{"id":325,"date":"2009-08-23T17:34:48","date_gmt":"2009-08-23T15:34:48","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=325"},"modified":"2009-08-24T02:21:11","modified_gmt":"2009-08-24T00:21:11","slug":"erntezeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/08\/23\/erntezeit\/","title":{"rendered":"Erntezeit"},"content":{"rendered":"<p>Leise, bed\u00e4chtig und langsam schritt er den schmalen Feldweg hinab. Sein Kopf hing locker, angemessen tief zwischen Schultern, die eigentlich die Anspannung starrer Haltung und kerzengeraden Gangs vermissten. Hinter ihm schlug eine Magd ein Fenster mit tr\u00fcben Gl\u00e4sern zu. Der Lehrer trat unbeholfen nach einem Stein, der in dem Graben am Wegesrand verschwindet.<br \/>\nEr sah \u00fcber das Feld hinweg nach Norden und betrachtete die aus dieser Entfernung so winzigen Gewittert\u00fcrme am Horizont. Die Stadt, die auch in dieser Richtung liegen musste (so glaubte er) , war noch viel weiter entfernt, unerreichbar f\u00fcr ihn.<br \/>\nEin alter Kleinbauer, der letzte verbliebene, kam ihm entgegen, schwer atmend und mit vom Lehm verschluckten Stiefeln. Der Lehrer nickte zum Gru\u00df, und f\u00fcr einen Moment lang spannten sich seine Schultern ganz ohne sein Zutun. Der Alte sah ihn nur stumpf an, nicht feindselig, aber auch kaum freundschaftlich, und als h\u00e4tte er die winzige Ver\u00e4nderung in der Haltung des viele Jahre J\u00fcngeren, aber um fast eben so viele Jahre Beleseneren wahrgenommen, entwich seiner Kehle ein unbestimmter, knurriger Laut des Widerwillens, w\u00e4hrend er wortlos weiterging.<br \/>\nDer Lehrer glich seine Haltung wieder dem allgemeinen Konsens an, ging noch einige Schritte weiter und blieb dann vor den ersten Kornreihen stehen, die sich endlos in alle Richtungen ausbreiteten und dabei dichter und dichter zu stehen schienen, bis von den einzelnen Reihen nicht mehr als das reinste Grau-Gelb blieb. Es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet, sicher stand bald die Ernte an, es w\u00fcrde die dritte sein, die er erlebte. Seine fleckige Hand, die er schon lange nicht mehr richtig wusch, griff nach einigen Halmen. Er betrachtete sie eingehend. Feingliedrige Finger hielten eine \u00c4hre, bef\u00fchlten sie. Die Sorten waren \u00fcber Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg die geblieben, die man hier seit jeher angebaut hatte. Der Gro\u00dfbauer und die vielen M\u00e4nner, die f\u00fcr ihn arbeiteten (nicht wenige von ihnen hatten selbst Land in der Gegend besessen) wussten von ihren V\u00e4tern und Gro\u00dfv\u00e4tern und Urgro\u00dfv\u00e4tern, wie sie den gr\u00f6\u00dften Ertrag aus diesen \u00c4hren holten. Sie kannten nicht einmal die Namen der angebauten Sorten, freilich wussten sie nicht einmal, dass sie hier <em>Triticum aestivum <\/em>anbauten. Aber sie wussten, wann man die Samen in die Erde bringen musste; wie sie Ungeziefer fernhielten, wann der Dung der Tiere den besten Dienst erwies. Und auch, wann das Korn vom Feld geholt werden musste. Nat\u00fcrlich wussten sie nichts von den neuerlichen Fortschritten in der Landwirtschaft, sie wollten davon auch nichts wissen. Nicht, dass er ihnen davon erz\u00e4hlt h\u00e4tte, dies w\u00e4re nur sofort als \u00fcberhebliches, eitles Gew\u00e4sch ausgelegt worden. Nein, ganz ohne sein Zutun hatte der Gro\u00dfbauer ihm nach einem sonnt\u00e4glichen Kirchenbesuch nahelegt, ihn mit dem &#8218;Kram&#8216; zu verschonen, der unter den Studierten so hoch gehandelt werde. Der Lehrer hatte sich damit abgefunden, auch damit, dass man ihn, den Studierten, nat\u00fcrlich nicht ins Vertrauen zog. So hatte der Alte, wie alle ihn hier nannten, ihm etwa nur gesagt, in den n\u00e4chsten Tagen m\u00fcsse er nicht unterrichten, nicht aber, weshalb. Da es jedoch die dritte Woche des Augusts war, nahm es der Lehrer als sicher an, dass er wegen der Ernte freigestellt worden war.<br \/>\nAuf dem Weg zur\u00fcck zu dem gro\u00dfen Hof, auf dem er seine Tage und N\u00e4chte verbrachte, sah er wieder zu den Gewitterwolken, die sich weit entfernt bildeten. Die Chancen, dass sie hierher zogen, waren gering, ein stetiger Wind gen Nordosten machte es unwahrscheinlich.<br \/>\nEr gr\u00fc\u00dfte zwei junge M\u00e4gde, die mit ungelenk schaukelnden H\u00fcften und fleischigen Oberarmen den Feldweg hinunterliefen, wie der alte Bauer in schweren, lehmbehafteten Arbeitsstiefeln, mit einer kaum sichtbaren, sch\u00fcchternen Bewegung, bem\u00fchte sich dabei, die Schultern gesenkt zu lassen. Die beiden kicherten d\u00fcmmlich, erwiderten aber seinen Gru\u00df.\u00a0 Hinter ihm h\u00f6rte er sie bald ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren, das offenbar ihm galt; er wusste nicht, ob sie es aus B\u00f6sartigkeit taten oder aus Dummheit. Er nahm nicht an, dass der Alte irgendjemandem von dem Grund f\u00fcr seine Flucht aufs Land erz\u00e4hlt hatte; das h\u00e4tte man ihn sp\u00fcren lassen. Als der Gro\u00dfbauer ihn zu sich bestellt hatte an jenem Abend, dann zun\u00e4chst ebenso gro\u00dfspurig wie naiv \u00fcber einige Weine gesprochen hatte, deren franz\u00f6sische Namen ihm nicht von der Zunge gingen, um dann nach dem Hinuntersch\u00fctten derselben zur Sache zu kommen, da hatte er versprochen, alles f\u00fcr sich zu behalten, wenn er sich nur anst\u00e4ndig verhalte. Er wisse, hatte er gesagt, eine Schweinekeule zwischen den Z\u00e4hnen, wie schwer es f\u00fcr &#8222;einen wie ihn&#8220; sei, hier Fu\u00df zu fassen. Selbstredend hatte der Alte ihm diesen Dienst nicht umsonst erwiesen, es steckte keine Loyalit\u00e4t oder Freundlichkeit dahinter, wie \u00fcberhaupt nichts, war der Alte tat, von Loyalit\u00e4t oder Freundlichkeit geleitet war. Vermutlich war es eher aus Sorgen um sein Ansehen so geschehen; mit viel Aufwand versuchte der Alte, seine Verbindung zur Kirche zu st\u00e4rken. Der Pfarrer, ein alter, knurriger Mann mit starren, mehr \u00fcberlieferten denn studierten Vorstellungen von Religion und Anstand, ging ein und aus in seinem Haus, und die Nachricht, dass in eben diesem\u00a0 Haus ein Mann unterrichtete, der wegen der unrechtm\u00e4\u00dfigen Beziehung zu einem M\u00e4dchen seine Stellung und seinen Ruf in der Stadt verloren hatte, ja gar aus der Stadt davongejagt worden war, w\u00fcrde sogar auf den alten Pfarrer einen unliebsamen Schatten werfen.<br \/>\nEr wisse ja auch, wie die M\u00e4dchen sein k\u00f6nnen, hatte der Gro\u00dfbauer nach dem Mahl mit immer noch gefr\u00e4\u00dfigen Augen gesagt. Das eine oder andere Mal sei auch er einem hinterher gewesen, und manchmal gebe das eine schlimme Folge, aber damit m\u00fcsse man jetzt leben und weiterschauen. Fett tropfte dabei von seinen Lippen. Jedenfalls m\u00fcsse es ja niemand wissen, er wisse es ja nun und der Lehrer selbstredend auch, das sei genug.<br \/>\nDas war vor einem halben Jahr gewesen, und scheinbar hatte der Gro\u00dfbauer sein Wort gehalten, jedenfalls trat ihm niemand in anderer Weise entgegen als zuvor.<br \/>\n<a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3850692884\/erntezeit.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2634\/3850692884_69386f6149.jpg\" border=\"0\" alt=\"Erntezeit\" width=\"333\" height=\"500\" \/><\/a><br \/>\nVielleicht hatte der Alte ihm auch zu Gute gehalten, dass er ihn nicht belogen hatte. Ein Bekannter hatte ihm diese Stelle vermittelt, zum halben des gew\u00f6hnlichen Lohns hatte der Lehrer seine Dienste angeboten; der Alte hatte ihn gefragt, warum &#8222;einer wie er&#8220; (diese Floskel w\u00e4hlte er immer wieder, mit wachsender Abscheu darin) aufs Dorf wolle und er hatte darauf nur geantwortet, dass man ihn bitte nicht zwingen m\u00f6ge, diese Frage zu beantworten.<br \/>\nViel wahrscheinlicher aber war es, dass es dem Alten schlicht egal war; es geh\u00f6rte viel zu dazu, an den ganzen Acker der fruchtbaren Gegend zu gelangen, und unter diesem Vielen war nur wenig Gutes oder Edles.<br \/>\nEr erreichte den Hof, sah auf die Taschenuhr, die er immer bei sich trug, und erinnerte sich an seinen leeren Magen. Er ging um eine gro\u00dfe Scheune herum, begegnete dabei einigen Arbeitern, die ihn nicht weiter beachteten, und erreichte eine gro\u00dfe, grobe Holzh\u00fctte. \u00dcber die T\u00fcre hatte der Alte ein Schild mit der l\u00e4cherlichen Aufschrift &#8222;Mensa&#8220; geh\u00e4ngt, eins der ersten Ergebnisse seines Unterrichts. Zun\u00e4chst war er zwar angestellt worden, um die Kinder des Gro\u00dfbauern zu unterrichten, aber schnell stellte sich heraus, dass dies nur ein Vorwand gewesen war; Keiner auf dem Hof konnte richtig lesen oder schreiben, vielen fiel auch das Rechnen schwer. Vermutlich hatte keiner von ihnen je die Schulbank gedr\u00fcckt, aber zumindest der Alte bestand darauf, nur viel vergessen zu haben; dabei hielt er den Stift wie ein Esel. Der Lehrer lobte ihn h\u00e4ufig f\u00fcr seine winzigen Fortschritte in Rechtschreibung und Grammatik.<br \/>\nEr gr\u00fc\u00dfte die alte Frau, die mit knorrigen, gichtbefallenen H\u00e4nden einen Teller auf seinen Tisch stellte.\u00a0 Dieser Tisch war ihm bald nach seiner Ankunft zugewiesen worden. Im Gegensatz zu den anderen war es keine lange Holztafel wie die, an denen die Arbeiter speisten, sondern ein kleines Tischchen ein wenig abseits, an dem er stets allein sa\u00df. Kam er zum Essen, so wischte die alte K\u00fcchenfrau ihn mit langen, gr\u00fcndlichen Bewegungen ab, als t\u00e4te sie es zum ersten Mal; alle seine Bitten, diesen Umstand doch nicht nur seinetwegen zu machen, waren vergebens geblieben.<br \/>\nDie K\u00fcchenfrau war eine der wenige Personen auf dem Hof, die er nicht wenigstens manchmal unterrichtete; offenbar hatte der Alte es f\u00fcr verschwendete Zeit befunden. Der Lehrer vermutete, der Alte hatte den Unterricht f\u00fcr alle auf dem Hof auf Ansinnen des Pfarrers verf\u00fcgt; das war schnell geschehen, nachdem er seine Arbeit begonnen hatte, und seitdem lehrte er die viele Arbeiter und M\u00e4gde die deutsche Sprache, aber von Zeit zu Zeit auch anderes, so etwa Naturwissenschaft oder ein wenig Geschichte.<br \/>\nAll das war, so wusste er, vergebene M\u00fche. Die meisten waren wirklich dumm, sie behielten nicht, was er mit ihnen \u00fcbte, und manchmal schien es, dass sie nicht einmal zuh\u00f6ren konnten; so sehr er sich auch bem\u00fcht hatte, die Erfolge waren verschwindend. Die wenigen, die er f\u00fcr gescheit hielt, waren nach der harten Arbeit meist nicht willens und auch nicht in der Lage, ihm zu folgen. Und \u00fcberhaupt schien es ihm, als h\u00e4tten sich viele der M\u00e4nner und Frauen mit ihrem Leben abgefunden: Sie sahen die Notwendigkeit nicht, schreiben oder lesen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nImmerhin duldeten sie seine Autorit\u00e4t w\u00e4hrend des Unterrichts. In einer Weise, die ihm beinahe unheimlich war, befolgten sie gehorsam jede seiner Anweisungen, h\u00e4ufig, ohne sie \u00fcberhaupt zu verstehen. Vielleicht war es aus diesem Grund ein hoffnungsloses Unterfangen. Hatte er einer Gruppe beigebracht, dass Z zu schreiben, hatten die ersten das A schon wieder halb vergessen; manches, wie die Philosophie etwa, schien an ihren viehischen Augen schlicht vor\u00fcberzugehen. Mit wenig \u00dcberraschung hatte er bald entdeckt, mit welcher Faszination die Menschen hier Geschichten entgegentraten, mit welcher kindlichen Ernsthaftigkeit sie jede noch so schlechte erz\u00e4hlte oder komponierte Geschichte bedachten. Zun\u00e4chst hatte er dies aus didaktischen Gr\u00fcnden genutzt; das Versprechen, er werde wieder von Odysseus erz\u00e4hlen, hatte seine Sch\u00fcler motivieren sollen. Letztlich, so musste er feststellen, \u00e4nderte das nichts an dem Ausbleiben jedes Lernerfolges. Doch die Geschichten erz\u00e4hlte er weiter, zun\u00e4chst oft heidnische Mythen, sp\u00e4ter ersann er auch selbst einige, oder er bediente sich in der Bibel, um diesen seltsam stummen Menschen wenigstens etwas Anteilnahme abzuringen. Schlie\u00dflich gestaltete er seinen ganzen Unterricht h\u00e4ufig wie eine Erz\u00e4hlung, bei der Lernstoff und Dichtung verschwammen. Die Erz\u00e4hlung musste nicht gut sein; die Bauern waren wie Kinder, gierig verschlangen sie seine Worte, ohne auch nur irgendetwas Sinnvolles dabei zu lernen.<br \/>\nEr schob seinen Teller vorsichtig zur Seite. Wortlos nahm ihn die alte Frau vom Tisch. Er sah sich um, dann zog er ein kleines Notizbuch aus der Tasche und bl\u00e4tterte darin. Es war den Bauern anst\u00f6\u00dfig, wenn er hier, vor ihren Augen, las, da sie selbst es ja nicht konnten, und so hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, fr\u00fcher zu essen, um danach in sein B\u00fcchlein schauen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEin gro\u00dfer Teil des Jahres war bereits verstrichen. Nicht allzuviel war geschehen, und so hatte er auch nicht viel in sein B\u00fcchlein geschrieben. Sein Blick fiel auf eine \u00dcberschrift, und er begann zu lesen.<br \/>\nJanuar &#8211; Im Januar war es bitterkalt geworden, und fast jeder auf dem Hof hatte nachts gefroren. Der Gro\u00dfbauer hatte ihm eine gro\u00dfe, schwere Decke aus Tierfellen gegeben, und so war er der einzige gewesen, der nicht g\u00e4nzlich verfroren zum Unterricht kam. Auf dem Hof war nicht viel zu tun, und so sa\u00dfen die Arbeiter viel herum und tranken noch mehr. Er hatte einmal versucht, sich zu ihnen zu setzen, aber ihre Gespr\u00e4che waren ebenso einf\u00e4ltig wie ihr Gem\u00fct gewesen, und so hatte er es aufgegeben. Im Unterricht hatte er erneut mit der Grammatik begonnen und von Ali Baba und den 40 R\u00e4ubern erz\u00e4hlt. Andere morgenl\u00e4ndische Geschichten waren gefolgt, soweit er sich an sie erinnerte, aber er hatte festgestellt, dass sie nur m\u00e4\u00dfiges Interesse bei den Sch\u00fclern weckten, wohl, weil sie ihnen zu fremd waren.<br \/>\nFebruar &#8211; eines Abends hatte das dicke Glas des winzigen Fensters gefehlt, das seine kleine Kammer besass. Der Alte hatte nicht herausgefunden, wer es gestohlen hatte, und es hatte bis in den M\u00e4rz gedauert, bis sich jemand der fehlenden Scheibe annahm. Auf den Feldern lag Schnee, und der Lehrer hatte wieder einmal bemerkt, dass er einzige zu sein schien, der diesen Anblick sch\u00f6n fand oder \u00fcberhaupt wahrnahm.<br \/>\nIn der zweiten Woche hatten sie ein Kind zu Grabe getragen. Auf dem kleinen Friedhof stand er abseits; das Kind war wohl schon l\u00e4nger erkrankt gewesen. Er hatte davon nichts gewusst. Im Unterricht waren sie kaum weitergekommen, auch wegen des Todesfalls. Aber er hatte den Bauern von Troja erz\u00e4hlt und den Krieg in seiner Schrecklichkeit ausgemalt, so gut er konnte.<br \/>\nM\u00e4rz &#8211; Die Saat stand an, und den gr\u00f6\u00dften Teil des Monats hatte er in seiner Kammer verbracht, sofern die Temperaturen es zulie\u00dfen. Nach Ende der Saatzeit hatte er etwas Naturwissenschaft mit ihnen besprochen. Mit einem Katzenfell hatte er ihnen die statische Elektrizit\u00e4t aufgezeigt, und ihnen anschlie\u00dfend vom Entstehen der Blitze und ihrer verherrenden Wirkung erz\u00e4hlt. Sie waren sehr gespannt gewesen, und so hatte er seine Darstellung lang ausgeschm\u00fcckt, ihnen von H\u00e4usern erz\u00e4hlt, die, vom Blitz getroffen, so schnell niedergebrannt waren, dass niemand sich mehr daraus retten konnte, und von Menschen, die auf offenem Feld regelrecht gespalten worden waren.<br \/>\nApril &#8211; f\u00fcr den April hatte er nun einen Satz notiert: Das Korn w\u00e4chst.<br \/>\nMai &#8211; Die Natur war freundlich geworden, und der angenehmen Temperaturen wegen hatte er erwogen, den Unterricht nach drau\u00dfen zu verlegen. Der Gro\u00dfbauer hatte es abgelehnt, weil &#8222;die Sch\u00fcler nun mal in die Schule geh\u00f6rten&#8220;. Er war mit der Grammatik nur leidlich vorangekommen, hatte aber von den alten G\u00f6ttern der Germanen erz\u00e4hlt, und so auch von Thor, der gewaltige Blitze auf die Erde niederschleudern konnte, um seine Feinde und Frevler allesamt zu verbrennen. Da sie Gefallen an diesen Geschichten fanden und mit fast panischem Ernst lauschten, erz\u00e4hlte er ihnen auch noch andere Geschichten \u00fcber Blitz und Donner, etwa von furchtbaren Gestalten und Figuren, die ihre F\u00fc\u00dfe und Arme mit den Blitzen gen Erde streckten, um dort umherzuwandern und ihrer grenzenlose Zerst\u00f6rungswut freien Lauf zu lassen.<br \/>\nJuni &#8211; Bei sch\u00f6nem Wetter war er oft spazieren gegangen. An einem Abend war er auf dem Weg in seiner Kammer mit einem betrunkenen Knecht aneinandergeraten, der sich am n\u00e4chsten Tag (auf Einwirken des Alten) wortkarg bei ihm entschuldigte. Im Unterricht hatte er die Geschichte des Landes durchnehmen wollen, aber schlie\u00dflich hatte er von Platons Atlantis erz\u00e4hlt und seinen n\u00e4chtlichen Untergang durch einen Sturm in allen Einzelheiten, die er sich denken konnte, beschrieben. \u00c4ngstlich hatten ihm die stummen Bauern zugeh\u00f6rt.<br \/>\nEine Magd war des Hofes verwiesen worden, er wusste nicht, warum. Aus einer Unterhaltung hatte er aber erfahren, dass sie m\u00f6glicherweise ein Verh\u00e4ltnis mit dem Alten eingegangen war.<br \/>\nJuli &#8211; Der Juli brachte gro\u00dfe Hitze mit sich, und sie alle hatten in der zum Unterrichtsraum erkl\u00e4rten Scheune furchtbar geschwitzt. Er hatte festgestellt, dass seine Sch\u00fcler nicht das geringste gelernt hatten, und wieder neu mit der Grammatik begonnen. Au\u00dferhalb des Unterrichts hatte er meist im Freien gesessen und sich Notizen gemacht f\u00fcr eine Geschichte, die er sp\u00e4ter im Monat eindr\u00fccklich erz\u00e4hlt hatte. Sie war mit Anleihen an die Offenbarung und den Untergang Babylons gespickt, und ein besonderes Augenmerk legte er auf den Gewittersturm, der alle S\u00fcnder hinwegfegen w\u00fcrde, egal wie winzig ihr Vergehen auch sei. Seine Sch\u00fcler waren wie gefesselt von der Geschichte, und er fand Vergn\u00fcgen daran, sie so gut er konnte zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nAugust &#8211; Im August hatte er noch nichts aufgeschrieben. Unter der \u00dcberschrift waren daher einige Zeilen Platz, doch darunter hatte er vor einem Jahr bereits notiert: Dritte Woche &#8211; Wind dreht. Die Zeile war unterstrichen.<br \/>\nDer Lehrer besah die Worte einige Sekunden. Schlie\u00dflich schrieb er nichts mehr dazu, sondern schloss sein B\u00fcchlein, schob es wieder in seine Tasche und ging hinaus. Unter dem Schild an der T\u00fcr blieb er stehen, sah einen Moment in den Himmel. Dann ging er schnellen Schrittes zu dem Nebenhaus, in dem er mit vielen der M\u00e4gde und Knechte hauste, betrat seine Stube mit dem winzigen Fenster, setzte sich auf sein Bett und nahm eins der schweren B\u00fccher vom Regal, um darin zu lesen. Es dauerte etwa eine Stunde, bis er drau\u00dfen Rufe und das Klappen von T\u00fcren h\u00f6rte. Er zog sich um, legte sich sich hinein, und las weiter. Als es drau\u00dfen schnell dunkelte, entz\u00fcndete er eine Kerze, obwohl er wusste, dass er Alte es eine Verschwendung gescholten hatte, zum Lesen eine Kerze anzuz\u00fcnden.<br \/>\nAls die Rufe pl\u00f6tzlich aufh\u00f6rten und das Treiben im Haus verstummte, legte der Lehrer sein Buch zur\u00fcck an seinen Platz und l\u00f6schte das Licht. Mit offenen Augen starrte er in die Dunkelheit.<br \/>\nAls die ersten Blitze zuckten, h\u00f6rte er zwei Kinder schreien. Sie verstummten wieder. Als der Donner kam, und mit ihm der Wind und der Regen, da erhob sich \u00fcber dem ansonsten stillen Haus das Klagen und Wehen. Im Stock \u00fcber ihm lagen acht M\u00e4gde unter ihren Betten und weinten und flehten. Im Raum daneben wimmerten die M\u00e4nner in ihren Betten; mit jedem Blitz, jedem Donnerschlag ging bald ein gro\u00dfes Aufschreien durch das Haus, und w\u00e4hrend das Aufblitzen des Gewitters immer h\u00e4ufiger kam und der Wind immer mehr zunahm, vermischten sich die Schreie und Gebete zu einem einzigen, dumpfen Rauschen, das bald lauter war als der Sturm selbst. Im Raum neben dem Lehrer gestanden sich zwei Eheleute best\u00e4ndig ihre Missetaten: weinend und einsam lagen sie sich in Armen, die M\u00fcnder \u00fcber und \u00fcber voll mit Beteuerungen und Gest\u00e4ndnissen.<br \/>\nIn seiner kleinen, kargen Kammer lag der junge Lehrer aus der fernen Stadt ganz still in seinem Bett, und mit der Bed\u00e4chtigkeit der ziehenden Wolken, aber ebensolcher Beharrlichkeit, zog eine Ver\u00e4nderung in sein bleiches Gesicht. Bis nach Mitternacht dauerte es, bis der H\u00f6hepunkt des schweren Gewitters kam, und selbst der nun heftige Sturm und Regen konnte das Wehen im Haus nicht \u00fcbert\u00f6nen, die unz\u00e4hligen gerufenen Gebete, das Kreischen der Frauen, die geweinten, halb erstickten Bekenntnisse und Entsagungen, und gerade zu dieser Zeit trat die Ver\u00e4nderung schlie\u00dflich ganz in das Gesicht des ruhenden Lehrers, vielleicht zog sie mit dem Gewitter, vielleicht auch von innen nach au\u00dfen, oder von weit hinten in seinem Kopf bis ganz nach vorn auf seine Gesichtsz\u00fcge. Mit jedem der vielen Blitze fiel ein schmaler Lichtstreifen in das kleine Zimmer, fiel auf gew\u00f6lbte Lippen und lachende Augen. Sein Gesicht war vollgesogen, ganz ges\u00e4ttigt, fast aufgel\u00f6st von einem L\u00e4cheln, das scheinbar zart und voll auf ihm lag, und in dem doch jede Linie, jeder gespannte Muskel einer momumentalen Anstrengung bedurfte, gegen die jedes Schreien im Haus verschwand wie hinter einem schwarzen Vorhang. Ein L\u00e4cheln wie aus h\u00f6chsten H\u00f6hen. Ein L\u00e4cheln wie aus den Tiefen des Abgrunds.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leise, bed\u00e4chtig und langsam schritt er den schmalen Feldweg hinab. Sein Kopf hing locker, angemessen tief zwischen Schultern, die eigentlich die Anspannung starrer Haltung und kerzengeraden Gangs vermissten. Hinter ihm schlug eine Magd ein Fenster mit tr\u00fcben Gl\u00e4sern zu. Der Lehrer trat unbeholfen nach einem Stein, der in dem Graben am Wegesrand verschwindet. 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