{"id":312,"date":"2009-03-31T15:17:08","date_gmt":"2009-03-31T13:17:08","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=312"},"modified":"2009-03-31T22:26:01","modified_gmt":"2009-03-31T20:26:01","slug":"kriseundangst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/03\/31\/kriseundangst\/","title":{"rendered":"Die Krise und die Angst"},"content":{"rendered":"<p>Johannes B. starb an einem sonnigen Tag im Mai. An sich w\u00e4re das nichts besonderes gewesen. Viele M\u00e4nner in diesem Alter sterben an einem Herzinfarkt, vor allem solche, deren Beruf und Lebenswandel so anstrengend und stressig ist. Man k\u00f6nnte daher meinen, das ganze sei kaum eine Fu\u00dfnote wert gewesen; eine Todesanzeige in der Lokalzeitung, eine Danksagung nach der Beisetzung, das sei alles. Aber ganz so einfach war es nicht. Denn zum einen war Johannes B. der Vorstandschef einer gro\u00dfen deutschen Bank, und zum anderen war da die Wirtschaftskrise. Und nicht irgendeine, sondern eine , deren Ausma\u00dfe so gigantisch waren, dass die Presse gar nicht mehr aufh\u00f6ren konnte, davon zu berichten: Nicht einmal nach fast zwei Jahren gingen den Journalisten die Hiobsbotschaften aus. Jeden Tag gab es neue Konkurse, neue Dax-Tiefstst\u00e4nde, und nat\u00fcrlich gab es auch jeden Tag Berichte \u00fcber die Verantwortlichen: bei diesen handelte es sich, so waren sich die meisten Menschen einig, beinahe ausschlie\u00dflich um Manager. Es waren Manager, die einen Finanzmarkt aufgebaut hatten, der mehr auf frommen W\u00fcnsche basierte denn auf realen Werten; und zu allem \u00dcberfluss waren es auch noch Manager, die wieder und wieder Pr\u00e4mien einstrichen, die Schuld weit von sich wiesen oder durch die schlichte Weigerung zur\u00fcckzutreten, den Zorn der Bev\u00f6lkerung auf sich zogen. Nat\u00fcrlich hatte auch die Politik einen gravierenden Anteil an der Situation, aber bisher hatten es die Regierenden irgendwie geschafft, sich aus der Schusslinie herauszuhalten: die so genannten Leistungstr\u00e4ger machten keine Anstalten, sich gegen die Vorw\u00fcrfe zur Wehr zu setzen, und damit hatte man einen perfekten S\u00fcndenbock, der zus\u00e4tzlich ja auch tats\u00e4chlich wenigstens teilweise schuldig war.<br \/>\nVorsichtshalber hatte man schon vor offenem Hass, ja gar vor offenen Gewaltausbr\u00fcchen gegen die gescholtene Riege der so genannten Leistungstr\u00e4ger gewarnt: nicht, dass es dazu einen Grund gegeben h\u00e4tte, aber wenigstens einige Journalisten schienen sich gen\u00f6tigt zu sehen, alte Schulfreunde oder aktuelle Duzfreunde in dieser Weise zu verteidigen.<\/p>\n<p>Nun, um den weiteren Verlauf der Ereignisse zu verstehen, muss man ein wenig in die Welt der Massenmedien abtauchen. Krisen bringen einen stetigen Fluss von Nachrichten, soviel wurde schon gesagt. Aber, und das muss auch bemerkt werden, der Konsument neigt leider zu Abnutzungserscheinungen; wird ein Thema st\u00e4ndig wiederholt, ist es immer das gleiche Ereignis, \u00fcber das man Tag f\u00fcr Tag berichtet, so schaltet der Konsument irgendwann ab oder liest nicht mehr weiter. Und das ist nat\u00fcrlich nicht gew\u00fcnscht; schlie\u00dflich will man etwas verkaufen. Es bleibt also nichts \u00fcbrig, als andere Themen zu finden; oder neue Aspekte von alten. Am besten ist nat\u00fcrlich ein handfester Skandal, etwas, was die Menschen aufr\u00fcttelt.<br \/>\nVon diesem Gedanken ausgehend braucht es nicht viel Fantasie, um das folgende zu verstehen: Ein kleiner Reporter, angestellt bei einer gro\u00dfen deutschen Tageszeitung, las die Agenturmeldung \u00fcber den Tod des Johannes B. Und was ihm auffiel, dass war das Fehlen einer genauen Todesursache. Die inhaltsleere Agenturmeldung berichtete lediglich, die Umst\u00e4nde seines Todes w\u00fcrden gepr\u00fcft. Die Idee ist nicht sonderlich kreativ, und der Leser kann sich selbst ausmalen, welche kreative Schaffenskraft n\u00f6tig war, um darauf zu kommen; in jedem Fall konnte man am n\u00e4chsten Tag in ebendieser Tageszeitung eine gro\u00dfe, schwarze Schlagzeile lesen:<\/p>\n<p>&#8222;B. tot! Kommt jetzt die Rache des Volkes?&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat war zun\u00e4chst nicht klar, woran genau Johannes B. gestorben: Der Umstand, das sich die Familie in den folgenden Wochen mit \u00c4u\u00dferungen dazu betont zur\u00fcckhielt, heizte die Ger\u00fcchte zus\u00e4tzlich an, und so mancher Journalist war froh dar\u00fcber, dass niemand sich dazu \u00e4u\u00dfern wollte. Die Medien taten, was sie gut konnten; sie schrieben voneinander ab, fanden dubiose Zeugen, sogar ein angebliches Phantombild eines m\u00f6glichen T\u00e4ters, das aber Johannes B. selbst sehr \u00e4hnlich sah. Schon am zweiten Tag der Kampagne waren es nicht mehr Fragen, die die Schlagzeilen dominierten; vom &#8222;Giftmord&#8220; war die Rede, vom &#8222;w\u00fctenden Mob&#8220;, sogar von der &#8222;bedrohten Demokratie&#8220;.<\/p>\n<p>Am dritten Tag berichteten gro\u00dfe deutsche Magazine in ihren w\u00f6chentlichen Ausgaben \u00fcber den Tod von Johannes B., der nun abwechselnd als &#8222;die Volksverschw\u00f6rung&#8220;, &#8222;die Giftattacke&#8220; oder &#8222;der Racheakt&#8220; tituliert wurde. Die Polizei kam nicht umhin, in Pressekonferenzen von &#8222;mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden&#8220; und &#8222;ungekl\u00e4rten Fragen&#8220; zu sprechen: man hatte zwar nicht den geringsten Hinweis auf\u00a0 einen T\u00f6tungsdelikt gefunden, aber zum einen stand man unter dem Druck der Medien, zum anderen unter dem der Familie, die auf jeden Fall verhindern wollte, dass Informationen \u00fcber B.s langj\u00e4hrige und ausschweifende Drogenkarriere nach au\u00dfen drangen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich konnte auch so ein Skandal die Medien nicht lange besch\u00e4ftigen: irgendwann mussten also Antworten her. Diese lieferte Gott Sei Dank &#8211; wie so oft &#8211; eine kleine Gruppe politischer Wirrk\u00f6pfe, die sich schlie\u00dflich zur T\u00f6tung des B. bekannte. In einer sprachlich betont an die RAF angelehnten Erkl\u00e4rung \u00fcbernahm sie die volle Verantwortung f\u00fcr die Ermordung des &#8222;Faschisten&#8220; Johannes B. Das Bekennerschreiben wurde nur per Mail an einige Fernsehsender und Zeitungen versandt und schlug ein wie eine Bombe. Die gro\u00dfen Programme unterbrachen ihre Unterhaltungssendungen; auf den Nachrichtensender wurde der Inhalt und Stil der Mitteiligung stundenlang analysiert: die Rechtschreibfehler, die das Original enthielt, hatte man nat\u00fcrlich korrigiert. Die Absender konnten trotz intensiver Bem\u00fchungen nicht ermittelt werden. Die Gruppe, die sich &#8222;Roter Sand&#8220; nannte, tauchte in den folgenden Tagen dennoch immer wieder in den Medien auf: Mal war es ein Graffiti unklarer Herkunft oder Bedeutung in der N\u00e4he des Wohnorts von Familie B., welches die Aufmerksamkeit der Medienvertreter auf sich zog, mal war es ein Freund und Arbeitskollege des B., der sich von &#8222;seltsamen Menschen&#8220; bedroht f\u00fchlte, die &#8222;seit Wochen&#8220; um sein Haus schlichen, aber nat\u00fcrlich immer nur nachts und immer nur dann, wenn kein Streifenwagen in der N\u00e4he war.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen bem\u00fchte sich die Politik, einen Ausweg aus der eigenen, ganz speziellen Misere zu finden: Einerseits sah man sich gezwungen, hart gegen Gewaltakte wie den gegen Johannes B. vorzugehen. Andererseits gab es, so wussten die Meinungsforschungsinstitute zu berichten, einen nicht gerade kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung, der entweder mit &#8222;Roter Sand&#8220; sympathisierte oder doch wenigstens eine Form von Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gruppe aufbringen konnte. Harte Ma\u00dfnahmen h\u00e4tten viele W\u00e4hler verprellt, und das vor einer Bundestagswahl. Also belie\u00df man es &#8211; vorerst &#8211; mit autorit\u00e4ren Ank\u00fcndigungen, ohne diese umzusetzen.<\/p>\n<p>Am siebten Tag der Kampagne schlie\u00dflich hatten die Medienvertreter wieder Gl\u00fcck: die meist etwas an den Haaren herbeigezogenen Indizien, anhand derer man das Wirken von Roter Sand dokumentiert hatte, verdichteten sich. Eine Gruppe von Jugendlichen, die in der Haft sp\u00e4ter als &#8222;autonome Zelle Eins&#8220; bezeichnet wurden, beschmierte in der Nacht den Wagen des Vorstands eines Chemiekonzerns im Namen von Roter Sand. Die jungen M\u00e4nner, die sich nach einer Kneipentour diesen b\u00f6sen Scherz erlaubt hatten, wurden noch in der Nacht von einem Sondereinsatzkommando festgesetzt. Die Einsatzkr\u00e4fte waren selbst durch die Berichterstattung derart aufgeheizt, dass es zu einer Schie\u00dferei kam, bei der aber gl\u00fccklicherweise (oder, je nach Standpunkt: leider) niemand zu Schaden kam. Am n\u00e4chsten Morgen konnte man in der Presse die Gesichter der vermeintlichen Terroristen begutachten. Es handelte sich um drei Sch\u00fcler im Alter zwischen 18 und 19 Jahren, die weniger mit Terrorismus als vielmehr mit ihrem Abitur zu tun hatten, jedoch dauerte es einige Tage, bis das Bundeskriminalamt dies der \u00d6ffentlichkeit zumindest sehr vorsichtig zu Bedenken gab, und bis dahin hatte es genug andere &#8222;Anschl\u00e4ge&#8220; gegeben, die die Presse vermarkten konnten. Meist handelte es sich um Schmierereien, in zwei F\u00e4llen z\u00fcndeten Unbekannte Autos oder M\u00fclltonnen an: alles in allem waren es Geschehnisse, die kaum Aufmerksamkeit erregt h\u00e4tten, wenn die Kampagne die wahnwitzige Vision eines zweiten deutschen Herbstes nicht so erfolgreich verbreitet h\u00e4tte. Inzwischen wussten auch die meisten Journalisten nicht mehr, dass sie urspr\u00fcnglich nur einer Ente aufgesessen waren: nicht, dass sie das gest\u00f6rt h\u00e4tte, aber in der Tat waren die Dinge so verworren geworden, dass sich kaum jemand noch erinnerte. Auch als die Familie von Johannes B., wohl in einem letzten Versuch, die Dinge richtigzustellen,\u00a0 zugab, dass Johannes B. der Obduktion nach an einer \u00dcberdosis Kokain gestorben war, \u00e4nderte das nichts mehr an der Situation. Manche Medienvertreter ignorierten diese Pressekonferenz schlicht, andere witterten eine Verschw\u00f6rung. Die Theorie war simpel; da die Situation immer mehr der Kontrolle der Politik entglitt, versuchte man den Tod von Johannes B. kleinzureden, zum einen, um Trittbrettfahrer zu verunsichern, zum anderen, um das Interesse der Medien auf andere Themen zu lenken. Das nun auch die Politik vermehrt von einem &#8222;gro\u00dfen Missverst\u00e4ndnis&#8220; sprach und von &#8222;nicht zusammenh\u00e4ngenden Ereignissen&#8220;, die falsch bewertet worden seien, st\u00e4rkte diese Position eher.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fand sich sogar eine Gruppe von Linksintellektuellen, die zwischen den unz\u00e4hligen Zellen von Roter Sand und der Regierung vermitteln wollte. Nat\u00fcrlich hatte nie jemand von ihnen Kontakt zu dieser Gruppe, die meisten der in Geheimdienstmanier ausgetauschten Nachrichten gingen entweder an andere Linksintellektuelle oder kamen nie an. Das st\u00f6rte aber nicht: im Gegenteil, ohne Reaktionen von Seiten der Gruppe Roter Sand war es wesentlich leichter, vermeintliche Forderungen an die Regierenden zu stellen, die haupts\u00e4chlich die Entlohnung und Sanktionierung gescheiterter Manager betrafen. Diese wurden selbstredend nicht erf\u00fcllt: die Politik verwahrte sich dagegen, mit Terroristen zu verhandeln, nach langem Ringen und einem strengen Blick auf die politische Stimmung im Land wurden einige der Forderungen aber doch umgesetzt, aber nat\u00fcrlich erst einige Zeit sp\u00e4ter. Jeden Bezug zu den Anschl\u00e4gen verneinte man selbstredend.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend war auch die Reaktion der gesellschaftlichen Gruppe, die sich vermeintlich im Fadenkreuz sah. Die Riege der Manager und Vorst\u00e4nde, der man auch schon lange vor dem Tod von Johannes B. unverantwortliches Verhalten vorgeworfen hatte, hatte Angst. Und so berichteten die Medien in den folgenden Monaten kaum noch von zweifelhaften Bonuszahlungen und astronomischen Abfindungen. Dabei hatte nat\u00fcrlich keiner der Betreffenden eine neue Einsicht in gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeit gewonnen. Ein Kommentator dr\u00fcckte es so aus: Eigenverantwortung und moralische Integrit\u00e4t seien nat\u00fcrlich intrinsisch w\u00fcnschenswert, gerade und vor allem in einer freien Gesellschaft.<\/p>\n<p>Im Zweifel sei blanke Angst aber manchmal deutlich effektiver.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes B. starb an einem sonnigen Tag im Mai. An sich w\u00e4re das nichts besonderes gewesen. Viele M\u00e4nner in diesem Alter sterben an einem Herzinfarkt, vor allem solche, deren Beruf und Lebenswandel so anstrengend und stressig ist. Man k\u00f6nnte daher meinen, das ganze sei kaum eine Fu\u00dfnote wert gewesen; eine Todesanzeige in der Lokalzeitung, eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-312","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=312"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/312\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}