{"id":36,"date":"2005-06-27T14:09:00","date_gmt":"2005-06-27T13:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=36"},"modified":"2006-12-11T03:03:29","modified_gmt":"2006-12-11T02:03:29","slug":"meta-das-fraktalegewalt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/06\/27\/meta-das-fraktalegewalt\/","title":{"rendered":"Das Fraktale\/Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Es scheint mir an dieser Stelle interessant, doch noch einmal \u00fcber Gewalt zu sprechen. Letztlich scheinen es wir es ja bei dem \u00dcbergriff von Die Logik des Wolfes mit einem klassischen Typus zu tun zu haben (wir werden sp\u00e4ter sehen, ob dem so ist); Gewalt geht von einem Subjekt aus, wirkt auf ein anderes; T\u00e4ter und Opfer sind analog zu Ursache und Wirkung verkn\u00fcpft.<br \/>\nIn einer gewiss ironischen Lesart sind diese Umst\u00e4nde, diese kausal eindeutigen Relationen \u00e4u\u00dferst g\u00fcnstig, denn ethische und juristische Systeme st\u00fctzen sich darauf. Das erscheint einleuchtend; es hat etwas stattgefunden, ein Ereignis, dass gegen gewisse Konventionen verst\u00f6sst. Aufgabe von juristischen oder ethischen Systemen ist es nun unter anderem, die Schuld zu verteilen. Und wie sollte man Schuld verteilen, wenn nicht \u00fcber eben diese eindeutigen kausalen Zusammenh\u00e4nge?<br \/>\nWie gesagt, dies gilt f\u00fcr den klassischen Begriff der individuellen, klar festgelegten Gewalt.<br \/>\nNun, dieser setzt die unbedingte Freiheit des Individuums voraus, denn der ein solches System betrachtet den T\u00e4ter quasi als &#8222;letzten Grund&#8220;, als letzten Ausl\u00f6ser, eben als (alleinigen!) T\u00e4ter, der an nichts gebunden ist au\u00dfer an seine freie Entscheidung, die Gewalt auszu\u00fcben, die er im Begriff ist auszu\u00fcben. An diese Freiheit kann ein primitives System von Konventionen vielleicht noch gebunden sein, betrachten wir aber aufgekl\u00e4rt eben die kausalen Zusammenh\u00e4nge, von denen ich eingangs sprach, so m\u00fcssen wir einsehen, dass gewisse Zw\u00e4nge, seien es Kindheit, Armut oder Krankheit, die individuelle Freiheit, also auch die Schuldf\u00e4higkeit, die F\u00e4higkeit, T\u00e4ter zu sein, beschr\u00e4nken.<br \/>\nDer klassische Ansatz mag noch funktionieren, wo es tats\u00e4chlich um individuelle Entscheidungen geht (innerhalb des Ermessensspielraums, den gegebene Zw\u00e4nge noch lassen), denn dort lassen sich Ketten von T\u00e4tern\/Opfern konstruieren; der &#8222;letzte Grund&#8220; wird nur um ein paar Ordnungen in die Vergangenheit geschoben, vielleicht ist nicht mehr der T\u00e4ter allein schuld, nein, auch seine Eltern erhalten ihren Teil der Schuld, usw.<br \/>\nIn dieser Art und Weise handelt unser aktuelles Rechtssystem; es versucht, mehr oder minder ausgepr\u00e4gt lange oder kurze kausale Pfeile zu konstruieren, die von der Vergangenheit bis direkt auf den Vorfall zeigen.<br \/>\nIch denke, dies funktioniert in einer (bewusst) globalisiert-fraktalen Welt nicht mehr. Wir haben es heute nicht mehr mit eindeutigen Kausalketten zu tun; es gibt keine Ordnungen vom Typ Eltern-Kinder, Lehrer-Sch\u00fcler, Arbeitgeber-Arbeitnehmer mehr, die uns sonst so hilfreich waren beim Verteilen von Schuld, all die sch\u00f6nen Dualismen l\u00f6sen sich auf, denn hier wirkt alles auf alles und jeder auf jeden, in einer verwobenen, r\u00fcckgekoppelten Weise. Jede Suche nach einer eindeutigen Beziehung zwischen einer Tat und ihren Ursachen f\u00fchrt ins Chaos, da jeder Punkt mit jedem anderen Punkt verstrickt ist, obwohl jeder Punkt dennoch singul\u00e4r bleibt. Und selbst der Systemcode, von dem der Protagonist in Rotation III spricht, steht nicht dar\u00fcber, im Gegenteil. Es ist wahr; kontrolliert durch die globalen Algorithmen des Sozialen und des \u00d6konomischen wird jedes Individuum zum Geschoss, aber die Umkehrung gilt genauso; der R\u00e4dchencode wird erst aus der Dynamik der Individuuen geboren. Auch hier ist jeder Opfer und Komplize, jeder R\u00e4dchen und Motor des globalen Systems, das sich da aufspannt.<br \/>\nViele sagen, die totale Marktwirtschaft sei unbedingt abzuschaffen, da sie die Menschen zerst\u00f6re. Ich sage; das Kapital ist genau wie der Markt nicht von Gott gegeben, und wir sind schon lange \u00fcber jede vorgeschobenen globalen Verschw\u00f6rung hinaus, in der irgendein b\u00f6ser Feind das Kapital angeblich gegen uns richtet. Nein, wir sind es selber, die das heraufbeschworen haben und stetig weiter heraufbeschw\u00f6ren, was der Protagonist da als &#8222;den Geist des Todes&#8220; bezeichnet.<br \/>\nDie Gewalt innerhalb eines solchen dynamischen Systems von sich um einander drehenden Subjekten ist nicht mehr frei oder intentionell, sie folgt nicht mehr den steten Pfaden von Wille oder Grund. Es gibt keine Opfer mehr, keine T\u00e4ter, alles ist dynamisch geworden, die Gewalt, die sich da global gegen uns richtet, geht von uns selbst aus.<br \/>\nDie Gewalt ist im Kern strukturell, sie geht vom System selbst, von jedem Teil des Systems gleicherma\u00dfen aus und verschwindet so vollst\u00e4ndig.<br \/>\nWer ist verantwortlich f\u00fcr die Kriege in der Dritten Welt?<br \/>\nWer ist verantwortlich f\u00fcr die Umweltverschmutzung, f\u00fcr Erfurt, f\u00fcr Atomkraftwerke, f\u00fcr Bomben, f\u00fcr Arbeitslosigkeit, f\u00fcr Verwahrlosung, f\u00fcr Hartz 4?<br \/>\nSind es Unternehmen, Politiker, Staaten, Konsumenten?<br \/>\nEs sind alle gemeinsam und jeder f\u00fcr sich allein, und diese kausale Streuung von Gewalt macht eine individuelle Schuld unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Anmerkung: Ein gutes Beispiel, wenn auch in kleinerem Rahmen, hat der geneigte Leser bereits direkt vor sich. Wie von allen Medien kann nat\u00fcrlich auch von Blogs Gewalt ausgehen; die Blogosph\u00e4re ist offensichtlich ein fraktales System, das u.a. Informationen filtert. Filtern impliziert auch immer Herausfiltern, und das impliziert Gewalt (an Information). Es ist aber unm\u00f6glich zu kl\u00e4ren, von wem diese Gewalt ausgeht, eben weil es sich um ein fraktales System handelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es scheint mir an dieser Stelle interessant, doch noch einmal \u00fcber Gewalt zu sprechen. 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