{"id":307,"date":"2009-04-09T10:00:40","date_gmt":"2009-04-09T08:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=307"},"modified":"2009-04-09T10:11:58","modified_gmt":"2009-04-09T08:11:58","slug":"die-grose-schande-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/04\/09\/die-grose-schande-4\/","title":{"rendered":"Die Gro\u00dfe Schande (4)"},"content":{"rendered":"<p>Zeitindex +12<\/p>\n<p>Im Sommer 94 sendeten fast alle Kan\u00e4le eine offene Diskussion \u00fcber die Ereignisse der Gro\u00dfen Schande. Nat\u00fcrlich sah ich es mir an, ebenso meine Frau. Unsere Tochter hatten wir ins Bett gebracht. Wie alle anderen Dokumente aus dieser Zeit ist auch die Aufzeichnung dieser Sendung bereits zerst\u00f6rt, aber da es sich um eine \u00dcbertragung eines italienischen Senders handelte, konnte ich wenigstens einen Audiomitschnitt retten. Einer der G\u00e4ste, Dr. Peter Den,\u00a0 sprach mit einer seltsamen K\u00fchle \u00fcber die Gro\u00dfe Schande; Er war es, der mich verstehen lie\u00df, was die Menschen umtrieb. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass er nicht an den Ausschreitungen beteiligt gewesen war. Er lag zu der Zeit, die wir Gro\u00dfe Schande nannten, mit schweren Kopfverletzungen in einem Krankenhaus und \u00fcberlebte auf wundersame Weise. Ich gebe seine Worte auszugsweise direkt wieder, die vollst\u00e4ndige Datei findet ihr am Ende dieses Berichts:<\/p>\n<p><em>&#8222;[&#8230;]Wir k\u00f6nnen nicht auf die Weise weitermachen, wie wir es bisher tun, Herr Ramlow. Wenn wir die unfassbaren Geschehnisse von 88 betrachten, m\u00fcssen wir uns einfach eingestehen, dass jedes Konzept, jede Theorie von Menschlichkeit, die wir uns denken konnten, falsch ist. In einer Situation der Normalit\u00e4t, wie wir sie vor der Gro\u00dfen Schande hatten, funktionierten die Konstrukte, die wir uns aufgebaut haben. Aber wir m\u00fcssen doch&#8230; verstehen sie, wir m\u00fcssen doch einsehen, dass nichts davon wahr ist. Im Angesicht der Vernichtung haben all unsere Mechanismen, all unsere Vorstellungen versagt. Die Menschen haben sich nicht wie vern\u00fcnftige Wesen verhalten, sie haben sich nicht einmal mehr wie Tiere verhalten. Sie waren unberechenbar, zerst\u00f6rerisch und mordl\u00fcsternd. Und jetzt sitzen wir hier wieder in einem Fernsehstudio bei einem Glas Wein und unterhalten uns dar\u00fcber, als ob das alles nicht geschehen sei. Die Menschen f\u00fchlen ganz genau, das etwas zerbrochen ist, das der Glaube der Menschheit an sich selbst erloschen ist. Die gleichen M\u00e4nner und Frauen, die ihre Familien ohne jede R\u00fccksicht ausl\u00f6schten, einfach nur aus einem Impuls heraus, die ihre Nachbarn folterten und ermordeten, die sitzen nun wieder vor dem Fernseher, m\u00f6glicherweise mit ihren neuen Partnern, ihren neuen Kindern. K\u00f6nnen sie wirklich glauben, dass sie ihre Partner und Kinder lieben? Das ihre Nachbarn freundliche und zuvorkommende Wesen sind? Wie wollen wir den Begriff des zivilisierten Menschen, der Zivilisation an sich noch rechtfertigen? Wie wollen wir diese Schuld abtragen? Wir k\u00f6nnen es nicht. Sehen wir der Wahrheit ins Auge; die Gro\u00dfe Schande hat alles, wirklich alles relativiert. Sie hat die Religion relativiert, die Moral, sie hat die Empathie als glatte L\u00fcge herausgestellt. Wie soll denn der Mensch noch aufrichtig von der Liebe zu seinen Kindern sprechen, wenn er doch wei\u00df, was damals geschehen ist und was jederzeit wieder geschehen k\u00f6nnte? [An dieser Stelle wurde er unterbrochen, ich lasse diesen Abschnitt der Aufzeichnung aus] Eine L\u00f6sung kenne ich nat\u00fcrlich nicht, Herr Ramlow. Aber ich denke, wir k\u00f6nnen nicht darauf setzen, dass sich das Problem mit dem Alter und letztlich dem Tod der Generation, die diese Verbrechen begangen hat, von alleine l\u00f6st. Wir werden unseren Kindern erkl\u00e4ren m\u00fcssen, was geschehen ist. Und diese Kinder werden deshalb auch in unserer Welt aufwachsen, und deren Kinder ebenso. Wenn wir uns aufrichtig zu uns selbst sind, dann m\u00fcssen wir das Projekt Mensch schlicht verloren geben. All die n\u00fctzlichen und auf so wunderbare Weise ablenkenden Dinge, die wir seit 89 aufgebaut haben, \u00e4ndern nichts daran: Der Mensch hat sich in seiner G\u00e4nze, in seinem ganzen Wesen als Monster erwiesen. Wir sind an dem Punkt, wo wir entweder ein neues Projekt beginnen oder das alte vernichten m\u00fcssen. Etwas anderes bleibt uns nicht. Und ein neues Projekt kann ich mir nicht einmal denken.[&#8230;]&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ich habe bewusst diesen Auszug gew\u00e4hlt; der Rest der \u00dcbertragung sah niemand mehr, weil ich per Telefon das Kommando gab, den Kanal abzuschalten. Nur Stunden, nachdem ich diesen Befehl gegeben hatte, eigentlich mehr aus einer Panik heraus als aufgrund von Kalk\u00fcl oder begr\u00fcndeter \u00dcberlegung, wurde der italienische Zweig von memento gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Zeitindex +13<\/p>\n<p>Memento begann als lose politische Gruppierung mit dem Ziel, Zensuraktionen wie die von mir angeordnete Beendigung der \u00dcbertragung zu stoppen. Von Anfang an waren sie eng mit der Church of Restauration verbunden. Ihre Ziele wandelten sich im Lauf der Zeit; bald prangerten sich nicht nur die Zensur an, sondern versuchten aktiv auch selbst die Erinnerung und die Besch\u00e4ftigung mit der Gro\u00dfen Schande zu f\u00f6rdern. In Asien und Nordafrika war memento schon vor der von mir gestoppten Debatte aktiv; dort hatten die staatlichen Ma\u00dfnahmen fr\u00fcher begonnen. Nat\u00fcrlich reagierte der gesamte Erdbund nerv\u00f6s, zumal memento sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Immer mehr Dokumentationen wurden verboten, immer mehr Ausstrahlungen verhindert. Memento druckte Flugbl\u00e4tter und Aufkleber, ihre Mitglieder verbreiteten Kopien von zensierten Fernsehsendungen, drehten eigene. Wir reagierten entsprechend, aber vorsichtig. Ich lie\u00df Demonstrationen r\u00e4umen, wenn sie zu einem Risiko wurden, und eine Abteilung der Verwaltung wurde von mir damit beauftragt, Flugbl\u00e4tter und \u00e4hnliche Druckerzeugnisse m\u00f6glichst unauff\u00e4llig einzuziehen. Ich muss sagen, ich wusste, das Den Recht hatte; er hatte genau das gesagt, was ich und viele andere nicht zu denken gewagt hatten. Die Gro\u00dfe Schande w\u00fcrde nie vergehen, das mussten wir aufrichtig anerkennen, und die Menschen von memento erkannten das besser als viele andere. Dennoch entwickelte sich memento auch aus meiner Sicht immer mehr zu einer terroristischen Gruppe. Ihre illegalen Aktionen waren zwar harmlos, aber dennoch eben illegal. Heute denke ich, dass ich damals zu hart gegen sie vorging. Vielleicht hatten einige von ihnen schon eine Vorahnung von dem, was geschehen w\u00fcrde, und deshalb engagierten sie sich so: Ich dagegen wollte es vielleicht auf die eine oder andere Art nicht wahrhaben, auch wenn ich schon damals Ger\u00fcchte h\u00f6rte. Ich wusste auch, dass es eine Art Konterguerilla gab, auch in Italien, die mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t die Aktivit\u00e4ten von memento bek\u00e4mpfte. Sie erkl\u00e4rten sich nie, sie \u00fcbernahmen auch nie die Verantwortung f\u00fcr Anschl\u00e4ge auf Mitglieder von memento. Das Fernsehen sprach nicht von ihnen, aber ich wusste, dass es sie gab; ich wusste auch, dass der Erdbund sie unterst\u00fctzte. Mir kam nicht einmal in den Sinn, es \u00f6ffentlich zu machen.<\/p>\n<p>Zeitindex +14<\/p>\n<p>Im Oktober 98 las ich die Ank\u00fcndigung f\u00fcr ein &#8222;offenes Gespr\u00e4ch \u00fcber die Gro\u00dfe Schande&#8220;, das live im Fernsehen gezeigt werden sollte. Ich war nicht dar\u00fcber informiert worden, aber die h\u00f6chsten Gremien des Erdbundes hatten entschieden, selbst eine solche Runde zusammenzustellen und das ganze auf allen Kan\u00e4len auszustrahlen. Auch Peter Den war eingeladen, was mich noch mehr verwunderte; ich wusste, dass er inzwischen memento angeh\u00f6rte. Sp\u00e4ter sagte man mir, dass 95% der Bev\u00f6lkerung die Sendung verfolgten. Das war auch der Plan; m\u00f6glichst alle sollten es sehen.<br \/>\nIch konnte zumindest die zentralen Stelle der Debatte rekonstruieren; im wesentlichen drehte sie sich um die Frage danach, wie es weitergehen sollte, wie man mit der Gro\u00dfen Schande weiterleben sollte. Sie lie\u00dfen Den reden, seinen Standpunkt darlegen, wie er schon in der Sendung im Juli getan hatte. Danach sprach ein Vertreter des Erdbundes:<\/p>\n<p><em>&#8222;Herr Den, ich stimme ihnen vollkommen zu. Sie wissen genau wie ich, genau wie die Menschen dort drau\u00dfen, dass die Gro\u00dfe Schande das Ende bedeutet. Wir haben wirklich erfahren, dass Religion wertlos ist; das Vernunft eine Illusion ist. Wir haben alle gesehen, wozu wir f\u00e4hig sind. Ich selbst wei\u00df nicht einmal, wie viele Menschen ich damals get\u00f6tet haben, und es nagt jeden Tag an mir. Und sie haben auch Recht, wenn sie uns vor die Wahl stellen; entweder, wir geben uns und den Menschen auf, oder wir beginnen ein ganz neues Projekt. Aber ein solches Projekt ist nicht in Sicht; es bleibt nur der Tod.<br \/>\nUnd ich muss ihnen sagen, es \u00fcberrascht mich nicht, dass sie so etwas feststellen und es Millionen von Menschen sagen k\u00f6nnen. F\u00fcr sie ist das einfach; sie lagen, wie wir alle wissen, damals in einem Krankenhaus. Sie waren nicht beteiligt an der Gro\u00dfen Schande. Sie m\u00f6gen glauben, sie laste in gewisser Hinsicht auch auf ihnen, weil auch sie ein Mensch sind, aber so einfach ist es nicht. Meine, unsere Perspektive ist eine andere. Und deshalb sehe ich als Mensch, als T\u00e4ter, auch einen Ausweg, der ihnen vielleicht nicht in den Sinn kommen konnte. Ich wei\u00df, sie halten die Tradition der Erinnerung hoch, sonst w\u00e4ren sie wohl kaum Mitglied in der terroristischen Vereinigung memento. Aber, so frage ich sie, was w\u00e4re, wenn wir wirklich vergessen k\u00f6nnten? Wenn wir daf\u00fcr sorgen k\u00f6nnten, dass die Gro\u00dfe Schande wenigstens f\u00fcr unsere Kinder nie geschehen ist?&#8220;<\/em><br \/>\nIch wei\u00df nicht genau, warum Den ihn nicht unterbrach oder das offensichtliche entgegnete; das dies nicht m\u00f6glich sei, dass es zudem unaufrichtig w\u00e4re. Vielleicht war er zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr im Studio, oder man hatte ihn massiv eingesch\u00fcchtert. Gegen Ende wandt sich der Vertreter des Erdbundes direkt an das Publikum, und was er sagte, \u00fcberraschte auch mich, obwohl ich &#8211; wie gesagt &#8211; schon mehrfach Ger\u00fcchte geh\u00f6rt hatte:<br \/>\n<em>&#8222;[&#8230;]Jedenfalls ist es m\u00f6glich. Der Erdbund hat Hunderte von Experten zu Rate gezogen, und wir haben ein Ergebnis: Wir k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, das die Gro\u00dfe Schande innerhalb von ein oder zwei Generationen komplett verschwindet. Es ist kein einfaches Unternehmen, aber es ist machbar. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir ihnen die Details nicht bekannt geben. Ihnen sollte aber klar sein, dass es viele Opfer kosten wird, und dass es auch ihnen etwas abverlangen wird. Wir k\u00f6nnen dieses Projekt nicht allein angehen; der Erdbund hat sich schon immer zur Demokratie bekannt. Deshalb findet am Sonntag in zwei Wochen eine weltweite Abstimmung statt. Es stehen nur zwei Optionen zur Wahl: Erinnerung oder Vergessen. Das ist alles. Wir geben diese Entscheidung in ihre H\u00e4nde, sie haben meine Worte geh\u00f6rt, sie haben das schreckliche Bild von einer Zukunft gesehen, dass Herr Den ihnen gezeigt hat. Sehen sie ihre Kinder an: In was f\u00fcr einer Welt sollen sie aufwachsen? In was f\u00fcr einer Welt m\u00f6chten sie mit ihren Enkeln spielen? Gehen sie in sich und stellen sie sich diese Fragen. Ich wei\u00df, dass wir ihnen in gewisser Hinsicht ein unmoralisches Angebot machen &#8211; aber was sollte das f\u00fcr uns noch bedeuten? Die Terroristen von memento und anderen Organisationen m\u00f6chten ihnen einreden, dass die Wahrheit, die Erinnerung wichtiger ist als das Leben, wichtiger als das Gl\u00fcck unserer Kinder, wichtiger als die gesunde Naivit\u00e4t der Menschheit. Viele von ihnen tragen wie Herr Den nicht die Schuld, die sie und ich f\u00fchlen, k\u00f6nnen nicht verstehen, was das bedeutet. Deshalb bitte ich sie, stellen sie sich diese Fragen. Fragen sie sich auch, was ihnen wichtiger erscheint: Fragen sie sich, liebe Zuschauer: M\u00f6chte ich leben oder wissen?&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitindex +12 Im Sommer 94 sendeten fast alle Kan\u00e4le eine offene Diskussion \u00fcber die Ereignisse der Gro\u00dfen Schande. Nat\u00fcrlich sah ich es mir an, ebenso meine Frau. Unsere Tochter hatten wir ins Bett gebracht. 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