{"id":319,"date":"2009-05-05T02:38:27","date_gmt":"2009-05-05T00:38:27","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=319"},"modified":"2009-05-05T02:48:53","modified_gmt":"2009-05-05T00:48:53","slug":"eindrucke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/05\/05\/eindrucke\/","title":{"rendered":"Eindr\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>Die T\u00fcr geht auf, sie kommen herein &#8211; ein altes Ehepaar, zusammen sicher 170 Jahre. Fr\u00f6hlich plappernd f\u00fchrt sie ihn zu seinem Platz im \u00fcberf\u00fcllten Zug, der Stock klappert, der Gang ist unsicher, er will sich nicht setzen &#8211;<br \/>\nSie soll sich doch sitzen, sie, nicht er selbst.<br \/>\nGeduldig erkl\u00e4rt sie ihm, dass sie doch stehen wolle, dass sie doch unbedingt stehen wolle. Nach einigen Sekunden f\u00fcgt er sich, nicht m\u00fcrrisch, sondern wie jemand, der wei\u00df, dass der andere ihm kein \u00dcbel will. Dennoch fragt er nach, wieder und wieder, will sie sich nicht doch setzen, einige der Fahrg\u00e4ste bieten der alten Dame ihren Platz an. Nein nein, sie wolle ja stehen, winkt sie ab und h\u00e4lt sich weiter an der Schulter ihres gebrechlichen Mannes fest. Er stellt auch andere Fragen; er fragt, wohin sie fahren (das habe er vergessen), ob sie schon an x vorbei sein, und ruhig und geduldig antwortet ihm seine Frau. In seinem fr\u00f6hlichen, freundlichen Gesicht steht so etwas wie eine lausbubenhafte Am\u00fcsiertheit, und nur manchmal blitzt eine Unsicherheit in seinen Augen auf, vielleicht wegen der meist jungen, lauten Passagiere, vielleicht ob der eigenen Orientierung, ich wei\u00df es nicht, kann es in den kurzen Momenten, in denen ich her\u00fcberblicke, nicht erkennen. Einmal noch stellt er seine Frage, sie antwortet wieder, fast stoisch, aber mit heiterer Stimme, doch diesmal folgt ein<br \/>\n&#8222;Glaubst du mir das nicht?&#8220;, mit einem Ton, nur eine Nuance anders, und er sieht sie an und schweigt.<br \/>\nAber es ist egal, ob sie das immer sagt, wenn er etwas vergessen hat, es spielt auch keine Rolle mehr, dass sie ihn sp\u00e4ter zur Toilette f\u00fchren wird und dass sie die ganze Fahrt \u00fcber die Schulter ihres Ehemannes umklammert halten wird, denn ich sehe und h\u00f6re es nur noch aus der Ferne, vor meinem Auge hat sich schon etwas anderes niedergesetzt. Ich sehe es sch\u00e4rfer und klarer als all die Menschen im stickigen Zugabteil, wie eine Messerspitze direkt vor dem Auge oder einen Krebs unter dem Mikroskop, kann den Blick nicht mehr abwenden.<br \/>\nIch sehe zwei junge Menschen, die sich sehr nah sind, und ich sehe ein Versprechen (ihr beider Versprechen), und ich sehe Jahre um Jahre um Jahre, ich sehe und Gl\u00fcck und Leid im Strom der Bilder, sehe Kinder, junge Kinder, alte Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder, und ich sehe Angst und Wut und ein Versprechen, das gehalten hat.<br \/>\nUnd ich sehe einen Mann, alt und zerbrechlich, manchmal tr\u00fcbe, immer noch zu Sp\u00e4\u00dfen aufgelegt, der manchmal nicht mehr kann wie er will (was er will), der manchmal nicht mehr aus dem Bett kommt, ohne dass sie hilft und der das alles manchmal wei\u00df, wenn er morgens so da liegt und dann glaubt, seinen Teil des Versprechens nicht mehr zu f\u00fcllen.<br \/>\nDer dann w\u00fctend ist auf sich selbst, der trotz seines gutm\u00fctigen Wesens manchmal seine d\u00fcrren Beine hasst oder\u00a0 seinen alten Kopf, und der zum Ausgleich dann wenigstens manchmal noch morgens den Kaffee bereiten will, w\u00e4hrend sie noch im Bette liegt.<br \/>\nAus der Ferne sehe ich sie vor der Zugtoilette stehen, mit skeptischem Blick und unruhigen F\u00fc\u00dfen, und schon sehe ich diese Frau direkt vor mir, wie sie morgens manchmal in ihrem Bett sitzt, aufrecht und lauschend, mit \u00e4ngstlichen Augen und es ihn doch machen l\u00e4sst, trotz der Angst, trotz der Bedenken, weil sie wei\u00df, dass er das braucht.<br \/>\nEindr\u00fccke sind nur im Nachhinein sch\u00f6n oder h\u00e4sslich, kitschig oder subtil; all das macht nur die R\u00fcckschau. Wenn man sie hat, dann sind sie nur das, was das Wort schon sagt; ein Druck, eine Gewalt, etwas, dem du dich nicht entziehen kannst. Du hast keinen Eindruck. Er hat dich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcr geht auf, sie kommen herein &#8211; ein altes Ehepaar, zusammen sicher 170 Jahre. Fr\u00f6hlich plappernd f\u00fchrt sie ihn zu seinem Platz im \u00fcberf\u00fcllten Zug, der Stock klappert, der Gang ist unsicher, er will sich nicht setzen &#8211; Sie soll sich doch sitzen, sie, nicht er selbst. 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