{"id":324,"date":"2009-08-19T14:21:54","date_gmt":"2009-08-19T12:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=324"},"modified":"2009-08-19T14:21:54","modified_gmt":"2009-08-19T12:21:54","slug":"der-prophet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/08\/19\/der-prophet\/","title":{"rendered":"Der Prophet"},"content":{"rendered":"<p>Die Stra\u00dfe ist voller Menschen, nach links und rechts und soweit das Auge bis zu den Warenauslagen sieht; mal schlendern sie mit einem Eis in der Hand, mal hasten sie von einem Laden zum anderen. Die Sonne steht hoch \u00fcber der Innenstadt, und es ist hei\u00df. Die meisten Menschen tragen eine Sonnenbrille. Eine Frau huscht in einem zu kurzen Rock vorbei, und einige M\u00e4nner starren ihr nach. Einer kommt dar\u00fcber fast ins Stolpern. Einige Jugendliche ziehen vor\u00fcber, unterhalten sich laut und lachend. An der Ecke steht ein Leierkasten, der fr\u00f6hliche Musik spielt, Sommermusik: ein freundlicher, alter Herr steht dahinter und bedankt sich f\u00fcr jede M\u00fcnze, die man ihm in die Schale legt. Nur ein paar Meter weiter weint ein kleiner Junge mit blauen Augen und gelben Shorts, und einige Passanten bleiben stehen um zu sehen, was ihn so betr\u00fcbt. Eine Eiswaffel liegt am Boden; er wird eine neue bekommen.<br \/>\n\u00dcber die L\u00e4den, \u00fcber die junge Frau, den Jungen und den Leierkastenspieler huscht ein anderer, ein immer dritter Blick &#8211; und findet sie nicht. Tr\u00fcbe schweift ein Augenpaar \u00fcber die Passanten, erkennt niemanden und bleibt doch immer suchend, von der einen auf die andere Seite, immer suchend.<br \/>\nEr steht vor einem Bekleidungsgesch\u00e4ft, aber in angemessener Entfernung. Nicht, dass man ihn davonjagen k\u00f6nnte, er w\u00fcrde bleiben; es ist sein Platz. Seine Beine sind in eine alte Jeans geh\u00fcllt, durch die\u00a0 an einigen Stellen schon seine nackte Haut schimmert. Sein Oberk\u00f6rper steckt, trotz der Hitze, in einer ebenso alten und heruntergekommenen Lederjacke. Die Arme, die viel zu lang f\u00fcr seine Jacke sind, h\u00e4lt er merklich angespannt flach am K\u00f6rper, ohne aggressiv zu wirken\u00a0 In der linken Hand h\u00e4lt er, lose und unaufmerksam, eine Flasche. Lautlos schwankt die Flasche, schwankt mit ihm.<br \/>\nEine Frau schreit auf, mit lautem Klirren fallen ihre Eink\u00e4ufe zu Boden. Schimpfend b\u00fcckt sie sich, um die geborstenen Gl\u00e4ser aufzusammln.<br \/>\nDer Prophet sieht nur einen Moment hin, von dem Schrei angezogen, und sieht keine Frau und keine Eink\u00e4ufe. Sein Blick streift sie, streift den Boden und die Passanten, die schadenfroh l\u00e4chelnd an ihr vorbeigehen, aber kein einziges Mal findet er Halt an einem der Menschen, immer nur suchen und suchen seine Augen, sie suchen das Tor, oder die Heilige, oder auch nur einen Ausweg.<br \/>\nManchmal sprechen sie ihn an, wenn er hier steht, aber nur manchmal. Meist ignorieren sie ihn: es st\u00f6rt ihn nicht. Wenn es doch geschieht, dann erz\u00e4hlt er ihnen manchmal von dem Stern und dem Tor und der Heiligen, und dann lachen sie oder gehen still und peinlich ber\u00fchrt davon. Einmal fragte einer nach seinem Namen, doch er antwortete nur, es gebe keine Namen mehr, nur noch einen, und den d\u00fcrfe er nicht aussprechen.<br \/>\nEin junger Mann geht ganz nah an ihm vorbei, und der Prophet zuckt zusammen, l\u00e4sst seine Flasche fallen. Eine Gischt aus Hundert Silben rinnt \u00fcber seine Lippen, Silben aus einer fernen, verbotenen Sprache. Der Mann geht weiter, dreht sich nicht um. Der Prophet blickt auf seine nun leere Hand, scheint sie einen Moment lang zu erkennen, streckt und wendet sie, keine Flasche, kein Blut. Seine Lippen bewegen sich noch einige Sekunden lautlos. Er sieht wieder \u00fcber \u00fcber die Stra\u00dfe und durch sie hindurch. Findet kein Tor, findet keine Heilige.<br \/>\nDann dreht er sich um, geht einen Schritt. Und verschwindet. Einen Schritt macht er, dann verblasst er an den R\u00e4ndern. Niemand sieht es. Ein zweiter Schritt, die Ladenauslagen schimmern durch seine Lederjacke. Keiner schaut hin. Ein dritter. Er verschwindet. Niemand sieht es. Er verschwindet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stra\u00dfe ist voller Menschen, nach links und rechts und soweit das Auge bis zu den Warenauslagen sieht; mal schlendern sie mit einem Eis in der Hand, mal hasten sie von einem Laden zum anderen. Die Sonne steht hoch \u00fcber der Innenstadt, und es ist hei\u00df. Die meisten Menschen tragen eine Sonnenbrille. 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