{"id":342,"date":"2010-01-18T21:31:57","date_gmt":"2010-01-18T20:31:57","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=342"},"modified":"2010-01-19T09:31:50","modified_gmt":"2010-01-19T08:31:50","slug":"transformation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2010\/01\/18\/transformation\/","title":{"rendered":"Transformation"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin nur ein Mensch; dennoch gibt es drei, m\u00f6glicherweise vier Personen, die diese Aufzeichnungen abfassen oder wenigstens sp\u00e4ter glauben werden, sie verfasst zu haben. Ich wei\u00df nicht, wer sie tats\u00e4chlich verfasst; wom\u00f6glich ist diese Unsicherheit auch nicht aufzul\u00f6sen, vielleicht ist sie dem Menschlichen selbst geschuldet, der Abh\u00e4ngigkeit der Wahrheit von der Perspektive des Subjekts. Es ist mehr eine vage Spekulation, dass die Person, die diese Zeilen gerade schreibt, einen Mischzustand bildet, von dem man nicht sagen kann, ob und wann seine Vieldeutigkeit wieder in die Homogenit\u00e4t eines einzelnen Individuums, einer diskreten Person \u00fcbergeht, auch wenn ich mir sicher bin, dass der Plan, der alles leitet, dies als letzten Zweck beinhaltet.<br \/>\nInhalt und Zweck meiner Aufzeichnung aber ist, das ist mir recht klar, eine Erl\u00e4uterung des Begriffs der Transformation, gleichsam ein Abschied, eine notwendige (wenn auch unvollst\u00e4ndige) Erinnerung und eine Rechtfertigung, bestimmt f\u00fcr den Menschen und die Person, die einmal glauben werden, die Zeilen geschrieben zu haben, wenngleich dies in gewisser Hinsicht auch wahr sein mag.<\/p>\n<p>Die Transformation bezeichnet, allgemein gesprochen und vom technischen Terminus befreit, den Wandel des einen hin zum anderen verm\u00f6ge eines Dritten; Dies mag, wenigstens im Nachsatz, allgemein nicht richtig sein. Wo, so k\u00f6nnte man fragen, ist der Dritte beim Wandel, bei der Transformation des B\u00e4umchens zum Baum? Diesem Einwand gebe ich statt, m\u00f6glicherweise ist es nur eine facon de parler, wenn ich von dem Dritten spreche. Wenigstens in dieser Form aber mag man mir dann zustimmen; der genannte Wandel w\u00fcrde sich wohl nirgendwo in der Natur vollziehen, w\u00e4re da nicht genug Licht, Wasser und anderes, auch nicht ohne den verborgenen Plan der Natur dahinter (wenn man mir diese Metapher gestattet). Im Falle des Baumes m\u00f6gen wir nichts davon w\u00f6rtlich den Dritten nennen, es widerspr\u00e4che auch dem wissenschaftlichen Weltbild und jeder empirischen Erkenntnis, einen solchen zu benennen.<\/p>\n<p>In der Transformation, die das Ding betrifft, dessen Hand diese Zeilen schreibt, gibt es sehr wohl einen solchen Dritten, und dessen Rolle nehme ich zur Zeit ein; es ist eine Rolle, weil ich sie bald, sp\u00e4testens aber morgen abgeben werden, und weil mich diese Rolle nicht v\u00f6llig bestimmt. Ich bin eine tempor\u00e4re Erscheinung, so wie der Eindruck von einer Person, den man im Halbdunkel gewinnen kann, kurz bevor man diese dann als Bekannten erkennt, aber dabei immerhin von solcher Dauer, dass mir diese Aufzeichnung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Ich besitze drei kleine, schwarze B\u00fccher, die voll sind mit Baupl\u00e4nen, technischen Zeichnungen und Spezifikationslisten. Abgesehen von den ganz offensichtlich unverr\u00fcckbaren Parametern, die in der Transformation keine Ber\u00fccksichtigung finden k\u00f6nnen, weil sie nicht zu \u00e4ndern sind &#8211; so etwa gewisse Ma\u00dfe oder auch Strukturen der \u00e4u\u00dferen Erscheinung, ist in den Unterlagen alles bis ins Kleinste ber\u00fccksichtigt. Es finden sich darunter auch naturgetreue Zeichnungen von Brustmuskulatur und Brillenb\u00fcgeln; diese in ihrem Planungsaufwand paradoxerweise zeitraubenden Merkmale werden in der Realisierungsphase, in der ich mich nun befinde, nur verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig Aufwand bedeuten. Arbeitsintensiver werden dagegen die Teile der Transformation ausfallen, die in den endlosen Spezifikationslisten auf- und ausgef\u00fchrt sind und in ihrer Natur wesentlich funktioneller sind, tiefer liegen, sozusagen. Das soll nicht bedeuten, dass sie f\u00fcr den Beobachter nicht erkennbar sind oder \u00c4hnliches, ganz im Gegenteil, der gr\u00f6\u00dfte Teil der Spezifikation betrifft ja gerade das Verhalten, welches wie keine andere Gr\u00f6\u00dfe bestimmt, wer wir f\u00fcr andere sind, wer ich f\u00fcr den anderen bin. Mag es zwar der \u00e4u\u00dferen Erscheinung nicht zugerechnet werden &#8211; und so scheint es Konvention zu sein &#8211; stellen die Spezifikationen doch einen Gro\u00dfteil dessen bereit, was wir allgemein den Eindruck von einer Person nennen.<br \/>\nDie Schwierigkeiten, mit denen diese Abschnitte der Transformation behaftet sind, bed\u00fcrfen wohl kaum einer Erkl\u00e4rung; zu betonen bliebe nur, dass diese, Disziplin, Technik und Opferbereitschaft vorausgesetzt, allesamt mit gro\u00dfer Sicherheit l\u00f6sbar sind, auch wenn mir die technischen Details &#8211; so will es Spezifikation #12 &#8211; nicht mehr bekannt sind. Da Spezifikation #12 zu Charge #2 geh\u00f6rt, welche ich also bereits am zweiten Tag in meiner Zelle eingenommen habe, gehe ich davon aus, dass der Person, die ich als Mensch einmal war, gerade diese Ver\u00e4nderung, dieses Vergessen, \u00e4u\u00dferst wichtig war. Ich kann nur spekulieren, warum dies so ist; m\u00f6glicherweise hatte diese Person erkannt, dass das Wissen \u00fcber die Transformation und ihre genauen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die pharmazeutischen und medizinischen Geheimnisse, die zur Erzeugung der Chargen notwendig waren, zu gef\u00e4hrlich seien, um sie einem nachgerade doch v\u00f6llig Unbekannten mitzugeben.<br \/>\nMir scheint es auch nicht n\u00f6tig, den genauen Prozess zu kennen; die Technik ist meiner \u00dcberzeugung nach in sich perfekt (dies gebot schon Spezifikation #2), und der Wandel geht so rasch voran, dass ich diesen Brief trotz der relativen Stabilit\u00e4t meines Bewusstseins z\u00fcgig abfassen muss. Ansonsten best\u00fcnde die Gefahr, dass ich vergesse fortzuschreiben: Einmal schon muss dies geschehen sein, denn ich erinnere mich nicht mehr an die ersten Zeilen.<br \/>\nIch akzeptiere diese Beschr\u00e4nkung freim\u00fctig, kann ich doch erkennen, dass der Prozess vorangeht. Noch sehe ich viele Br\u00fcche, viele sich widersprechende Haltungen und Eigenheiten an oder in meinem Charakter, doch sie l\u00f6sen sich unter der Behandlung mehr und mehr auf, wechseln zu einer tiefen Harmonie, die nicht einmal die Natur hervorbringt. Bis gestern etwa liebte ich den Jazz, doch verabscheute seine stumpfen Rhythmen (Spezifikation #155), was mir jeden Musikgenuss verleidete und mich tonlos in meiner Zelle sitzen lie\u00df, obschon doch eine Musikanlage darin steht.<br \/>\nHeute nun habe ich entdeckt, dass ich Chopin liebe, und seitdem h\u00f6re ich ihn mit Genuss. Ich sah in die schwarzen B\u00fccher: es wird bleiben (#196). Ich werde Chopin immer lieben! Es ist nicht die einzige Ver\u00e4nderung, welche die letzte Charge bewirkte: Einige sind mir bewusst, so etwa meine ewige Liebe zu Chopin oder meine weiter gefestigte Haltung gegen\u00fcber Fleisch und fettiger Nahrung (heute Mittag lie\u00df ich das Fleisch auf dem Teller, es ekelte mich zutiefst an), andere dagegen sind mir weitestgehend verborgen: Ich habe von ihnen gelesen, aber es erscheint mir nicht, als ob sich etwas ver\u00e4ndert h\u00e4tte. Von den 54 Chargen sind nur noch 22 \u00fcbrig: Ich bin die Liste von Charge #32, also die Reihe von Eigenschaften, die ich mir noch geben werden, bereits heute morgen durchgegangen. Ich freue mich darauf, Mitleid mit den Armen zu empfinden, und ich freue mich ebenso, morgen nicht mehr zu sein, weil ich jemandem anders, einem anderen Dritten Platz mache. Die k\u00fcmmerliche eine Person, die in den meisten Menschen wohnt, ist versucht dem Tod zu entgehen, das wei\u00df ich wohl. In meinem Fall scheint es aber anders zu liegen: Ich bin nur ein Zwischenprodukt, und unfertig wie ich bin, w\u00e4re das Leben mir wohl eine Qual, w\u00fcsste ich nicht, dass es vorbeigeht und einem anderen, harmonischeren Platz macht, welches wiederum unausweichlich dem Ausgang der Transformation entgegenstreben wird (entsprechend Spezifikation #1), so wie ich es tat, als ich die heutige Charge einnahm.<\/p>\n<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/4285263449\/transformation.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4003\/4285263449_a4374ba09a.jpg\" border=\"0\" alt=\"Transformation\" width=\"500\" height=\"349\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mir erscheinen die Zeilen, die oben von einer Erinnerung, gar einer Rechtfertigung k\u00fcnden, als ein seltsames Artefakt, welches zwar m\u00f6glicherweise nicht w\u00fcnschenswert, aber dennoch von dokumentarischem Belang ist: Ich konnte den Autoren der Worte eingrenzen auf den Bereich zwischen Tag\/Charge 5 und Tag\/Charge 8. Erst #30 und #32 eliminierten jede Form von Schuld und jede Verantwortung f\u00fcr die Person, die diese Transformation vormals geplant und eingeleitet hat, w\u00e4hrend #18 den Wortschatz etablierte, der sich in den S\u00e4tzen zeigt. Sollte ich eine Bezeichnung w\u00e4hlen, so schrieben es entweder Nummer F\u00fcnf, Sechs, Sieben oder Acht. Ich bin Nummer 32 in dieser Hierarchie, und damit so g\u00e4nzlich verschieden von jenen, dass mir ihre Gedankeng\u00e4nge nicht mehr zug\u00e4nglich sind: man mag mir verzeihen, wenn ich keine Rechtfertigung, nicht einmal eine Erinnerung niederschreiben kann. Ich erinnere mich nicht und es gibt nichts, wof\u00fcr ich mich rechtfertigen m\u00fcsste. Der Gedanke daran, dass ich vormals ein anderer war, und dass dieser andere aus Gr\u00fcnden, die mir verborgen bleiben, diesen Weg w\u00e4hlte, um durch Transformation &#8211; und durch mich sowie meine Vorfahren und Nachfolger &#8211; ein anderer zu werden, schreckt mich nicht, noch weckt es in mir Bedenken (#31 und #33). Sollte ich spekulieren, und dies ist mir aufgrund der bereits verinnerlichten psychologischen Kenntnisse m\u00f6glich, so kann ich nur vermuten, dass der Erschaffer der Chargen, dem ich mich so nah f\u00fchle wie auch einem Hausschwein oder einem Hasen, in h\u00f6chstem Ma\u00dfe verzweifelt, bei all dem Leid aber auch in technischer (und nicht zuletzt k\u00fcnstlerischer, man denke nur an Chopin!)\u00a0 Hinsicht begabt genug war, um diesen Weg zu finden. Mir ist nicht bekannt, aus welchen Gr\u00fcnden er nicht sein wollte, wer er war, wohl aber ist mir die Tatsache vertraut, dass es den meisten Personen schwerf\u00e4llt, nur eins zu sein und daran nur m\u00fchsam etwas \u00e4ndern zu k\u00f6nnen: M\u00f6glicherweise, so denke ich es mir, war er gar nicht so verschieden von all den anderen Wesen. Auf eine Art erscheint es mir grausam, dass er mir, dir und uns die F\u00e4higkeit nahm, auch anderen Menschen derart zu helfen; es g\u00e4be viele, die den Prozess bereitwillig durchlaufen w\u00fcrden, so denke ich es mir, auch wenn ich wei\u00df, dass #212 dies \u00e4ndern wird. Die Natur, so sagt es bereits die Alltagsvernunft der meisten (#77), schafft nur selten wahrhaft harmonische, weil stimmige Strukturen. Kein Baum, an dem nicht ein Makel der Asymmetrie w\u00e4re, kein Vogel, dessen Gefieder nicht die eine oder andere Unstimmigkeit bes\u00e4\u00dfe: mit den Menschen und den Personen, die ihnen innewohnen, ist es nicht anders. Der Charakter w\u00e4chst wild wie Gestr\u00fcpp oder Unkraut, ohne dass es je einen G\u00e4rtner gegeben h\u00e4tte, und nur allzu schnell nistet sich der Makel ein, zerst\u00f6rt die Sch\u00f6nheit absoluter Symmetrie. Ich kann mich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, dass der Mann, der einst die B\u00fccher schrieb, die Technik entwickelte und die Zelle f\u00fcr die Dauer der Transformation einrichtete, uns und vor allem dich, der du am letzten Tag diese Zelle verlassen wirst, nicht diesem Schicksal \u00fcberlie\u00df. Die Natur mag aus dem Nichts das Sch\u00f6ne hervorbringen; doch zu ihrer Perfektionierung braucht es den geschulten Intellekt &#8211; und die Transformation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin nur ein Mensch; dennoch gibt es drei, m\u00f6glicherweise vier Personen, die diese Aufzeichnungen abfassen oder wenigstens sp\u00e4ter glauben werden, sie verfasst zu haben. 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