{"id":32,"date":"2005-03-26T20:22:00","date_gmt":"2005-03-26T19:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=32"},"modified":"2006-12-11T03:03:33","modified_gmt":"2006-12-11T02:03:33","slug":"meta-dialog-1-vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/03\/26\/meta-dialog-1-vertrauen\/","title":{"rendered":"Dialog (1) &#8211; Vertrauen"},"content":{"rendered":"<p>Die beiden Lichtkegel bohrten sich tief in die pechschwarze Nacht, nur gebrochen durch Tropfen, die schwer und tr\u00e4ge aus dunklen Wolken fielen. R\u00e4der, die endlos \u00fcber wortkargen Asphalt rasten.<br \/>\nWie kannst du so etwas sagen, sagte der Fahrer und blieb doch auf die Fahrbahn konzentriert, wie kannst du so etwas sagen, ich meine, woher nimmst du diese Sicherheit, und \u00fcberhaupt, du bist doch noch so jung, so jung, das kannst du doch noch gar nicht beurteilen, das hat doch etwas mit Lebenserfahrung, mit Weisheit zu tun, oder nicht, also was soll diese pessimistische Sichtweise.<br \/>\nEr antwortete ruhig und konzentriert, aber nicht ohne einen gewissen Ausdruck der Verbitterung.<br \/>\nEs bin doch nicht ich, der diese Dinge erfindet. Es sind doch nicht meine Gene oder irgendwelche Sachen, die von mir ausgehen, es ist doch die Welt, die mir diese Dinge zeigt, ich spreche sie doch nur aus.<br \/>\nNach einer Pause, in der die Gischt eines entgegenkommenden Fahrzeugs die Fahrt schwierig machte und die beiden einem sekundenlang brodelnden Schweigen \u00fcberlie\u00df, entgegnete der andere.<br \/>\nAber das ist doch verr\u00fcckt, schau dich doch nur um, es gibt sicher auch schlechte Menschen, und- nat\u00fcrlich, nat\u00fcrlich &#8211; es passiert viel Schei\u00dfe in der Welt, aber es gibt doch auch gute Entwicklungen, schau dir doch nur allein die M\u00f6glichkeiten an, die heute jeder einzelne hat, bei Gott, nicht jeder nutzt sie richtig, aber die meisten doch schon, oder nicht, hey, im Prinzip kann doch jeder heute seinem Traum nachjagen, oder nicht, und seine H\u00e4nde zitterten unsichtbar, als er mit einer Bewegung die Lichtkegel wieder ferner in die g\u00e4hnende Leere vor ihnen schickte.<br \/>\nWelchen Tr\u00e4umen denn, fragte er, konnte kaum verhehlen, dass er seinem Fahrer gerne ins Wort gefallen w\u00e4re, welchen Tr\u00e4umen denn, sein Blick schien kurz aufzuflackern, der Punkt ist doch, welche verbindlichen Tr\u00e4umen gibt es denn noch, welche verbindlichen Ziele. Fr\u00fcher, ja fr\u00fcher, und er wusste, dass das abgedroschen klang, wie ein altes Filmzitat, ja fr\u00fcher gab es verbindliche Tr\u00e4ume, Freiheit, oder Liebe, oder Freundschaft, aber wovon tr\u00e4umt man denn heute, wovon denn. Man tr\u00e4umt von einem kleinen bisschen Gl\u00fcck, man tr\u00e4umt davon, morgen nicht wieder nach der Arbeit auf die Fresse zu bekommen, man tr\u00e4umt davon, an den scharfen vielen Klippen des Lebens irgendwie halbwegs vorbeizukommen, man tr\u00e4umt davon, zumindest im System ein gutes, kleines Zahnr\u00e4dchen abzugeben, das nennt man heute Tr\u00e4umen.<br \/>\nEr wartete kurz, nahm die Reaktion seines Fahrers auf, der scheinbar vollkommen in seiner Aufgabe aufging oder aufgehen wollte, dann sprach er weiter, beschw\u00f6rend wie jemand, der seine Unschuld oder auch Schuld beteuerte, Tr\u00e4ume setzen doch einen gewissen Idealismus voraus, den Willen zum Glauben an irgendwas, irgendwas, sagen wir, hmm, sagen wir zum Beispiel an den Menschen oder besser an das Gute im Menschen, ein Ideal der Aufkl\u00e4rung ist das, f\u00fcgte er noch hinzu, dann drehte er den Kopf zu seinem Fahrer, und diesen Idealismus gibt es heute nicht mehr, also gibt es auch keine Tr\u00e4ume mehr.<br \/>\nWieso, widersprach er, dieses Ideal, wenn du dich auf dieses Beispiel festlegen willst, das gibt es doch noch, aber nat\u00fcrlich gibt es das noch, eine stakkatohafte H\u00e4rte klang darin mit, ich sagte es schon, wie kannst du denn das so einfach sagen, du musst doch auf das Positive im Leben sehen, ich meine, wir waren doch gerade in diesem Etablissement, er wusste dass sein Passagier es immer so bezeichnete, in dieser Diskothek, klar, die Leute sind oberfl\u00e4chlich dort, gr\u00f6\u00dftenteils zumindest, aber grunds\u00e4tzlich, die meisten Leute sind doch ganz nett, und \u00fcberhaupt, wenn niemand mehr an das Gute im Menschen glauben w\u00fcrde, wie k\u00f6nnte dann so ein Ort existieren, an dem so viele Menschen sind, wie soll das denn gehen wenn jeder Angst hat, der andere k\u00f6nnte ihm gleich ein Messer in den R\u00fccken rammen, wie denn, er hatte die Stimme erhoben und senkte sie jetzt wieder, als w\u00e4re er zufrieden mit sich selbst, blickte sogar einen Augenblick zu seinem Passagier hin\u00fcber, dessen Augen nachdenklich durch den Raum vor ihm glitten.<br \/>\nEinen l\u00e4ngeren Moment sagten sie nichts, blickten nun beide nachdenklich auf die wei\u00dfen Pfeiler, die an ihnen vorbeischossen, es schien, als schufen die Pfeiler allein den Weg, den sie befuhren.<br \/>\nWenn das so ist, sagte der Passagier schlie\u00dflich, wenn das so ist wie du sagst, warum bist du dann auf dem R\u00fcckweg, du erinnerst dich, auf dem R\u00fcckweg zum Auto auf die andere Stra\u00dfenseite gewechselt, als uns andere G\u00e4ste entgegenkamen, und warum hast du dich dann \u00e4ngstlich umgeguckt, als es in diesem Etablissement mal etwas lauter wurde, warum hast du jedem, denn du dort nur fl\u00fcchtig kennst das gleiche erz\u00e4hlt, warum hast du dich auf das beschr\u00e4nkt, was alle tun, warum hast du gesagt Super geht es mir, obwohl du erst gestern wieder \u00fcber deinen R\u00fccken geklagt hast, warum hast du jedem die gleiche Frage gestellt, die Frage, du erinnerst dich, die Frage nach dem Befinden, und warum hat dir jeder diese Frage gestellt, warum. Warum hast du dein Glas nicht halbvoll abstellen wollen in diesem Etablissement, als du aufs Abort gingst, warum musste ich mit dem Glas in der Hand dort auf deine R\u00fcckkehr warten, warum hast du mich und das Glas so pr\u00fcfend angesehen, als du wieder kamst, seine Stimme war leise, aber eindrucksvoll, warum hast du einer deiner ehemaligen Freundinnen ein Kompliment gemacht und einige Minuten sp\u00e4ter weniger schicklich \u00fcber sie geredet, warum, der Blicks des Fahrers duckte sich tief in die Markierungen auf der Fahrbahn, warum.<br \/>\nErst die Stille lie\u00df wieder die Geschwindigkeit f\u00fchlen, mit der sie \u00fcber die Markierungen schossen, und beide erschraken, er nahm den Fu\u00df von einem der Pedale.<br \/>\nSein Passagier blickte ihn an, der sanfte Blick eines Gef\u00e4ngnispfarrers, der auf ein Bekenntnis wartet, er wartete einige Sekunden, dann sprach er weiter.<br \/>\nSoll ich dir sagen warum, warum das alles so ist, du wei\u00dft es doch genauso gut wie ich, also warum leugnest du es, wir kennen die Wahrheit.<br \/>\nJeder verr\u00e4t jeden, so ist das. Jeder hat Angst vor jedem. Selbst vor sich selbst haben die Menschen Angst. Und warum, nun, weil sie es begriffen haben, sie haben hinter das Ideal geblickt, wissen dass es nicht wahr ist, sie wollen keine Opfer mehr sein, und deshalb wird jeder zum T\u00e4ter. Er hatte wieder die Art von Verbitterung erreicht, mit der er zu sprechen begonnen hatte, hinter diesem oberfl\u00e4chlichen L\u00e4cheln, hinter diesen offenen und freundlichen Augen verborgen liegt ein Hass, ein unb\u00e4ndiger Hass auf alles und jeden, und eine Angst, eine Angst vor allem und jeden, beides versteckt sich hinter diesen Augen. Und deshalb handelst du und der Rest dieser ganzen Menschen so, ihr stellt euch immer die gleichen Fragen und gebt immer die gleichen Antworten um ja nie verwundbar zu werden, um niemals den vielen W\u00f6lfen um euch herum eine Chance zu geben, um euch zu sch\u00fctzen handelt ihr so, er lehnte sich tief zur\u00fcck in das schwarze Kunstleder wie ein Anwalt, der gerade sein Pl\u00e4doyer hielt, und ihr l\u00e4stert und tratscht und macht euch \u00fcber andere lustig weil ihr euch in Wirklichkeit hasst, ihr hasst euch selbst und ihr hasst auch jeden anderen.<br \/>\n&#8222;Du bist doch verr\u00fcckt!&#8220;, sagte sein Fahrer, ein letzter verzweifelter Ausruf. Dann war das Gespr\u00e4ch beendet, und sie schwiegen eine lange Zeit.<\/p>\n<p>&#8222;Der Tod der Harmonie macht euch<br \/>\nzu Kr\u00fcppeln dieser Zeit<br \/>\nEs werden Meinungen zu M\u00f6rderminen<br \/>\njeder Mensch zu Stacheldraht<br \/>\nund andern zu Helfen wird Hochverrat&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.thomasd.net\/\">Thomas D.<\/a> &#8211; Auf dem Planeten des ewigen Regens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden Lichtkegel bohrten sich tief in die pechschwarze Nacht, nur gebrochen durch Tropfen, die schwer und tr\u00e4ge aus dunklen Wolken fielen. R\u00e4der, die endlos \u00fcber wortkargen Asphalt rasten. 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