{"id":350,"date":"2010-04-27T02:21:31","date_gmt":"2010-04-27T00:21:31","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=350"},"modified":"2010-04-28T00:54:50","modified_gmt":"2010-04-27T22:54:50","slug":"die-weise-stadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2010\/04\/27\/die-weise-stadt\/","title":{"rendered":"Die wei\u00dfe Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Im Morgengrauen erreichte ich die Mitte des Plateaus.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie lange ich dorthin unterwegs war; auch wei\u00df ich nicht, wie ich \u00fcberhaupt dorthin gelangt war, in diese endlose W\u00fcste aus Fels und Staub. Ich erinnere mich nur, dass der Weg \u00fcber das Plateau eine Ewigkeit zu dauern schien, und als ich ganz zu mir kam, da stand ich auf der h\u00f6chsten Spitze des Bergr\u00fcckens und starrte in die aufsteigende Sonne.<br \/>\nDie Kleidung, die ich trug, muss viel zu d\u00fcnn gewesen sein f\u00fcr eine kalte Nacht in der W\u00fcste, denn sie bestand nur aus einem einteiligen Arbeitsoverall. Ein Schild auf der Brusttasche war der einzige Hinweise auf meine Herkunft oder Identit\u00e4t: 2\/4\/47 stand darauf. Mit trockenem Mund las ich es wieder und wieder, suchte nach Erinnerung oder wenigstens Vertrautheit in der Zahl, doch trotz dieser gro\u00dfen Verwirrtheit in mir begriff ich zumindest, dass mir die kr\u00e4ftiger werdende Sonne einen schnellen Tod versprach, wenn ich nicht Schutz vor ihr fand. Ich sah mich lange um, blickte in jede Richtung der \u00d6dnis, und schlie\u00dflich entdeckte ich am Horizont eine schmale Linie, die sich quer durch die Ebene zu ziehen schien. Zun\u00e4chst hielt ich sie f\u00fcr eine Fata Morgana, eine letzte, fatale T\u00e4uschung, und f\u00fcr einige Momente blieb ich unschl\u00fcssig; da ich jedoch ansonsten nichts entdeckte, was in irgendeiner Weise auff\u00e4llig oder viel versprechend war, sondern in jeder Richtung nur den endlos abfallenden Fels sah, schlug ich dennoch diesen Weg ein, hin zu dem glitzernden Band.<br \/>\n<a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" title=\"Die Wei\u00dfe Stadt\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/4556543748\/die-weise-stadt.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 2px solid black; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3045\/4556543748_73d1f02099.jpg\" alt=\"Die Wei\u00dfe Stadt\" width=\"400\" height=\"370\" \/><\/a> Schnell wurde das Sonnenlicht so hell, dass ich das Band nur mit zusammengekniffenen Augen sehen konnte; ebenso kam die Hitze und lie\u00df mich den Overall \u00f6ffnen. An der Au\u00dfenseite war ein G\u00fcrtel befestigt, so dass ich die \u00c4rmel daran befestigen und den Overall bis zur H\u00fcfte abstreifen konnte. Ein kleines, bedrucktes Emblem fiel mir in die H\u00e4nde, als ich die \u00c4rmel festzurrte: Es war aus wei\u00dfem Stoff, und die offenen N\u00e4hte am oberen Ende verrieten, dass es zum Overall geh\u00f6rte. Darauf abgebildet war die Silhouette einiger Kirch- oder B\u00fcrot\u00fcrme, jedenfalls die vergr\u00f6berten Konturen einer Stadt, deren Fl\u00e4chen &#8211; von schwarzen Linien getrennt &#8211; aus dem bl\u00fctenwei\u00dfen Stoff bestanden, und der seltsame Schriftzug &#8222;remove worker before washing&#8220;.<br \/>\nIch kann nicht sagen, wie viel Zeit ich f\u00fcr den Weg zu den Schienen ben\u00f6tigte. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, die fast kerzengerade am Horizont aufgestiegen war, m\u00fcssen es etwa drei Stunden gewesen sein, vielleicht auch nur zwei: in der Hitze und ohne Wasser kam es mir um ein Vielfaches l\u00e4nger vor. Ich erinnere mich, wie ich mich lange, noch l\u00e4ngere Zeit dahinschleppte, dabei von Zeit zu Zeit beinahe stolperte und nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche \u00fcber kleinen Erhebungen und Steine hinwegkam, die auf meinem absch\u00fcssigen Weg lagen. Mein Kopf wurde vom ewig gleichen Anblick der Felsw\u00fcste und der Anstrengung ganz taub, und eine genaue Erinnerung fehlt mir wohl. Ich sah einige Dinge, von denen ich daher nicht wei\u00df, ob sie wirklich da waren, oder ob ich sie erfand: Einmal sah ich einen gro\u00dfen, wei\u00dfen B\u00fcroturm, auf den ich zuschritt, das war sicher eine Illusion. Ein anderes Mal aber sah ich ein Tier; es war weit weg, als ich es ersp\u00e4hte, und so klein, dass ich nicht genau sagen kann, ob es eine Art Katze oder ein Wolf war, oder sogar ein gro\u00dfer Hund. Es muss mich gesehen oder gewittert haben; starr blickte es mich f\u00fcr einen Augenblick an, dann lief es davon. Einen Moment sp\u00e4ter war es wieder verschwunden. Ich wei\u00df nicht, ob auch dieses Tier eine Einbildung war. Damals dachte ich jedoch, dass diese Richtung nicht die schlechteste sein konnte, wenn ich sogar in dieser trostlosen Landschaft ein so gro\u00dfes Tier traf.<br \/>\nAls ich die Schienen schlie\u00dflich erreichte, legte ich die Hand sch\u00fctzend \u00fcber meine Augen, um genauer zu erkennen, was ich gefunden hatte; es waren tats\u00e4chlich Bahnschienen, und der blanke Stahl lie\u00df mich glauben, dass hier oft Z\u00fcge entlang kamen. Viel aufgeregter wurde ich jedoch, als ich das leise Rauschen h\u00f6rte, welches aus einem neben den Schienen verlaufenden Rohr kam. Es hatte die Farbe des Sandes, und in geringer Entfernung sah ich einen silbriges Ventil gl\u00e4nzen, welches aus dem Rohr hervorstand: ich kniete mich davor, drehte hektisch daran, und tats\u00e4chlich schoss eine Fl\u00fcssigkeit heraus, fast so klar wie Wasser; ich legte mich halb unter das Ventil und trank, bis der Strom versiegte. Schon etwas weniger durstig, aber noch lange nicht befriedigt riss ich an dem kleinen R\u00e4dchen, welches das Wasser zum Flie\u00dfen gebracht hatte. Das Rauschen war noch da, hatte auch nicht abgenommen, und dennoch kam kein Wasser mehr aus dem Auslass. Schlie\u00dflich versuchte ich das Ventil ganz abzurei\u00dfen, trat und schlug dagegen, ich legte mich sogar ganz unter das Rohr und stemmte mich mit aller Kraft dagegen, um es aus der F\u00fchrung zu brechen &#8211; ohne Erfolg. Ich entdeckte einen kleinen Schriftzug unter dem Ventil; in wei\u00dfer Schrift blinkte dort warnend<br \/>\n&#8222;Arbeit schafft Wohlstand&#8220;<br \/>\nIch gab mich geschlagen, klopfte den Staub von meinem Anzug und nahm meinen Weg entlang der Schienen auf; wenn es hier ein Ventil gab, dann gab es vielleicht \u00fcberall entlang der Schienen Ventile. Die einzuschlagende Richtung war f\u00fcr mich leicht zu ermitteln; alle paar Meter wies ein Pfeil auf der Wasserleitung die Flie\u00dfrichtung. Die Sonne war inzwischen schon lange v\u00f6llig unertr\u00e4glich, und w\u00e4hrend ich den Schienen folgte, riss ich die \u00c4rmel meines Overalls in Streifen und fertigte eine Art improvisierten Turban daraus, der mich mehr schlecht als recht vor der Sonne sch\u00fctzte. Ich z\u00e4hlte ab, wie viele der Pfeile ich passierte, und nach 150 Pfeilen traf ich wieder auf ein Ventil: kein Schriftzug war darunter zu sehen. Ich trank, dieses Mal aber \u00f6ffnete ich den Hahn vorsichtig, um nichts zu besch\u00e4digen. Aber auch an diesem Ventil floss das Wasser nur kurz, und als ich wieder aufstand, sah ich aus den Augenwinkeln das wei\u00dfe Blinken, dass ich zuvor schon gesehen hatte. Ich verstand das System und ging weiter an den Schienen entlang.<br \/>\nAls ich das sechste oder siebte Ventil hinter mir gelassen hatte, wurden mir zwei Dinge klar: Zum einen handelte es sich bei der Fl\u00fcssigkeit in der Leitung auf keinen Fall um Wasser. Ich f\u00fchlte, wie leer mein Magen war, und abgesehen davon, dass ich schon mehr als sechs Stunden unterwegs sein musste, konnte ich mich nicht daran erinnern, ob ich jemals etwas gegessen hatte. Selbst wenn ich mein letztes Mahl vor sechs Stunden gehabt h\u00e4tte, so h\u00e4tte mein Hunger schon lange zur\u00fcckkehren m\u00fcssen aber das geschah nicht: Die einzige plausible Erkl\u00e4rung war die Fl\u00fcssigkeit, die ich alle 150 Pfeile aufnahm.<br \/>\nDie zweite Erkenntnis betraf ebenso die Fl\u00fcssigkeit, die stets h\u00f6rbar durch die Leitungen gurgelte, und war weniger positiv: Ich beobachtete, wie mein Durst von Ventil zu Ventil gr\u00f6\u00dfer wurde, w\u00e4hrend vermutlich immer die gleiche Menge heraussprudelte. Zun\u00e4chst hatte ich es f\u00fcr ein normales Ph\u00e4nomen gehalten, bei dieser Hitze und meinem allgemeinen Zustand, dann jedoch bemerkte ich den salzigen Geschmack in meinem Mund.<br \/>\nNach zehn Ventilen kam mir zum ersten Mal ein Zug entgegen: Ich h\u00f6rte ihn schon aus gro\u00dfer Entfernung heranrauschen, und zun\u00e4chst blieb ich auf den Schienen stehen, um zu sehen, ob er anhalten w\u00fcrde. Als der wei\u00dfe Punkt am Horizont jedoch sehr schnell gr\u00f6\u00dfer wurde, besann ich mich eines Besseren und verlie\u00df das Gleisbett: Ich wei\u00df nicht, wie schnell der Zug war, aber mir kam er unglaublich schnell vor. Die ganz wei\u00df get\u00fcnchten Wagen rasten an mir vorbei, ohne abzubremsen. Ich sah keine Passagiere und auch keinen Zugf\u00fchrer. Die Fenster, wenn es denn Fenster waren, waren verspiegelt und ich sah nur meine heruntergekommene Gestalt darin. Als der Zug sich entfernt hatte, entschied ich mich, dennoch in dieser Richtung weiterzugehen, weniger deshalb, weil ich dort weitere Z\u00fcge vermutete, als vielmehr wegen der Ventile, die in dieser Richtung eine kurze Erleichterung versprachen. Der Salzgeschmack in meinem Mund war inzwischen unertr\u00e4glich, und ich schleppte mich nur noch von Ventil zu Ventil. Ich wei\u00df nicht, wie viele es am Ende waren.<br \/>\nIrgendwann h\u00f6rte ich jedoch ein fernes Donner, und als ich die Augen zusammenkniff, sah ich etwas Schwarzes auf den Gleisen. Das Ger\u00e4usch wurde lauter, und ich begriff, dass es sich um einen wesentlich langsameren Zug handeln musste. Kaum merklich, aber stetig kroch er auf mich zu. Ich ging ihm entgegen, bis zu einem weiteren Ventil, von dem ich trank, ohne den schwarzen Triebwagen, den ich inzwischen erkennen konnte, aus den Augen zu lassen. Dann setzte ich mich neben die Gleise und wartete.<br \/>\nNach einer Weile erkannte ich immer mehr Details. Die Front des Triebwagens war schwarz, und hinter den durchsichtigen, aber vergitterten Fenstern konnte ich Personen erkennen, offenbar den Zugf\u00fchrer. Der Wagen schien mir sehr alt zu sein, und an einigen Kanten blitzte unter der vom W\u00fcstensand abgeriebenen Farbe der blanke Stahl. Die Front des Zuges war zugespitzt, wie bei einer Art Rammbock, und aus der N\u00e4he wurde das L\u00e4rmen der Motoren unertr\u00e4glich laut. Als der Zug nur noch wenige hundert Meter entfernt war, beschlich mich pl\u00f6tzlich eine seltsam vertraute Angst: Ich dachte dar\u00fcber nach, in die W\u00fcste zu laufen und auf den n\u00e4chsten Zug zu warten. Andererseits aber wusste ich, dass der Durst noch schlimmer werden w\u00fcrde, wenn dieser Zug mich nicht mitnahm. Und au\u00dferdem, wohin sollte ich laufen? Die W\u00fcste schien in jede Richtung weit und flach zu sein, das Plateau musste ich schon lange hinter mir gelassen habe. Man w\u00fcrde mich \u00fcber Kilometer hinweg sehen k\u00f6nne, selbst wenn ich mich flach auf den Boden werfen w\u00fcrde. Schlie\u00dflich verwarf ich meine Bedenken und blieb sitzen, bis der Zug einige Meter vor mir knirschend hielt: Dann stand ich auf und ging mit langsamen Schritten auf das Unget\u00fcm zu.<br \/>\nEine T\u00fcr \u00f6ffnete sich an der Seite des F\u00fchrerhauses: Zwei Soldaten stiegen aus. Sie trugen Gewehre, die aber locker vor ihnen baumelten, und wei\u00dfe Uniformen, die an einigen Stellen fleckig waren. Ich schluckte meine aufkeimende Panik herunter und l\u00e4chelte die beiden gequ\u00e4lt an, w\u00e4hrend sie mir entgegen gingen. &#8222;Hallo&#8230;&#8220; rief ich her\u00fcber. &#8222;Identifizieren sie sich bitte.&#8220; antwortete einer der Soldaten. &#8222;Ich bin schon lange in der W\u00fcste, ich wei\u00df nicht&#8230;&#8220; &#8222;Identifizieren sie sich!&#8220; unterbrach mich der Soldat herrisch. &#8222;2\/4\/47&#8220; antwortete ich, bevor ich dar\u00fcber nachdenken konnte, &#8222;2\/4\/47&#8220;. &#8222;Zwei&#8230; ein Arbeiter.&#8220; raunten sich die Soldaten zu. Sie griffen nach ihren Waffen. &#8222;Steigen Sie ein, Zwei.&#8220; br\u00fcllte mich einer der beiden an. Sie deuteten mir, zu ihnen aufzuschlie\u00dfen. Ich gehorchte; sie brachten mich nicht ins F\u00fchrerhaus, aus dem die beiden geklettert waren, sondern weiter nach hinten, zu den angeh\u00e4ngten Waggons, die ich bisher nicht gesehen hatte. Sie sahen noch \u00e4lter aus als der Triebwagen: Es handelte sich offenbar um Personenwaggons, auch wenn man sie umgebaut hatte. Die Fenster waren \u00fcberall durch dichte Stahlgitter ersetzt worden, und an einigen Stellen waren noch Reste der urspr\u00fcnglich wei\u00dfen Au\u00dfenlackierung zu sehen: Durch die Gitter blickten mich einige Menschen an, die offenbar auch Overalls trugen; die meisten wirkten \u00e4u\u00dferst desinteressiert. An einem der Waggons war eine T\u00fcr angebracht; einer der Soldaten schloss sie auf, w\u00e4hrend der andere mich in Schach hielt. Sie deuteten mir, hineinzusteigen, und als ich nicht schnell genug reagierte, gab mir einer der beiden einen Schlag ins Genick. Unsanft landete ich auf dem Boden des stickigen Waggons, und hinter mir h\u00f6rte ich die beiden lachen. Die T\u00fcr schloss sich wieder, und einige Sekunden sp\u00e4ter setzte sich der Zug in Bewegung.<a class=\"tt-flickr tt-flickr-Medium\" title=\"Die Wei\u00dfe Stadt (2)\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/4556543248\/die-weise-stadt-2.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"border: 2px solid black; margin: 2px;\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4025\/4556543248_c71a58272e.jpg\" alt=\"Die Wei\u00dfe Stadt (2)\" width=\"449\" height=\"500\" \/><\/a><br \/>\nIch stand auf und rieb mir das schmerzende Genick. Meine Anwesenheit schien keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Die meisten Fahrg\u00e4ste schienen nach dem Zwischenhalt wieder zu d\u00f6sen. Ich versuchte einige zu wecken, stie\u00df sie sanft, sp\u00e4ter ruppig an, doch sie reagierten nicht auf meine Ansprache: Schlie\u00dflich setzte ich mich auf einen freien Platz und dachte wieder an meinen unstillbaren Durst. Ich entdeckte einen kleinen, vergitterten Bildschirm an der vorderen Wand des Waggons. Er zeigte &#8211; offenbar in einer Endlosschleife &#8211; Schriftz\u00fcge: &#8222;Wir in Europa&#8220; war darunter, aber auch &#8222;Wir k\u00f6nnen es besser&#8220;. Ich erkannte auch den Satz, den ich an den Ventilen immer wieder gefunden hatte. Als sich meine Augen besser an das D\u00e4mmerlicht im Waggon gew\u00f6hnt hatten, sah ich den kleinen, verstaubten Hahn im hinteren Teil des Wagens. Dar\u00fcber prangte ein kleines Eingabefeld, dem ich zun\u00e4chst keine gro\u00dfe Beachtung schenkte. Ich verlie\u00df meinen Platz und sah mir den Hahn n\u00e4her an: Er war anders als die Ventile in der W\u00fcste. Inzwischen konnte ich f\u00f6rmlich sp\u00fcren, wie sich Salzkristalle in meinem Mund sammelten, und so z\u00f6gerte ich nicht, den Schraubverschluss zu drehen.<br \/>\nDer Stromsto\u00df warf mich erneut zu Boden. Vielleicht war ich auch einige Minuten bewusstlos, jedenfalls fand ich mich auf dem Boden wieder: Mein Kopf schmerzte, und die Hand zitterte unabl\u00e4ssig. Ich stemmte mich wieder hoch, schonte dabei die kribbelnde Hand und sah, dass das Eingabefeld \u00fcber dem Hahn leuchtete. Eine Zeile blinkte \u00fcber dem winzigen Tastenfeld:<br \/>\n7 + 8 =<br \/>\nEinige Momente musste ich mich sammeln, dann verstand ich. Mit der linken Hand, die nicht zitterte, tippte ich 15.<br \/>\n&#8222;Bildung ist ein B\u00fcrgerrecht.&#8220;<br \/>\nfunkelte mir das Display entgegen, dann schoss eine Fl\u00fcssigkeit aus dem Hahn, und ich trank begierig. Es schmeckte anders: ich glaube, es war kein Salz darin, daf\u00fcr schmeckte das Wasser seltsam k\u00fcnstlich. Nach einigen Sekunden versiegte der Strom wieder, und ich sah auf dem Bildschirm<br \/>\n4 x 5 =<br \/>\nEinige Male tippte ich die jeweilige L\u00f6sung, um weiter trinken zu k\u00f6nnen, schlie\u00dflich wurde ich sehr, sehr m\u00fcde. Mir wurde pl\u00f6tzlich bewusst, dass ich schon seit weit mehr als 10 Stunden unterwegs war, und der Gedanke an die harte Polsterung der Sitze wurde immer verf\u00fchrerischer. Dass etwas im Wasser daf\u00fcr verantwortlich gewesen sein muss, erkannte ich eher beil\u00e4ufig und ohne, dass ich lange dar\u00fcber nachdachte. Ich schleppte mich nur noch zu einem der freien Sitze, lie\u00df mich fallen und schlief auf der Stelle ein.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie lange ich schlief oder wie lange wir unterwegs waren. Zweimal wurde ich in der Nacht wach, und im Dunkeln tastete ich mich zu dem Wasserhahn vor, um nach dem L\u00f6sen einer Aufgabe wieder trinken zu d\u00fcrfen; dann schlief ich wieder. Am Tag (wahrscheinlich war es der n\u00e4chste Tag, vielleicht aber auch der \u00fcbern\u00e4chste) hielten wir einmal an. Ich registrierte kaum, wie die Soldaten drau\u00dfen eine Frau zwangen, in den Waggon zu steigen. Als der Zug rollte, schlief ich wieder. Ich tr\u00e4umte ein wenig, aber wenn ich es mir recht \u00fcberlege, kann ich nicht sagen, was genau ich tr\u00e4umte: Es hatte mit dieser wei\u00dfen Stadt zu tun, denke ich, aber mehr als die ferne Silhouette ihrer T\u00fcrme kann ich mir nicht mehr ins Ged\u00e4chtnis rufen.<br \/>\nSchlie\u00dflich weckte mich ein Soldat unsanft. Er spr\u00fchte mir irgendwas K\u00fchles ins Gesicht, und als mich r\u00fchrte, herrschte er mich an, wach zu bleiben, damit das Mittel schneller wirke. Meine M\u00fcdigkeit verflohg und ich sah nach drau\u00dfen: Wir waren an einem Bahnhof angekommen. Er war \u00fcberdacht, und ich konnte nirgendwo Schilder sehen, wusste also nicht, wo wir waren. Auf dem Gleis neben uns stand ein weiterer Zug, ebenfalls ein altes Modell mit vergitterten Fenster\u00f6ffnungen: Er war leer. Zur anderen Seiten konnte ich zehn oder vielleicht sogar zwanzig Bahnhgleise sehen, und weit entfernt erkannte ich Menschen, die in einen der wei\u00dfen Schnellz\u00fcge einstiegen. Ich beobachtete auch den Soldaten, der allen Arbeitern etwas aus einer kleinen Dose ins Gesicht spr\u00fchte und ihnen dann deutete, wach zu bleiben. Der andere Soldat stand w\u00e4hrenddessen wachsam und mit gezogener Waffe in der T\u00fcr. Ich sprach den Mann an, der neben mir sa\u00df: &#8222;Was wollen die von uns?&#8220;. Ich bekam einen Tritt. &#8222;Niemand redet!&#8220; br\u00fcllte der Soldat und zog einen Schlagstock aus seinem G\u00fcrtel. Ich duckte mich und verbarg den Kopf unter meinen H\u00e4nden. Der Mann ging wieder an seine Arbeit und steckte den Kn\u00fcppel weg. Ich stellte keine Fragen mehr.<br \/>\nAls der Soldat alle Passagiere aufgeweckt hatte, fuhren wir wieder los: Die Soldaten blieben im Waggon, ich r\u00fchrte mich nicht. Bald hinter dem Bahnhof begann ein Tunnel. Wir fuhren vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht weniger. Ich hatte das Gef\u00fchl, es w\u00fcrde immer weiter nach unten gehen, aber das mag t\u00e4uschen; Als wir jedenfalls wieder an einem Bahnsteig hielten, waren wir offenbar tief unter der Erde, denn der nackte Fels hing \u00fcber den Gleisen herab. Die beiden Soldaten stiegen aus und sprachen drau\u00dfen mit anderen. Ich verstand ihr Gespr\u00e4ch nicht, obwohl ich sicher bin, dass sie das weitere Vorgehen besprachen. Einer der M\u00e4nner kam zur\u00fcck zum Waggon und deutete uns, auszusteigen, und zwar einzeln, und uns in einer Reihe aufzustellen.<br \/>\nUnter lautem Gebr\u00fcll der Soldaten beeilten wir uns, aus dem Waggon zu klettern. Vermutlich hatten wir alle Kopfschmerzen: Ich jedenfalls hatte schlimme Kopfschmerzen, was das Aufstehen nicht leichter machte. Auch meine Beine f\u00fchlten sich taub an, aber ich schleppte mich durch den Waggon, w\u00e4hrend wir nach und nach ausstiegen.<br \/>\nAls ich fast an der T\u00fcr war, sah ich die Bewegung des jungen Mannes gerade noch rechtzeitig, bevor er den Schraubenzieher wieder im Dunkel der Kabine verschwinden lie\u00df: F\u00fcr einen Moment jedoch sah ich ihn aufblitzen, und vermutlich rettete mir dieser Umstand mein Leben an diesem Bahnsteig in der Tiefe. Wahrscheinlich zeigte er ihn mir nicht absichtlich, es war mehr ein Zufall: Keiner der anderen hat ihn gesehen, denke ich. Ich hatte nur wenige Sekunden Zeit, darauf zu reagieren, und ich sah mich so ruhig, wie es mir m\u00f6glich war, noch einmal um, blickte durch die Vergitterung der Fenster und versuchte, einen Fluchtweg festzulegen.<br \/>\nAls der Mann vor mir aus dem Zug gesprungen war, ging alles pl\u00f6tzlich sehr schnell, wie ich es mir erhofft hatte. Ich sah nicht, was genau geschah, aber soweit ich es einsch\u00e4tzen kann, st\u00fcrmte der Mann auf den Soldaten los, der dem Zug am n\u00e4chsten stand. Er muss ihn verwundet haben, denn ich h\u00f6rte einen \u00fcberraschten Schrei, aber sicher bin ich mir nicht, denn ich sah nicht hin. Die Trittstufe des Waggons sprang ich, schon halb im Lauf, hinab, dann lie\u00df mich unter den Zug fallen und robbte, so schnell ich nur konnte, auf die andere Seite. Hinter mir h\u00f6rte ich Rufe, das Klappern von Schuhen, dann Sch\u00fcsse, immer mehr Sch\u00fcsse, Schreie, wieder Sch\u00fcsse. Vermutlich waren die anderen Arbeiter losgelaufen, als sie begriffen hatten, was vor sich ging. Ich sah niemanden von ihnen mehr auf meiner Flucht. Vermutlich haben die Soldaten die anderen erwischt, entweder get\u00f6tet oder jedenfalls eingefangen. Ich lie\u00df den Tumult hinter mir, als ich die Dunkelheit der Tunnel einbog.<br \/>\nDer Tunnel war einer von dreien gewesen, die ich entdeckt hatte, als ich mich noch im Waggon stehend umsah. Ich hatte aus keinem besonderen Grund f\u00fcr diesen entschieden, es war einfach der Fluchtweg, der mir am k\u00fcrzesten erschienen war. Sein Verlauf war kurvig und sp\u00e4rlich beleuchtet, dennoch zwang ich mich, auf den ersten vielleicht hundert Metern nicht langsamer, sondern eher schneller zu laufen. Erst, als ich die Sch\u00fcsse hinter mir nicht mehr h\u00f6ren konnte, bewegte ich mich etwas langsamer, lief aber weiterhin. Als ich an eine Abzweigung kam, w\u00e4hlte ich den dunkleren Pfad: nach einigen Hundert Metern verzweigte der Tunnel sich wieder, und ich w\u00e4hlte wieder den dunkleren Weg durch den Untergrund. Schlie\u00dflich kam ich an der n\u00e4chsten Kreuzung keuchend zum Stehen. Ich ging halb in die Hocke und rang nach Atem. Die Luft kam mir stickig vor, warm und dabei so, als ob zu wenig Sauerstoff darin sei; erst nach mehreren Minuten konnte ich langsam weitergehen, ein Stechen in der Seite machte mir das Rennen unm\u00f6glich. Dieses Mal nahm ich einen helleren Pfad, denn in dem schmalen Gang, in den ich geflohen war, schienen nur noch einige kleine, bl\u00e4ulich-wei\u00dfe Lampen, die wie eine Art Notbeleuchtung wirkten. \u00dcberall um mich herum war nur noch nackter Fels, und die von Zeit zu Zeit auftauchenden St\u00fctzen aus Holz verrieten mir, dass ich in einer Art Mine war. Als sich meine Augen besser an die Dunkelheit gew\u00f6hnt hatten, entdeckte ich tats\u00e4chlich die Spuren von Arbeit an den W\u00e4nden: In einigen entdeckte ich tiefe L\u00f6cher mit Scharten wie von Spitzhacken, vielleicht auch von schwererem Ger\u00e4t. Ich ging voran, kam immer wieder an Abzweigungen und w\u00e4hlte irgendeinen Weg: Verlaufen hatte ich mich ohnehin, nun war es auch egal, in welche Richtung ich ging. Als ich das H\u00e4mmern von Werkzeug h\u00f6rte, wand ich aber in die Richtung, aus der die Ger\u00e4usche kamen. Hier unten waren andere Arbeiter, dachte ich mir: vielleicht w\u00fcrden sie mir helfen k\u00f6nnen.<br \/>\nMein Weg durch die Tunnel war lang, wenigstens kam er mir lang vor. Ich folgte dem Klopfen, und wenn ich an eine Kreuzung kam, blieb ich stehen um zu lauschen. Dann ging ich in die Richtung, in der ich das H\u00e4mmern vermutete. Nach einer Weile wurde die Beleuchtung wieder besser, wahrscheinlich war der Bereich, den ich zun\u00e4chst betreten hatte, ein verlassener oder ersch\u00f6pfter Bereich der Mine gewesen.<br \/>\nSchlie\u00dflich kam ich an eine gro\u00dfe Kreuzung: Die recht schmale \u00d6ffnung im Fels \u00f6ffnete sich weit nach oben hin und traf weit oben die wei\u00dfen Kacheln eines gro\u00dfen und breiten Versorgungstunnels, der den felsigen Bereich, durch den ich gekommen war, fast im rechten Winkel schnitt. Der wei\u00dfe Tunnel schien f\u00fcr meine Augen blendend hell, und doch sah ich auf der anderen Seite der Kacheln wieder einen der kleineren Tunnel, der fast in v\u00f6llige Dunkelheit getaucht schien. Einen Moment blieb ich stehen und lauschte: Das H\u00e4mmern war jetzt ganz nahe, und ich bildete mir zumindest ein, auf der anderen Seite des Versorgungstunnels schemenhafte Gestalten zu erkennen. Dann h\u00f6rte ich auch das Poltern von Stiefeln und die n\u00e4herkommenden Rufe von Soldaten, und lief so schnell ich konnte.<br \/>\nM\u00f6glicherweise w\u00e4re ich weiter gekommen, wenn ich mich umgedreht h\u00e4tte und in die Dunkelheit der verlassenen Abschnitte zur\u00fcckgelaufen w\u00e4re, aber daran hatte ich keinen Gedanken: Ich rannte quer \u00fcber den gekachelten Korridor und verschwand in den Tunnel auf der gegen\u00fcberliegenden Seite. Als ich den gebr\u00fcllten Befehl hinter mir h\u00f6rte, hatte mich der Tunnel schon verschluckt.<br \/>\nIch keuchte wie ein Tier, w\u00e4hrend ich das Tempo haltend versuchte, den Weg vor mir und vor allem die Unebenheiten des Untergrundes rechtzeitig zu ersp\u00e4hen. Um einige Biegungen kam ich nur knapp, indem ich meinen Oberk\u00f6rper abrupt nach links oder rechts warf, und zweimal schlug ich fast hin, als sich im Boden vor mir pl\u00f6tzlich ein kleines Loch auftat. Ich passierte eine ganze Reihe von Arbeitern, die offenbar nur mit einfachsten Ger\u00e4ten gegen den Fels schlugen: sie schienen mir d\u00fcrr zu sein, und irgendetwas Irritierendes war da an ihnen, aber mehr nahm ich auf meiner Flucht nicht wahr, zu schnell lief ich im D\u00e4mmerlicht an ihnen vorbei. Anfangs h\u00f6rte ich noch die Rufe meiner Verfolger, aber das Tunnelsystem verzweigte sich auch auf dieser Seite sehr h\u00e4ufig, und nachdem ich f\u00fcnf- oder sechsmal abgebogen war, h\u00f6rte ich keine Stiefel mehr: Ich lief noch einige Hundert Meter weit, bis meine Lungen wie Feuer brannten, bog um eine Ecke, und prallte in vollem Lauf auf einen der Arbeiter.<br \/>\nWir gingen beide zu Boden, fielen beinahe aufeinander , und ich schlug mit dem Kopf auf das Gestein. Ich w\u00e4re sicher eine ganze Zeit lang liegen geblieben, wenn ich nicht voller Adrenalin gewesen w\u00e4re, doch auch der Arbeiter schien sich sofort aufzurappeln, und noch w\u00e4hrend ich eine gestammelte Entschuldigung herausbringen wollte, verfehlte die breite Seite einer Spitzhacke mein Gesicht um Haaresbreite. Mehr reflexhaft drehte ich mich, immer noch halb liegend, herum und trat mit aller Kraft in die Richtung, in der ich den Stiel der Waffe vermutete: Ich h\u00f6rte, wie die Hacke davon geschleudert wurde. &#8222;Ich will nichts&#8230;&#8220;, setzte ich keuchend zu einer Erkl\u00e4rung an, doch der Arbeiter hatte bereits nach einem Stein gegriffen und traf mich kr\u00e4ftig am Oberschenkel (im Nachhinein denke ich nicht, dass es ein gezielter Hieb war &#8211; mit Leichtigkeit h\u00e4tte er auch meinen Kopf treffen k\u00f6nnen). Ich schrie auf vor Schmerz: Der Arbeiter nutzte den Moment und robbte zu seiner Hacke, ich h\u00f6rte, wie die Klinge \u00fcber den Boden schrammte und warf mich br\u00fcllend nach vorn, landete auf ihm und schlug so fest zu, wie ich nur konnte. Schlie\u00dflich bekam ich seinen Hals zu fassen und lie\u00df ihn fast wieder los, als ich bemerkte, wie d\u00fcnn er war &#8211; und wie seltsam sich seine Haut anf\u00fchlte.<br \/>\nEr nutzte mein Z\u00f6gern, griff nach etwas und traf mich am Kopf, doch zu meinem Gl\u00fcck war es nur seine flache Hand, die mich traf. Ich biss ihm in die Hand, schmeckte verbranntes Fleisch: Er heulte auf, das erste Mal, dass er einen Ton von sich gab, ich schloss beide H\u00e4nde um seinen Hals und dr\u00fcckte zu. Er holte mit Armen und Beinen aus, doch sein Widerstand erlahmte schnell, begleitet von einem j\u00e4mmerlichen R\u00f6cheln. Jetzt, da ich halb auf ihm hockte, sah ich, was mich an den Arbeitern im Gang so irritiert hatte. Der K\u00f6rper des Arbeiters war so unnat\u00fcrlich d\u00fcnn, dass er fast wie Puppe wirkte. Dabei war sie nicht d\u00fcnn im eigentlichen Sinne. Es war mehr so, als h\u00e4tte man alles Unwesentliche weggelassen, Fett, Bindegewebe; Der K\u00f6rper wirkte drahtig und auf seltsame Weise muskul\u00f6s, obwohl er doch unglaublich d\u00fcrr war. Was mich aber am meisten erschreckte, hatte ich zun\u00e4chst f\u00fcr eine T\u00e4uschung meiner Augen gehalten, wie sie im D\u00e4mmerlicht entstehen kann, und ich h\u00e4tte meinen Griff fast wieder gelockert, als ich es begriff; Der K\u00f6rper des Mannes, dessen Hals ich umklammert hielt, war \u00fcber und \u00fcber verbrannt. Ich konnte keine Stelle entdecken, die nicht verbrannt war, und dabei war er bis auf eine kurze Arbeitshose fast nackt. An einigen Stellen schien sich das \u00e4u\u00dfere Gewebe abzul\u00f6sen, und ich spuckte aus, als ich mich an den Geschmack in meinem Mund erinnerte. Als sich seine Augen zu verdrehen begannen, lockerte ich meinen Griff\u00a0 etwas und versuchte nicht dar\u00fcber zu nachzudenken, wie man ihm so etwas angetan haben konnte. Der Arbeiter reagierte mit einem erleichterten St\u00f6hnen. &#8222;Pass auf: Ich will dir nichts tun. Ich werde dich jetzt loslassen, und wir werden nicht mehr k\u00e4mpfen. Verstehst du?&#8220; sagte ich zu ihm immer noch keuchend. Ich versuchte, in seinen Augen eine Antwort zu lesen, aber ich sah nichts. Vielleicht war mein Griff noch zu stark, dachte ich und lockerte ihn noch etwas. &#8222;Verstehst du?&#8220; fragte ich ihn noch einmal. Er antwortete nur mit einem r\u00f6chelnden Zischen, dass ich zuerst nicht deuten konnte. Dann wiederholte er seine Antwort jedoch, und ich verstand: Wir in Europa, winselte er. Und: Arbeit schafft Wohlstand. Ich blicke entsetzt in seine leeren, ausdruckslosen Augen und verga\u00df den Griff, in dem ich ihn gehalten hatte Der Arbeiter griff augenblicklich zu einem gr\u00f6\u00dferen Stein, den ich nicht gesehen hatte, und traf mich unterhalb der Schl\u00e4fe. Ich fiel zur Seite und sah einige Sekunden nichts mehr, konnte einem weiteren Hieb aber dennoch ausweichen. Dann sah ich ihn nach der Spitzhacke greifen, die ich fast schon wieder vergessen hatte, trat nach ihm, rollte herum, bekam meinerseits die Hacke zu fassen und schlug zu.<br \/>\nAls er sich nicht mehr r\u00fchrte, kniete ich neben ihm und sah auf seinen verunstalteten K\u00f6rper. Der Kampf mit mir hatte gro\u00dfe, fast br\u00e4unliche Wunden auf seiner Haut hinterlassen. Etwas Schmieriges klebte an meinen H\u00e4nden. Fassungslos starrte ich auf das Wesen, dass ich get\u00f6tet hatte, t\u00f6ten musste. Dann h\u00f6rte ich ein Ger\u00e4usch hinter mir. Ich drehte den Kopf und sah den Gewehrkolben noch, dann wurde alles schwarz.<br \/>\nIch kam zu mir, weil jemand mich jemand auf die Beine stie\u00df. Der Kopf dr\u00f6hnte, wie ich noch nie erlebt hatte, und als ich mein Gesicht bef\u00fchlte, wurde mir klar, dass meine Nase gebrochen sein musste. Ich stand am Ende einer Schlange von Menschen, die alle einen Arbeitsoverall trugen. Wir schienen immer noch in den Tunneln zu sein: Dieser war so eng, dass ein Erwachsener nur einzeln hindurchgehen konnte. Der Soldat hinter stie\u00df mir das Gewehr in den R\u00fccken, damit ich aufschloss: Von Zeit zu Zeit bewegte sich die Reihe der Menschen ein St\u00fcck nach vorne, und als ich wieder sicher genug stand, um auf die Zehenspitzen zu gehen, blickte ich \u00fcber die Menschen vor mir hinweg um zu sehen, wohin der enge Schlauch f\u00fchrte. Ich sah einen schweren Stahlschott wie den einer Druckkammer. Er besa\u00df kein Sichtfenster, nur die vertraute Silhouette der Wei\u00dfen Stadt sah ich darauf eingraviert. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich: einer der Arbeiter, der erste in der Schlange wohl, ging an den Soldaten vorbei, die links und rechts in Aussparungen bereitstanden, und betrat den Raum hinter der T\u00fcr, der stockdunkel zu sein schien. Dann h\u00f6rte ich einen ged\u00e4mpften Schrei und ein Tosen und Dr\u00f6hnen wie von einem Luftstrahl. Als ich begriff, sank ich zusammen, brach fast zusammen: der Soldat hinter mir erinnerte mich mit einem leichten Sto\u00df an meinen Platz. Ich r\u00fcckte auf. Es mussten noch vier oder f\u00fcnf Leute vor mir gewesen sein, so viel hatte ich erkennen k\u00f6nnen. Auch \u00fcber der T\u00fcr standen zwei Soldaten mit ihren Waffen im Anschlag auf einer Art Plattform, das erkannte ich erst jetzt. Sie waren im Halbdunkel schwer auszumachen, aber ich sah sie. Der Soldat stie\u00df mich heftiger, ich ging wieder zwei Schritt nach vorne. Nur noch drei oder vier, dachte ich. Ich wartete, bis ich das Ger\u00e4usch des Dampfstrahls h\u00f6rte, dann drehte mich um und holte aus, doch ich traf den Soldaten nicht einmal, er hatte meine Bewegung bereits im Ansatz erkannt. Ich ging zu Boden, aber er hatte gerade so fest zugeschlagen, dass ich nicht ganz bewusstlos wurde. Unter einigen Tritten und Rufen brachte er mich auf die F\u00fc\u00dfe, ich schleppte mich wieder zwei Schritte vor, beugte mich zur Seite und sah die T\u00fcr schon nah, nur noch zwei vor mir. Meine Knie knickten ein, ein weiterer Tritt, jemand zog mich an den Schultern nach oben, ich stand wieder, ich sah die T\u00fcr hinter der Frau vor mir, das wei\u00dfe Emblem darauf, das Zeichen der Wei\u00dfen Stadt, die Frau trat vor, die T\u00fcr schloss sich. Ich steuerte verzweifelt auf den Soldaten zu, der links neben der T\u00fcr stand, er schlug mich nicht einmal, sondern stie\u00df mich sanft zur\u00fcck, dann ein weiterer Tritt von hinten, und ich stand in der Kammer. Die T\u00fcr schloss sich hinter mir. Ich h\u00f6rte Dampf rauschen.<\/p>\n<p>Als ich langsam zu mir kam, sp\u00fcrte ich einen schlimmen, anhaltenden Schmerz. Aber es war nicht der Schmerz, den ich erwartet hatte: Er betraf nicht den ganzen K\u00f6rper, sondern konzentrierte sich g\u00e4nzlich auf meinen Nacken. Noch dazu war er zwar intensiv, aber nicht so sehr, wie ich es bef\u00fcrchtet hatte. Ich hob den Kopf, und fand mich an meinem Schreibtisch wieder. Mein Kaffeebecher dampfte noch, und die Unterlagen, auf denen mein Kopf geruht hatte, waren noch genauso sortiert, wie ich sie hingelegt hatte. Das gro\u00dfe B\u00fcro, dass ich schon seit einer Weile bezogen hatte, wirkte wie immer: Durch die gro\u00dfen Scheiben konnte ich die Welt drau\u00dfen erkennen. Ich lehnte mich zur\u00fcck in den tiefen Lehnsessel, und f\u00fcr einen Moment lang verfolgte mich der Gedanke, dass meine Flucht durch die Tunnel, die Arbeit in den Minen, nun schon lange hinter mir lag, dass ich die Minen schon lange verlassen hatte und nun hier arbeitete, doch dann wurde ich ganz wach und erkannte, dass es nur ein Traum gewesen war: die W\u00fcste, der Zug, die Tunnel, alles. Wie zur Vergewisserung sah ich auf meine gepflegten Unterarme: sie waren nicht verbrannt, nat\u00fcrlich waren sie das nicht.<br \/>\nDennoch besch\u00e4ftigte mich mein Traum, schien er mir doch so real gewesen zu sein. Kurz betrachtete ich meine Unterlagen, die Tabellen und Zahlenkolonnen, die ich heute noch hatte bearbeiten wollen, dann jedoch nahm ich meinen Kaffee und setzte mich an den kleinen Konferenztisch, der nur einige Meter entfernt stand. Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb auf, was ich getr\u00e4umt hatte. Jede Einzelheit versuchte ich aufzuzeichnen, und als ich das Blatt vollgeschrieben hatte, nahm ich immer weitere. Schlie\u00dflich hatte ich alles notiert, was mir einfiel, und ich betrachtete meine Aufzeichnung. Mir wurde klar, dass etwas fehlte.<br \/>\nIch brauchte eine Weile, um mich an das zu erinnern, was ich vergessen hatte. Ich trank den Kaffee aus, genoss den sanften, bitteren Geschmack nach dem langen Weg durch die W\u00fcste in meinem Kopf, und dachte dar\u00fcber nach. Schlie\u00dflich stand ich auf und ging zu dem breiten Panoramafenster. W\u00e4hrend ich die strahlend-hellen T\u00fcrme der Wei\u00dfen Stadt betrachtete, deren Silhouette mir so vertraut war, strich ich abwesend \u00fcber meine verbrannten Unterarme, diese Narben aus alten Zeiten, an die ich mich kaum noch erinnere.<br \/>\nDann ging ich zur\u00fcck zu dem wieder dampfenden Kaffeebecher und schrieb:<br \/>\n<span style=\"text-decoration: line-through;\">Jedes Leben in der Wei\u00dfen Stand hat einen realen und einen fiktiven Teil; einen, der geschieht, w\u00e4hrend der B\u00fcrger nicht anwesend ist, und einen anderen, der nicht geschieht.<\/span> Ich strich den Satz und begann neu;<br \/>\nJeder B\u00fcrger der Wei\u00dfen Stadt f\u00fchrt zwei Leben; dies ist nur die eine H\u00e4lfte meines Lebens in der wei\u00dfen Stadt. Ich \u00fcberlegte einen Moment, dann fand ich die richtigen Worte und die Geschichte, die ich erz\u00e4hlen musste:<br \/>\nMein anderes Leben, das zweite der beiden, die man mir gegeben hat, beginnt so;<\/p>\n<p>Als ich langsam zu mir kam, sp\u00fcrte ich einen stechenden, endlosen Schmerz, der meinen ganzen K\u00f6rper erfasst hielt und nicht locker lie\u00df. Es dauerte Stunden, vielleicht auch Tage, bis ich das Bewusstsein g\u00e4nzlich wieder erlangte. Als ich schlie\u00dflich die Augen \u00f6ffnete, lag ich offenbar auf dem R\u00fccken und starrte auf etwas, dass ich zuerst nicht als einen Spiegel erkannte. Doch es war mein eigenes, verunstaltetes Bild, das dort von der Decke auf mich herabstarrte. Das hatten sie aus mir also gemacht; jeder Zentimeter meiner Haut war von dem Dampfstrahl verbr\u00fcht, und an einigen Stellen l\u00f6ste sich immer noch Haut. Ich war mir sicher, dass mich nur die schwarze Fl\u00fcssigkeit bei Bewusstsein hielt, die durch ein d\u00fcnnes Rohr in meinen Unterarm floss, aber auch so war der Schmerz unertr\u00e4glich. An den Hand- und Fu\u00dfgelenken, an denen wei\u00dfe, starre B\u00e4nder mich auf der Liege fixierten, brannte der Kunststoff der Fesseln: An meinem R\u00fccken brannte der kalte Stahl, und selbst die Luft schien sich wie eine schwere, entz\u00fcndete Fl\u00fcssigkeit auf mich zu legen. Ich wei\u00df nicht, wie lange sie mich dort behandelten, festgeschnallt auf dieser Liege, gezwungen, den eigenen, entstellten K\u00f6rper unabl\u00e4ssig zu sehen. Immer wieder wurde ich bewusstlos, und dann tr\u00e4umte ich von den T\u00fcrmen der Wei\u00dfen Stadt, die ich nie gesehen habe. Einmal unterhielten sich zwei Menschen direkt neben mir, ohne dass ich sie sehen konnte. &#8222;Wie weit ist der?&#8220; fragte der eine. &#8222;Der ist auch bald so weit. Er kommt manchmal noch zur\u00fcck, aber in zwei Tage sollte er soweit sein, dass wir ihn arbeiten lassen k\u00f6nnen.&#8220; Ich verstand nicht, was sie damit meinten, oder ich hoffte nur, es nicht zu verstehen. Immer h\u00e4ufiger wurde ich bewusstlos und tr\u00e4umte von der Wei\u00dfen Stadt, sogar von einem seltsamen Leben dort: Ich weinte, als ich aus diesen Tr\u00e4umen aufwachte und wieder mein entstelltes Spiegelbild sehen musste.<br \/>\nIrgendwann kamen die M\u00e4nner wieder. Ich konnte sie reden h\u00f6ren. &#8222;Gut&#8230; das hier ist&#8230; 2\/4\/47.&#8220; &#8222;Der ist auch bereit, alle Werte sind normal. Schicken wir ihn los.&#8220;. Ich sah, wie die Fl\u00fcssigkeit, die man seit Tagen in meine Arme sp\u00fclte, langsam ihre Farbe wechselte. Aus dem Schwarz wurde langsam Grau: Aus dem Grau ein helleres, immer noch helleres Grau, und schlie\u00dflich war sie fast wei\u00df. Ich sp\u00fcrte, wie meine Erinnerungen tr\u00e4ger wurden, wie sie verschwanden: Mein Weg durch die W\u00fcste, die Fahrt mit dem Zug. Meine Flucht durch die Tunnel. Der gro\u00dfe Spiegel \u00fcber meinem zerst\u00f6rten K\u00f6rper. Alles verschwand.<br \/>\nDann dachte ich zum ersten Mal<br \/>\nWIR IN EUROPA und dann<br \/>\nARBEIT SCHAFFT WOHLSTAND. Einen Moment glaubte ich, es w\u00e4re vorbei, doch dann<br \/>\nBILDUNG IST EIN B\u00dcRGERRECHT und ich begriff, dass ich bald nichts anderes mehr denken w\u00fcrde, nicht mehr als<\/p>\n<p>Ich trank einen weiteren Kaffee und sah zu, wie die Sonne unterging: Ihr Rot \u00fcbertrug sich nicht auf die T\u00fcrme der Wei\u00dfen Stadt, sie blieben so wei\u00df wie Schnee.<\/p>\n<p>WIR K\u00d6NNEN ES BESSER<\/p>\n<p>Ich ging die Tabellen durch: Die Arbeit war fast erledigt, ich konnte mir Zeit lassen und den Ausblick genie\u00dfen.<\/p>\n<p>WIR IN EUROPA<\/p>\n<p>Ich streckte mich, nur f\u00fcr einige Minuten, auf dem bequemen Ledersofa aus.<\/p>\n<p>ARBEIT SCHAFFT WOHLSTAND<\/p>\n<p>Ich wusste den Blick \u00fcber die Wei\u00dfe Stadt zu sch\u00e4tzen, nicht viele Angestellte in meinem Alter hatten ein B\u00fcro in solcher Lage.<\/p>\n<p>BILDUNG IST EIN B\u00dcRGERRECHT<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Morgengrauen erreichte ich die Mitte des Plateaus. 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