{"id":308,"date":"2009-04-16T10:00:39","date_gmt":"2009-04-16T09:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=308"},"modified":"2009-05-11T00:47:17","modified_gmt":"2009-05-10T22:47:17","slug":"die-grose-schande-5-finale","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/04\/16\/die-grose-schande-5-finale\/","title":{"rendered":"Die Gro\u00dfe Schande (5 &#8211; Finale)"},"content":{"rendered":"<p>Zeitindex +15<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00f6rte ich mich um, befragte Arbeitskollegen und Freunde, auch meine Frau. Aber selbst sie sagte mir nicht, wie sie abstimmen w\u00fcrde. Ich las nat\u00fcrlich die streng geheimen Meinungsumfragen aus meinem Verwaltungsbezirk, aber auch die waren allenfalls vage. Es hie\u00df darin, dass die meisten Menschen eine Antwort verweigerten, und die, die antworteten, waren gegen das Vergessen. Das \u00fcberraschte mich nicht. Auch ich wusste lange nicht, wie ich abstimmen w\u00fcrde: Meine eigene Entscheidung fiel erst am Samstag Abend, als ich erfuhr, dass Dr. Peter Den hingerichtet worden war, wegen angeblicher Verschw\u00f6rung. Meine Vermutungen und die Ger\u00fcchte, von denen ich geh\u00f6rt hatte, setzten sich zu einem Bild zusammen. Ich konnte mit niemandem dar\u00fcber reden, aber der Tod dieses Menschen, den ich nie getroffen hatte, machte mir endlich bewusst, was geschehen w\u00fcrde. Es gibt keinen guten oder plausiblen Grund, weshalb ich an diesem Abend in das feindliche Lager wechselte. Ich hatte schon lange nicht mehr um Moral nachgedacht, erst recht nicht \u00fcber den moralischen Wert der Wahrheit. Vielleicht ist die Art von innerem Aufruhr, die auch viele der memento-K\u00e4mpfer motivierte, auch bei mir immer schon vorhanden gewesen. Ich glaube nicht daran, dass ich gute, ethische Gr\u00fcnde hatte: eine Laune war es aber auch nicht. Es war eine Affinit\u00e4t zur Wahrheit, die mich trieb. Es ging mir nicht um die Toten, auch nicht um die Verbrechen. Der Grund, weshalb ich zu einem Mitglied von memento wurde, war nur ein Hang zur Aufrichtigkeit. Eine Art Geschmack, den die Wahrheit f\u00fcr mich pl\u00f6tzlich gewann, wo sie kurz vor ihrer Vernichtung stand.<br \/>\nAm Sonntag ging ich zu der Wahl. Fotografen waren da und fotografierten mich und meine Frau bei der Abgabe unserer Stimmen. Auf dem Wahlzettel kreuzte ich &#8222;Vergessen&#8220; an und best\u00e4tigte damit, wie ein Beisatz erkl\u00e4rte, dass ich jegliche Ma\u00dfnahmen akzeptieren und unterst\u00fctzen w\u00fcrde, die die Regierungsstellen zur Ausl\u00f6schung der Gro\u00dfen Schande f\u00fcr notwendig erachteten. Ich hatte nat\u00fcrlich davon erfahren, dass sowohl Namen als auch Abstimmungsverhalten aufgezeichnet wurden, damit man wusste, wer was gew\u00e4hlt hatte. Die Wahl war nicht nur eine Wahl, sie war bereits ein Selektionsverfahren.<\/p>\n<p>Zeitindex +16<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Large\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3456371710\/die-grose-schande-5.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 3px;\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3405\/3456371710_745ac1b735_o.jpg\" border=\"0\" alt=\"Die Gro\u00dfe Schande (5)\" width=\"287\" height=\"913\" \/><\/a> Das Ergebnis fiel eindeutig aus und war, soweit ich das beurteilen kann, nicht manipuliert worden. Ich wei\u00df nicht, ob sie so etwas erwogen haben, ich denke eher nicht. Es war aber auch nicht n\u00f6tig. 92,4 % der Bev\u00f6lkerung stimmten f\u00fcr das Vergessen. Ich hatte damit gerechnet, dass der Erdbund noch einige Vorbereitungen treffen musste, aber offenbar hatte man fest mit dem Ergebnis gerechnet. Die Einsatzkr\u00e4fte waren auf Abruf bereit. Um 2 Uhr morgens am 6. Dezember 2094 bekam ich einen Anruf aus dem B\u00fcro. Man \u00fcberlie\u00df mir zwar die Kontrolle \u00fcber die Infrastruktur,\u00a0 machte mir allerdings klar, dass eine gro\u00dfe Gruppe von Soldaten und Sonderkr\u00e4ften in meinem Verwaltungsbezirk mit dem Projekt begonnen hatte, und dass ich den Kommandeuren jede Unterst\u00fctzung liefern sollte. Man stellte mir eine Liste zu, die einige Aufgaben benannte, die die Soldaten hatten. Darunter war etwa die Sicherstellung von allen medialen Inhalten mit Bezug auf die Gro\u00dfe Schande, ebenso aller Dokumente mit Bezug auf den Zeitrahmen zwischen 88 bis 90. Ein anderer Punkt war das Ingewahrsamnehmen aller bekannten Mitglieder von memento und vergleichbarer Organisation, eben so das Ausfindigmachen aller Personen, die w\u00e4hrend der Zeit der Gro\u00dfen Schande aus welchen Gr\u00fcnden auch immer handlungsunf\u00e4hig gewesen waren. Viele andere Zeilen in dem Dokumenten waren geschw\u00e4rzt worden; selbst ich durfte nicht mehr wissen, worum es sich handelte. Mir war klar, dass man \u00fcber kurz oder lang alle Menschen verh\u00f6ren w\u00fcrde, die gegen das Vergessen gestimmt hatten. Ein weitere T\u00e4tigkeit bestand in der \u00d6ffnung der vielen Massengr\u00e4ber, die es in meinem Verwaltungsbezirk und anderswo gab: die Leichen sollten abtransportiert werden, der Bestimmungsort war geschw\u00e4rzt. Ich erfuhr ihn w\u00e4hrend meiner sp\u00e4teren Recherchen. Die meisten wurden im Meer versenkt, in einer Mischung aus Beton und Stahl. Nur einen Punkt auf der Liste verstand ich nicht: in S\u00fcditalien sollten riesige Mengen an Baumaterial akquiriert werden, um sie nach Norden zu bringen. Der Grund daf\u00fcr wurde mir erst klar, als ich einen Satz neuer Schulb\u00fccher zugestellt bekam. Bisher hatte man in den Schulen das Thema ausgespart, und auch zu Hause wurde, soweit ich das anhand der entsprechenden Befragungsb\u00f6gen ermessen konnte, nicht viel dar\u00fcber gesprochen. Dieser Umstand rettete vermutlich Hunderttausenden von Kindern das Leben. Die neuen Schulb\u00fccher sprachen jedenfalls nicht von der Gro\u00dfen Schande, aber daf\u00fcr von einem Meteoriteneinschlag von apokalyptischem Ausma\u00df. Der Meteorit war der neuen Geschichtsschreibung zu Folge, die ihr wahrscheinlich bisher f\u00fcr wahr hieltet, im Dezember 2088 in der N\u00e4he von Z\u00fcrich eingeschlagen und hatte Milliarden von Menschen get\u00f6tet: Ihr Krater bildete dem Buch zu Folge das, was ihr Marquez-Rift nennt.<br \/>\nAls ich die Anweisungen zugestellt bekam, begann ich bereits mit meinen Recherchen. Ich tat alles, was von mir verlangt wurde. Ich versuchte nicht, Zeit zu schinden, sondern \u00fcbergab alle Daten, die wir \u00fcber memento hatten, auch fast alle Dokumente in Bezug auf die Gro\u00dfe Schande und den gew\u00fcnschten Zeitraum. Ich stimmte allen Ma\u00dfnahmen zu, ich unterschrieb sogar Todesurteile, bis es zu viele wurden und man begann, sie maschinell zu erstellen. Das Volk hatte gesprochen, und mir war klar, dass es nicht mehr aufzuhalten war.<\/p>\n<p>Zeitindex +17<\/p>\n<p>Ich musste vorsichtig sein, und so kooperierte ich vollst\u00e4ndig mit der Zentralregierung. Als M\u00e4nner aus der Nachbarschaft vor der T\u00fcr standen, um mich, meine Frau und sogar meine Tochter \u00fcber die Gro\u00dfe Schande zu &#8218;befragen&#8216;, h\u00e4tte ich sie mit dem Hinweis auf meine Stellung abweisen k\u00f6nnen, aber ich tat es nicht. W\u00e4hrend der Befragung gab ich sogar zu, dass ich meiner Tochter, die damals bereits 5 war, etwas von den wirklichen Ereignissen erz\u00e4hlt hatte. Das h\u00e4tte ich nicht tun m\u00fcssen, aber es bestand das Risiko, dass Widerspr\u00fcche zwischen unseren Angaben einen Verdacht auf mich lenkten. Damit hatte ich die letzte Grenze \u00fcberschritten; mein Verhalten mag herzlos wirken, aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00e4re es sowieso geschehen. Es reichte dem Erdbund nicht, die memento-Anh\u00e4nger verschwinden zu lassen, normalerweise traf es auch die Familien. Ich hatte meine Wahl getroffen, und ohnehin, ich hatte schon einmal meine Familie im Stich gelassen. Ich tat es nun wieder, und ich empfand keine gr\u00f6\u00dfere Reue als zuvor.<br \/>\nDie Sammlung von Daten erwies sich leider als schwieriger, als ich erwartet hatte. Dennoch habe ich einige genaue Angaben finden k\u00f6nnen, was die Position und Lage des urspr\u00fcnglichen, des echten Kraterrandes angeht. Die kreisrunde Gestalt und die Ausdehnung wird meinen Bericht best\u00e4tigen; \u00fcberpr\u00fcft sie. Die Daten findet ihr am Ende des Berichts, ebenso wie genau Koordinaten der Massengr\u00e4ber in den Ozeanen. Ich konnte keine genauen Daten dar\u00fcber finden, wie viele Menschen durch das Vergessen, durch den Erdbund zu Tode gebracht wurden. Selbst die direkte Frage danach h\u00e4tte mich schon verd\u00e4chtig gemacht: in meinem Verwaltungsbezirk sah ich etwa eine 200.000 geheime Todesurteile. Ich nehme an, man hat die Dokumente nach der Vollstreckung vernichtet. Auch ich werde bald zu diesen Verschwundenen geh\u00f6ren, wenn ich mir nicht das Leben nehme. Ich glaube, meine Frau hat bereits einen Verdacht, und vermutlich wird sie mich verraten, um unsere Tochter zu sch\u00fctzen. Ich kann es verstehen, auch wenn sie wissen m\u00fcsste, dass sie damit auch ihr Schicksal besiegelt. Aber das bedeutet nichts; ich bin fertig mit meiner Arbeit.<\/p>\n<p>Zeitindex +18<\/p>\n<p>Dies ist der letzte Abschnitt meines Berichts: Die Sonde, von der ihr diese Datei erhalten habt, ist bereits fertig und liegt vor mir. Ich habe sie so konfiguriert, dass sie erst in genau 150 Jahren senden wird; falls sich ihre Lage nicht ver\u00e4ndert, habt ihr sie in etwa 15 Metern Tiefe in einem Steinbruch bei Avaro, Sizilien gefunden. Ich habe sie selbst dort vergraben: Ich bin nicht wieder nach Italien zur\u00fcckgekehrt. Die Gefahr, dass man meine T\u00e4tigkeit und die Position der Unterlagen aus mir herauspresst, ist zu gro\u00df. Es bleibt mir nicht mehr viel zu sagen: Heute ist der 12. M\u00e4rz 2095, die S\u00e4uberung ist fast abgeschlossen. Die Menschen, die den Prozess schweigend erduldet haben, kehren langsam zu der seltsamen Art von Normalit\u00e4t zur\u00fcck, die sie gew\u00e4hlt haben. Es macht ihnen nichts aus, an den seltsam leeren H\u00e4usern von Nachbarn und Verwandten vorbeizuschlendern. Nach allem, was ich erfahren konnte, funktioniert das Vergessen. Ich wei\u00df nicht, ob es richtig ist, dieses Projekt, diese Hoffnung auf Hoffnung zu zerst\u00f6ren, aber ich habe es getan.<\/p>\n<p>Ihr kennt nun die Wahrheit. Lebt damit, wenn ihr k\u00f6nnt: Wir konnten es offenbar nicht.<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Ende der Audiospur. Wechsle in den Datenbereich, Codierung bin\u00e4r:<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>[&#8230;]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitindex +15 Nat\u00fcrlich h\u00f6rte ich mich um, befragte Arbeitskollegen und Freunde, auch meine Frau. Aber selbst sie sagte mir nicht, wie sie abstimmen w\u00fcrde. Ich las nat\u00fcrlich die streng geheimen Meinungsumfragen aus meinem Verwaltungsbezirk, aber auch die waren allenfalls vage. 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