{"id":336,"date":"2009-11-25T12:28:02","date_gmt":"2009-11-25T11:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=336"},"modified":"2009-11-25T12:33:48","modified_gmt":"2009-11-25T11:33:48","slug":"klein-paradies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2009\/11\/25\/klein-paradies\/","title":{"rendered":"Klein P\u0101radies"},"content":{"rendered":"<p>Eine Welle schwappt an den Strand, tr\u00e4gt kein Korn davon, f\u00fcgt kein Gramm hinzu. Die Wellen kommen und gehen nicht &#8211; sie bleiben.<\/p>\n<p>Du siehst hinunter auf den Tisch, siehst das m\u00fchevoll zubereitete Essen, das sch\u00f6ne Porzellan, die feinen Gl\u00e4ser. Du siehst auch die G\u00e4ste, allesamt Verwandte, Freunde. Und alle zusammen sind sie so &#8211; m\u00fchelos unbeschwert. Und ja;<\/p>\n<p>Solltet ihr nicht gl\u00fccklich sein? K\u00f6nnte es nicht schlimmer sein? K\u00f6nnte es nicht Krieg sein &#8211; k\u00f6nnte es nicht Hass sein?<\/p>\n<p>Nein, nicht Krieg, nicht Hass. Nur Sand. Du wei\u00dft, unter den Tellern, unter den Gl\u00e4sern, unter dem Tischtusch da ist der Sand; warm, weich, jedes Korn so wei\u00df, so wei\u00df, dass es schon fast weh tut &#8211; aber nicht wei\u00df genug. Wei\u00df, aber nicht zu wei\u00df, warm aber nicht zu warm, strahlend aber nicht zu strahlend. K\u00f6nnte es nicht viel schlimmer sein? Nein.<\/p>\n<p>Du legst dich nieder in den Sand, h\u00f6rst die immer gleiche Welle pl\u00e4tschern. Sie streicht \u00fcber den Sand, verliert ihn wieder.<\/p>\n<p>Weit hinten siehst du ein Boot, ein kleines Ruderboot. Es schwankt von links nach rechts, von rechts nach links.<\/p>\n<p>Du k\u00f6nntest, ja du k\u00f6nntest damit fahren; nicht weit, einige Meter nur. Und dann w\u00fcrdest du zur\u00fcckwollen und dich matt ins Wasser gleiten lassen. Zur\u00fcckschwimmen; Schwimmen durch klares Wasser, warm wie der Sand. Durch kleine und gro\u00dfe Wellen, kleine ,aber nicht zu kleine, gro\u00dfe, aber nicht zu gro\u00dfe Wellen. Schlie\u00dflich l\u00e4gst du wieder hier; im Sand. Unter einer Sonne, die dich nicht frieren l\u00e4sst, aber auch nicht verbrennt. In Sand so feink\u00f6rnig und wei\u00df und warm, in Sand der dich w\u00e4rmt, der dich besch\u00fctzt, der warm ist, weil er keinen Winter kennt und keine Nacht.<\/p>\n<p>Du nimmst ein St\u00fcck von deinem Steak, f\u00fchrst die Gabel zum Mund; Oh, wie dieser Sand schmeckt, s\u00fc\u00df wie Kaugummi. S\u00fc\u00df wie die Bonbons, die du als Kind so mochtest. Aber nicht zu s\u00fcss, nicht zu fett.<\/p>\n<p>Was treibt dich in diesen Sand, an diesen Strand, an dieses \u00fcber und \u00fcber vertraute Meer, das Meer ohne Horizont?<\/p>\n<p>Was daran fasziniert, ist nicht sein Ferne; nein. Es ist seine Best\u00e4ndigkeit, es war schon immer da, es wird immer da sein. Du kannst es betreten, jeden Tag, jeden Mittag, jeden Abend. Es ist nie fer,n aber doch unendlich weit von dieser Welt, dieser Welt der Schwierigkeiten, weit von diesen Abgr\u00fcnden; diesen Dingen, die niemand will. Die du nicht willst. Dieser Strand, ja, dieser Strand, liegt dir immer zu F\u00fc\u00dfen. Du musst nur dorthin finden. Wenn du dort bist, dann legst du dich in den Sand. Du legst dich in Sand, der nie zu warm ist und nie zu kalt; du legst dich in Sand, der so warm ist, weil er keine Nacht kennt und keinen Winter.<\/p>\n<p>Du kennst die Nacht; du kennst den Winter. Und deshalb bleibt er dir immer ein wenig fern, bleibt dir fremd, wie die Umarmung eines Fremden, die zwar z\u00e4rtlich sein mag und auch gef\u00fchlvoll, dich aber niemals kennt; dich niemals verstehen kann, weil sie eben dich nicht kennt. Weil sie den Winter nicht kennt. Und die Nacht.<\/p>\n<p>Du liegst in der Badewanne. Der Schaum ist ganz weich, das Wasser so warm und anschmiegsam. Und wieder ist es Sand: Sand, in dem du liegst an diesem Strand, der nur dir geh\u00f6rt. Es gibt dort keine Fernseher, kein Radio, kein Handy, auch wenn diese Dinge ein Weg zu ihm sein m\u00f6gen; Es gibt dort niemanden, der dich informiert, belehrt, ber\u00e4t. Der dir sagt, dass diese oder jene Entscheidung notwendig ist oder wichtig. F\u00fcr den Sand ist nur der Sand wichtig; dem Meer ist nur das Meer wichtig.<\/p>\n<p>Und selbst wenn das Wasser immer das gleiche sein mag, und die Sandk\u00f6rner, die sich so z\u00e4rtlich an deinem K\u00f6rper schmiegen, immer die gleichen Sandk\u00f6rner sein werden: Ist es nicht richtig so? Ist es nicht dein Ort, deine Heimstatt?<\/p>\n<p>Entspannt liegst du in deinem Sessel, und betrachtest flackernde farblose Bilder aus einer anderen Zeit, die es nie gab. &#8222;It will come to you, this love of the land. There&#8217;s no gettin&#8216; away from it.&#8220;, sagt ein Mann. Du kennst den Film, kennst sein Ende; du siehst gerne auf deinen Strand. Deine Gliedma\u00dfen werden schl\u00e4frig, doch dein Geist reist ohne M\u00fche zwischen den zwei Welten, an deren einem Ende der Sand wartet. Warmer, weicher Sand. Einen Moment ist da die Fremdheit, das Wissen, dass dies nur Klein P\u0101radies ist; dann verschwindet jedes Gef\u00fchl. K\u00f6nnte es nicht schlimmer sein? Solltest du nicht gl\u00fccklich sein? Ja, es k\u00f6nnte schlimmer sein. Ja, du solltest gl\u00fccklich sein. Dieser &#8211; dein Strand &#8211; verspricht nicht die Ewigkeit, er ist Ewigkeit.<\/p>\n<p>Partner kannst du verlieren, Jobs, Freunde, Hobbies, Ziele. Der Strand wird immer das bleiben, was er ist; wird immer dort warten, wo er ist. Die Welt, ja selbst Scarletts Welt, ist nicht so weich und warm wie dein Strand. Andere m\u00f6gen glauben, der Strand k\u00f6nne nicht der Bestimmungsort aller Leben sein. Es ist egal, denn andere gibt es an deinem Strand nicht. Nur dich, das Wasser, den Sand.<\/p>\n<p>Du sitzt auf einem Stuhl in deinem B\u00fcro, blickst auf Zahlen und Daten und Aufgaben, auf viel zu wenig Zeit. Einen Moment Pause gestattest du dir, atmest tief ein und h\u00f6rst das Rauschen der immer gleichen Welle. Denkst an den Strand, den du wieder betreten kannst, wenn die Uhr Sechs zeigt. Du wei\u00dft es genau: Um Sechs wirst du wieder da sein, schon auf der Autofahrt, vielleicht, wenn das Radio alte Musik spielt. Vielleicht auch schon auf dem Weg in den Fahrstuhl; die T\u00fcren werden sich \u00f6ffnen, und du wirst l\u00e4cheln, weil du gar nicht mehr im Lift stehst, sondern bis zu den Knien im Sand. Noch ist es nicht soweit; die Uhr zeigt Vier. Noch wei\u00dft du, dass es anderes gibt, andere Menschen, andere Ziele, andere Zwecke, anderen Schmerz. Bald wird eine Welle das Wissen davonsp\u00fclen, genau wie jeden Gedanken. Als letztes wird ein bestimmter Satz verblassen, immer der gleiche.<\/p>\n<p>Es gibt nur den Strand; mehr als Klein P\u0101radies kann man nicht erwarten.<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>PS: Die Notation P\u0101radies soll andeuten, dass die erste Silbe betont wird<\/em><em><\/em><em>.<br \/>\nDieser Text ist eine Niederschrift eines Improvisationsversuchs, den ich vor einigen Wochen per Mobiltelefon aufnahm. Die letzten vier Abs\u00e4tze habe ich nach der Abschrift hinzugef\u00fcgt.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Welle schwappt an den Strand, tr\u00e4gt kein Korn davon, f\u00fcgt kein Gramm hinzu. Die Wellen kommen und gehen nicht &#8211; sie bleiben. Du siehst hinunter auf den Tisch, siehst das m\u00fchevoll zubereitete Essen, das sch\u00f6ne Porzellan, die feinen Gl\u00e4ser. Du siehst auch die G\u00e4ste, allesamt Verwandte, Freunde. 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