{"id":335,"date":"2010-03-29T04:50:53","date_gmt":"2010-03-29T02:50:53","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=335"},"modified":"2010-07-12T12:30:37","modified_gmt":"2010-07-12T10:30:37","slug":"was-geschah","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2010\/03\/29\/was-geschah\/","title":{"rendered":"Was geschah"},"content":{"rendered":"<p>War er es? Das Gesicht war vertraut, es gleichte dem in seiner Erinnerung trotz der Jahre recht genau. Und doch..<br \/>\nEr z\u00f6gerte, bevor er auf ihn zuging und ihm die Hand hinreichte. Der andere nahm die Hand: sie erkannten sich. &#8222;Stefan&#8230;&#8220; sagte er und sah das Gesicht weiter an. Es war Stefan.<br \/>\nSie tauschten stockend einige H\u00f6flichkeiten aus: Die Frage nach dem Befinden (Stefan antwortete verhalten: Die Gegenfrage lie\u00df er aus), die nach der Arbeit (z\u00f6gernd erkl\u00e4rte Stefan, er sei mit verschiedenem besch\u00e4ftigt, zur Zeit aber arbeitslos) und einige andere. Er lud den alten Freund auf einen Kaffee ein, doch der lehnte ab: das Gespr\u00e4ch erlahmte rasch, und im Nachhinein erschien es ihm so, als ob seine Fragen Stefan doch nur am Gehen gehindert hatten. Einige Minuten blieben sie so stehen zwischen den Regalen des Supermarkts; er fragte, wie es Katja gehe, ob er noch Kontakt zu ihr habe; Stefan schien M\u00fche zu haben, sich an seine langj\u00e4hrige Jugendfreundin zu erinnern, und antwortete schlie\u00dflich Nein, mit Kat-ja habe er schon lange nicht mehr gesprochen, er betonte den Namen auf der falschen Silbe.<br \/>\nEin seltsames Gef\u00fchl des Irrtums beschlich ihn, er sah den Mann, mit dem er doch so viel Zeit verbracht hatte, eindringlich an und fand doch nur vertraute Gesicht Stefans, \u00e4lter, aber dennoch vertraut und &#8211; wie ihm langsam klar wurde &#8211; zutiefst unbekannt. Um das einsetzende Schweigen zu vermeiden und die sp\u00fcrbare Spannung zu verringern, fragte er halb scherzhaft nach der &#8222;Alten Runde&#8220;, der kleinen Gruppe, in der Stefan sich w\u00e4hrend des Studiums h\u00e4ufig zu Diskussionen und n\u00e4chtlichen Blitzschachrunden getroffen hatte, zuweilen auch in seiner Begleitung, obwohl er sich nie der Runde zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt hatte.<br \/>\nWieder schien Stefan nachdenken zu m\u00fcssen, sein Blick wanderte vom Waschmittel zum Weichsp\u00fcler und dann zur\u00fcck. Die seien doch alle schon lang nicht mehr da, sagte er dann nerv\u00f6s, mit denen spreche er nicht mehr und \u00fcberhaupt sei das ganze ja schon vor langer Zeit gewesen, da habe er noch Blitzschach gespielt, und nein, das k\u00f6nne er heute nicht mehr, das sei nicht gut.<br \/>\nEr sah Stefans Blick nach, bis er erkannte, dass sein alter Freund nichts suchte: Dann versuchte er zu erkl\u00e4ren, dass er die Frage nicht ganz ernst gemeint habe, aber Stefan schien ihn nicht zu verstehen. Schlie\u00dflich fragte er stattdessen, ob Stefan hier h\u00e4ufiger einkaufe; er antwortete nicht sofort, stattdessen wandte er sich zwei oder dreimal um, sah in verschiedene Richtungen, erschien dabei teils bestimmt, teils unbestimmt. Nein, er sei nur heute hier, sonst gehe er nur selten in einen gro\u00dfen Warenhandel (er sagte das ganz betont, als ob sich dahinter noch etwas anderes verberge als der Supermarkt, in dem sie gerade standen), er habe eigentlich ein bestimmtes Produkt gesucht, aber das sei hier nicht zu bekommen, nur deshalb sei er hier. Einige Sekunden herrschte Stille, Stefan trat nerv\u00f6s auf der Stelle, doch sein Studienkollege gab noch nicht auf. Ob er ihm, Stefan, vielleicht helfen k\u00f6nne, was suche er denn, fragte er, Stefan schien die Frage zu verstehen, und zum ersten Mal sah sein Jugendfreund so etwas wie eine affektive Reaktion in seiner Antwort, wenn auch z\u00f6gernd und nerv\u00f6s, Ja, das sei nicht so einfach, ob er denn etwas davon verstehe, eigentlich sei es sehr kompliziert. Nach nochmaliger Nachfrage sah Stefan wieder auf das Regal mit den Waschmitteln, er suche Geschirrsp\u00fclmittel, aber es d\u00fcrfe keine Citronens\u00e4ure und keine Phentamyne enthalten<br \/>\nDen Begriff Phentamyn kannte er nicht, obwohl er promovierter Chemiker war; er fragte danach, doch Stefans Antwort leuchtete ihm nicht. Dass seien Zusatzstoffe, erkl\u00e4rte Stefan, immer noch von einem Fu\u00df auf den anderen springend, giftige Zusatzstoffe, das sei doch bekannt.<br \/>\nEinen Moment lang dachte er dar\u00fcber nach, suchte in seinem Ged\u00e4chtnis noch einmal nach Phentamynen. Stefan hatte damals &#8211; genau wie er &#8211;\u00a0 Chemie studiert, und als sie sich aus den Augen verloren hatten, war Stefan mit seinem Studium fast fertig gewesen; er fragte noch einmal nach einer Stoffklasse, konkreten Stoffbezeichnungen; Stefan nannte keine. Das sei schwierig, erkl\u00e4rte er stattdessen und sein Studienfreund wusste nicht, ob Stefan selbst sprach oder ob er nur rezitierte, es sei schwierig, denn die so genannte Wissenschaft (diesen Terminus schien er oft zu verwenden, denn er verschluckte einige Silben) sei derartig unterwandert, dass es kaum Studien in Fachzeitungen dazu gebe, allerdings k\u00f6nne er sich selbst ja ein Bild machen, und dann nannte er einige Namen und Internetadressen. Danach schwieg Stefan wieder, blickte einen Moment auf ein Handgelenk, an dem keine Uhr war, sch\u00fcttelte den Kopf und machte dabei den Eindruck, als w\u00fcrde er gerade etwas im Geiste \u00fcberschlagen.<br \/>\nSein Freund blickte ihn wieder an, sondierte das vertraute, unbekannte Gesicht, fand keine Abweichung der Details, doch irgendetwas war anders. War es wirklich Stefan?<br \/>\nWie es denn dem Hund ging (wie hie\u00df er doch gleich?), Baxter, dem Hund seiner Eltern, fragte er schlie\u00dflich, und er wusste selbst nicht, ob er die Frage als eine Art der Kontrolle stellte oder ob es ihn interessierte: Er schien damit einen falschen Punkt getroffen zu haben, denn Stefan wurde noch nerv\u00f6ser, zitterte regelrecht, schien nach Worten zu suchen: Tot sei Baxter, das wisse er. Tot, tot, mausetot. Phentamyn, sagte er dann, Phentamyn, und nickte dabei, als m\u00fcsse er sich dessen best\u00e4tigen. Mit seinen Eltern spreche er seitdem nicht mehr, f\u00fcgte er dann noch hinzu.<br \/>\nEr folgte dem Impuls, nach den genauen Umst\u00e4nden und Gr\u00fcnden zu fragen, aber Stefan schien nicht antworten zu wollen und blieb nebul\u00f6s: So sei es manchmal, sagte er, die einen so, die anderen so, aber irgendwann&#8230;<br \/>\nDann sprach Stefan nicht weiter, als ob ihm das offene Ende seines Satzes nicht aufgefallen sei.<br \/>\nNoch einmal blickte er auf sein Handgelenk, an dem sich keine Uhr befand: Er m\u00fcsse jetzt auch weiter, es gebe viel zu tun, sagte er. Sein Schulfreund wollte noch nach einer Telefonnummer fragen, oder nach einer E-Mailadresse, aber da war Stefan schon zwischen den Regalen verschwunden.<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/4472255888\/was-geschah.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4067\/4472255888_f8c320cb90.jpg\" border=\"0\" alt=\"Was geschah\" width=\"500\" height=\"333\" \/><\/a><\/p>\n<p>An der Kasse traf er ihn wieder; zwei Polizisten in Uniform standen bei ihm und schienen sich mit ihm zu unterhalten. Er verfolgte die Szene, zahlte und ging hinaus. Er wollte zun\u00e4chst zu ihm gehen, doch dann entschied er sich dagegen und blieb einige Meter hinter der Gruppe stehen, so dass er noch verstehen konnte, wor\u00fcber sie sprachen.<br \/>\nOffenbar warfen sie Stefan vor, etwas gestohlen zu haben, und tats\u00e4chlich konnte er aus den Augenwinkeln sehen, dass einer der Polizisten einen Gegenstand aus seinem Rucksack zog, der nach einer Plastikflasche aussah. Stefan schien den Diebstahl auch nicht zu leugnen; er bestritt nicht, dass er den Weichsp\u00fcler nicht bezahlt hatte. Doch dann schien er es sich anders zu \u00fcberlegen und sagte immer wieder, er habe es tun m\u00fcssen, er sei dazu gezwungen gewesen. Einer der Beamten, eine Polizistin, schien ihn schon zu kennen und erkl\u00e4rte ihrem Kollegen, dass es &#8222;schon mehrmals so gelaufen sei&#8220;. Stefan blieb zun\u00e4chst stumm, als die Polizistin jedoch wiederholt von \u00e4hnlichen Diebst\u00e4hlen sprach, schien ihn das w\u00fctend zu machen, er wurde laut, das sei doch kein Diebstahl, ja, er h\u00e4tte die Flaschen mitgenommen, aber dass sei doch kein Diebstahl. Die Polizistin unterbrach ihn, deutete ihm leiser zu sprechen und fragen, ob es nicht Diebstahl sei, wenn man Dinge nehme, die einem nicht geh\u00f6rten, und das habe er ja bereits zugegeben. Einen Moment lang schien Stefan dar\u00fcber nachzudenken, aber offenbar verstand er die Frage nicht oder wollte sie nicht verstehen. Nein, die Flasche habe er nicht mitgenommen, er habe sie zwar eingesteckt, aber bezahlt, sagte er schlie\u00dflich und schien gehen zu wollen. Der andere Polizist hielt ihn am \u00c4rmel, Stefan suchte sich loszurei\u00dfen und schrie: Schlie\u00dflich br\u00fcllte der Polizist, nun sei es aber genug und griff nach ihm. Sie drehten Stefan den Arm auf den R\u00fccken und schoben ihn vor sich her; Stefan hatte nicht gesehen, dass sein Studienfreund die ganze Szene beobachtet hatte, und als der sich schlie\u00dflich umdrehte, sah er ihn leise wimmern, von den beiden Polizisten gef\u00fchrt; der Ausdruck in seinem Gesicht lie\u00df keinen Zweifel daran, dass Stefan nicht genau wusste, warum dies mit ihm geschah. Er sah ihm nach, bis der Streifenwagen das vertraute, unbekannte Gesicht verschluckte.<\/p>\n<p>Einige Stunden sp\u00e4ter sa\u00df er tief \u00fcber den Bildschirm gebeugt an seinem Schreibtisch. Der Gedanke war eigentlich l\u00e4cherlich; er hatte damals viel Zeit mit Stefan verbracht, fast 14 Jahre lang (er hatte es ausgerechnet), ihn aber nach dem Studium aus den Augen verloren (das war jetzt 5 Jahre her, auch das hatte er herausgefunden). F\u00fcr eine lange Zeit hatte er nicht einmal mehr an ihn gedacht, doch jetzt besch\u00e4ftigte ihn dieser fr\u00fchere Freund wieder. Er wusste nicht einmal, wonach genau er das Internet durchsuchte, weil ihm die Frage nicht klar war, die er zu beantworten suchte.<br \/>\nEinige Eintr\u00e4ge, die noch aus Studienzeiten stammten, fand er schnell; er hatte die Adressen in seinen Unterlagen gelesen. So etwa ein Klausurergebnis von 2010:<\/p>\n<p>Anorganik II: Stefan Anders: Bestanden: Note 1,7<\/p>\n<p>Er hatte sich nicht geirrt, Stefan hatte Chemie studiert, genau wie er; und er war kein schlechter Student gewesen. Nach einiger Suche fand er auch einen Hinweis auf Stefans Abschlussarbeit. Zwar fand er die Arbeit selbst nicht, aber eine Mitteilung \u00fcber hervorragende Ergebnisse im Studium. Stefans Name tauchte auch dort auf.<br \/>\nNachdem er einige Stunden gesucht hatte, nahm er ein Blatt Papier und zeichnete darauf eine senkrechte Linie; einen Zeitpfeil. Oben schrieb er 2012 hin (er wusste nicht mehr genau, wann genau der Kontakt abgebrochen war; es war jedenfalls 2012 gewesen), ganz nach unten den 18.12.2017, den Tag, an dem er ihn wieder getroffen hatte. Nach und nach schrieb er mehr Daten dazwischen;<\/p>\n<p>2013 &#8211; Abschlussarbeit.<br \/>\n2014 &#8211; Arbeitsstelle am Institut f\u00fcr anorganische Chemie in Dresden angetreten<br \/>\n7.12.2014 &#8211; Foto vom Betriebsausflugs des Instituts<br \/>\n13.12.2014 &#8211; Newsgroup-Eintrag zur Planung der Weihnachtsfeier<br \/>\nJanuar 2015 &#8211; Betreuung von vier Lehrveranstaltungen (Anorganik I\/II + zwei Seminare)<br \/>\nMitte 2015 &#8211; Gruppenfoto von einer Konferenz in Berkeley<\/p>\n<p>Einige Stunden suchte er weiter; er fand nichts mehr. Er konnte nicht herausfinden, wann er seinen Job in Dresden aufgegeben hatte. Auf der Webseite der Universit\u00e4t war er nicht mehr aufgef\u00fchrt, es war nicht auszumachen, seit wann. Nach 2015 verlor sich schlicht seine Spur. Er erwog, diese seltsame Suche aufzugeben, und machte sich etwas zu essen. Dann sah er etwas fern, ohne sich dabei entspannen zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich setzte er sich wieder an den Computer, \u00fcberlegte einen Augenblick, tippte eine andere Suchanfrage. Und fand eine E-Mailadresse; \u00fcber die Adresse fand er nach einigen Minuten einen Nickname, \u00fcber den Nickname eine weitere Mailadresse und damit schlie\u00dflich einige Eintr\u00e4ge in einem Forum.<\/p>\n<p>1.5.2016 &#8211; erster Eintrag auf forum.phentamyn-luege.org<\/p>\n<p>Bei genauerer Suche fand er viele Eintr\u00e4ge in diesem Forum, die von Stefan stammen mussten. Es waren \u00fcber Hundert, die meisten enthielten l\u00e4ngere Texte, doch er las sie alle.<br \/>\nEr hatte schon direkt nach seiner R\u00fcckkehr aus dem Supermarkt festgestellt, dass so genannte Phentamyne Gegenstand einiger pseudowissenschaftlicher Theorien waren, die vor allem im Internet grassierten. Die Antwort auf die Frage, worum es sich dabei genau handelte, wurde je nach Theorie unterschiedlich beantwortet; soweit er es \u00fcbersehen konnte, fielen f\u00fcr einige eine Reihe von willk\u00fcrlich gew\u00e4hlten S\u00e4uren darunte, so etwa Citronen- oder Phosphors\u00e4ure, andere schienen eine unbestimmte Gruppe von Tensiden, also Seifenlaugen, darunter zu z\u00e4hlen. Wieder andere verstanden unter Phentamynen &#8222;nanoverst\u00e4rkte Partikelchips&#8220;, ohne dass er h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, was das nun genau bedeutete; auch der Zweck oder Effekt dieser Phentamyne schien strittig zu sein, einige Theorien schienen an so genannte Gedankenkontrolleprojekte der CIA anzukn\u00fcpfen, andere sahen schlicht eine \u00fcber alle Ma\u00dfen gesundheitssch\u00e4dlichen Effekt, der von der Industrie geleugnet wurde, da die Phentamyne bei maschinellen Herstellungsprozessen unweigerlich in die Produkte gelangten und eine Entfernung zu aufwendig w\u00e4re. Alles in allem waren Phentamyne die ausgemachten Hirngespinste, um die sich Verschw\u00f6rungstheorien stets drehten, und es gab f\u00fcr ihn keinen Zweifel daran, dass es keine derartigen Partikel gab. Die Quellen, die Stefan ihm genannt hatte, stammten allesamt von Verschw\u00f6rungstheoretikern ohne jeden akademischen Abschluss und ohne nachvollziehbare Expertise; empirische Beweise fand es nicht.<br \/>\nDennoch las er die Eintr\u00e4ge, die Stefan offenbar verfasst hatte; die meisten waren wirr und voller Fachbegriffe, die teils der chemische Fachsprache, teils der Fantasie entlehnt waren. Es verwunderte ihn, dass aucb die chemischen, die Stefan doch beherrschen musste, in vollkommen falschen, wenn nicht gar absurden Zusammenh\u00e4ngen auftauchten. So sprach Stefan mehrfach von der &#8222;Orbitalstruktur der Herstellungsprozesse&#8220; oder schien chemische Bindungen ganz analog zu mechanischen zu behandeln; genausogut h\u00e4tte er auch behaupten k\u00f6nnen, dass Liebensw\u00fcrdigkeit gr\u00fcn sei.<br \/>\nDie Erkl\u00e4rung lag auf der Hand; sein fr\u00fcherer Freund Stefan musste verr\u00fcckt geworden sein. So etwas geschah, das wusste er. Manche Menschen verbissen sich so sehr in solch wirre Ideen, dass sie den Realit\u00e4tsbezug verloren.<br \/>\nSeine Suche war damit vor\u00fcber, erkannte er. Zumindest h\u00e4tte sie vor\u00fcber sein k\u00f6nnen; dennoch las er weiter. Etwas schien ihm unbefriedigend an dieser Erkl\u00e4rung, und nach einer Weile begriff er auch, was es war; nicht nur, dass er ein Vokabular falsch verwendete, welches er eigentlich im Schlaf beherrschen musste, es waren auch seine Ausf\u00fchrungen selbst, die inkonsistent blieben. Verschw\u00f6rungstheorien hie\u00dfen Verschw\u00f6rungstheorien, weil sie eben Theorien waren; und als solche waren sie zwar meist v\u00f6llig falsch und widerlegt, um nicht zu sagen, hirnrissig, aber wenigstens in sich konsistent. Sie enthielten &#8211; wenigstens in sich &#8211; keine allzu offensichtlichen Widerspr\u00fcche. Und das galt nicht f\u00fcr Stefans Eintr\u00e4ge. Er behauptete, Zitronens\u00e4ure sei ein Phentamyn, und zwei S\u00e4tze dahinter sagte er das Gegenteil. Im einen Moment versuchte er zu beweisen, dass der CIA hinter den Phentamynen steckte, im n\u00e4chsten verteidigte eine andere These. Je mehr er las, desto klarer wurde ihm, dass auch anderen Nutzern des Forums aufgefallen war, dass Stefan sich st\u00e4ndig widersprach. In Diskussionen las er, wie Stefan diese Kritik offenbar nicht verstand; Nichts von dem, was andere Nutzer schrieben, schien ihn zu erreichen. Es war nicht so, dass er anderer Meinung war, oder die Belege anderer nicht akzeptierte; er verstand sie, so schien es, schlicht nicht. Schlie\u00dflich schienen sie es aufzugeben, ebenso wie Stefan.<\/p>\n<p>2.7.2017 &#8211; letzter Eintrag auf forum.phentamyn-luege.org.<\/p>\n<p>Er nutzte einige gefundene Daten, um weiter auf Stefans Spuren zu reisen; schlie\u00dflich fand er in Video aus dem September. Offenbar hatte er eine \u00f6ffentliche Vorlesung gest\u00f6rt, dabei Unverst\u00e4ndliches gebr\u00fcllt, das sich mutma\u00dflich auf Phentamyne bezog. Das Video war offenbar mit einem Mobiltelefon aufgenommen worden. Man sah, wie Stefan schlie\u00dflich von zwei Ordnern hinausgetragen wurde. An einer Stelle konnte er Stefans Gesicht erkennen; er war es ohne Zweifel. Er kopierte das Bild, druckte es aus und legte es neben ein altes, auf dem er zusammen mit Stefan zu sehen war. Ja, er war es. Das war der Mann, mit dem er fr\u00fcher Blitzschach gespielt hatte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie ber\u00fcchtigt die Diskussionen in der Runde damals gewesen waren; er hatte Stefan immer bewundert, war manchmal neidisch gewesen. Stefan hatte \u00fcber eine \u00e4u\u00dferst schnelle Auffassungsgabe verf\u00fcgt und war dazu noch ein au\u00dferordentlich guter Rhetoriker gewesen, was f\u00fcr einen Naturwissenschaftler schon ungew\u00f6hnlich war. Doch dar\u00fcber hinaus hatte er sich f\u00fcr so gut wie alles interessiert und war immer &#8222;auf dem neuesten Stand&#8220; gewesen, wie er es selbst gern ausgedr\u00fcckt hatte.<br \/>\nEr verwendete mehrere Stunden darauf, immer wieder die beiden Bilder zu vergleichen; das aus der Studienzeit und das aus dem Internet. Es waren die gleichen Gesichtsz\u00fcge, er war es, ohne jeden Zweifel; aber wie konnte das sein? Selbst den gr\u00f6\u00dftenteils selbst wohl hochgradig verwirrten oder wenigstens paranoiden Benutzern des Forums war aufgefallen, wie widerspr\u00fcchlich seine Auslassungen waren: Sie hatten ihn ausgeschlossen aus ihrer Gemeinschaft. Was war geschehen?<br \/>\nEr suchte weiter nach Spuren, die Stefan im Internet hinterlassen hatte. Auf einigen anderen Verschw\u00f6rungsplattformen fand er Eintr\u00e4ge, die er ihm zugeordnet h\u00e4tte, aber sicher sein konnte er sich dar\u00fcber nicht mehr; es waren immer unterschiedliche E-Mailadressen, immer andere Benutzernamen, und selten mehr als zwei oder drei Beitr\u00e4ge, die in sich so wirr und widerspr\u00fcchlich waren, dass eine sichere Zuordnung unm\u00f6glich wurde. Einer der Beitr\u00e4ge fiel ihm auf; Stefan klagte darin (wenn er es denn geschrieben hatte) die Nutzer des Forums selbst an, Teil einer Verschw\u00f6rung zu sein. Der Beitrag war recht lang, und nach wenigen Zeilen verlor er sich wieder in Widerspr\u00fcchen, offenen Halbs\u00e4tzen; der Schluss war bezeichnend: &#8222;ich allein gegen euch und ich allein allein und&#8220;. Der Satz endete nicht.<\/p>\n<p>Nachdem er einige Stunden lang nichts mehr fand, beendete er seine Suche, kochte sich einen Kaffee und trank ihn, w\u00e4hrend er weiter die Bilder betrachtete.<\/p>\n<p>Immer noch schien es ihm nicht zu gen\u00fcgen, dachte er: m\u00f6glich, dass eine psychische Krankheit f\u00fcr seine Ver\u00e4nderung verantwortlich war. Aber wie war es dazu gekommen? Menschen ver\u00e4nderten sich nicht von einem Tag auf den anderen in dieser Weise, und auch verr\u00fcckt wurde man nicht in einem Augenblick. Schlie\u00dflich begriff er, was ihn st\u00f6rte; Es war schlicht keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr sein Verhalten, wenn er nur sagen konnte, Stefan sei verr\u00fcckt. Es lie\u00df die Frage nach dem Warum weiter offen, und es gab nicht den Hauch eines Hinweises darauf, wie sich Stefan konkret verhalten w\u00fcrde. Wenn man jemand nur w\u00fcsste, dass Stefan verr\u00fcckt war, aber nichts weiter, dann w\u00fcsste er deshalb nicht das geringste dar\u00fcber, wie Stefan sich gab, was er sagte und wann (oder warum). Aber welche Erkl\u00e4rung gab es dann? Die Frage war, warum er verr\u00fcckt geworden war. Als er dar\u00fcber nachdachte, fiel ihm sofort die M\u00f6glichkeit eines Unfalls ein. Es gab Linien auf dem Gesicht Stefans in dem Video: Er hatte sie bisher f\u00fcr Artefakte des Kompressionsverfahrens gehalten, aber als er l\u00e4nger dar\u00fcber nachdachte, wurde ihm bewusst, wie seltsam ver\u00e4ndert ihm Stefans Gesicht vorgekommen war. War es nur seine Mimik gewesen, der Ausdruck darin, oder waren es m\u00f6glicherweise Deformationen, die man nach einem schweren Unfall zuschreiben konnte? Als er den Gedanken einmal gefasst hatte, lie\u00df es ihn nicht mehr los. Schlie\u00dflich setzte er sich wieder an den Computer und begann gezielt, nach den Benutzernamen und E-Mailadressen zu suchen, die er bereits gefunden hatte: Diesmal jedoch f\u00fcgte er der Suche einige andere Begriffe hinzu: Eine halbe Stunde war es &#8222;Unfall&#8220;, dann &#8222;Trauma&#8220;: Schlie\u00dflich suchte er auch noch einige andere Begriffe und verkn\u00fcpfte sie auf komplizierte Weise.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fand er etwas, dass seine Aufmerksamkeit weckte: Den Newsgroup-Eintrag eines Arztes der Universit\u00e4tsklinik Dresden.<\/p>\n<p>12. September 2015 &#8211; Artikel &#8222;Concerning Case Study Stefan A.&#8220;<\/p>\n<p>Viele Details des vier Seiten langen, englischen Artikels blieben ihm unverst\u00e4ndlich, obwohl er einige Dutzend medizinische Fachw\u00f6rter heraussuchte und auf ein Blatt Papier schrieb: Im Wesentlichen schien es aber um einen Unfallpatienten zu gehen, den der Arzt betreut hatte: Die Fallstudie beschrieb sehr genau, welchen Verlauf psychische und physische Folgen eines nicht n\u00e4her beschriebenen Unfalls nahmen. Von einer &#8222;cranial fracture&#8220;, also einem Sch\u00e4delbruch war die Rede, auch von einem Hirntrauma. Weiterhin beschrieb der Artikel psychotische und zwanghafte Phasen des Patienten, \u00fcber dessen Identit\u00e4t nat\u00fcrlich keine weiteren Informationen angegeben waren, von &#8222;Stefan A.&#8220; und seinem Alter abgesehen: es passte zu Stefan Anders.<\/p>\n<p>Einige Minuten z\u00f6gerte er, dann schrieb er die Mailadresse des Arztes ab und verfasste eine kurze Nachricht an ihn: Der Kaffee war inzwischen kalt geworden. Er versendete die Mail noch nicht, ging in die K\u00fcche und setzte neuen auf. W\u00e4hrend er vor der Maschine stand, dachte er dar\u00fcber nach, was f\u00fcr ein Unfall es gewesen sein k\u00f6nnte: Vielleicht war er mit dem Auto von der Stra\u00dfe abgekommen; vielleicht war er mit dem Fahrrad gest\u00fcrzt. Es k\u00f6nnte auch eine Ziegel gewesen sein, die sich nach einem Sturm vom Dach gel\u00f6st hatte: er konnte es nicht wissen. Noch nicht. Wenn der Arzt ihm antworten w\u00fcrde &#8211; und das war durchaus denkbar, wenn auch unwahrscheinlich &#8211; dann h\u00e4tte er die Antwort. Dann w\u00fcrde er verstehen.<\/p>\n<p>Kaum hatte er das gedacht, stutzte er. Was genau w\u00fcrde er dann verstehen? Wie er verletzt worden war? Sicher. Aber w\u00fcrde er auch wissen, wie aus dem alten Stefan der neue geworden war? Er \u00fcberlie\u00df die Kaffeemaschine ihrer Arbeit, setzte sich wieder vor den Bildschirm und las die Nachricht, die er verfasst hatte: &#8222;Ich m\u00f6chte verstehen, was geschehen ist.&#8220;, mit diesen Worten hatte er seine Bitte abgeschlossen. Er dachte \u00fcber die Worte und \u00fcber seine Frage nach, bis die Kaffeemaschine nur noch leise zischte. Die Frage war ganz richtig formuliert, aber weder sie noch die Antwort w\u00fcrde ihm helfen k\u00f6nnen: Denn es ging nicht darum, was mit dem Auto, dem Fahrrad oder der Ziegel geschehen war oder mit Stefans Kopf. Es ging um das, was mit Stefan geschehen war, und daf\u00fcr gab es keine Erkl\u00e4rung. Er schob die Mail in den Papierkorb.<\/p>\n<p>Es war v\u00f6llig egal, welchen Titel, welche Bezeichnung er f\u00fcr Stefans Ver\u00e4nderung verteilte. Was hie\u00df &#8222;verr\u00fcckt geworden&#8220; anderes, als dass er heute anders war als fr\u00fcher? Das war keine Erkl\u00e4rung, nur eine Beschreibung des Offensichtlichen. Die Frage danach, warum er denn verr\u00fcckt geworden war, half nicht weiter, denn ebenso verhielt es sich mit den Antworten auf diese Frage: Vielleicht war es ein Unfall gewesen; auch das war nur eine Beschreibung. Ein Unfall ist ein Ereignis, nach dem Dinge anders sind als zuvor, oder es zumindest sein k\u00f6nnen. Ob der Arzt ihm nun die Wahrheit sagen w\u00fcrde; ob Stefan sein Patient gewesen war; ob er verr\u00fcckt oder invalide war; es w\u00fcrde nichts \u00e4ndern. Die Erkl\u00e4rung blieb leer, weil es keine geben konnte. Niemand kannte den Mechanismus, der den alten Stefan zu Stefan gemacht hatte, und w\u00fcrde jemand ihn kennen, so w\u00fcrde er wieder nur eine Beschreibung davon geben k\u00f6nnen, dass der alte Stefan nicht mehr existierte, w\u00e4hrend es einen anderen Menschen gleichen Namens gab. Wenn der Arzt ihm Unterlagen schicken w\u00fcrde, Krankenakten, in denen dann stehen k\u00f6nnte, dass Stefans Kopf an dieser oder jenen Stelle und hier oder da verletzt wurde, so k\u00f6nnte er das alles lesen und w\u00fcrde doch nicht mehr wissen zuvor. &#8222;Der Stein traf Stefan A. zwei Zentimeter oberhalb der rechten Schl\u00e4fe. Eine Spitze drang dabei 0,7 Zentimeter tief ein und verursachte ein H\u00e4matom mit einem Durchmesser von genau drei Zentimetern, nur zweieinhalb Millimeter entfernt vom Zentrum des [&#8230;]&#8220;. So w\u00fcrde es vielleicht klingen; aber was w\u00fcrde das bedeuten? Nichts, wenigstens nicht mehr als das, was er auch ohne den Bericht sehen konnte: Stefan war anders geworden. Den Stefan aus seiner Vergangenheit gab es nicht mehr. \u00dcbrig war seine H\u00fclle, gef\u00fcllt mit einem anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>War er es? Das Gesicht war vertraut, es gleichte dem in seiner Erinnerung trotz der Jahre recht genau. Und doch.. Er z\u00f6gerte, bevor er auf ihn zuging und ihm die Hand hinreichte. Der andere nahm die Hand: sie erkannten sich. &#8222;Stefan&#8230;&#8220; sagte er und sah das Gesicht weiter an. Es war Stefan. 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