{"id":322,"date":"2009-07-16T05:13:25","date_gmt":"2009-07-16T03:13:25","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=322"},"modified":"2009-09-22T18:19:10","modified_gmt":"2009-09-22T16:19:10","slug":"flecken-im-dickicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/07\/16\/flecken-im-dickicht\/","title":{"rendered":"Flecken im Dickicht"},"content":{"rendered":"<p>Im ersten Moment sah ich die Augen nicht: ich war nur stehengeblieben, weil ich dieses Gef\u00fchl in der Magengegend hatte, dieses Gef\u00fchl, das einen beschleicht, wenn man etwas neben sich sp\u00fcrt, obwohl man doch allein sein sollte. Der Park war verlassen um diese Uhrzeit. Es muss halb vier gewesen, vielleicht sp\u00e4ter; ich war auf dem Heimweg, hatte mich noch lange im B\u00fcro aufgehalten und war dar\u00fcber eingeschlafen. Ich muss fast schlaftrunken gewesen sein, als ich die Abk\u00fcrzung durch den Park w\u00e4hlte: die Stadt ist klein, aber auch in einer kleinen Stadt sollte man so sp\u00e4t in der Nacht nicht allein im Dunkeln gehen.<\/p>\n<p>Als ich aber an diese besondere Stelle kam, da war ich pl\u00f6tzlich hellwach; mein Herz raste wie von einer gro\u00dfen Anstrengung, und dieses Gef\u00fchl im Bauch loderte ihn mir auf. So stark hatte ich es noch nie empfunden; es war, als l\u00e4ge ein Gewicht in meiner Brust, dr\u00fcckte auf all die Organe in meinem Inneren. Ich sah mich um; sie schalteten um diese Uhrzeit jede zweite oder dritte Laterne aus, um den Strom zu sparen, aber viele der Lampen funktionierten ohnehin nicht mehr, so dass ich kaum etwas erkennen konnte. Schemenhaft erkannte ich noch den Weg aus wei\u00dfen, bald grauen Steinen. Links und rechts begann das Unterholz, dass schon seit Jahren ungehindert wucherte.<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3895818567\/flecken-im-dickicht.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 1px solid black; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2608\/3895818567_462ac3dcd8.jpg\" border=\"0\" alt=\"Flecken im Dickicht\" width=\"500\" height=\"333\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und so brauchte es dieses winzige, dieses kaum h\u00f6rbare Ger\u00e4usch, um meine Augen in seine Richtung zu lenken. Es klang ein wenig wie ein unterdr\u00fccktes Jaulen, aber es k\u00f6nnte auch ein winziger Ast gewesen sein: h\u00e4tte ich nicht so angestrengt gelauscht, ich h\u00e4tte es sicher nicht geh\u00f6rt. Es m\u00fcssen noch einige Sekunden vergangen sein, bis ich die beiden ganz leicht funkelnden Augen entdeckte und erstarrte. Ich kann unm\u00f6glich sofort erkannt haben, um wessen Augen es sich handelte, aber jetzt kommt es mir so vor, als h\u00e4tte ich es gleich gewusst; es waren die Augen einer Wildkatze, einer gro\u00dfen Wildkatze. In diesem Moment aber, als ich die Augen im Gras sah, da habe ich gar nichts mehr gedacht oder gewusst. Wie angewurzelt stand ich da und starrte. Und die Augen starrten zur\u00fcck. Ich glaube, sie haben mich schon l\u00e4nger beobachtet; sicher lag sie schon lange dort. Vielleicht war sie mir auch auf meinem Weg gefolgt, war ganz leise und vorsichtig neben mir gelaufen, ich auf dem steinernen Weg, sie im tiefen Dickicht der kleinen B\u00e4ume und B\u00fcsche. Wir sahen uns an, Sekunden, Minuten lang. Und je l\u00e4nger ich hinsah, desto mehr Details konnte ich ausmachen. Ich sah spitze Ohren, die sich ganz leicht gegen den Hintergrund abhoben, und einen gro\u00dfen Kopf. Dann begriff ich die B\u00f6sartigkeit, die die Augen dieses Wesens ausstrahlten. H\u00e4tten meine Lungen Luft gehabt, h\u00e4tte ich sicher geschrieen, aber mein Atem stand still; in den Pupillen dieses Wesens sah ich eine Boshaftigkeit, eine Art von Verletztheit und Rachsucht, die ich mir nie habe vorstellen k\u00f6nnen, von einer Intensit\u00e4t und Kraft, die mich auch heute noch manchmal zittern l\u00e4sst, wenn ich in einem dunklen Zimmer sitze. Ich wei\u00df nicht, wie lange ich in diesen Ausdruck silbriger Augen blickte, mich darin fast verfing, fast aufging. Aber es war das Tier, welches sich zuerst bewegte; die Katze kam einen, vielleicht zwei Meter auf mich zu. Meine Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gew\u00f6hnt hatten, sahen einen schlanken, dunklen K\u00f6rper, der sich ganz knapp \u00fcber dem Boden bewegte, und dann, kaum zu erkennen, das kurze Aufblitzen der schwarzen Flecken. Die Katze schlich bis auf wenige Meter an mich heran: ich war immer noch unf\u00e4hig, mich zu bewegen. Todesangst befiel mich. Sie h\u00e4tte mich ohne Zweifel zerrei\u00dfen k\u00f6nnen, ich w\u00e4re ihr zum Opfer gefallen, ohne auch nur noch einen Laut von mir geben zu k\u00f6nnen. Doch dann, ich wei\u00df nicht wieso, blieb sie stehen. Der Ausdruck ihrer Augen wandelte sich: es mag unwahrscheinlich klingen, aber ich glaube so etwas wie Angst erkannt zu haben. Die Katze blickte mich noch einige Sekunden an. Ich sah ihren Schwanz unruhig zittern: Dann sah ich nur eine schnelle Bewegung, deren Richtung ich nicht ausmachen konnte. Einige \u00c4ste h\u00f6rte ich zerbrechen, die B\u00fcsche raschelten. Ich war wieder allein.<\/p>\n<p>F\u00fcr den restlichen Weg ben\u00f6tigte ich nur wenige Minuten, so schnell lief ich. Als ich zu Hause war, zitterte ich am ganzen Leib, lie\u00df mir ein Bad ein und wusch mich. Obwohl das Tier mich nicht ber\u00fchrt hatte, f\u00fchlte ich mich unendlich schmutzig. Schlie\u00dflich ging ich ins Bett; ich muss unter Schock gestanden haben, anders kann ich es mir nicht erkl\u00e4ren. Erst, als ich schlie\u00dflich auf meinem Bett lag und endlich einschlief &#8211; der Morgen neigte sich da schon gegen Mittag &#8211; fiel mir der Name des Tieres ein. Ich war einem Leoparden begegnet.<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3944362665\/leopard-2.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2486\/3944362665_b0d1fc3144.jpg\" border=\"0\" alt=\"Leopard (2)\" width=\"500\" height=\"373\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als ich am Abend wieder erwachte, erschien mir dies alles unwahrscheinlich, unm\u00f6glich: ein Leopard im Stadtpark. Ich h\u00e4tte die Polizei anrufen k\u00f6nnen, aber ich tat es nicht. Sie h\u00e4tten mich wohl f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt, und mir selbst kam die Geschichte immer seltsamer vor, je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdachte. Du warst m\u00fcde, du hast Dinge gesehen, die nicht da waren, dachte ich bei mir. Und in der Tat brachte meine Erinnerung nicht viel mehr auf als Schatten und Schemen: ich war mir ja sogar unsicher, wo genau ich sie gesehen hatte. Also lie\u00df ich die Sache auf sich beruhen. In dem Park war ich seither aber nur noch am Tage: In der Dunkelheit gehe ich lieber den anderen Weg, au\u00dfen herum, auch wenn dieser l\u00e4nger ist.<\/p>\n<p>Dies alles geschah f\u00fcnf Tage, bevor der erste Mensch verschwand. Es war eine \u00e4ltere Frau, die gegen Abend ihren Hund spazieren f\u00fchrte. Die Zeitung berichtete, dass sie gegen neun Uhr aufgebrochen war. Als sie gegen elf immer noch nicht wieder zu Hause war, suchte ihr Mann sie. Er fand nur den v\u00f6llig ver\u00e4ngstigten, aber unversehrten Hund, der unter einem Baum kauerte und winselte, von der Frau aber fehlte jede Spur. Das Kriminallabor fand etwas Blut und Kleidungsreste auf den Steinen, nicht weit von dem Ort, an dem man den Hund gefunden hatte. Doch die Frau oder ihr Leichnam blieb verschwunden.<\/p>\n<p>Als ich davon in der Zeitung las, war mir schon im ersten Moment klar, dass es mit dem Leoparden zu tun haben musste. Meine Erinnerung war nicht falsch, ich hatte nicht getr\u00e4umt: es war der Leopard gewesen, er hatte die Frau get\u00f6tet. Mir war klar, dass ich zur Polizei gehen musste, und das tat ich auch: ein streng dreinblickender Beamter h\u00f6rte sich meine Geschichte an und machte sich dabei Notizen. Er erkl\u00e4rte mir, dass sie den Park am Tag schon dreimal mit mehreren Dutzend Polizisten durchk\u00e4mmt hatten, ohne etwas Ungew\u00f6hliches zu finden; einen toten Fuchs hatten sie gefunden, aber der war einer Krankheit erlegen und ganz sicher nicht, wie er es sagte, einem Urwaldtier. W\u00e4hrend ich ihm zuh\u00f6rte, wurde mir klar, dass er mich nicht ernstnehmen w\u00fcrde. Und so war es auch: er fragte mich zuletzt nur, ob ich trinken w\u00fcrde, und ob ich wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sei. Das Gespr\u00e4ch wurde sehr unangenehm: schlie\u00dflich fragte er mich sogar, wo ich in der Nacht gewesen, in der die Frau verschwunden war. Als ich das Polizeigeb\u00e4ude schlie\u00dflich entt\u00e4uscht verlie\u00df, wurde mir klar, warum sie den Leoparden nicht fanden, und ich l\u00e4chelte; er jagte nur in der Nacht. Sie aber hatten am Tag gesucht.<\/p>\n<p>Einige Wochen sp\u00e4ter verschwand ein Vierzehnj\u00e4hriger. Er war viel zu sp\u00e4t von einer Geburtstagsparty gekommen und hatte wohl deshalb gegen den Rat seiner Eltern durch den Park abgek\u00fcrzt: man fand seinen linken Schuh, sonst nichts. Die Polizei besuchte mich einige Tage sp\u00e4ter und stellte mir wieder Fragen. Offenbar war ich f\u00fcr sie ein Verd\u00e4chtiger geworden, nur weil ich ihnen von dem Leoparden erz\u00e4hlt hatte. Ich versuchte, ihren Verdacht auszur\u00e4umen; als sie doch wieder nach dem Tier fragten, log ich und erkl\u00e4rte, ich w\u00e4re an diesem Abend sehr betrunken gewesen. Der Verdacht, der von mir abfallen sollte, ist nicht der einzige Grund daf\u00fcr, dass ich ihnen diese L\u00fcge auftischte. Ich glaube, es war kein Zufall, dass ich den Leoparden zuerst sah. Er wollte, dass ich ihn sehe, und er lie\u00df mich aus einem bestimmten Grund gehen . Trotz all der Dinge, die der Leopard getan oder auch nicht getan haben mag, darf ich doch auch nicht vergessen, dass er mich verschonte &#8211; und warum.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, irgendwo im Park liegt er in seinem Versteck. Es ist vielleicht eine kleine H\u00f6hle oder ein dichtes Gew\u00e4chs, ich glaube, ich wei\u00df, wo man suchen m\u00fcsste. Dort erwacht er nachts, ohne den Tag hier verbracht zu haben. Er geht auf die Jagd, schleicht durch die Nacht. Sie k\u00f6nnen ihn kaum sehen, bevor es zu sp\u00e4t ist: Nur Flecken im Dickicht.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Einst erschien ich nur zur Stunde des Schlafes, war ein Traumwesen, dass mit dem Erwachen ging. Ich jagte durch Dschungel, durch Steppe, \u00fcber Asphalt und in Tiefgaragen: Dem Menschen war ich Vehikel, war ich Avatar und Traumfreund. Ich schlug meine Z\u00e4hne in vielerlei Arten von Beute; Gazellen waren ebenso darunter wie Menschenv\u00e4ter und Menschenbr\u00fcder. Doch all dies reichte nicht. Ich wusste schon lang, dass es eines Tages geschehen w\u00fcrde, dass der Traum nicht auf ewig mein Reich bleiben durfte. Ein ums andere Mal suchte mich der Tr\u00e4umer zu verjagen, obwohl er es doch war, der mich tr\u00e4umte. Ich konnte nicht gehen, ich durfte nicht bleiben: ich lebte im Dschungel, tief verborgen von seinen Augen: er brannte alles nieder. Ich floh in die Steppe, litt Hunger und rastete an den wenigen Wasserstellen: er vergiftete mein Wasser.<br \/>\nDoch ebenso, wie er mich zu zerst\u00f6ren suchte, brauchte er mich auch. Ebenso, wie er den Feind in mir sah, erblickte er auch sich selbst in dem gleichen Bild. Schlie\u00dflich musste der Widerspruch aufgel\u00f6st werden, so verlangt es die Natur: wenn Zwei nicht miteinander leben k\u00f6nnen, die eigentlich Eins sind, so muss das Eine eben zu Zweien werden. Und so lag der Tr\u00e4umer ein letztes Mal im Kampfe mit mir oder sich selbst; mein kr\u00e4ftiger R\u00fccken hielt seinen Schl\u00e4gen stand, wie er es immer getan hatte.<\/p>\n<p>Doch diesmal barsten seine F\u00e4uste, und sich selbst verschlingend gebar der Mensch mich auf dem steinernen Boden. Nur einen Moment hielt er inne und sah mich an, diesen Teil seiner selbst, von ihm ertr\u00e4umt, von ihm verfolgt: Dann lief er davon, die H\u00e4nde voll von meinem Blut, und lie\u00df mich, geschunden und geschw\u00e4cht, zur\u00fcck. Ich schleppte mich ins Dickicht, verbarg mich vor fremden Blicken und lie\u00df meine Wunden heilen. Der Wald, so entdeckte ich auf meinen ersten Streifz\u00fcgen, war reich an Kaninchen und F\u00fcchsen. Ein gutes Leben k\u00f6nnte ich hier f\u00fchren, ein gutes, ein Blutleben, wie es meine Vorfahren schon verbracht hatten, \u00fcber unz\u00e4hlige Generationen.<\/p>\n<p>Und doch wei\u00df ich, dass ich nicht bin wie sie. Ich bin kein Tier. Die Menschenwesen, die ich t\u00f6te, verschlinge ich nicht, sie sind f\u00fcr mich ungenie\u00dfbar: Stundenlang liege ich voller Reue vor ihren toten K\u00f6rpern, bedauere ihren Tod und meine Mordlust. Doch ich muss es tun, werde es immer wieder tun. Auch wenn wir nicht mehr eins sind, so folgt mein Biss doch immer noch seinem Befehl. Ich bin keine Raubkatze, ich bin ein Traumwesen; Ich bin Vergeltung und schw\u00e4rzeste Nacht. Ich bin Hass. Ich bin Tod. Ich bin sein Leopard.<\/p>\n<p><em>edit: Das zweite Bild wurde mir von overclouded_tangle zur Verf\u00fcgung gestellt. Vielen Dank!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Moment sah ich die Augen nicht: ich war nur stehengeblieben, weil ich dieses Gef\u00fchl in der Magengegend hatte, dieses Gef\u00fchl, das einen beschleicht, wenn man etwas neben sich sp\u00fcrt, obwohl man doch allein sein sollte. Der Park war verlassen um diese Uhrzeit. 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