen; sogar der Anfang ist nicht leicht zu verorten. Vielleicht begann es schon mit den Griechen, vielleicht davor. Vielleicht auch viel sp\u00e4ter: Man kann es nicht so leicht einordnen. Aber man kann Beispiele angeben, unz\u00e4hlige Beispiele f\u00fcr das Gift und seine Wirkungsweise. Seht euch um: die Schulen sind voll davon, selbst die meisten Kinderg\u00e4rten. In den meisten ernsten Gespr\u00e4chen ist es schon vorhanden, wenigstens latent. Es umgibt uns, und vielleicht ist das Grund, weshalb wir uns an seine Wirkung schon so sehr gew\u00f6hnt haben.<a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3819536027\/heiligtum.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2613\/3819536027_950b7d63d0.jpg\" border=\"0\" alt=\"Heiligtum\" width=\"500\" height=\"333\" \/><\/a><br \/>\nDie einfachsten seiner vielf\u00e4ltigen Auspr\u00e4gungen beginnen meist mit Erkl\u00e4rungen. So erkl\u00e4rt man dem Kind, dass Schneeflocken nicht schweben k\u00f6nnen: sie fallen nur langsamer als andere Objekte, aber wie alle Dinge m\u00fcssen sie sich der Gravitation beugen. Es gibt keine winzigen Engel und auch keine Feen, die sie sachte heben, ihnen ihre Anmut und ihren Glanz verleihen. Schneeflocken, so erkl\u00e4rt man es dem Jugendlichen vielleicht, sind kristalline Ansammlungen von gefrorenem Wasser, und wenn sie zur Erde zu schweben scheinen, dann ist das nur die Folge eines Kr\u00e4ftegleichgewichts zwischen Luftwiderstand und Gravitation. Ihr Aufleuchten im Gegenlicht ist eine rein physikalische Konsequenz, die mit den optischen Eigenschaften von Kristallen zu tun hat. Man muss nicht spitzfindig sein, um darin den Prozess zu erkennen; den eines Zerbrechens, eines Vernichtens von Vorstellungen. Andere Beispiele betreffen eher die Erwachsenen: So wird man nicht m\u00fcde zu erkl\u00e4ren, dass der Mensch das Resultat einer vom Zufall dominierten Entwicklung ist, die gemeinhin Evolution genannt wird. Die Existenz des Menschen besitzt keine auf einen Zweck ausgerichtete Berechtigung; er ist einfach nur da. Ebenso ist die Erde nicht das Zentrum des Universums, und nicht nur das, es gibt \u00fcberhaupt kein Zentrum. Es gibt kein Gestirn, kein Objekt, um das sich alles dreht. Wir befinden uns am \u00e4u\u00dferen Rand einer durchschnittlichen Galaxie in einem durchschnittlichen Teil des Alls. Weiterhin, so wird erkl\u00e4rt, ist der Mensch im Kern eine deterministische Maschine, wie ein Dosen\u00f6ffner oder eine Batterie, und bei allem, was wir tun, sind es doch nicht wir, die sich dazu entschlie\u00dfen, denn es gibt weder einen freien Willen noch ein Ich, f\u00fcr Dosen\u00f6ffner und Batterien ebensowenig wie f\u00fcr den Menschen. Es gibt auch subtilere Varianten; kleinere, unauff\u00e4llige Akte der Zerst\u00f6rung. Einige dieser Man\u00f6ver nennt man Statistik, andere Studie. Wie man sie auch nennen will, diese Anschl\u00e4ge auf unsere Tr\u00e4ume, W\u00fcnsche und Hoffnungen, sie sind zahlreich, und nach und nach, so scheint es, weiten sie sich auf den gesamten Bereich dessen aus, was Menschen Wirklichkeit nennen wollen. Der Mensch glaubt an die g\u00f6ttliche Sch\u00f6pfung &#8211; die Wissenschaften erkl\u00e4ren ihm, dass es eine solche nicht gab. Der Mensch fl\u00fcchtet sich in die Liebe &#8211; die Wissenschaften erkl\u00e4ren ihm, dass es sich nur um einen chemischen Prozess handelt. Er fl\u00fcchtet in den Wunsch danach, dass seine Kinder ein besseres Leben f\u00fchren k\u00f6nnten &#8211; die Wissenschaft sch\u00e4rft ihm ein, dass auch die Sorge um den Nachwuchs ein alter, letztlich zuf\u00e4llig installierter Mechanismus ist.<br \/>\nDie Wissenschaften haben im Rahmen eines gigantischen Projekts \u00fcber viele Hunderte Jahre hinweg systematisch Ordnung geschaffen in der Wirklichkeit; sie haben vermessen, sie haben kartografiert, sortiert, berechnet und studiert. Diese Ordnung begann vielleicht mit Dingen, die der Lebenswirklichkeit fern sind; mit den Planeten und Sternen, mit Begriffen von Gl\u00fcck und Moral, die wenig mit dem zu tun hatten, was der Mensch im Alltag denkt. Doch nach und nach haben Wissenschaftler, haben wir das Projekt ausgeweitet, bis es von den fernen Galaxien \u00fcber das menschliche Verhalten zu den innersten Sehns\u00fcchten, den tiefsten W\u00fcnsche der Menschen reichte.<br \/>\nUnd, werte Kollegen, wir haben dabei Sch\u00e4tze gehoben und Unfassbares entdeckt; Wir haben Technologien entwickelt, den Alltag vereinfacht und Erkl\u00e4rungen geliefert.<br \/>\nAber vor allem haben wir den Menschen ihre Vorstellungen genommen: Wir haben ihnen Erkl\u00e4rungen angeboten, die sie nackt in der Dunkelheit zur\u00fccklassen. Wir haben ihre Ideen, ihr kreatives Konstruieren der Welt verhindert und alles W\u00fcnschen als nutzlos entlarvt mit unseren Werkzeugen, den Zahlen und Daten und Theorien.<\/p>\n<p>Wir sind Giftmischer, Verhetzer, und schuldig in allen Anklagepunkten; schuldig des Raubens von Illusionen. Schuldig des Zerst\u00f6rens von Hoffnungen, der Vernichtung aller noch so bescheidenen Vorbilder.<\/p>\n<p>Aber man kann uns nicht bestrafen. Warum?<\/p>\n<p>Weil wir die Gerichte stellen; mehr noch, weil die Gerichte, wie wir sie heute kennen und Mittel der Gerechtigkeit nennen, unsere Idee sind. Uns geh\u00f6rt die Gerechtigkeit genau wie die Rechtfertigung. Kein Herrscher, kein M\u00e4chtiger kann sich auf Dauer unserem Wirken entziehen. Sie k\u00f6nnen einige von uns t\u00f6ten, sie k\u00f6nnen viele von uns einsperren; aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden sie den Verlockungen erliegen, den K\u00fchlschr\u00e4nken, dem Breitbandanschluss, der Interkontinentalrakete.<br \/>\nWenn die Menschen es wollten, dann k\u00f6nnten sie unsere Richter st\u00fcrzen. Sie k\u00f6nnten die Gerichte abschaffen und ihre Mikrofaserkleidung ablegen: sie k\u00f6nnten das Auto stehenlassen und zu Fu\u00df zu den Universit\u00e4ten gehen, um sie niederzubrennen. Sie k\u00f6nnten, aber sie werden es niemals wollen: Und wenn sie es doch wollen, so wird das nur von kurzer Dauer sein. Am Ende zahlen sie gerne den Preis; Man mag von Macht sprechen, wenn jemand jeden Widerstand zerschlagen kann. Aber diese Autorit\u00e4t, die der \u00e4u\u00dferen Gewalt, kann nicht bestehen, nicht dauerhaft, denn gegen das Wollen vieler ist selbst Stein weich. Wahre Macht besitzt nicht der, der das Handeln kontrolliert. Doch wenn der Mensch den Kampf nicht wollen kann, dann wird er ihn niemals f\u00fchren. Unser Preis f\u00fcr ihre W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume ist gut gew\u00e4hlt: sie werden das Gesch\u00e4ft nicht ablehnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies kann kein Pl\u00e4doyer gegen die so genannten Wissenschaften sein: ein solches zu fertigen w\u00e4re widerspr\u00fcchlich und sinnlos. Eine Anklageschrift zu fertigen ist unm\u00f6glich. 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