{"id":358,"date":"2010-07-11T03:55:50","date_gmt":"2010-07-11T01:55:50","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=358"},"modified":"2010-07-11T04:02:26","modified_gmt":"2010-07-11T02:02:26","slug":"der-spiegelmacher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2010\/07\/11\/der-spiegelmacher\/","title":{"rendered":"Der Spiegelmacher"},"content":{"rendered":"<p>Er liebt seine Spiegel: Er betrachtet sie stets mit gro\u00dfer Sorgfalt. Er sieht sie an mit Augen, die daf\u00fcr gemacht worden sind, Spiegel anzusehen, vielleicht bald nicht mehr zu sehen als Spiegel. Sein Lieblingsst\u00fcck ist ein ganz schlichter, ohne Rahmen. Die rechteckige Grundfl\u00e4che reicht bis zur hohen Decke: So gro\u00df ist er, dass er nicht nur sich darin erkennen kann, sondern auch den ganzen Raum. Doch sieht er \u00fcberhaupt noch etwas? Oder nur den Spiegel? Und was sonst?<\/p>\n<p>Er pflegt sie auf eine ganz besondere, ihm eigene Weise: Zuerst tr\u00e4gt er die Politur auf, mit gr\u00f6\u00dfter Konzentration. Er vermeidet es, die Oberfl\u00e4che mit den H\u00e4nden zu ber\u00fchren: Zwar tr\u00e4gt er Handschuhe, aber das scheint ihm nicht zu gen\u00fcgen. Ein oder auch zwei Stunden kann es (bei dem gro\u00dfen Spiegel) dauern, bis er mit der Auftragung zufrieden ist. Dann nimmt er jedes Mal ein ganz neues, frisches Tuch, und beginnt zu polieren. Drei weitere Stunden vergehen manchmal, w\u00e4hrend er dies tut. Stets h\u00e4lt er die Lupe bereit, mit der er die ganz kleinen Verunreinigungen erkennen kann, und das spezielle Werkzeug, mit dem er sie entfernen kann. W\u00e4hrenddessen achtet er nicht auf das, was er im Spiegel sehen k\u00f6nnte. Man k\u00f6nnte hinter oder neben ihm stehen; er w\u00fcrde er nicht bemerken, f\u00fcr Stunden nicht. Seine ganze Konzentration gilt der Oberfl\u00e4che, nicht dem Bild.<\/p>\n<p>Wenn er seine Arbeit getan hat, verl\u00e4sst er das Zimmer und schlie\u00dft f\u00fcr einige Minuten die Augen. Manchmal legt er sich dazu hin; Oft aber bleibt er aber in der T\u00fcr stehen, bis er sich wie auf ein Signal hin wieder umdreht und zur\u00fcckgeht, noch einmal die Lupe z\u00fcckt, noch einmal nach den Makeln sucht, die ihm so zu schaffen machen. Dieses Spiel kann sich tagelang wiederholen. Viele Male ist er mit seiner Arbeit nach dem ersten, zweiten oder dritten Durchgang so unzufrieden, dass er ganz von vorn beginnt, wieder die Politur hervorholt, wieder ein neues Tuch: Irgendwann jedoch gelangt er immer an ein Ende. Dann geht er nicht wieder hinaus, er bleibt vor der spiegelnden Fl\u00e4che stehen. Er legt die Handschuhe in aller Ruhe ab, und sieht sein Bild an, nicht mehr die Oberfl\u00e4che, sondern das Bild, dass ihm der Spiegel zeigt. Wenn er eine Weile so in das Bild geschaut hat, entspannen sich seine Z\u00fcge; fast l\u00e4chelt er. Vielleicht erkennt er sich selbst gar nicht mehr in diesem Bild; vielleicht sieht er etwas g\u00e4nzlich anderes als wir, wenn wir neben ihm st\u00fcnden. Aber das ist schon eine sinnlose Spekulation. Es w\u00e4re ja nicht das gleiche Bild, wenn wir neben ihm st\u00fcnden; nein, es w\u00e4re ein anderes, so w\u00e4ren eben etwa wir darauf, und nicht nur er und sein Zimmer.<\/p>\n<p>Man mag sich oder ihn fragen, woher diese Gr\u00fcndlichkeit, diese gro\u00dfe Anstrengung ihren Reiz bezieht; Man mag sich fragen, was ihn an seinen Spiegeln, und speziell an diesem Spiegel so sehr fasziniert. Aber er wird keine Antwort darauf wissen: Er braucht auch keine. Wir freilich k\u00f6nnen uns viele Deutungen denken, viele Aspekte benennen, von denen jeder einzelne und vielleicht dennoch keiner das trifft, was den Spiegelmacher so sehr fasziniert, beinahe erregt.<\/p>\n<p>Einer k\u00f6nnte sagen, das Faszinierende an der Spiegelung sei, dass sie etwas zeige, was nicht da ist, und dabei doch sogar zwei Dinge: eine Oberfl\u00e4che und ein Bild. Ein anderer k\u00f6nnte bemerken, man k\u00f6nne Menschen und auch sich selbst im Spiegel erkennen, und obwohl es eine enge Verbindung zwischen Bild und Abgebildetem gebe, sei doch das eine lebendig und das andere tot. Ein verwandter Aspekt ist der, dass ein Spiegelbild so weint und lacht wie der Mensch, der vor ihm steht, ohne dabei das Geringste zu empfinden. Ein dritter und interessanter Gedanke w\u00e4re der, nach dem die eigentliche Faszination von der Unnahbarkeit der Spiegelung ausgeht: Obwohl sie uns etwas zeigt, dass doch nah zu sein scheint, k\u00f6nnen wir dieses Nahe nie ber\u00fchre. Unsere Fingerspitzen treffen nur auf das kalte Glas, nicht auf ihren Gegenpart.<\/p>\n<p>Wenn man ihn l\u00e4cheln sieht, w\u00e4hrend er vor dem blank polierten, rechteckigen Spiegel steht, den er am liebsten pflegt und deshalb manchmal eine ganze Woche lang poliert, kommt man auf eine andere, k\u00fchnere Idee: Vielleicht geht es ihm, bewusst oder unbewusst, gar nicht darum, <em>diese <\/em>Seite des Spiegels mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt zu putzen, sondern seine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er liebt seine Spiegel: Er betrachtet sie stets mit gro\u00dfer Sorgfalt. Er sieht sie an mit Augen, die daf\u00fcr gemacht worden sind, Spiegel anzusehen, vielleicht bald nicht mehr zu sehen als Spiegel. Sein Lieblingsst\u00fcck ist ein ganz schlichter, ohne Rahmen. 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