{"id":306,"date":"2009-04-02T10:00:26","date_gmt":"2009-04-02T09:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=306"},"modified":"2009-04-01T12:51:31","modified_gmt":"2009-04-01T10:51:31","slug":"die-grose-schande-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/04\/02\/die-grose-schande-3\/","title":{"rendered":"Die Gro\u00dfe Schande (3)"},"content":{"rendered":"<p>Zeitindex +7<\/p>\n<p>Es dauerte etwa vier oder vielleicht sechs Wochen, bis die Infrastruktur in S\u00fcditalien wieder in Betrieb genommen wurde. In anderen Gebieten der Welt mag es etwas schneller gegangen sein, aber f\u00fcr mindestens zwei Wochen waren wohl alle damit besch\u00e4ftigt, einen fast dreiw\u00f6chigen Rausch auszuschlafen. Es ist unbekannt, wie viele Menschen sich w\u00e4hrend dieser Zeit noch das Leben nahmen und wie viele verhungerten oder verdursteten. Es scheint lediglich klar zu sein, dass ihre Zahl im Vergleich zu der der bereits Gestorbenen gering war. Meine Erinnerung setzt erst in Tropea wieder ein. M\u00f6glicherweise bin in den ganzen Weg dorthin gelaufen, ich wei\u00df es nicht; es spielt f\u00fcr diesen Bericht auch nur eine untergeordnete Rolle. Als ich in Tropea zu mir kam, war die Armee dort bereits dabei, die Kontrolle zu \u00fcbernehmen und wenigstens die Trinkwasserversorgung wiederherzustellen. Es waren nicht viele Soldaten, aber wir folgten ihren Befehlen. Im Verlauf des Dezembers konnten wir die Grundversorgung der Bev\u00f6lkerung mit Trinkwasser und Nahrungsmitteln gr\u00f6\u00dftenteils wiederherstellen. Wir hoben auch Massengr\u00e4ber aus, verbrannten und verscharrten die Toten: Allein in Tropea m\u00fcssen es weit \u00fcber 2000 Gr\u00e4ber gewesen sein. Wir sprachen nicht \u00fcber das, was geschehen war. Ich wei\u00df nicht, wie es an anderen Orten war, aber die wenigen Menschen, mit denen ich dar\u00fcber sprechen konnte, berichteten \u00c4hnliches. Niemand stellte Fragen, weil niemand Antworten h\u00f6ren wollte.<br \/>\nEnde Januar 2089 trat erstmals die Generaladministration zusammen, ich erfuhr davon aus dem Radio. Alles, was von den nationalen Regierungen noch \u00fcbrig geblieben war, sammelte sich unter diesem Begriff in London. Die Verhandlungen \u00fcber eine neue, \u00fcbernationale Regierung dauerten fast ein halbes Jahr und verliefen parallel zu den Wiederaufbauma\u00dfnahmen, die sich bald auch auf die mediale Neuvernetzung der Welt richteten.<\/p>\n<p>Zeitindex +8<\/p>\n<p>Die ersten Bilder aus Mitteleuropa sah ich kurz nach meiner R\u00fcckkehr nach San Bartolomeo; das Haus meiner Familie war noch intakt, und ich fand sogar den Fernseher funktionst\u00fcchtig vor. Kamerateams hatten sich mit Jeeps von S\u00fcden aus auf den Weg nach Zentraleuropa gemacht, um die Zust\u00e4nde festzuhalten. Wie schon die Berechnungen der Astrophysiker es nahegelegt hatten, war das Gebiet nicht einfach verschwunden. Das kreisrunde Areal mit einem Durchmesser von knapp 1500 Kilometern hatte zwar an der Oberfl\u00e4che viel Masse verloren, insgesamt lag es aber im Schnitt nur einen Kilometer tiefer als das Umland. Das offenliegende Gestein war gr\u00f6\u00dftenteils leicht verstrahlt und deformiert, aber es war noch da. So sehr ich mich auch bem\u00fcht habe, ich konnte keine Fotografie der Ebene von damals finden; sie sind scheinbar schon alle zerst\u00f6rt worden. Ihr kennt die Ebene, von der ich spreche, vermutlich unter dem Namen Marquez-Rift, auch wenn die urspr\u00fcngliche Form und Gr\u00f6\u00dfe nicht mehr zu erkennen ist.<br \/>\nW\u00e4hrend der Wiederaufbau voranschritt, kam es im April zu einer ersten milit\u00e4rischen Krise im Mittleren Osten; die ehemaligen Machthaber weigerten sich, der Generaladministration beizutreten.<br \/>\nIch\u00a0 richtete mich wieder in San Bartolomeo ein und kontaktierte die Arbeitskollegen, die \u00fcberlebt hatten: schlie\u00dflich musste ich meinen Lebensunterhalt sichern. Im Mai arbeitete ich wieder als technischer Assistent f\u00fcr ein B\u00fcro des ehemaligen Innenministeriums.<br \/>\nDas n\u00e4chste Jahr \u00fcber, also vom Mai 89 bis zum Mai 90, arbeitete ich sehr viel. Der Wiederaufbau war das gr\u00f6\u00dfte Projekt in der Geschichte der Menschheit. Viele der qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte waren tot, viele technische Einrichtungen zerst\u00f6rt, und zudem gab es immer wieder milit\u00e4rische Konflikte im Zusammenhang mit der Generaladministration, vor allem in Asien und Osteuropa. Aufgrund der leichten Aufstiegschancen erreichte ich schnell eine Position, von der aus ich Zugriff auf die Daten des ehemaligen italienischen Staates hatte. Ein Gro\u00dfteil der Erkenntnisse, die ich hier zusammengetragen habe, stammen aus dieser Quelle.<\/p>\n<p>Zeitindex +9<\/p>\n<p>Es muss absolut unverst\u00e4ndlich sein, wie wir dies alles tun konnten &#8211; wie wir ignorieren konnten, was die meisten von uns getan hatten. Wie wir die Gro\u00dfe Schande ignorieren konnten. In diesen schrecklichen Wochen haben wir Menschen gezeigt, wozu wir f\u00e4hig sind; wir haben alles Menschliche vergessen, einfach vergessen, und danach konnten wir uns nicht einmal <em>daran <\/em>erinnern. Die Frage qu\u00e4lt auch mich; warum konnten wir einfach weiterleben?<br \/>\nAuch hierzu gibt es keinerlei Untersuchungen mehr, sie sind alle vernichtet worden, ich kann daher nur f\u00fcr mich und die Menschen sprechen, die mir davon erz\u00e4hlt haben, Vermutungen aufstellen. F\u00fcr einige Zeit, sagen wir zwei Jahre oder auch drei, verlor ich wirklich kaum einen Gedanken an die Geschehnisse von 89. Manchmal wachte ich nachts schreiend auf, ich wurde manchmal auch von Albtr\u00e4umen geplagt, aber am Tage dachte ich kaum daran. Ich arbeitete in dieser Zeit kaum weniger als 12 Stunden pro Tag, auch an den Wochenende, es gab schlie\u00dflich viel zu tun, f\u00fcr jeden: Vielleicht ist das ein Faktor, der uns verdr\u00e4ngen lie\u00df. Ich wei\u00df aus meinen Quellen, dass die Selbstmordrate unter Erwachsenen 89 und 90 immer noch weit h\u00f6her war als vor der Gro\u00dfen Schande, aber schon 91 sanken sie deutlich. Nicht ich, aber eine russische Historikerin, mit der ich mich unterhalten konnte, stellte die Vermutung auf, dieses Ph\u00e4nomen sei mit dem zu vergleichen, das in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten gewesen sei. Ich stimme ihr insofern zu, als dass wir leben wollten; wir wollten nichts von den Taten h\u00f6ren. Ich hatte \u00fcberlebt, ich war der eine Mensch, der statistisch gesehen \u00fcberlebt hatte, w\u00e4hrend f\u00fcnf andere gestorben waren. Ich hatte den sicheren Tod schon vor Augen, die Vernichtung bereits akzeptiert. Und doch war ich noch am Leben: Wir h\u00e4tten nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn wir die Gro\u00dfe Schande akzeptiert h\u00e4tten. Aber wir wollten \u00fcberleben, also verga\u00dfen wir unsere Schuld. Ich denke, dieser Wunsch nach Vergessen war der Grund, warum die meisten Menschen ihren Wohnort wechselten. In San Bartolomeo war ich der einzige der alten Bewohner, der wenigstens zeitweise noch dort lebte. Alle anderen, Nachbarn, Freunde und Bekannte waren weggezogen.<\/p>\n<p>Zeitindex +10<\/p>\n<p>2093 war der Wiederaufbau gr\u00f6\u00dftenteils abgeschlossen, und in gewisser Hinsicht war es wenigstens in Italien fast so, wie es vor dem Untergang gewesen war. Alle wichtigen \u00c4mter in dem aus der alten Generaladministration entstandenen Erdbund waren seit \u00fcber einem Jahr besetzt, die letzten Konflikte in Indien und den ehemaligen USA waren beendet. Die Superm\u00e4rkte f\u00fcllten sich wieder mit Produkten aus aller Welt; die Geldwirtschaft kam wieder in Schwung. Die Zerst\u00f6rung Mitteleuropas hatte gro\u00dfe Industriezentren vernichtet, aber das brachte auch Vorteile mit sich. Die gro\u00dffl\u00e4chige Abtragung hatte an einigen Stellen gigantische Erzlagerst\u00e4tten freigelegt, und man war dabei, diese auszubeuten. Die Bev\u00f6lkerungszahl wuchs langsam wieder an, zumindest legen das die Daten nah, die ich aus Europa bekam, ebenso war es in Nordafrika und S\u00fcdamerika. Die Menschen gr\u00fcndeten wieder Familien; auch ich habe Ende 92 eine Arbeitskollegin geheiratet. Die gro\u00dfen Kirchen geh\u00f6rten zwar der Vergangenheit an, aber einige evangelikale Sekten hatten \u00fcberlebt und gr\u00fcndeten gemeinsam die Church of Restauration, die gr\u00f6\u00dfte Religionsgemeinschaft nach der Gro\u00dfen Schande.<br \/>\nUnd dann kehrten die Erinnerungen zur\u00fcck. Es ist letztlich nicht genau zu kl\u00e4ren, warum sie zur\u00fcckkehrten, aber sie taten es. Es war ein schleichender Prozess, der sich zeitlich nicht genau einordnen l\u00e4sst. Er war nat\u00fcrlich hochgradig individuell bestimmt, und bei mir dauerte es bis Mitte 94. Bei anderen m\u00fcssen die Fragen fr\u00fcher zur\u00fcckgekehrt sein.<br \/>\nFeststeht, dass im Januar 94 die erste Dokumentation zur Gro\u00dfe Schande \u00fcber die Kan\u00e4le lief. Journalisten aus Spanien hatten sie erstellt, ihrem eindringlichen Vorwort nach, weil es ihnen ein pers\u00f6nliches Bed\u00fcrfnis gewesen war, \u00fcber die Vergangenheit zu sprechen. Der Erdbund reagierte nicht: man lie\u00df die Ausstrahlung geschehen. Ich denke, das ist auch ganz nat\u00fcrlich; die Regierungsvertreter waren genauso beteiligt, genauso betroffen wie alle anderen lebenden Menschen, und so wussten sie nicht, was sie tun sollten. Ich denke, selbst die Milit\u00e4rs haben an diesem Abend fassungslos auf den Fernseher gestarrt und ebenso geweint wie viele andere Menschen auch. Die Ausstrahlung f\u00fchrte zu einigen Selbstmorden und wenigen Ausschreitungen, aber im Gro\u00dfen und Ganzen waren die Menschen einfach fassungslos. In anderen Regionen der Welt mag der Film st\u00e4rkere Reaktionen ausgel\u00f6st haben, aber davon wei\u00df ich nichts. Ich war zu dieser Zeit schon stellvertretender Verwaltungschef f\u00fcr den Bezirk Italien\/Marokko, und nat\u00fcrlich telefonierte ich noch an diesem Abend mit einigen Experten, befragte sie, soweit es m\u00f6glich war, nach den Konsequenzen der Ausstrahlung. Man konnte mir Zahlen vorlegen, die den aufkommenden Wunsch nach Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte best\u00e4tigten. Die Dokumentation war vielleicht ein Multiplikator f\u00fcr das Denken einiger Menschen, sie trieb den Prozess der Bewusst-Werdens voran, aber sie war nicht der Grund f\u00fcr diesen Prozess, allenfalls ein Ausl\u00f6ser.<\/p>\n<p>Zeitindex +11<\/p>\n<p>Es dauerte einige Wochen, bis eine weitere Dokumentation gesendet wurde. In der Zwischenzeit wurde noch kein \u00f6ffentlicher Diskurs gef\u00fchrt, die Menschen hatten den ersten Film gesehen, und in vielen hatte er eine Tendenz best\u00e4rkt, aber die wenigsten sprachen dar\u00fcber. Ich hatte die Dokumentation mit meiner Frau zusammen angesehen, und auch wir beide waren tief betroffen; dennoch sprachen selbst wir nicht dar\u00fcber, nicht \u00fcber den Film, nicht dar\u00fcber, wo wir zu dieser Zeit gewesen waren und was wir getan hatten.<br \/>\nDie zweite Dokumentation war von Anfang an als Serie ausgelegt. Ein Zirkel um die Produzenten herum geh\u00f6rte, so erfuhr ich sp\u00e4ter, zur Church of Restauration, und wahrscheinlich hatten sie auch ein origin\u00e4r religi\u00f6ses Interesse an der Thematik. Jedenfalls ging die Serie sehr viel mehr ins Detail. Sie zeigten sogar eine Aufnahme aus Tropea, allerdings vor meiner Ankunft; das verwackelte Foto, offenbar mit einer digitalen Kamera aufgenommen, zeigte Leichen und eine brennende Tankstelle. Man erwog schon zu dieser Zeit, weitere Ausstrahlungen zu unterbinden, doch die Administration z\u00f6gerte: das Interesse an den Geschehnissen zog sich durch alle Gesellschaftsschichten und machte auch vor den Ministerien nicht halt. Auch in meinem Stab wurde dar\u00fcber diskutiert, die Sender abzuschalten, aber ich lehnte es noch ab.<br \/>\nLetztlich war es unvermeidlich, dass die Menschen irgendwann \u00fcber die Vergangenheit sprachen; der Charakter der Dokumentationen ver\u00e4nderte sich entsprechend. Es waren nicht mehr nur kommentierte Bildfolgen, immer h\u00e4ufiger wurden Psychologen interviewt und Menschen nach ihren Taten befragt. Die Stimmung kippte langsam; auch ich bemerkte, wie ich immer nachdenklicher wurde. Immer seltener sah ich Menschen l\u00e4cheln: die Statistiken von damals belegten den Stimmungswandel. Ein Psychologe aus meinem Stab erkl\u00e4rte mir, das die Menschen sich in einem seltsamen Zwiespalt befanden. Einerseits zwang sie etwas, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen; andererseits f\u00fchrte die Besch\u00e4ftigung zu einer Art von Unzufriedenheit, die kaum zu \u00fcberwinden war. Ich verstand damals nicht gleich, was er meinte, auch deshalb, weil mich pers\u00f6nlich diese Unzufriedenheit noch nicht wirklich ganz erfasst hatte. Deshalb hatte ich mir auch noch keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, welche Auswirkungen das ganze haben w\u00fcrde. Jedoch denke ich, dass die L\u00f6sung f\u00fcr all dies schon damals in einigen K\u00f6pfen schlummerte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitindex +7 Es dauerte etwa vier oder vielleicht sechs Wochen, bis die Infrastruktur in S\u00fcditalien wieder in Betrieb genommen wurde. In anderen Gebieten der Welt mag es etwas schneller gegangen sein, aber f\u00fcr mindestens zwei Wochen waren wohl alle damit besch\u00e4ftigt, einen fast dreiw\u00f6chigen Rausch auszuschlafen. 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