{"id":333,"date":"2009-11-06T12:05:47","date_gmt":"2009-11-06T11:05:47","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=333"},"modified":"2010-01-27T01:23:16","modified_gmt":"2010-01-27T00:23:16","slug":"monstrumdrei-bilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/11\/06\/monstrumdrei-bilder\/","title":{"rendered":"Monstrum\/Drei Bilder"},"content":{"rendered":"<p>Was sie dort wohl tun, fragte er sich. Was sie dort wohl tun. Er zog an einer Zigarette und blickte weiter aus dem Fenster. Die Antwort auf seine Frage lag vor ihm, lag gro\u00df und m\u00e4chtig vor ihm, aber er w\u00fcrde sie nie verstehen, verstehen k\u00f6nnen, wollen.<\/p>\n<p>Was sie dort wohl tun, fragte er sich, und blickte auf die Fabrik. Sie lag nicht einmal zum Schein verborgen zwischen den Wohnh\u00e4usern. Ihre silberne, an einigen Stellen vom Rost zerfressene Haut war eine Beleidigung, ein offener Affront: zwischen ihr und der ansonsten ruhigen Wohngegend rundherum herrschte so etwas wie ein \u00e4sthetischer Krieg. Es lie\u00df sich nicht genau bestimmen, wie hoch der ewig dampfende Schornstein war, der mitten aus dem silbernen Panzer herausragte. In der Umgebung gab es kein Geb\u00e4ude, keinen Fixpunkt, der auch nur ann\u00e4hernd so hoch war, und deshalb schien er bis in den Himmel zu ragen wie ein \u00fcbergro\u00dfer Zeigefinger.<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/3586022220\/monstrum.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 3px;\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3653\/3586022220_8eb82fe3aa.jpg\" border=\"0\" alt=\"Monstrum\" width=\"333\" height=\"500\" \/><\/a> Viel mehr wusste niemand \u00fcber die Fabrik; sie stand da, war wie eine zum Stillstand gekommene Wucherung in die Stadt gewachsen, und blieb. Er hatte die Nachbarn gefragt, um was f\u00fcr eine Anlage es sich handelte, aber auch sie wussten nicht mehr dar\u00fcber und wollten &#8211; so schien es &#8211; auch nicht dar\u00fcber sprechen. Es war so, als w\u00fcsste \u00fcberhaupt niemand irgendetwas dar\u00fcber. Alle kannten die Stahlhaut, den grotesken Turm, mehr nicht. Den meisten war dieser Fremdk\u00f6rper ein Dorn im Auge, sicher; aber er hatte nie von offenem Protest geh\u00f6rt, einer Petition oder B\u00fcrgerinitiative.\u00a0 Und niemandem konnte entgehen, wie sehr die Pr\u00e4senz dieses seltsamen Monstrums die plangenau angelegten Stra\u00dfen und H\u00e4userblocks, die Vorg\u00e4rten und Hinterh\u00f6fe rundherum zu verzerren schien; wenn man aus einem der oberen Stockwerke auf die Stadt und die Fabrik blickte, schien es so, als sei die Stadt um das Monstrum in ihrer Mitte angelegt worden, als solle jeder Weg dorthin f\u00fchren.<\/p>\n<p>Und dabei gab es niemanden, der dort arbeite. Das war falsch, nat\u00fcrlich; dort mussten Menschen arbeiten, manchmal sah er auch einige Gestalten \u00fcber das Gel\u00e4nde huschen, und die Ger\u00e4usche, die das Unget\u00fcm selbst in der Nacht von sich gab, lie\u00dfen auf unabl\u00e4ssige menschliche Gesch\u00e4ftigkeit schlie\u00dfen. Aber niemand aus der Stadt arbeitete dort, und niemand kannte jemanden, der es tat; sie mussten von weit her kommen.<\/p>\n<p>Er beobachtete, wie ein kleiner Hubschrauber am Horizont auftauchte, sah ihn auf die Fabrik zuhalten. Einige Minuten umkreiste er den stahlgrauen Zeigefinger, schien etwas zu suchen. Es war ein schwarzer, schmaler Helikopter, der h\u00f6chstens f\u00fcr zwei Personen Platz bieten konnte, wie er glaubte:\u00a0 die Scheiben waren geschw\u00e4rzt, und so konnte er die Insassen nicht sehen. Er blickte auf seine Uhr, als der Pilot wieder abdrehte und in die Richtung zur\u00fcckflog, aus der er gekommen war: die gleiche Zeit wie immer.<\/p>\n<p>Was sie dort wohl tun. Das fragte er sich und schloss das Fenster wieder.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Der Zug hatte Versp\u00e4tung gehabt, wie so oft, und so stand er viel zu sp\u00e4t vor seiner Wohnung. Er drehte den Schl\u00fcssel im Schloss und trat ein: Die Luft roch abgestanden. Einige Sekunden horchte er und genoss die Stille. Dann lie\u00df er seine Tasche auf den Boden fallen, setzte sich. Atmete tief durch. Und bef\u00fchlte fast unwillk\u00fcrlich den Riss, den niemand sah.<\/p>\n<p>Ja, er war wieder gr\u00f6\u00dfer geworden: aber wen h\u00e4tte das verwundern sollen? Es w\u00fcrde sich nicht mehr \u00e4ndern. Das Loch w\u00fcrde wachsen, auch wenn er nicht sagen konnte, wohin: es w\u00fcrde seine Organe aufl\u00f6sen und Platz f\u00fcr die Leere schaffen, auch wenn er sich nicht einmal sicher war, wo der Riss genau verlief. Manchmal dachte er, er oder es w\u00e4re in seiner Brust; dann war es wieder der Bauch. Manchmal glaubte er, ihn mit den Fingerspitzen zwischen zwei Rippen zu sp\u00fcren. Dann wieder war er sicher, dass der Riss quer \u00fcber seine Stirn lief. Wenn er a\u00df, dann schien alle Nahrung durch den Riss zu sickern und er blieb hungrig, immer hungrig: war ihm nach Weinen zu Mute (und das geschah oft), so schienen die Tr\u00e4nen in dem Loch zu verschwinden.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten es erkl\u00e4ren m\u00fcssen, dachte er oft. Nat\u00fcrlich hatte er den Vertrag gelesen, und nat\u00fcrlich hatten sie ihn in gewisser Weise dar\u00fcber informiert, dass es Unannehmlichkeiten mit sich bringen w\u00fcrde. Aber sie hatten ihm nichts von dem Riss erz\u00e4hlt. Die Einspeisung war irreversibel gewesen, das wusste er; er hatte es in Kauf genommen, weil die Bezahlung gut war.<\/p>\n<p>Er stand auf und ging zum K\u00fchlschrank, fand nichts Essbares vor. Sinnlos, dachte er, und setzte sich wieder. Das Schlimmste an der Einspeisung war, dass sie niemand sah. Fr\u00fcher hatte er sich nicht einmal getraut, bei Tageslicht auf die Stra\u00dfe zu gehen, weil er dachte, die Passanten w\u00fcrden erschrecken. Aber niemand sah ihm an, was mit ihm geschah, wie ihn die Arbeit langsam auffra\u00df. Einmal hatte er den Kassierer im Supermarkt angesprochen; er hatte nicht gewusst, wie er es sagen sollte, und so hatte er alles auf einmal und dabei doch gar nichts gesagt, als ob selbst die Worte in dem Abgrund zwischen seinen Schultern verschwinden w\u00fcrden. Der Mann hatte ihn einige Sekunden angestarrt und dann gelacht: Das kennen wir doch alle, hatte er gesagt, und nicht das Geringste verstanden. Sie sahen den Riss nicht; sie sahen ihn einfach nicht.<\/p>\n<p>Er seufzte leise, und f\u00fcr einen Augenblick glaubte er, so etwas wie ein tiefes, fast stummes Echo zu h\u00f6ren. Es war bereits halb eins; nur an der Tankstelle w\u00fcrde er noch etwas zu Essen bekommen, und dann blieb zum Schlafen kaum noch Zeit. Wenn er noch etwas zu sich nehmen wollte, dann musste er jetzt losgehen; einen Moment lang versuchte er, sich an den Weg zu erinnern, den er nehmen musste.<\/p>\n<p>Aus dem Haus heraus, dann \u00fcber die Stra\u00dfe. An der Ecke vor der Schule musste er links abbiegen auf den Zubringer; dann immer geradeaus, zwischen den beiden Br\u00fccken hindurch, immer entlang der gro\u00dfen Stra\u00dfe, auf der ein best\u00e4ndiger Strom von silbrigen Fahrzeugen in jedwede Richtung fuhr. Vorbei an den stahlgrauen B\u00fcrokomplexen, in denen um diese Zeit kein Licht mehr brannte, immer weiter parallel zur Leitplanke, die im Licht der Scheinwerfer so vertraut funkelte, funkelte wie ein Zeigefinger in dunkler Nacht. Irgendwo hier h\u00e4tte er noch einmal abbiegen m\u00fcssen, aber wo, wo nur, es half nichts, er musste zun\u00e4chst weiter geradeaus, hin zu dem Unget\u00fcm, silbrige Haut und ein 50 Meter messender Stachel, immer weiter darauf zu, kein Weg zur\u00fcck, er musste weiter, er h\u00f6rte schon das unabl\u00e4ssige Klopfen, konnte den Rauch aufsteigen sehen, f\u00fchlte, wie der Riss von seinem Bauch in die Brust und dann in den Kopf wuchs, sah sich selbst, ein Fleck Nicht-Anwesenheit zwischen Bordstein und H\u00e4userwand, ein Riss mit einem Stachel, der 50 Meter in die Nacht wuchs.<\/p>\n<p>Als er erwachte, fand er sich auf dem Stuhl wieder, auf dem er eingeschlafen war. Er blickte auf die Uhr, es wurde Zeit. Ein letztes Mal atmete er tief ein. Es mi\u00dflang ihm; der Riss gestattete es nicht. Dann nahm er seine Tasche und lief durch die Dunkelheit zum Zug.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Er blickte auf die Zigarettenschachtel, dann nahm er die letzte Zigarette heraus und fr\u00f6stelte. Es war kalt um diese Uhrzeit: er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so fr\u00fch noch wach gewesen war. Seine Uhr zeigte 4 Uhr 22, und es war noch immer niemand in Sicht. Vor einer halben Stunde w\u00e4re er fast schon nach Hause gegangen, und je fr\u00fcher es wurde, desto verlockender erschien ihm sein Bett. Seine Neugier war gro\u00df genug gewesen, um sich in der Nacht aus dem Haus zu schleichen; jetzt stand er schon fast f\u00fcnf Stunden in dieser d\u00fcsteren Ecke zwischen zwei H\u00e4usern in der N\u00e4he der Fabrik. Irgendwann mussten sie hier vorbeikommen; er wusste, manche kamen mit dem Zug, vielleicht sogar alle. Er trat die Zigarette aus; jetzt konnte er nicht einmal mehr rauchen. Lautlos fluchte er. Wie war er nur auf diese Idee gekommen? Es war eine Fabrik, jeder konnte es sehen. Wen scherte es schon, was sie genau darin taten? Und wer w\u00fcrde so dumm sein, die ganze Nacht frierend zu warten, nur um einen der Arbeiter aus der N\u00e4he zu sehen? Er selbst, dachte er und musste fast l\u00e4cheln, auch wenn er seine Lippen kaum noch sp\u00fcrte. Noch einmal sah er auf die Uhr; 4 Uhr 33. Um halb f\u00fcnf kamen sie also auch nicht. Er gab seinem frierendem K\u00f6rper nach, sch\u00fcttelte seine F\u00fc\u00dfe einige Momente aus, um wieder etwas W\u00e4rme hineinzubringen, dann trat er aus der Ecke heraus und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war erst einige Meter gegangen, da bemerkte er, wie sehr es ihn erleichterte, von dort verschwinden zu k\u00f6nnen: Nachts und aus der N\u00e4he wirkte die Fabrik noch seltsamer, nicht nur befremdlich, sondern fast be\u00e4ngstigend. Er fragte sich immer noch, was darin vorging: aber das musste warten, vielleicht auf den Sommer. Ja, im Sommer w\u00fcrde er es vielleicht l\u00e4nger dort aushalten.<\/p>\n<p>Er sah den Mann in Arbeitskluft erst, als er in eine Seitenstra\u00dfe einbog, und prallte fast gegen ihn. Es war ein Arbeiter, dass war ihm sofort klar; er trug den Overall mit dem seltsamen Emblem, das auch den Turm zierte. In der Hand trug er nur eine d\u00fcnne Aktentasche, und es wirkte so, als w\u00e4re sie sehr leicht.<\/p>\n<p>Er starrte den Arbeiter an: &#8222;Verzeihung&#8220; murmelte er\u00a0 &#8222;Mein Fehler.&#8220; antwortete der andere. Einige Sekunden blieb er stehen und musterte den Mann in dem Overall; der tat es ihm gleich.<\/p>\n<p>Die ganze Nacht lang hatte er gewartet und sich Fragen zurecht gelegt; er war sich ganz sicher gewesen, was er fragen musste und in welcher Reihenfolge. Doch jetzt fiel ihm kein Wort mehr ein. Einige verirrte Silben entflohen ihm, ziellos, aber der Arbeiter schien irgendetwas davon zu verstehen und nickte. Sein Gesichtsausdruck wurde d\u00fcster, und mit der freien Hand schien er instinktiv nach etwas zu greifen, dass sich an oder in seinem Overall befinden musste.<\/p>\n<p>&#8222;Das machen sie. Es frisst uns auf.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment versuchte der Anwohner zu l\u00e4cheln; sein Mund \u00f6ffnete sich, er wollte sagen, dass es ihm auch manchmal so geht. Dann sah er, wonach der Arbeiter gegriffen hatte; das hei\u00dft, eigentlich war er sich nicht sicher, was er sah, aber es lie\u00df ihn verstummen. Das L\u00e4cheln verschwand, Entsetzen kam. Einige Sekunden starrte er auf die Brust, oder den Bauch, oder den Kopf des Arbeiters, der immer noch zitternd seine Aktentasche hielt.<\/p>\n<p>&#8222;Das geht uns doch allen so. Die Arbeit frisst einen auf!&#8220;, sagte er dann und lachte bellend laut. Er lie\u00df den Mann mit dem Loch in der Brust hinter sich, eilte nach Hause und versuchte schon auf dem Weg alles zu vergessen, was er jemals \u00fcber diese Fabrik geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sie dort wohl tun, fragte er sich. Was sie dort wohl tun. Er zog an einer Zigarette und blickte weiter aus dem Fenster. Die Antwort auf seine Frage lag vor ihm, lag gro\u00df und m\u00e4chtig vor ihm, aber er w\u00fcrde sie nie verstehen, verstehen k\u00f6nnen, wollen. Was sie dort wohl tun, fragte er sich, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,16,12],"tags":[],"class_list":["post-333","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/333","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=333"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/333\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=333"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=333"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=333"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}